Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Jüdisches Volksblatt Seite 5 In politischer Beziehung schloß er sich dem Vereine »Schomer Israel" an und obschon Herr Herr Samuel H o r o w i tz den konservativen Standpunkt seiner Familie bald überwand, scheint er seine politische Richtung doch eine Reihe von Jahren beibehalten zu haben, ohne sich inultrapolnische Lager ü in Goldmann-Feld mann zu begeben. Während seine Stellnng als Finanzmann und mit ihr sein Ansehen stieg, wurde er zum Präsidenten der Kultusgemeinde gewählt, welche Funktion neue Ehren eintrug. Zn Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Seine Majestät Lemberg besuchte, feierte die Lemberger jüdische Gemeinde diesen Moment durch Eröffnung eines neuerbauten (Rosensteitt'scheu) Waisenhauses, welche Feierlichkeit der Monarch mit seinem Besuch auszeichnete. Aus diesem Anlasse wurde auch der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Samuel Horowitz geadelt. Es verlohnt sich noch, Herrn v. Horowitz als Menschund Jude kennen zu lernen:trotzdem mau ihm als zu viel aristokratische Steifheit vorwirft, wodurch er die altjüdische Tugend der Demut und Liebenswürdigkeit im Umgangs mit Menschen vermissen läßt, kann man ihm keineswegs der Hartherzigkeit zeihen, der Mann gab und gibt stets, wenn man an ihn herantritt. Er war der erste Wohltäter, welcher ein Kapital von 100.000 K beim Kulrnsvorstande hinterlegte zum Zwecke der Hsbung der Gewerbetreibenden uuv des Gewerbebetriebes. Dieses Kapital gewährt zinseufreie Darlehen ans Abzahlungsraten, und zwar genießt jedes Gewerbe je zehn Jahre die Unterstützung. Welch eine Wohltat! Wenn denselbeunur größere Kapitalien zur Verfügung stünden: Auf das rei» jüdische Gebiet zurückkommend, kann er sich trotz seiner fortschrittlichen Gesinnung, trotz seiner Antipathie gegen den Zionismus wie die Zionisten von inneren jüdischen Regungen nicht emanzipieren. Dies bewies er. als er im Vereine mit Herrn Salomon Biber, Dr. E. Byk eine ausschließlich jüdische Gemeindebibliothck ins Leben rief und diese reichlich bedachte. Nun erübrigt uns noch die Mitteilung, daß der neugewüylte Handelskammerpräsident Herr v. Horowitz sein Amt am 22. März mit einer sehr beifällig aufgenommenen inhaltsreichen Antrittsrede übernahm. Was unseren Standpunkt als nationaljüdische Berichterstatter anbelangt, welche das Heil unseres Volkes nicht in jenen halben oder dreiviertel assimilatorischen Kapazitäten, und Geldgenies suchen, können wir doch nicht umhin die Wiederbesetzung des Handelskammerpräsidiums mit einem Juden freudigst zu begrüßen. Befinden wir uns ja unter abnormen Zuständen, wird ja den Juden in Galizien dar Krieg erklärt vom Staate, vom Lande und von der Stadt, selbst werden wir doch Schritt für Schritt von der todfeindlicheu Hand zurückgehalten und um unsere Existenz gebracht, und bleibt uns nur der Kampf auf dem Gebiete des Handels noch erhalten. Samuelsohn. (Erwiderung.) Es war richtig ein Stich in ein Wespennest. Nun Hab' ich es mit zwei Diplomen zu tun. Auf den Dr. D i a m a n t ist ein Dr. K i n s b r u n n e r, auf die komische Person der Rabulist gefolgt, der nicht nur behaupten, sondern auch „beweiset:" will. Welch eine rührende Solidarität zweier gleichgestimmter Seelen! Pufft man den einen, schreit der andere „Zeter", nennt man den einen „Narr", meldet sich der andere „Hier bin ich". Und dabei welch eine Kongenialitüt der Albernheit zweier doctissimi viri, die von den historischen Remeniszenzen der Gymnasiastenzeit noch immer verfolgt werden und die Neigung zu superlativer Uebertreibung nicht abzulegen vermögen! Was wurde ich nicht alles genannt? Der eine nennt mich in diesem Blatte einen „verantwortungslosen jungen Mann". Das wäre aber Zuckerbrot gegen die Epitheta, die er mir in einem anderen jüdischen Blatte beilegt. Dort vergleicht er mich nacheinander mit Herostratos, Ephialtes und Macchiavelli. Der andere nennt mich einen Tersites, gleich darauf eine lokalgeschichtliche Persönlichkeit, und zieht mit