Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wr. I 7 Jüdisches Volksblatt Sette 3 Juden nicht entspricht und schon darum nicht entsprechen kann, weil keine einzige von ihnen, infolge ihres einseitigen politischen Programmes zur politischen Macht gelangen kann und somit auch k e i n e e i n z i g e, weder für, das Reich und die Gesamtbevölkerung, noch, für die Juden Ersprießliches 51t leisten in der Lage ist. Diese Tatsache allein würde schon genügen, für die Organisation der Juden auf Grundlage des von uns als einzig richtig erkannten Programmes einzutreten, selbst wenn man nicht der Meinung wäre, daß die Juden ein eigenes Volk bilden. Nun hat aber die antisemitische Strömung sowie das erwachte nationale Bewußtsein der jüngeren jüdischen Generation die Frage, ob dieJuden ein Stamm oder eine Konfession sind, aus der Welt geschafft. Neun Zehntel der österreichischen Juden sind sich bei allen Spaltungen und bei aller sonstigen Unklarheit heute wenigstens so weit klar, daß sie ihre staatsbürgerlichen Rechte als Juden, aber nicht als Deutsche, Tschechen, Polen 2C. fordern können und müssen. Worüber Meinungsverschiedenheiten bestehen, das sind die Postulate einer jüdischen Volkspolitik, der Inhalt derselben. Diesbezüglich muß mit aller Schärfe und Deutlichkeit ausgesprochen werden: nur eine solche Politik ist in Oesterreich möglich und erfolgverheißend, welche eine Harmonie herstellt zwischen den spezifisch nationalen Bedürfnissen der Juden und denen der übrigen Völker des Reiches, welche sich deckt mit den Existenzbedingungen des polyglotten ^Oesterreichs rmd dessen sozialer Mission. Es wäre aber nur eine Wiederholung der verunglückten Assimilation im neuen Gewände, wenn die zukünftige Politik des jüdischen Volkes in nichts anderem bestände, als in der Nachahmung der überlebten „nationalen" Politik der Deutschen, Slaven, Magyaren durch die Inden. Die nationalen Programme, welche bisher das Glaubensbekenntnis der Nationalen der alten Schule, bei allen Völkern der österreichischen Monarchie bilden, haben sich als unzureichend zur Lösung des österreichischen Problems erwiesen, haben alle Völker kulturell uttb wirtschaftlich geschädigt und der klerikalen Reaktion die Wege geebnet. Gerade die Juden, welche als Angehörige fremdnationaler Parteien die chauvinistische Auswüchse des deutschen, slawischen rc. Nationalismus, als Rassenantisemit i S m u § fühlten und fühlen, könnten denn doch endlich über das Wesen des chauvinistischen, des reaktionären Nationalismus sich klar sein. Aber sehr wenig wäre gewonnen, Der Lärm wird nech stärker. Man schießt. Stimmen vor der Türe: „Hierher, hierher, die Türe ist offen!" Jubelruf des Alten im TodeSkampfe: „Sie kommen, sie kommen! Wer ist dir gleich unter de« Götter«, 0 Herr!" Leo« dringt ein: „Er ist hier, ist hier!" ruft er hinaus. Das ist die letzte und endgültige Enttäuschung für Reb Mojsche: „Zu mir?! Nein . . . nicht . . .* bringt er noch hervor und stirbt. „Die alte Schönheit ist tot!" klagt Leon. Am Fenster erscheint Ruwen. Er hat das Gchl»ßwort: „Vorwärts, Brüder, vorwärts! Wir siegen!" Aller Wahrscheinlichkeit nach ist eS kein Zufall, daß der Dichter gerade dem Sozialisten Ruwe« die Worte: „Wir siegen!" in de« Mu«d legt. Er hat dabei offenbar eine» größeren Sieg geschaut als den gegen die Hetzer einer einzelnen russischen Stadt. Aber es ist auch kein Zufall, daß er den ans seinen Irrungen erwachenden Leon zu seiner Braut die Worte sagen läßt: „Ueberßeh nicht wegen meines kleinen Vaters meinen großen Großvater und ««eine großen Brüder (Mehrzahl!)