Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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p--- H Redaktion: IX/l, Servilen gaste 4. Telephon Nr 14723. Sprechstunden: An Wochentagen von '> bi« 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches Volksblatt. Wien. IX|i. Erscheint jeden Freitag. Eigrniiimcr iuid Hkralisgeder: Jadid Kr«»»!. 0 i Administration: IX/1, Seroiteugaste t... Telephon Nr. 1472». Abonnements - Preis: BttCtWCrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolcti r Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mannrliriple werden niehi »«riiehgeNeii». Postsparkasien-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreien. st 1 Inserate übernehmen die firmen: M. vules Nachf., Haafenstein te Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen» Expeditionen im Auslanbe. Einzel - Nummer in Wien SV Heller. Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig .... X 12.— Halbjährig . . . . K 0- Vierteljährig . . .K 3 - st Für daS gesamte Ausland samt Frankozustellung: Ganzjährig . . . K 13.00 Halbjährig . . .K 0.33 Vierteljährig. . . K 3.4» a Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegen genommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/3, Untere Augartenstratze 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Kr. 17 Mir«, 88. April 1905 (83. Nissan 5665). VII. Jahrgang. Die Lage und Forderungeu der österreichischen Inden. Von Dr. Hermann Kadisch. II. Man muß jene Zelt miterlebt und alle die Schmähartikel der „judenliberalen" Presse sowie in den Journalen der Schönerianer gelesen haben, die sich gegen Fischhof und gegen seine damaligen Gesinnungsgenossen Lueger, Krön awetter, Hertzka, Walterskirchen, richteten. Die junge Generation der Juden kann sich nicht gut mehr hineindenken in jene Zeitperiode, in der all die Urgermanen mosaischer Konfession in Versammlungen und in Blättern gegen die Anhänger F i s ch h o f Z als „Verräter am Deutschtum" und als „verkappte Taaffesche Regierirngsknechte" ihre Bannstrahlen schleuderten. Ja so weit verstiegen sich die Pseudoliberalen, die Konfusnatlvnalen und ihre ijüdischen Cortöge, daß sie am 15. Juli des Jahres 1882 durch Dienstmänner die geplante konstituierende Versammlung einer ö st erreich ische n Volkspartei, zu der der greise Fisch- Hof aus Emmersdorf herbeigeeilt war, sprengen ließen. Dieses Husarenstückchen haben Oesterreich und seine Völker und die Juden in erster Linie bitter gebüßt. Zweiundzwanzig Jahre nicht endenwollender nationaler Wirren, das Anwachsen der nationalen Chauvinisteil in allen Lagern des immer immenser werdenden Nassenalltisemitis- Feuilleton. „Di fclmilje Jini“*) Noch bis vor wenigen Jahren gab es keine jüdische, Dramatik. Was an Stücken geschrieben wurde, hatte zuweilen etwas lyrischen, kaum aber dramatischen Wert. Doch die aufsteigende Entwicklung der Literatur in jüdischer Sprache überhaupt und das kräftige Theaterwesen der ostjüdischen Massen**) versprachen eine Wendung zum Besseren. Und diese ist auch eingetreten. Es liegen bereits mehrere Stücke von ansehnlichem literarischen Werte vor; das soeben erschienene „Di familjeZwi" von David Pinski gehört sicherlich zu ihnen. PinSki hat schon lange einen geachteten Namen in der jüdischen schönen Literatur, namentlich durch seine Skizzen und Erzählungen. Mit den Dramen hat er bisher weniger Glück gehabt. Eines, „Eistk Scheftel", ein