einer ganzen Reihe von zitierten und unzitierten Literaturgrößen gegen mich zu Felde. Albernheit entwaffnet und ich habe bei diesen Vergleichen mit den düstersten Gestalten der Geschichte herzlich lachen müssen. Was ich den guten Leutchen wohl getan haben mag, daß sie im Paroxysmus des Hasses so sehr alle Vernunft und Selbstbeherrschung verlieren? Es ist ja möglich, daß die schmerzliche Empörung meines Reinlichkeitsgefühls beim Anblicke des Herrn Dr. Mar Diamant sich manchmal unwillkürlich in meinem Gesichte ausgeprägt hat. und daß die ausgerenkten Arme und die vi8 cornica, die dieser Mann ausströmt, mich mehr als nötig gekitzelt haben. Aber es ist eine Sünde, die ich mit vielen, vielen teile, bereu Sinn für Komik nicht gänzlich abgestumpft ist. Es ist des ferneren möglich, daß ich bei den rhetorischen Uebungen des Herrn Dr. Mendel K i u s b r u n n e r manchmal eine moquante Bemerkung nicht unterdrückt habe, wenn dieser ewige Vorzugsschüler, von Adam und Eva ausgehend, den Periodenbau des Demosthenes unglücklich kopierte und die erschreckte Zuhörerschaft mit einem Zitatenregeu aus aller Herren Länder überschüttete. Wer mit dabei war, werfe den ersten Stein aus mich! Auch ist es wahr, daß ich einer farbentragenden Verbindung augehüre, die diesen Herren ein Gräuel ist, das; ich mir kein Blatt vor den Mund nehme und einen Esel — einen Esel zu nennen gewohnt bin. Aber, mein Gott, welcher Mensch ist fehlerlos. Aber sei dem wie immer, Tatsache ist, das; ich auf diese Leutchen wie das rote Tuch wirke, so sehr, daß ihnen keine Lüge, keine Entstellung schlecht genug ist, wenn sie nur gegen mich verwendet werden kann. Ich muß, so sauer es mir wird, ans einige dieser Anwürfe doch erwidern. Dr. K i n s b r it n n e r wirft vor, daß Univ.-Prof. Dr. v. H a l b a n im Kolleg, als ich noch im ersten oder zweiten Seinester mich befand, eine Kundgebung von mir zurückgewiesen hätte. Ich nenne das eine drei st e E n t st e l l u n g der Wahrheit, eine b c w u ß t e L ü g e. Herrn Kinsbrunjner konnte es nicht unbekannt sein, daß dieser Anwurf, den schon einmal ein Bube gegen mich vor mehr als fünf Jahren erhoben hatte, von P r o f. v. H a l b a n f e l b st zu Beginn einer Vorlesung vor mehr als 1 O O Hörern in der eklatantest e n it n b u n z w e i d e u t i g st e n Weise widerl e g t w u r d e. Auch sucht Herr K i n s b r u n n e r mein Verhalten gegen diesen Professor und den akad. Senat als einen Ausfluß meiner servilen Gesinnung hinzustellen. Dies klingt um so possierlicher, als ich im selben Atem als destruktives und oppositionelles Element um jeden Preis hingestellt werde. Nein! Nicht ich, Herr Kinsbrnnner, bin der Speichellecker. Bin es nie gewesen! Sie wissen ganz gut, daß ich als ein einzelner Ihnen und Ihrem ganzen Troß mich gegenüberzustellen den Mut habe, was schon aus Ihrem zähneknirschenden Haß hervorgeht. Viel eher verdient diesen Vorwurf ein gewisser Herr Mendel Kinsbrnnner, der im Dezember 1900 die „Hasmonaea" in einer der „Welt" eingeschickten Berichtigung angriff, weil sie aus Anlaß des 25jährigen llniversitätsjubilämns gleich den anderen nationalen Verbindungen einen Festkommers veranstaltete, während derselbe Mendel Kinsbrnnner, cand. jur., drei Wochen früher an denselben akad. Senat eine von Loyalität triefende Kundgebung richtete. (Siehe „Buk. Post" vom 4. Dezember 1900.) Wenn dies Nackensteife ist, dam: allerdings ist Prostitution Tugend. Und nun zur Stipendiumgeschichte. Ein jüdischer Student war entgegen dem Stistbriefe bei Verleihung eines Stipendiums zurückgesetzt worden. Dagegen unternahm die jüdisch-nationale Studentenschaft einmütig eine Agitation. Mit Erfolg. Rektor und Dekane empfingen die Deputation auf das freundlichste und es wurde ihr, kaum daß sie die Beschwerde vorgetragen hatte, eine überraschende Mitteillmg zuteil. Der Senat hatte sein e n B e - s ch l uß schon vor E m p f a n g der Deputat! o n r ü ck gängig ge m a ch t und das S t i p e n d i u m b c ui jüdi - s ch e n P e t e n t e