Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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iNr. 17 Jüdische Volksblatt Seite 5 Korrespondenzen. Dr. M. Kayserling. Budapest, den 23. April 1905. Die Pester israelitische Religionsgemeinde, die gesamte Judenheit, die jüdische Literatur hat eSeu schweren, schier unersetzlichen Verlust zu beklagen — Rabbiner Dr. M. Kay ser l in g ist de» 21. d. M. nacht-, nach viertägiger Krankheit, im 76. Lebensjahre gestorben. Fünfunddreißig Jahre hindurch wirkte er alsRabbiner an der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Wir wollen bei der heutigen Würdigung der Verdieuste des Dahingeschiedenen weder über seine Stellungnahme zur jüdisch-nationalen Bewegung klagen, noch ihm den wohlverdienten Vorwurf nachschicken, daß er der erbittertste Gegner der orthodoxen Bestrebungen der ungarischen Juden war; heute sei nur der großen Verdienste Koyserlings als Gelehrter und Schriftsteller gedacht. Auf diesem Gebiete hat der Verstorbene wirklich Großes und Bleibendes geleistet. Der Name Dr. M. Kayserliug war in der wissenschaftlichen Welt, in der Republik der Gelehrten des ganzen Erdkreises von bestem Klange. Seine Werke sind in alle Kultursprachen übersetzt. Insbesondere seine, die ruhmreichste Epoche der jüdischen Geschichte, die spanische Epoche behandelnden Werke — sie allein umfassen eine kleine Bibliothek — stellen ihn in die erste Reihe der modernen Historiker. Um nur einige Namen zu nennen: die Werke Sephardim, Romanische Poefion der Juden in Spanien, Geschichte der Juden in Portugal, Zur Geschichte der spanischportugiesischen Literatur, Bibliotheca espanolaportigueza-judaica sind seiner Feder entflossen. Sein Hauptwerk „Moses Mendelssohn und seine Zeit" ist eine klassische Schilderung dieser nicht nur für das deutsche Judentum, sondern auch für die Entwicklung Deutschlands hochwichtigen Epoche. Im Aufträge der amerikanischen Juden schrieb er das Werk „Der Anteil der Juden an der Entdeckung Amerikas^; es ist dies wohl die glänzendste Festschrift, die anläßlich der 400jährigen Gedenkfeier der Entdeckung Amerikas verfaßt wurde. Dieses Werk erschien gleichzeitig in englischer, französischer und deutscher Sprache. Seine reiche literarische Tätigkeit umfaßte das ganze weite Gebiet der jüdischen Literatur. ..... Bor seiner Berufung nach Budapest wirkte er zwei Jahre als Landesrabbiner der Schweiz. Kaum hatte er seine Stelle im schweizerischen Freistaate angetreten, als er mit unermüdlichem Eifer, mit unwiderstehlicher Tatkraft für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen zu agitieren begann. Sein wirken war von Erfolg gekrönt: die Juden der Schweiz erhielten die volle bürgerliche Gleichberechtigung. Dr. Meyer K a y s e r l i n g wurde am 17. Juni 1829 in Hannover geboren. Sein Vater, der Hannoveraner Kaufmann Abraham Kayserling, war ein frommer Mann, der seinen Sohn für die geistliche Laufbahn bestimmte. Seine Gymnasialstudien absolvierte der junge Kayserling in seiner Vaterstadt mit glänzendem Erfolge; er besuchte sodann — um in den jüdischen Wissenschaften sich zu vervollkommnen — die Talmudschule Gersou Josaphats in Halberstadt. Hier lebte damals ein junger jüdischer Kaufmann, dessen hohes talmudisches Wissen weit und breit bekannt war, der Lehrer Kayserlings und nachmalige berühmte Rabbiner von KiSmarton, Israel Hildesh e i n» e r. Bon Halberstadt kam Kayserling später nach Nikolsburg (Mähren), wo