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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite ü Jüdisches Volksblatt Nr. 17 emitische Fraktion Schönerers, die sich vorwiegend aus der Intelligenz, besonders aus der akademischen Jugend rekrutierte. So sehr sich null auch die Christlichsozialen und Detltschnationalen zeitweise bekämpften und so sehr auch innerhalb der beiden Gruppen verschiedene Schattierungen sich befehdeten und noch immer bekämpfen infolge der Differenzen in nationalen und kirchlichen, in politischen und wirtschaftlichen Fragen, so waren sie doch einig im — Ant i somit ism it s. In diesem Zeichen sind die „Antiliberalen", die „vereinigten Christen" nicht nur entstanden, sondern aud) großgeworden, haben die Herrschaft in der Wiener Gemeinde und im Kronlande Nicderösterreiä) erobert und die vor 20 Jahren allmäd)tige liberale Partei in Scherben geschlagen. Die liberale Partei war an ihrer nationalen und sozialen Politik zugrunde gegangen und in ihren deutschfortschrittlicheu Ueberresten nur noä) ein Anhängsel der halbantisemitischen „Deutschen Volkspartei" itttb der ganzantisemitischen Ost- und Alldeutschen geivorden. Die Demokraten, schon früher geschwächt durd) den Alassenabfall ins christlichsoziale Lager, hatten den Todesstoß erhalten durd) die Allianz mit beit Liberalen, in welche man die alte Demokratie hineindrängte. Das Experiment, eine neue Demokratie unter dem Titel „Sozialpolitiker" zu schaffen, erstickte schon im Keim infolge der D e u t s ch t ü m e l e i, des Doktrinarismus, des Herumpendelns zwischen Liberalen und Sozialdemokraten und zum nicht geringsten Teile infolge des ungeheuren Ueberwiegens der Juden in dieser Partei. * * Was taten die Juden Dentschösterreichs nun? Hinausgeeckelt aus allen bürgerlichen Parteien schlugen sie ihr Absteigquartier im Lagerder„klas sen b e w ußten Arb ei ters ch a f t", der marxistischen Sozialdemokratie auf. Zu solchen Widersprüchen und Prinzipienlosigkeiten führte die aussd)ließlick) negative jüdische Abwehrpolitik, deren Vertreter der eitlen Hoffnung nun sich hingeben, den Antisemitismus mit Hilfe der marxistischen Sozialdemokratie zu überwinden. Die Gleichberechtigung aller Nationalitäten, die Autonomie für jeden Volksstamm, welche die Sozialdemokratie programmatisch fordert, hat keine Geltung für die Jude n. Als Philosemitiswus wird es von sozialdemokratischer Seite hingestellt, wenn die Juden ihrer Nationalität nach als Juden sich bekennen und nationale jüdische Organisationen werden nicht mit denselben Augen angesehen, als die nationalen Organidir!" Er verbirgt das Gesicht im Vorhänge der heiligen Lade, und da erfaßt ihn ein neuer Gedanke. Er fühlt seine Berufung: „Ich geh. In den Gasten werd ich suchen, an die Türen werd ich klopfen." Wie der Hohepriester Mathathias, der Sohn Jochanans und Vater der Makkabäerbrüder, will er „alle treuen Juden sammeln, um für ihre Heiligtümer zu kämpfen." Mit den Worten seines Vorbildes: „Wer für Gott ist, zu mir!" verläßt er festen Schrittes die Schul . . . Verwandlung. Im Hause des Bankiers Herschman«, das durch Truppen, die Seine Exzellenz beigestellt hat, geschützt ist. ^Der Bankier hat den Rabbi und die Unterrabbiuen zu sich berufen, um sie an seiner Sicherheit teilnehmen, hauptsächlich aber, u« sie seine Wünsche hören zu lasten. Der Geldgewaltige ist nicht ganz zufrieden mit dem Rabbiuate. Nun soll eihm aber i« Feldzuge gegen die Steuerer helfen. Im letzten Streik hat sichs ja gezeigt, daß die Masse fromm sein mnß. Doch nicht etwa deshalb will er den Kampf, gewiß nicht, sondern, weil die Bildung und die neuen Ideen an allen den Verfolgungen schuld sind, die die Jude» erleiden müsse«, und des bedrohten Glaubenwegen. Darum die Schulen schließe», die Zeitungen verbieten, selbst eine Zeitung gründen, die Sozialisten der Regierung übergeben! . . . Die frommen Verschwörer werden von Reb Mojsche gestört. Den Diener beiseite stoßend stürmt er ins Zimmer und erhebt auch hier seine Forderung. Natürlich umsonst! Die Leute haben keine Luft, ihr Lebe» in die Schanze zu schlagen und kein Berständnis für den Sieg de- Judontum-, welchen