n z u g e w i e s e n. lieber dieses Entgegenkommen herrschte allgemeine Freude und gerade der Vertreter der Verbindung des Dr. Kiusbrunuer lvar es, der dem Rektor für sein loyales Verhalten, seine Liberalität u. s. s. die schmeichelhaftesten Worte spendete. (Siehe „Buk. Post" vom 2. Juni 1901.) Wenige Tage darauf fiel ein anderes Mitglied derselben Verbindung — der b e i der Deputation noch als Vertreter der jüdischen Finkenschaft zu fungieren vorgab — in einem Pamphlet über den akad. Senat wegen derselben Stipendiumangelegenheit her und schrieb u. a. nichts weniger als: „Hört, ihr Herren vom akademischen Senat, die ihr eure Irrlehren verpflanzet ..." u. s. f. Die gesamte anständige jüdische Studentenschaft war empört. Nach dem Entgegenkommen des Senates war dieser Ueberfall doch eine unerhörte Provokation. Dazu schien nmit geneigt, sie der gesamten jüdischen Studentenschaft in die Schuhe zu schieben; denn der Artikelschreiber war Mitglied der Deputation, die beim Rektor vorgesprochen und ihn ihres Vertrauens versichert hatte. Ich wies in einem über Drängen vieler jüdischer Studenten publizierten Artikel die Anwürfe zurück und erklärte, daß jenes Pamphlet rt,: i ch t i m N ei in c n d e r j ü d i s ch e n S t u d e n t e n s eh a f t veröffentlicht w o r d e n s e i. Ich habe die jüdische Studentenschaft vor einer Blamage bewahrt, die überdies betrübende Konsequenzen in dem Verhältnisse zwischen Senat und der jüdischen Studentenschaft hätte zur Folge haben können. Das ist aber nach Ansicht des Herrn Kinsbrnnner ein Fehler und er kann mir dies nicht oft genug vorloerfen. Dazu aber schreibt er selbst über jenes Pamphlet seines Genossen als von einer: „. . . . Taktlosigkeit, den Artikel n a ch Fried e n s s ch l u ß publizieren zu lassen". Dr. Kinsbrnnner hat auch an meinem politischen Verhalten etwas auszusetzen. Er wirft mir vor, ich hätte von Errungenschaften der „Freisinnigen" geschrieben, während diese die jüdischen Bundesgenossen verraten hatten. Das ist erlogen. Ich schrieb darüber zu jener Zeit, als das. ganze Land in einem Freudentaumel über das Befreiungswerk jauchzte. Dr. Kmsbrunners Gesinnungsgenossen agitierten doch selbst bei der Wahl. Ich bin ferner in einem Artikel „Die jüdischen Autochthonen der Bukowina" für die gerechte Forderung eines jüdischen Landesausschußbeisitzers eingetreten, habe unentwegt zur politischen Ralliierung der Judenschaft aufgefordert und als hernach die Landtagswahlreform von der einen Seite gelobt, von der anderen Seite als für die Juden der Bukowina äußerst nachteilig bezeichnet wurde, habe ich unter gleichmäßiger Verteilung van Licht und Schatten sowohl die Vorteile als Nachteile dieses Reformwerkes gewürdigt und dabei hauptsächlich daraus verwiesen, daß bei gehöriger Organisation die Inden trotzdem eine beträchtliche Anzahl von Mandaten erzielen könnten. Ich habe wiederholt hervorgehoben, daß durch eine Verständigung von Volk zu Volk doch viel mehr zu gewinnen sei als durch Radau und ohnmächtiges Fäusteballen. Mag ich mich hierbei auch im Widerspruche mit wenigen anderen befunden haben, jedenfalls war es meine, von meinem Gewissen diktierte, mit meinem Namen vertretene Ansicht, die übrigens auch von unserem Führer Herrn Dr. S t r ei u ch e r und allen politisch Reisen noch heute geteilt wird. Mag Herr Kinsbrnnner mit wenig Kopf und viel Gegenteil noch so vorzügliche Studienzeugnisse erworben haben. Politische Dinge sind nicht Latein und Griechisch, auch nicht Paragraphenkram, und ich bin deshalb so frei, seine Autorität auf politischem Gebiete in Zweifel zu ziehen. Genug über genug. Ich will die Polemik schließen und gedenke, sollte auch noch ein dritter oder vierter „Gegner" ans den Plan treten, nicht mehr zu erwidern. Aus mehreren Gründen: E r st ens: Weil das konziliante Entgegenkommen eines den jüdischen Gesamtinteressen dienenden Blattes nicht durch persönliches Gezänk mißbraucht werden soll. Z weiten s : Weil mir ohnehin die Polemik mit diesen Herren widerlich ist.