Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische Kbende. Berlsge;u Nr^ 16 dr^s „Jüdischen VolksblatL". Die Familie Zwi. Demnächst dürfte hier vom russisch-jüdischen Studentenverein« „Leo Pinsker" und dem Komitee der „Jüdischen Abende" eine Aufführung des neuen Stückes von David Pintki durch russisch-jüdische Studenten veranstaltet werden. Eine Besprechung des DramaS folgt in nächster Nummer. Der „Bund", der „Die Familie Zwi" soeben im Originale herausgab, bereitet, wie wir hören, auch die Herausgabe einer deutschen Uebersetzung vor. Da dieselbe noch nicht vorliegt, wollen wir unseren Lesern wenigstens einige Stellen in deutscher Uebersetzung Mitteilen, zuvor das Personenverzeichnis im Original, aber in lateinischer Transskription: * * * Reb Mojsche Zwi, der Stadt-Maggid.1) Jekef, sejn sun. Minje, Jeket’s Frau. Leon l Ru wen > sejne ejniklach*) vun Jekef un Minje. Lipman J Ide, sejn ejnikel run ejn ander sun. Bankir Herschrnan. Der junger Herschrnan, sejn sun. Der row.3) Erschter dajen?) Zwejter dajen. Der diker hatten?) Der dinner*) hatten. Der geller7) ijd.8; Dem gellen’s wejb. Der ijd in schljape?) Der ijd in hittel. Der bocher10) mit’n mejdel. Di schtumme betlerke.11) Ijden, ijdeness.11) bachurim,1*) kinder. Ort : Der goless.14) Zejt: A sciiwere far ijden. Stelle aus bem ersten Akte. R. Mojsche. Du lügst. Ich bin nicht ein einziger und letzter. Und die Welt gehört nicht dir und wird nicht dir gehören. Unser Gott lebt noch und wird über alle eure Götzen noch siege». Und „lo almon jisroel“ — Israel hat noch genug der Frommen und wird ihrer noch haben! Wüßte ich, daß ich wirklich der einzige und letzte fromme Jude bin, ich hätte schon lange Gott gebeten, mich aus der sündigen Welt zu nehmen. Aber es ist nicht wahr und ich werde es noch erleben, daß ihr alle in den Schoß unsere Thora zurückkehrt, Buße tut und eure Jrrtümer beweint. Ich werde es noch erleben, ich weiß es, Gott wird mir meine Jahre verlängern, wenn es noch dauern muß. Du großer, starker, allmächtiger Gott, zeige ihnen deine Kraft, zeige ihnen, daß du noch lebst... (Von draußen hört man Laufen und Gepolter mit Türen und Fenstern.) Minje. O, Herr der Welt! Schon? Schon? (Eilt hinaus. Ruwen, Lipman, Leon schaue» zu den Fenstern hinaus, Jekef sinkt auf einen Stuhl.) R. Mojsche (leise). Jetzt ist deine Zeit, o Vater, o Gott, jetzt ist deine Zeit. Jekef. Hände und Füße zittern mir, auf Ehr. (Man schließt draußen die Läden. Im Zimmer wird Halbdunkel, das Licht dringt nur durch die Ladenspalte und bei der Tür ein.) Minje (zurück. Unter Tränen). Weh' mir, eS hat schon angefangen. In der breiten Gaffe... Jekef. In der breiten Gaffe?! Weh' mir, unser Laden! Unser Laden! Minje. ... Und am Ufer. Zwei Juden hat man ertränkt. Jekef. In der breiten Gaffe... Weh' mir, unser Laden! (Draußen Signalpfiffe.) Ruwen und Lipman gehen zur Tür. Minje (in der Tür). WaS gibt'S? Wo wollt ihr hi»? ') Prediger. *) Enkel (Mehrzahl). *) Rabbiner ) dajon, Hilfsrabbiner, *) batlen, Daa Wort bezeichnet einen merkwürdigen frommen Müssiggängeitypua des östlichen Judentums. Der Batlen ist unpraktisch und berüllos, aber auch ohne jede innere Bedeutung Armlos. ') dürr, mager. T) gelb, gelbblond. ) Jude. 9) Hauskappe. Iü) bochur, Junger Mann, auch Talmudjünger. ") Bettlerin. ») Jüdinnen. ") Mehrzahl von Bochur. ") Golus, Exil. Ruwen. Du weißt doch. Zu unseren