Arbeiterdrama, das jüngst in deutscher, von Martin Buber besorgter Uebertragung im *) Wir veröffentlichten in der Beilage „Jüdische Abende" der vorigen Nummer mehrere ms Deutsche übersetzte Stellen des Pinski'schen Stückes. Die Schlußszene mußten wir wegen Raummangel abbrechen. Unsere Leser finden nun dieselbe in ihrer Gänze am Schluffe des heutigen Feuilletons. **) Namentlich in Amerika und England. Im Mutterlands war die Entwicklung des Theaters durch das Verbot jüdischer Bühnen unter der Regierung Alexander lll. gehemmt- Dieses Verbot wurde übrigens jüngst aufgehoben und vor Kurzem fand sogar in Petersburg im Theater auf dem Newski- Prospekt eine jüdische Bühnenvorstellung statt. mus, das Entsteherl, Wachsen und Blüheil der Christlichsozialen, das alles ist die Herostratustat der Gegner des Fisch hofschen Programmes. Was hatte denn Adolf Fisch Hof, denseine „freiheitlichen" Gegner, solange er lebte, in beu Kot traten, um ihn nach seinen Tode für sich in Beschlag zu llehmen, verbrochen, daß sogar die damalige „liberale" Gemeinderatsmatsmajorität zum 70. Geburtstage seine Beglückwünschung ablehnte, trotzdem selbst ein Teil der Parteigenossen des jetzigell Bürgermeisters Dr. Karl Lueger sie befürwortete! Fisch Hof sei ein „Renegat am Deutschtum", dem die Ehrung versagt werden muß, schallte es aus dem liberalen Lager, „und ein Eindringling auf österreichischem Boden", sekundierten die Schönerianer!!! Und warum? Weil Fischhofs Devise lautete: Durch „Völkerfrieden zur Völkersreiheit in Oesterreich!" Adolf Fischhof erkaullte bereits im Jahre 1882, was die übrige Mehrheit der heutigen Parteipolitiker der alten Schille nach 22 Jahren nock immer nicht ein sieht, daß der nationale Friede und die von ihm Nlltrenllbare nationale Gleichberechtigung verwirklicht werden müsse, sei es auf dem Bodell der Freiheit, sei es auf dem Grabe der Freiheit. Fischhof erkannte deutlich, daß der Liberalismus, weml er nicht gerecht werde gegen alle Nationalitäten und Klassen, den Deckel zu seirem eigeilen Sarge'unfertige. Den I ll d e n aber prophezeite er, daß sie die erstell sein werden, welche die Verbohrtheit der liberalen Führer in der Natio- „Jüdischen Verlage" in Berlin erschien, ist eine ernste Arbeit, auf die noch eingegangen werden soll. Doch fehlt noch jene mächtige dramatische Kraft, die erst in „Di familje Zwi" durchbricht. Der erste Akt führt uns ins Haus des Stadt- Maggid Reb Mojsche. Cs ist der achte Tag des Peffachfestes, das Mittagessen eben in der trübsten Stimmung zu Ende. Man befürchtet Judenhetzen. Die Enkel des Maggid geraten in eine Diskussion über die Judeufrage. Leon ist der heute ziemlich kleinlaute Vertreter der bürgerlichen Affimilation, desto hitziger fechten Lipman, der Zionist und Ruwen, der „Bundist"***) miteinander. Gerade noch rechtzeitig, damit ihr Gespräch nicht in »«dramatischen Disput ausarte, greift Reb Mojsche ein. Er wendet sich, den alten Gott, die alte Thora predigend, gegen alle. Der sozialistische Enkel ruft ihm zu: „Ja, es ist nicht zu helfen, und du tust mir leid, Großvater, du bist ein Einziger und Letzter. Die Welt gehört uns, wir . . . ." Gegen diese Worte, die ihn am tiefsten treffen, setzt er seinen innigsten Glauben und sein Gebet: „Du großer, starker, allmächtiger Gott, zeig' ihnen deine Kraft, zeig' ihnen, daß du noch lebst . . . ." Und draußen beginnt der Lärm, das Klopfen an Türen und