der Maggid meint, für die sittlich erneuernde und religiöse sationen anderer Völker, sondern irrigerweise immer als konfessionelle Vereinigungen, mit christlich-sozialen Organisationen rc. in eine Reihe gestellt. Die nationale Seite der Judenfrage wird von der marxistischen Sozialdemokratie in ihrer überwiegenden Mehrheit noch immer ignoriert, sowie sie früher überhaupt die gesamte österreichische Nationalitätenfrage ignorierte und ausschließlich als eine interne Sache der Bonrgoisie hinstellten. Aber and) das wirtschaftliche Programm der marxistisd)en Sozialdemokratie kann mit Rücksicht auf die eigenartige soziale Struktur des jüdischen Volkskörpers den spezifischen Bedürfnissen des jüdischen Proletariates nid)t vollständig Genüge leisten. Die Sozialdemokratie vermag also, solange sie auf marxistischer Grundlage fußt, die Judenfrage n i cf) t zu lösen, schon darum nicht, weil diese nicht bloß sozialer, sondern teilweise auch nationaler Natur ist. Die Sozialdemokratie ist aber aud) nid)t imstande den wirtsd)aftlid)en Antisemitismus zu überwinden, da sie infolge ihrer marxistischen Theorien in jenen aristhen Volksschichten (besonders im Gewerbe- und Bauernstände) nicht Wurzel zu fassen vermag, weld)e ihr wirtsd)aftliches Heil vom Antisemitismus erwarten. Das also ist die Achillesferse jener jüdisd)en Politik, welche mittels der Sozialdemokratie den Antisemitismus überwinden und aus der Welt sd)affen will! Allerdings wären in Oesterreid) die allgemeinen politischen und wirtsthaftlickien Verhältnisse infolge des Ueberdrusses der produzierenden Sd)id)ten an den nationalen und konfessionellen Kämpfen und infolge des immer lauter werdenden Rufes nach wirtschaftlichen Reformen der Boden für eiren g e n o s s e n s d) a f t li ch e n, internationalen Sozialismus nur ' zu gut gedüngt, der das Banner einer neuösterreichischeu, sozialösterreichischen Politik, die Kooperation aller produzierendenStände aufsemeFahne schreibt. Oesterreich ist ja eben zum geringsten Teile ein Industriestaat und selbst von der Arbeiterschaft steht nur ein Fünftel im Lager der Sozialdemokratie. Die ganze übrige österreichisthe Bevölkerung, selbst auch soweit sie mit den politischen und wirtschaftlichen Forderungen der österreid)ischen Sozialdemokratie übereinstimmt oder sympathisiert, ist betreffs der letzten Ziele der Partei, derVerstaatlichung der gesamten Produktion und Konsumtion, antispzialdemokratisch.^berdieS darf man nicht die Tatsache übersehen, daß Oesterreich der monarchischeste Staat ist und daß in Oesterreich bisher nod) keine politische Partei zur Macht gelangt ist, die antidynastisch war, und speziell die christlich- Krast der Schulverteidigung. auch wenn sie erfolglos wäre. Alle Beweise, Bitten, Warnungen des Alten nützen nichts. Er flucht den Heuchlern und Geschäftsfrommen. Zugleich steigt in seine» Seele eine neue Hoffnung auf: „Oh mei« Gott, nicht in Palästen*) sind deine Juden und nicht unter Streimels! Ich Hab mich verirrt, oh mei« Gott, ich »ahm nicht den richtigen Weg. Aber ich werde deine Juden noch finden, ich werde dein Heer noch sammeln. Noch ist der Tag groß. Sonne, geh nicht unter, ich muß noch Jude» finden! Gott, beschütze mir dein Haus! So eilt er davon. Der dritte Akt zeigt uns die im Walde versteckte» Jude». Die Männer bete« mit leiser, weinerlicher Stimme, die Fraue» und Kinder Wimmer». „Die Luft ist wie von de« Geräusche eines Leiche«begä»gniffeS erfüllt." Reb Mojsche kommt: „Juden, hört ihr, J»de«. «uf, schnell! Eilen wir, die Schul ist i« Gefahr, die Heiligtümer müssen gerettet werden l Inden, auf, schnell!" Aber die Beter wollen nicht hören; wollen daß religiös« Verbot, während de- Schmonr-Essre- GebeteS auf der Stelle zu bleiben und nicht zu spreche«, nicht verletze». Umsonst entbindet er sie ihrer Pflicht. Umsonst si»d wieder alle seine Bitte«, seine Zornergüsse . . . Doch »och immer gibt er seine Sache nicht verlor»«. Er bittet Gott, ihn den richtigen Weg zu führen. Und mit dem Rufe: „Juden wo seid ihr?" eilt er weg, wieder auf die Suche. Leon aber fordert die Zurück¬ *) Palästen, nicht Palästina, wie ein recht unliebsamer