Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 16 ganze jüdische Volk geworden und es ekelte mich vor ihm. Jekef. Was willst du, was? Was hast du dich angesetzt? Das Blut fließt ohnehin auch nur so von mir! Leon. Was ich will? Bekennen will ich, mein Herz ausschütten, meinen Zorn ausgießen . . . Jekef. Wie gefällt dir das? Schätze! Auf mich willst du vielleicht deinen Zorn ausgießen? Leon. Auf dich, ja, auf dich! Weil du schuld bist, daß mich das ganze jüdische Volk anekelte. Es erschien mir so kleinlich wie du, mit winzigen Groscheninteressen, ohne Herz, ohne Seele, ohne Willen, ohne Streben nach Höherem, ohne Kraft zum Leben und ohne Mut zum Sterben. Und ich haßte es aus vollem Herzen. Ich suchte jede Erinnerung, daß ich Jude bin, in mir niederzuschreien. Alles, was ich vom Juden, von dir in mir hatte, trachtete ich in mir zu entwurzeln, zu vergessen, zu vernichten. Ich wollte mich von dir, von mir befreien. Jekef (der ihm gar nicht zugehört hat). Wirst du aufhören? Als wenn ihm jemand zuhören würde. Wie er sich zerpredigt hat! Leon (blickt ihn mit Verachtuug an). O du.. . Unglücksmensch! Minjs (weinend). Was für Tag heute ist, Herr der Welt, was für Tag! Schluß der ersten Szene des zweiten Aktes. (Im Bethause.) R. M o j s ch e (sich mit Mühe zur heiligen Lade schleppend). Seht, Kinder, das ist unser Gewehr, und Gott wird unsere Hände stärken. Die Hacke nehm' ich. (Hebt die Hacke auf.) Ja, sie ist leicht genug für meine Hände und Gottes Feinde werde ich mit ihr hauen, ken jojwdu! b) — Du großer, nimmst das Brecheisen. Schwer ist es, aber in deinen Händen wird es wie ein leichter Stock sein, die Unreinen zu schlagen, wie S'.mson die Philister geschlagen hat. — Und du, klein und dürr, wie du bist, wähl' dir Säge oder Haue, und sie wird ein gefährlich Gewehr in deiner Hand werden. (Seufzt.) Ein Gewehr bleibt ohne Hände, die es benützen sollen. Schade! — Gott wie klein ist deine Armee! Nur wir drei. Und ich sah doch die Schul' voll Juden! — Wo sind deine Juden, Gott? Wo ist deine Armee? — Oder genügen dir die drei?... (Fährt sich mit der Hand über Gesicht und Bart.) Man darf nicht so denken! Oh, loj almon Jisroel!6) Loj almon Jisroel! Ju, Kinder, ihr zwei seid schon viel. Und wenn ihr zwei zu so hoher Stufe euch erheben konntet, warum soll ich von allen anderen Juden schlechtes denken? Sie werden noch kommen! Kinder, es werden noch Juden kommen! Die auf der anderen Seite der langen Gaffe wohnen, können nicht kommen, weil die Hetzer sie nicht durchlassen, und die... Der d icke B allen. Was für Hetzer! Hat die Hetze schon begonnen? R. Mojsche (langsam). Wußtet ihr's noch nicht? L „ DerDicke. Ich rechnete immer, daß es ohne Hetze vorüber gehen wird. Der dürre Ballen (blickt erschreckt nach Tür und Fenster und beginnt mit den Zähnen zu klappern. R. Mojsche. Was seit ihr so bleich geworden, und warum klappern eure Zähne so? Seit fest, ihr Gottes Soldaten! Kommt hier herauf. Hier, bei der heiligen Lade wollen wir stehen, und fest wollen wir stehen, nicht weichen... Beide Batlonim (werfen ängstliche Blicke «ach Tür und Fenster und hören ihm gar nicht zu. R. Mojsche. Seid fest, Kinder, seid fest und kommt zu euch! Der Dicke. Sind sie schon in der langen Gasse? Wo fing es an? Wo fing es an? R. Mojsche. WaS kümmert's dich, wo und wann? Der Feind ist nah', der Feind kann jeden Augenblick kommen, ihr seid stark und gerüstet. Der Dicke. Ich will euch die Wahrheit sagen, ich hoffe zu Gott, daß sie bis zur Schulgasse nicht kommen werde«. Der Dürre. Ach, gäbe Gott! Wenn sie nur krepierten, ehe sie in die Schulgaffe kommen? R. Mojsche (blickt sie scharf an). Und wenn sie dennoch soweit kommen? Die Batlonim (sehen sich verlegen