." Und cs kann noch weniger Zufall sein und ist außerdem im tiefsten Sinne wahr, wenn Pinski seinem Werke sozusagen eine Widmung an das Volk vorausschickt, welche lautet: „Seht, ich gebe euch hier das jüdischeste Werk." Natürlich nicht jüdisch in irgendeine« Parteisinne. Auch nicht jüdisch bloß im Sinne des Stoffes, wie etwa „Die Juden" des russischen Dichters Tschirichow. Sondern jüdisch in dem Sinne, daß die große innere Tragödie des jüdischen Volkes in einem Einzelgeschehen zur Darstellung gebracht wird, das wieder durch und durch jüdisch ist. Hier kann man jüdische „Bodenwenn die Juden nur insoweit mit dem Assimilationsprinzipe brechen würden, als sie keine chauvinistische, deutsche, tschechische polnische rc. Politik treiben, dafür aber den für fasch und verwerflich erkannten Fanatismus nachäffen würden. Eine N a ch äffu 11 g, ja eine e m i n e nt e S ch ä d i g un9 des jüdischen Volkes aber wäre es, wenn man den „N u r deutschen" den „N u rtschechen", den „Nurantisemiten" „N u rjnden" au die Seite stellen würde. Eine nurjüdische Politik ist ebenso eine Utopie, wie die Devise des „Nnrmenschentums" extremer jüdischer Kosmopoliten. Selbst internationale Parteien, wie die Sozialdemokraten und Klerikalen, können nicht über die nationale Idee zur Tagesordnung übergehen, sondern erstreben vielmehr, wenigstens programmatisch, die Verbrüderung der einmal vorhandenen Nationen im Zeichen des Sozialismus, respektive des Christentums, wobei allerdings die Marxisten die Inkonsequenz begehen, die Inden nicht als nationale Individualität anzuerkennen und der r a s s en a n t is e m it is ch e Flügel der Christlichsozialen und Klerikalen von der „Verbrüderung aller Völker in Christo" in einer den Grundideen des Christentums ins Gesicht schlagendenWeise die Juden ausschließt. Der Chauvinismus ist ebenso wie da§ „Nurmenschentuin" für die Gegenwart als abgetan zu betrachten. Das Nurmenschentum zahlreicher jüdischer Kosmopoliten, die als Deutsche, Slawen rc. nicht anerkannt werden, als Inden aber nicht gelten wollen, schädigt nur den an und für sich idealen Begriff des Menschentums bei den arischen Völkern; der Kosmopolitismus wird kompromittiert, wenn er das Feigenblatt des AntinationaliSmus assimilatorischer Gruppen > bildet. Aber so unlogisch anch das Nurmenschentum, die Abstraktion von jeden: nationalen Begriff _ ist, ebenso knltnrwidrig und r ü ckständig und in der schärfsten Tonart zu bekämpfen ist der N u rna t i 0 n a l i s m n s der Chauvinisten aller Völker. Die Nation als Inbegriff der Individuen von gleicher Abstammung, gleicher Geschichte, gleicher Sichen und Eigentümlichkeiten ist ein notwendiges unentbehrliches Mittelglied zwischen dem Einzelwesen und der Gesamtmenschheit; aber doch nur ei:: — Mittelglied. Dies verkennen gleichmäßig die Kosmopoliten, die extremsten der Internationalisten, zu denen die Juden das Hauptkontingent stellen, ebenso wie die Hurranationalisten sämtlicher Volksstämme, welche als eine Art nationälen Pfaffentums gewaltsam einen Keil hineinschieben wollen zwischen Individuum und Menschheit. Dieses Demagogentum verhindert das friedliche ständigkeit" im „Golus" und das innerst« Geheimnis des jüdischen Problems erkennen. Allerdings muH man sich. wem: man Westler ist, gewöhnt haben, das Ostjudentum als den hauptsächlich legitimierte» Träger dieses Problems zu betrachten. Was Assimilation? Sie bleibt die Bahn Einzelner. Was Kampf zwischen Zionismus und B»udism«s? Sie sind beide uur Formen neuen Lebens an Stelle des alten TraditionslebenS, das dem MenschheitSfortschritt nicht mehr Stand hält. Fortleben in neuer Form, mit modernem Inhalt — das ist die große Frage. Den alten Maggid i« seinen Enkeln Ruwen und Lipmann fortsetzen — das ist die große Aufgabe. Und der letzte Tag R. MojscheS, in eigener Schönheit nud mitte» in all der Häßlichkeit der sogenannten Mitgläubigen verbracht — das ist die große Tragödie! Und darum mußte der alte Maggid die beherrschende Stellung in dem Drama erhalten. Darum mußte er, wie von einer fixe» Idee befallen, immer und immer wieder die Verteidigung der Schul predigen. Vielleicht ist stellenweise de» Guten etwas zuviel, vielleicht Hütte manche der Prophetenhaft klingenden Reden und Ergüsse kürzer ausfallen können. Aber das sind Kleinigkeiten, die den überwältigenden Eindruck dieses Verkörperet» einer uutergehenden Weltanschauung nicht stören und gewiß auch die Wahrheit seiner persönlichen Erscheinung nicht angreifen. Nicht nur daß der Dichter durch den Maggidberuf, welchen er Reb Mojsche verlieh, für die Glaubhaftigkeit seiner Figur im alltäglichen