er ein Schüler Dr. Samson Raphael Hirsch-, des späteren Frankfurter Rabbiners war. Infolge der Mittellosigkeit seiner Eltern mußte Kayserling während seiner Studienjahre seinen Unterhalt durch Unterricht in der französischen und englischen Sprache erwerben. Bald darauf kam Kayserling nach Prag als Schüler des Rabbiners S. L. Rappaport und später nach Würzburg an die Sckule de- Rabbiners G. B. B a m b e r g e r, damals die größte Talmudschule Deutschlands; hier erhielt er auch das Rabbinerdiplom, worauf er sich dann im Jahre 1851 an der Universität Würzburg inskribieren ließ. Im Jahre 1853 bezog Kayserling die Universität in Berlin, wo er sich mit historischen und philosophischen Studien befaßte. In der Geschichte war sei» Lehrmeister kein Geringerer, als der berühmte Historiker Leopold Mauke, der den jungen Kayserling sehr lieb gewann. Ranke war es, der Kayserling» Augenmerk darauf richtete, daß mau i« Deutschland von der Geschichte der Juden Spanieu» so wenig wiffe. Dieser Wink genügte dem strebsamen Kayserling, um ihn zur raschen Erlernung der spanischen Sprache und zum eingehenden Studium der Geschichte der spanischen Juden zu veranlasse«. Das Ergebniß dieser Studien sind seine trefflichen Werke Über die spanische« Juden und ihre zu so hohem Glanze gelangte Literatur. Drei Jahre, bis zu« Jahre 1856, dauerte das schöne Verhältnis zu Ranke, bis es auf einmal ein jäher Ende fand. Der gelehrte Historiker wandte sich nämlich eine- Tageurplötzlich und unvermittelt an den jungen jüdischen Gelehrten mit der Frage, was er vom Christentum halte? Statt zu antworten, stellte Kayserling die Gegenfrage: was Ranke seinerseits von dem philosophischen System Hegels denke. „Damit wollen Sie also sagen," erwiderte Ranke, „daß da- Christentum lediglich ein philosophisches System sei, worüber ick übrigens mit Ihnen nicht streiten will. Aber als guter Freund kann ich Ihnen nur raten, zum Christentum überzutreten, denn sonst werden Sie immer das bleiben, was Sie sind." — „Gewiß werde ich das bleiben, was ich bin/ war die indignierte Antwort Kayserlings. Das Auftreten Rankes hatte Kayserling tjef beleidigt und er mied fortan das Hans de- Profeffors und die ehemalige Freundschaft ging in die Brüche. Behufs Fortsetzung seiner philosophischen Studien zog hierauf Kayserling nach Halle, an die dortige Universität. Damals hatte er schon als Schriftsteller einen Namen von Klang. Sein erstes Werk war seine Doktor-Dissertation vom Jahre 1856, die den Titel führte: „Moses Mendelssohns philosophische und religiöse Grundlage mit Hinblick auf Lessing". Drei Jahre später, 1859 erschien sein großes Werk: „Sephardim, romanische Poesien der Juden in Spanien", das ihm in der Gelehrtenwelt allgemeine Anerkennung verschaffte. Im Jahre 1861 verschaffte ihm sein epochales Werk über die spanische» Juden einen ersten Platz unter den besten Historikern seiner Zeit. Das Werk führt den Titel: „Geschichte der Juden in Spanien" und ist m Berlin erschienen. Ein wohlbegründeter Ruf ging bereits dem jungen Rabbiner voraus, als er von der Regierung des Schweizer Kantons Aargau, von den Rabbinen Raphael S. Hirsch, Ludwig Philippsohn und Michael Sachs empfohlen, im Jahre 1861 zum Rabbiner der Schweizer Juden berufen wurde. Hier harrte nun Dr. Kayserlings eine große Aufgabe. Er trat mit dem Präsideuten der Kantonalregierung, August Keller, mit de« Bundesrat Duchs und dem niederländischen Justizminister Godefroi, sowie