an und werfen ihre ängstlichen Blicke nach Tür und Fenster). R. Mojsche (lauter). Werdet ihr davonlaufen. Werdet ihr die Schul und die Heiligtümer verkästen? Der Dicke. Ich sag' doch, ich hoff' noch zu Gott... R. Mojsche. Schweig! Sprich nicht den Namen Gottes eitel aus! — (Sich mehr zurückhaltend.) Antwortet, werdet ihr davonlaufen? Werdet ihr euch verstecken? Der Dicke. Sagt doch selbst, Reb Mojsche, wie können wir uns gegen die Gojim stellen? Was können wir gegen sie ausrichten? Wir schwache Juden, Bankdrücker... Der Dürre. Und obendrein noch sozusagen hungrige. Der Dicke. Hungrige! Wir haben doch heute fast nichts gegessen. Ihr glaubt, daß wir hier gelernt 7) haben? Ha! Nun, ich kann euch sagen, daß wir vor Hunger einfach nicht lernen konnten. Und da sollen wir unS gegen gesunde, vollgefressene Gojim stellen?! R. Mojsche. Und kiäuseli haschem?8) Der Dicke. Ist wahrlich eine große Sache, aber wir sind offenbar nicht erwählt dazu. Der Dürre. Ach, ach, ach! Der Dicke. Und was ist da weiter zu reden? So wie wir nur das erste Geräusch hören, sind wir nicht mehr hier. R. Mojsche. Weh mir, was hör ich! Aber wie ich euch früher segnete, so will ich euch jetzt fluchen. Bösewichter seid ihr und verunreinigt die Schul mehr als die Gojim. WaS wollt ihr hier? Was sucht ihr hier? Euer Lernen ist ein Ekel, euer Gottpreisen Gotteslästerung. Fort aus meinen Augen, daß ich daS Eisen nicht zuerst an euren Köpfen brauche! Hinaus, ihr Unreine! Der Dürre (schleich! sich auf die andere Seite der Erhöhung vor der heiligen Lade). Der Dicke. Ihr braucht auch nicht so zu schreien, Reb Mojsche, ihr seid noch nicht der alleinige Hausherr hier. (Schleicht zum Dürren hinüber.) R. Mo js ch e (mit seinem Zorne kämpfend). Und für diese Scheusale dankte ich dir. o Gott! Wo sind deine Juden, o Gott? Wo sind deine Juden? (Auf die heilige Lade fallend, unter Tränen.) Nimm mich zu dir, Gott, laß mich nicht länger leben! Du hast mich zu einem Maggid gemacht, daß ich dein Wort unter deine Juden verbreite, daß ich sie deine Gebote lehre und dir ihre Herzen gewinne. Ich tat es mit meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Seele. Ich sprach zu ihnen und wurde nicht müde. Und jetzt steh' ich vor dir und muß dich fragen: Wo sind deine Juden, Gott? Wo ist deine Armee? Zeig mir sie oder nimm mich zu dir! Ich kann nicht mehr, o mein Gott! (Verbirgt sein Gesicht im Vorhänge. Bald still, mit erstickter Stimme.) Juden, wo seid ihr? (Erhebt sich.) Gott, hast d u mir den Gedanken eingegeben? Schickst d u mich? (Die Arme ausbreitend.) Ich gehe. In den Gaffen werd' ich suchen, an den Türen werd' ich klopfen: Juden, Gottes Haus ist in Gefahr! Juden, Unreine wollen unsere Tojre verunreinigen! Gott, du hast mich getröstet und Freude erfüllt mein Herz. Mein langes Leben lebte ich nur dieses Tages wegen. Wie der Hohepriester Matisjohu ben Jojchonou8) will ich heute alle treuen Juden sammeln, um für ihre Heiligtümer zu kämpfen. Nicht ein einziger und letzter bin ich, sondern ein erster und ein Sammler. Dank dir, o Gott, daß du mich dazu erwählt hast. Mit Scharen, mit großen Scharen werde ich zurückkehren zu deinem Haus. Abtrünnige werden mutig werden und Schwache stark. Sei mein Führer, o Gott! Ich geh, Mi la-adonaj elaj!9) (Mit festen Schritten ab.) Die Batlonim (weichen ihm aus, indem sie auf die andere Seite der Tribüne laufe«). Schl« ß des zweiten Aktes (bei Bankier Herschman). Herschman. Und euch, Reb Mojsche, will ich sagen, daß enu» genug der Komödie ist. Euch ist die Schule wichtiger, «n< das Judentum, und das ist genug. R. Mojsche. Gott Israels, jetzt will ich fluchen! Ich kan« «icht mehr! O «ei« Gott, gabst du mir Träne« und sanfte Worte, so