BerteidigungSorganisationen. Minje. O, Kinder, ihr dürft nicht Weggehen! Ich laß euch nicht! Oder ihr geht über mich. Jekef. Laufen wir lieber alle zu unserem Laden. Weh' mir, unser Laden! Laufen wir! Minje. Was sprichst du, Verrückter? Was Laden? Wer Laden? — Kinder, ihr geht nicht! Ihr bleibt da, bei eurer Mutter bleibt ihr. Lipman. Halt' uns nicht zurück, Mutter. Wir haben uns ohnehin schon verspätet. Jeder Augenblick mehr, den wir aurbleiben, ist ein Verbrechen an der Allgemeinheit. Jekef. Allgemeinheit! Was das für Wörter sind? Allgemeinheit! Drei erwachsene Söhne und keinen Nutzen von ihnen. Nur die Allgemeinheit liegt ihnen im Sinn. Weh mir, wir werden ja mit dem Vettelsack von Haus zu HauS gehen müssen! Ruweu (sich losreißend). Mutter! Minje. Ihr werdet nicht gehen, Kinder. Oder ihr wollt, daß ich sterbe. Ich werd' es nicht aushalten, ich werde verrückt. Kinder, habt Erbarmen! Ist's uns beschieden, umgebrocht zu werden, so wenigstenalle zusammen. Zusammen. Kinder, geht nicht! Jeden Augenblick wird'S mir Vorkommen, daß ihr schön umgebracht seid, daß ihr schon irgendwo zerfetzt und zertreten herumliegt . . . O, Herr der Welt, Herr der Welt! Ruwen. Mutter, es geht nicht. Gib mir den Weg frei! Minje. Kümmert'S dich nicht, daß deine Mutter vor Schreck verrückt werden soll? Daß deine Mutter vor Sorgen sterben soll? Lipman. Mutter, fasse Mut und sei Mensch! Wenn du eine rechte jüdische Mutter bist, so darfst du uns nicht zurückhalten, sollst uns vielmehr noch antreiben, daß wir nicht zu Hause bleiben. Stolz sollst du sein und dich freuen, daß wir so leichten Herzens gehen. Laß uns gehen, Mutter! Sei stark und mutig und wisse, daß. wenn wir schon nicht wie Menschen leben können, so doch imstande sein sollen, wie Menschen zu sterbe». Minje (bricht in Jammern aus und gibt den Weg frei.) Ruwen und Lipman (eilen davon). Jekef (schreit ihnen nach). Kinder! Räuber! Minje (weinend). Weh'mir, weh'mir; Ruwen (in der Tür erscheinend). Wenn ihr Furcht habt, zu Hause zu bleiben, so könnt ihr euch im großen Wald verstecken. Fünfhundert Schritte rechts von Herschel dem Schmied ist das Häuschen des Waldhüters. Sagt ihm, daß ich euch geschickt habe, er wird euch gut verbergen. Wahrscheinlich werden noch viele Juden, die in Angst sind, hinkomnien. Dort werdet ihr alle ruhig sitzen und — euch ängstigen können. (Ab.) Jekef. Räuber sind das, nicht Kinder. Weh mir, weh mir. Betteln werden wir gehen, betteln. Minje. O Gott, mein Gott, daß ich sie doch noch lebend wiederbskomme. R. Mojsche (nimmt daS Streimel') vom Glasschrank und setzt es über dem Käppchen aus). Und jetzt geh' ich auch. Minje. Wohin? Was? R. M o j s ch e. Zu meiner Organisation. Jekef. WaS soll das heißen? Wirklich verrückt! R, M o j s ch e. Du kennst meine Organisation nicht? Merkwürdig. (Scharf.) In die Schulz geh' ich. Das ist meine Organisation. Sie muß beschützt werden, die Sifrej tojreS^) müssen beschützt werden. Jekef. Er, der Beschützer! R. Mojsche. Komm, sei du eS. Minje. Was sprecht ihr, Schwiegervater, ist das für eure Jahre und eure Kräfte? R. Mojsche. Dn bist jünger und stärker, komm mit. Minje. Dar wäre was, ich und ihr. Wir vertragen ja viel. Ein Hieb und fertig wären wir. R. Mojsche. Sprich weniger, Weib, wirst mich nicht abhaltev. Hab' sitzt was gelernt bei denen dort, die fortgegangen sind. Inden, Juden, Juden, können wir nicht leben wie