mit anderen hervorragenden Männern der Schweiz in Verbindung und begann eine wahrhafte Fehde in Flugschriften, in denen er die Interessen des Judentums unerschrocken «nd unermüdlich verteidigte. Sein Kampf war von Erfolg begleitet: im Jahre 1863 bewilligte der eidgenössische Bundesrat den Juden das Bürgerrecht; diesen Sieg des Liberalismus begrüßte die gesamte liberale Welt mit herzlicher Freude. Neben dieser erfolgreichen Agitation schuf Kayserling auch bedeutende geschichtliche Werke. Im Jahre 1862 erschien sein Werk „Moses Mendelssohn", welcher bereits eine zweite Auflage erlebt hat. Große Anerkennung fand die im Jahre 1864 erschienene „Geschichte der Juden in Portugal", ein würdiges Seitenstück zu seiner berühmten Geschichte der spanischen Juden. Zwei Jahre später gab er daintereffante Werk „Manaffe Ben Israel" heraus, daß auch in englischer Sprache erschienen ist und auch von spanische» Geschichtschreibern als Quelle angeführt wird. Inzwischen war Dr. Kayserling einem Rufe der Pester israelitischen Religionsgemeiude gefolgt und hier, iu der Hauptstadt Ungarns, an der Spitze einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt wirkte Dr. Kayserling als Rabbiner bis an sein Lebensende. Hier schrieb er auch sein großes, bereits in sechster Auflage erschienenes Werk „Handbuch der jüdischen Geschichte", in welchem er die Leidensgeschichte der Juden in sehr interessanter Weise schildert. Bei seinem Werke über Spanien unterstützte ihn der bekannte Berliner Philosoph Helfer ich, mit dem er in enger Freundschaft stand. Sein bis zur jüngsten Zeit reichendes Handbuch wurde von Philipp CSnkasi in daS Ungarische, überdies aber wurde es auch in die r«ffische, dänische und polnische Sprache übersetzt. 1873 ververöffentlichte Kayserling unter dem Titel „Moses Mendelssohn, U» gedruckte - und U »- bekauntes von ihm u»d über ihn" ei« neues Werk, das zahlreiche neuere Date» über daß Leben dieses großen Philosophen enthielt. I» seinem Buche „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" sch ldert er die hervorragendsten Jüdinen, welche sich durch Tugenden und Geist ausgezeichnet haben. Auch dieses Werk wurde in das Ungarische übersetzt, und zwar von Frau Marie R e i s m a n n. 1874 erschien seine Arbeit „Der Dichter Ephraim Kuh"; in französischer Sprache gab er ein bibliographisches Diktionär „Bibliotheca espanola portagesa judaica“ heraus; in dem in spanischer Sprache geschriebenen Werke „kroverbia espanoles de los judios espanoles" sammelte er die unter den spanischen Inden gangbaren Sprüche. Ein sehr wertvolles homiletisches Werk ist seine zweibändige Bibliothek jüdischer Kanzelredner. Anonym ist schon 1882 in Wien sein Werk „Das Moralgesetz des Judentums in Beziehung aufFamilie, Staat und Gesellschaft" erschienen, das im Auslaude großes Aufsehen erregte und welchem auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die berühmten fünfzehn Grundthesen entnahm. Einige Jahre später veröffentlichte er eine Schilderung seines berühmten Vorgängers unter dem Titel „A. W. Meisel. Ein Lebens¬ und Zeitbild". Außerdem war er ein emsiger Mitarbeiter zahlreicher jüdischer Fach- und Zeitschriften, darunter auch des Petersburger „Woschod“ und der Pariser „Revue des Etudes Juifs“. Kayserling hat sich »och, als er in der Schweiz als Rabbiner fungierte, mit der Tochter des berühmten Dr. Ludwig Philippsohn vermählt. Für seine auf dem Gebiete der^spanischen Wissenschaften