Sinne sorgte, er hat in ihr auch die außerordentliche jüdische Persönlichkeit Nebeneinanderleben der Völker, die gemeinsame kulturelle und wirtschaftliche Arbeit durch Auspeitschung des nationalen und Rassenhasses bis — zum nationalen Wahnsinn. Diese Extremnationalen begreifen eben nicht, daß a::ßer den spezifischen Interessen des eigenen Volkes unzählig viele Interessen existieren, denen nicht von einem einzelnen Volke, sondern nur durch den Bund aller Kulturvölker Rechnung getragen werden kann. Nur wenn in diesem Sinne Nationalismus und Internationalismus in einen richtigen Einklang gebracht werden, ist ein Kulturfortschritt möglich und eine jüdische Volkspolitik mehr als eine vorübergehende Phase in der Geschichte der Enttäuschungen der österreichischen Juden. Die Juden sind das letzte Volk, welches in Oesterreich zum nationalen Bewußtsein gelangte und an seine nationale Organisation herantrat. In einer Zeit, in welcher bereits alle Vernünftigen und Ehrlichen sämtlicher übrigen österreichischen Völker erkennen (wenn sie es auch nicht in:n:er zugebeu), daß sie mit ihrer bisherigen, durch die soziale Entwicklung überholten n u r n ati 0u alen Herrschaftspolitik Schiff bruch gelitten haben, dürfen die Juden diesem freiheits- und kulturmörderischen atavistischen Nationalismus, der in die Rumpelkammer gehört, nimmer huldigen. Es mehren sich glücklicherweise , die modernen Elemente unter den verschiedenen Völkern Oesterreichs, welche gegenüber diesem karikierten Nationalismus, der auf der grauen Vergangenheit, auf vergilbten Pergamenten, auf historischen Staatsrechten basierte, entschieden Stellung nehmen und ihm gegenüber den modernen, den demokratischen, den sozialen Nationalismus verkünden, welcher die Autonomie aller Völker, das Recht eines jeden Stammes auf kulturelle Entwicklung, wo er auch immer wohnen mag, proklamiert. Dieser Nationalismus der Modernen hat in dem Oesterreich des 20. Jahrhunderts allein noch Existenzberechtigung und bald werden seine Vertreter in den entscheidenden Kampf eintreten müssen gegen die Hetzapostel des alten chauvinistischen, reaktionären Natoualismus, dessen Wortführer nur für die Herrschaft der p r i v i l ig i e r t e n Klassen eintreten und kein Verständnis besitzen für die neue Zeit und ihre Aufgaben. Wehe aber den Juden Oesterreichs, wenn sie in dem Kampfe zwischen dem echten Nationalismus und Chauvinismus nicht im Zeichen der jüdischen Moderne ihr eigenes nationales Recht dadurch wahren, daß sie das gleiche Recht und die Autonomie aller Völker des Donaureiches fördern. nach Maß und Ort mit unübertrefflicher Treue dargestcllt. Immerhin ist die Hauptgestalt, wie die Haupthandlung des Stückes symbolisch. Umso anerkennenswerter ist die dramatische Wucht des Stückes, seine tragische Folgerichtigkeit und andererseits seine bunte Lebendigkeit. Nur ein Dichter, der sein Volk kennt und seine Seherfreude daran hat, konnte jüdisches Leben, jüdische Tugenden und jüdische Untugenden so meisterhaft zeichnen. Die Nebengestalten, wie namentlich Minje, sind psichologisch überaus feine Arbeiten. Der Dialog ist bis auf wenige Ausnahmen natürlich und einfach. Szenen, wie die düstere Nachtischstimmung am Anfänge des Stückes, oder die Waldszene — besonders dort, wo der geele jid (der gelbblonde Jude) und sein Weib auftreten — sind Muster jenes tieferen durchseelten Realismus, der sich so gut mit tiefer, notwendiger Symbolik verträgt. Ich höre, daß es etwelche Zionisten gibt, die sich über den „Bund" wundern, und etwelche Bundisten, die sich über ihn ärgern, weil er ein so nationales Stück verlegt hat. Offenbar glauben beide, der Held eines Stückes, da» der „Bund" herau-grbt, «üffe womöglich Sozialistenführer «nd dürfe jedenfalls kein Maggid sein. Die «inen und die Anderen irren: der alte Maggid und seine Schul sind so herrlich und so tief tragische Rechtfertigungen neuer Lebenswege, so starke Berstnnbildlichuugen des jüdischen Volkes an einem großen geschichtlichen Scheidewege, daß eine jüdische sozialistische Partei an ihnen nicht vorübergehen durfte. Mathias A ch e r.