gib »ir jetzt Steine und Spieß« und Galle! So verlaffen deine Schule« und dei«e Heiligtümer vo« ihnen sein «erden, so solle» sie verlasse« sein, ohne Tröster und Beweine»! Die Schande, welche deinen Heiligtümer« angetan «erde, wird, falle auf ihre Köpfe und gebe ihre Name« Spott und Verachtung preis! Der Schmutz, in welchen deine Schemoß'") werden getreten werde«, soll sich ln ihre Lewer einfreffe«, daß kein Wasser ihn abwasche und nicht alle Feuer der Hölle! Herschman. Verrückt geworden, auf mein Ehrenwort! R. Mojsche. Wehe euch, bei welchen die Thora nnr Maske und Geschäft ist! Gottes Zorn auf euch, ihr Verführer und Heuchler! Herschman (zornig auf den Tisch schlagend). Reb Mojsche! Der R o w. Was sind das für Wörter! R. M o j f ch e. O, mein Gott! Nicht in Palästina sind deine Juden und nicht unter Streimeln! Ich bin irre gegangen, o mein Gott, ich habe nicht den rechten Weg gewählt! Aber ich werde noch deine Inden finde», ich «erde deine Arme« noch sammeln! Ojd hajojm godojl — noch ist der Tag groß. Sonne, geh' nicht unter, ich muß noch Juden finden! Gott, beschütze mir dein Haus! (Rasch ab.) Der junge Herschman (lachend). Ist d«S ein Fanatiker! Herschman. Verrückt, einfach verrückt! Aber Maggid wird er nicht mehr sei». Zweiter Dajen (gesenkten Blickes). Ich fürchte auch, daß er nicht mehr Maggid fein «ird. (Weinerlich.) Wir k-nnen nach ihm Kaddifch sagen. Die Uebrige« (senken die Blicke zu Boden, mit gefurchten Stirnen. Tiefe Stille). Schlußszene des Stückes (im Bethause). R. Mojsche (tritt ein, die Türen weit öffnend, hebt die Hände empor, mit Begeisterung). Siehst du, ich öffne die Türe«. O Gott, rch sehe deine Armee kommen. Die Stumme (erblickt R. Mojsche und wehklagt «och mehr). R. Mojsche (sieht nach ihr hin, gleich wieder weg, seufzt. Geht zur heiligen Lade empor, faßt mit zitternden Händen den Vorhang, küßt ihn und verbirgt sein Gesicht in ihm. Dann öffnet er die Lade und küßt die Ssifrej tojres). Die Stumme (verfolgt jede seine« Bewegungen und heult noch stärker). R. Mojsche. Ihr heiligen Tojres, ihr teuren TojreS. Es werden doch noch die kommen, die sich eurer annehmen werden. Ihr werdet doch nicht die größte Schmach erdulden müssen, in Vergessenheit und Verlassenheit beschmutzt zu werde«! Du heilige Tojre, du größte Schöpfung GotteS! Stelle du dich vo» ihn hin und mahne ihn, dir ehestens sein Heer zu schicken. (Verbirgt den Kopf zwischen den Thorarolle«.) O mein Gott, o mein Gott! — Dein Wunder! Gott, dein Wunder! (Steht eine Weile, den Kopf zwischen don Thorarollen, streckt sich dann, trocknet die Augen, beugt sich zur unteren Lade hinab und nimmt Kittel") und Talejßim'^) heraus.) Siehst du, mein Gott, ich bereits für die vor, welch» kommen. Und wenn auch für viele keine Kittel und Talejßim da fein werden, «erden sie nicht weniger heilig und rein in deinen Augen fein. (Legt eine« Kittel an.) Die Stumme (läuft zur heiligen Lade empor, fällt hinein, küßt die Thorarollen und spricht leise jammernd. Dann «endet sie sich mit frommer Miene zu R. Mojsche, schüttelt den Kopf, geht hinab und setzt sich rechts von der heiligen Lade. Sie läßt die Augen nicht von R. Mojsche und heult). ') Sabbathpelzmütze. *) Bethau-. 8) Sifrej tauro. Bücher der Thora, Thorarolle». 4) Feiertag. Das Stück spielt am letzten Tag deS Pafsahfestes. ') So sollen sie zugrunde gehen. *) Israel ist nicht (verwitwet) verlassen. T) Lernen vom Talmudstudium. ') Heiligung des göttlichen Namens. 9) Der Vater der Makkabäer. ') „Wer für Gott ist, zu mir!" Die Namen Gottein den Thoraroll««. ") Totengewänder, welche auch als Bußgewänder an Bußtagen gebraucht werden. **) Gebetmäntel. Beilage zur nächste» Kummer: „Ansmandrrnng und Kolonisation".