Fensterläden. Die Schwiegertochter Minje stößt Angstrufe aus und eilt hinaus, die Enkel eilen zu den Fenstern, ihr Vater, der Sohn des Alten, Jekef, sinkt kraftlos auf einen Stuhl. Nur er selbst, der alte Maggid, quittiert mit den großen, stillen ***) Mitglied des sopaldemokratischen „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes für Lithauen, Polen und Rußland". nalitätenfrage bitter büßen, daß die assimilatorischen Juden aus allen an der snationalen Parteien hinausgedrängt und daß sie als die Ernte ihrer Drachensaat, den Antisemitismus an ihrem Leibe empfindlich spüren werden. Alle Warnungen und Mahnungen blieben vergebens. Angeekelt und verbittert durch das terroristische Treibender Gegner zogen sich Fischhof, Walterskirchen, Hertzka zurück, und übrig blieben nur Kronawetter und — Lueger. Die Erbitterung der arischdeutschen Bevölkerung gegen das terroristische Treiben der damals allmächtigen deutschliberalen Partei, deren Wortführer jeden Tag andere „Verräter am Deutschtum" entdeckten und deren jüdische Herolde in eifriger Konkurrenz mit ihren nichtjüdischen Gesinnungsgenossen stündlich einen anderen „Renegaten am Deutschtum" füsilierten, mußte logischerweise immer weitere Volkskreise gegen die sogenannten ...Judenliberalen", gegen die „liberale Judenpresse" und in weiterer Folge gegen die Juden überhaupt erbittern. So entstanden in Wien die antiliberale Liga unter Führung des Dr. Lueger, welche die gemäßigt.nationalen, österreichisch gesinnten Elemente umfaßte, ursprünglich antikapitatistisch, dann einem rein wirtschaftlichen Antisemitismus huldigte und infolge der in Angriff genommenen kleingewerblichen Organisation allmählich auch in den Provinzen an Anhängern gewann, und andrerseits die radikaldeutschnationale anti- Worten: „Jetzt ist deine Zeit, o Vater, o Gott, jetzt ist deine Zeit". Und als Ruwen und Lipman nach hartem Kampfe mit der Mutter, die sie nicht weglaffen will, zu ihren BerteidigungSorganisationen fortgeeilt sind, geht auch er. „Zu meiner Organisation" sagt er. „In die Schul' (Bethaus) geh' ich, das ist meine Organisation. Die Schul' muß beschützt werden und die Ssifrej tojro (Tho^LZen) müffen beschützt werden". Nach seinem F§When bleiben das Ehepaar und Leon noch eine Weile zurück. In Leon hat sich eine Wandlung vollzogen. Er hält Abrechnung mit sich, mit seinem krämerhaften. erbärmlichen Vater und mit Ido, seiner Cousine und Braut, die eben kommt und ihm von der Taufe ihrer ganzen Familie Mitteilung macht. Am Schluffe das Aktes verlassen Vater. Mutter und Sohn das Haus, um in den Wald zn flüchten. Der zweite Akt spielt zuerst in der Schul. Zwei Batlonim (fromme, bettrlhafte Müßiggänger) sitzen und sprechen über die schlechten Zeiten, über ihren Hunger heute am Feiertage, der ihnen sonst soviel Essen beschieden hat. Der alte Zwi kommt. Bon der Leere des Gotteshauses betroffen, richtet er sich an den zwei verachteten Menschen auf, die, wie er glaubt, hergekommen sind, um mitten im Trubel zu „lernen." Er schleppt ein paar Werkzeug« zusammen, die als Waffen benützt werden sollen. Bon ungefähr verrät er den Batlonim, die eS gar nicht wußten, daß draußen die Hetze schon begonnen hat. Und da erlebt er die zweite große Enttäuschung. Ihre Angst und Niedrigkeit erfüllten ihn mit Wehe und Erbitterung. Schier verzweifelt er: „Wo sind deine Juden, Gott." ruft er „Wo ist dein Heer. Zeig mir sie. oder nimm mich zu