erworbenen großen Verdienste wurde ihm die seltene Auszeichnung zuteil, daß ihn die spanische Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitglied wählte. Er war auch Mitglied zahlreicher anderer wissenschaftlicher Gesellschaften. Vereinsnachrichten. „Oefterreichisch-Jsrmlitifche Union". Samstag den 29. April 1905, abends '/,8 Uhr, findet im Restaurant Gutb, II., Slephaniestraße i4, die zwanzigste Generalversammlung der „Oefterreichisch-Jsraelitischen Union" statt. Tagesordnung : 1. Mitteilungen des Vorstandes; 2. Rechenschaftsbericht; 3. Kassabericht; 4. Wahlen in den Vorstand; 5. Anträge und Interpellationen. Verein zur Erhaltung eines Heimes für isr. Handelslehrlinge in Prag. Der im Jänner d. I. neugegründete Verein, dessen Vorstand eine stattliche Reihe von Großkaufleuten, Industriellen und Advokaten angehören, hat sich die Aufgabe gestellt, bedürftigen Handelslehrlingen vom Lande, für die bisher in keiner Weise vorgesorgt war, durch Bequartierung und Verpflegung hilfreich an die Hand zu gehen. In dem zu diesem Zwecke zu gründenden Heim sollen diese Knaben zugleich elterliche Fürsorge und die nötige Beaufsichtigung in ihrer freien Zeit finden, damit sie den Gefahren der Großstadt entrückt bleiben. Wie sehr dieser Gedanke auf fruchtbaren Boden gefallen, zeigt der Umstand, daß in kurzer Zeit dem Vereine bereits über 500 Mitglieder, darunter vier mit Gründungsbeiträgen, beitraten, so daß er in der nächsten Zeit seine Tätigkeit aufzunehmen in der Lage sein wird. Anfragen sowie Beitrittserklärungen sind an den Geschäftsleiter Herrn Sigm. Heller, Prag, Poriö 9, zu richten, wo bereitwilligst jede Auskunft erteilt wird. Prag. Der Nächstenliebe-Verein zur Unterstützung verschämter Hausarmen tu Prag hielt am 16. -. M. im Altstädter Rathause seine diesjährige 64. Generalversammlung ab. Den Vorsitz führte der Direktor Herr Dr. Ludwig Bendiener. Der Präsident widmete den verstorbenen Mitgliedern, vor allen dem Heimgegangenen Revisor Schriftsteller S. Kohn, dem Wohltäter des Vereines Herrn Max O p p e n h e i m, der den Verein mit einem bedeutenden Legate in der Höhe von 20 000 X bedachte, und dem Obmann« der Landesjudenschaft Dr. Moriz Lichteufte r n warme Nachrufe, welche die Anwesenden stehend anhörten. Hierauf brachte der Sekretär des Vereines Herr JUDr. Duschenes den Geschäfts-, Kassa- und Nevtsionsbericht zur Verlesung. An Unterstützungen wurden X 34 586 50 verausgabt. Der Vermögensstand belief sich am Schluffe des Jahres auf X 406 240,39. Alle Berichte wurden einhellig genehmigt und dem Vorstände wurde das Absolutorium erteilt. Direktor Dr. Bendiener führt sodann aus, daß das Armenwesen unserer Stadt reorganisiert wurde, mch daß es nunmehr wenig Städte gebe, in denen das Armenwesen so mustergültig sei. Es haben sich eine Reihe vorr Männern und Frauen gefunden, die daS Pflegemmt willig übernahmen. Der Vorsitzende dankt dann siir die Erteilung des Abfoltltorin'ms und ladet die Anwesenden ein, der Armen auch fürder in Leid und Freud zn gedenken. Zitgleich stattet er dem Obmann der Armenkommission, Herrn Gottlieb Schmelkes, der an der Spitze der Reorganisation steht, und sich um sie die größten Verdienste erworben, sowie dein Anreger des R eorga nisati onsgedaUken s Herrn Moriz Schick den aufrichtigsten, herzlichsten Dank ab. Herr D e n t s ch sprach dem Direktor -für sein mwerringertes Interesse und seine Msthowaltung den Dank der Mitgliedschaft ans. Zum