Druckfehler in voriger Nummer wollte. soziale Partei unter der Führung des Dr. Lueger hat ihre Erfolge zum nicht geringsten Teil ihrem s o zi al-mon arch isd) en Standpunkt e zu verdanken. In Oesterreich kann, das lehrt die ganze Vergangenheit seines Parlamentarismus, ein Blick ans die Zusammensetzung der Monarck)ie und auf die Stimmung der Bevölkerung, nur eine solche Partei zur politischen Macht und zu dauerndem Einfluß im Reiche gelangen, welche mit allen vorhandenen Machtfaktoren rechnet, welche also für die Gleichberechtigung aller Nationalitäten, Konfessionen und Klassen und für den einzig möglichen Staatsgedanken, den sozial-österreichischen, eintritt. Eine Partei mit einem solchen Programm besteht derzeit nicht in Oesterreich, sondern es gibt nur Fraktionen, die gegen ganze Volksstämnie, Konfessionen und Klaffen regieren wollen und entweder ein unmögliches Oesterreich erstreben oder überhaupt die Staatsidee negieren. Hier liegt aud) der Grund, warum bisher k e i n e der bestehenden österreichisd)en Parteien zur politischen Mad)t gelangte oder jede bald wieder — verlor. Dieser Prozeß wird sid) auch in der Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit wiederholen, solange die gegenwärtigen Parteien mit ihren utopistischen Programmen bestehen. Auch in Zukunft werden die verschiedenen österreichischen Ministerien nicht parlamentarisch regieren können, sondern „über den Parteien", ohne dieselben und zeitweise gegen gewisse Konzessionen mit — einer Koalition einzelner Gruppen derselben. Die Zeche in dem Kampfe der Parteien gegeneinander hat dank der unzweckmäßigen Politik der assimilatorischen Führer, die große Masse des jüdischen Volkes gezahlt, weil sie den Zusammenhang der Judenfrage mit der nationalen und sozialen Frage, des Rassen- und wirtschaftlichen Antisemitismus und das Anwachsen des Klerikalismus als logische Konsequenz der Nationalitätenfrage und' der wirtschaftlichen Not nicht erfaßte. Ja sogar heute sieht es noch immer ein großer Teii der jüdischen Wortführer nicht ein, daß jede Schürung des nationalen, konfessionellen und Klaffenkampses in Oesterreich stets nur Nahrung dem nationalen, konfessionellen und ökonomischen Antisemitismus zuführt. Die Notwendigkeit einer jüdischen Volkspolitik. Es wurde bisnun auseinandergesetzt, worin die Fehler in der bisherigen Politik der österreichischen Juden gipfeln, und nachgewiesen, daß der Anschluß an irgendeine der bestehenden parlamentarisd)en Parteien den national-sozialen Interessen der bleibenden auf, dem Großvater zu folge«. Sie müßte« eS als fromme Juden tun; sie müßten den alten, heiligen Mann zu rette« versuche«. Sie lachen ihn aus. Da droht er sie den Verfolger» zu verraten. Entsetzen, Drohungen der Männer, Weinen der Kinder, Flüche der Weiber. Leon streckt ihnen einen Revolver entgegen: „Wer die Hand gegen mich anfhebt ist tot! (Mit Ekel sich abwendend.) Geht an euer ThillimchPsalmen-) lese«, ich werde euch nicht verraten." Und geht, von der Mutter Abschied nehmend, fort, dem Großvater zu helfen. Der vierte Akt führt uns zunächst auf den Platz vor der Schul. Reb Mojsche stürmt herein, sein Mantel ist zerrissen, von der linken Schläfe fließt Blut, de» Bart ist zerzaust, er erwartet und erbetet noch immer die Jude», die kommen sollen, die Schul zu verteidigen. In jedem Vorüberfliehenden glaubt er schon einen Anfang zu sehen. Ebenso, als Ruwen mit den sozialistische» und Lipman mit de« zionistischen jungen Leuten kommt. Immer wieder wird er grausam enttäuscht. Und die eine stumme, halb idiotische Bettlerin, die in die Schul hineinläuft, «acht seine Verzweiflung nur noch größer. Aber wieder ringt er sich zum Glauben durch. Während da- Kampfgetümmel immer näher kommt tritt er mit den Worte«: „Gott, ich warte auf deine Wunder l" in» Gottes- Han-. Die Schlußszene spielt i» Innern der Schul. Die letzten Gebete des Maggid, die letzte« Worte seiner Zuversicht haben nur die heulende stumme Bettlerin zur Zeugin. Der Kampf tobt schon draußen auf dem Schulplatz. Ein Stein fliegt durch das Fenster und trifft Reb Mojsche.

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