Juden, so sollen wir sterben wie Juden! In die Schul kommt! Nicht zurückhalten sollt ihr mich, sondern gehen mit mir! Nicht verstecken sollt ihr euch, sondern in die Schul sollt ihr gehen, um für unsere Heiligtümer einzustehcn, daß sie nicht von unreinen Händen beschmutzt werden. AuS dem Weg, das ich dir nicht fluche! Minje (gebrochen, macht ihm Platz.) Leon. Großvater, ich fürchte, du wirst allein in der Schul sein. Und wenn man die Schul überfallen wird, wirst du den Sifrej lojres nicht Helsen können und dir selbst den Tod bringen. R. M o j s ch e. Allein werd' ich in der Schul sein? — Aha, ich bin der einzige und letzte! Hahaha. — Allein werd' ich fein. O nein! Ich werd' mich ruckt mehr schämen, daß von meinen Kindern keines dort sein wird. Leon. Behieltest du recht! Ich wünsche dir, du mögest dort nicht allein sein. Dann wirft Du in geringerer Gefahr sein. R. Mojsche. Wozu wünschen? Konim lieber gleich mit. Leon. Bleb' da, und ich werde mein Leben einstellen - . . R. M ojs ch e. Leere Worte! Wenn du mit mir gehen wolltest, ich versperrte dir die Tür vor der Nase und ließe dich nicht hinein. Du willst mich beschützen, nicht die Tojre. Ein Ueberflüffiger wärst du in Gottes Armen, ein Entweihter des göttlichen Namens unter seinen Heiliger». Bleib, wo man dich kennt! Versteck dich im Wald und ängstige dich unter denjenigen, die sich ängstigen. D u, d u hast den Schreck ehrlich verdient. (Macht eine Bewegung zur Tür.) M i r j e. Schwiegervater! Schwiegervater! Jekef. Suchen sich Geschäfte . . . R. Mojsche. Du schweig erst recht, damit ich nicht in meiner letzten Minute Gott danken muß, damit nicht du mir die Augen schließest. — O, Sünder, Sünder! Ihr wisset ja gar nicht, was das heute für ein Tag werden kann. Der letzte Tag Jontew^) ist heute bei uns und er kann der erste bei unserem Gott werden. Gottes Getreue werden seinen Namen heiligen und bald werden verirrte Kinder zu ihrem Vater zurückkehren, verstopfte Herzen werden wieder wahrhaft jüdische Herzen werden und Schwache und Abtrünnige werden wieder stark in ihrem Gotte werden. Heute ist deine Zeit, Gott, heute ist deine Zeit! (Ab.) Minje (wieder in Weinen ausbrechend). Was für ein Tag heut' ist, o Gott, was für ein Tag! Hätte ich ihn nicht erlebt, Herr der Welt! Leon (wie vor sich hin). Der Tag einer großen Abrechnung. Jekef. Allerlei Geschäfte sucht man sich aus und zu dem, was nötig ist, ist kein Mensch da! — Weh' mir, was tut man? Was fängt man an? (Blickt auf Leon.) Weh' mir, unser Laden! Wir werden doch Bettler werden . .. Was tut man? Was fängt man an? Leon (grob). Willst du von mir eine Antwort? Jekef. Nun, gib einen Rat, gib! Leon. Lauf und verteidige deine« Laden. Nimm einen Stock, einen Besen, eine alte Hoischane und verteidige ihn, dein Heiligtum, deine Seele. Jekef. Was, Spott treibst du mit mir, Spott? Mir fließt das Blut aus den Augen und du treibst gar Spott? Leon. Ich spaße gar nicht. Wenn dir der Laden so über alles geht... Jekef. Hör auf mit deinen Spöttereien, sag' ich dir, hörst du? Wirst sehen, wie sich's ohne Laden leben läßt! Wirst wiffe», wie zu spotten, wirst wissen! Leo. Nein, nicht dich verspotte ich, sondern mich selbst. Mich selbst will ich verhöhnen. Wi, blind ich war! Weil ich immer dich vor Augen hatte, habe ich den Großvater nicht bemerkt und meine Brüder nicht. Weil ich immer dich vor Augen hatte, bist du mir das