Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ar. 16 Jüdisches Volkablatt geois liberalismus zusammenschcumpfte.Die dcutschliberale Verfassungspartei und ihre Nachfolgerin, die „vereinigte Linke", war lange Zeit die ausschließliche Vertreterin der Interessen der deutschen Bourgoisie, nachdem durch den u n g l ü ck s e l i g e n Dualisn: u s, die ungarische Reichshälfte ihren magyarisch „liberalen" Gesinnungsgenossen auSgeliefert war. Eine Zeitlang schien infolge e rk ü n st e l t e r Wahlordnung der verschiedenen cisleithanjschen Vertretungskörper dem Fernbleiben der tschechischen Abgeordneten auS dem österreichischen Reichsrate das Ziel deutfchbürgcrlicher Politik sich zu verwirklichen, aber es war nur trügerischer S ch e i n. Die produzierenden Volksschichten der deutschen Bevölkerung entfremdeten sich der liberalen Partei innner mehr, die nichtdeutschen Nationalitäten wurden ihre unversöhnlichsten Gegner und nur die Juden allein erblickten in diesem deutschen Liberalismus nicht etwa bloß den einzigen Anlvalt ihrer Interessen, sondern auch die einzige — mögliche österreichische Staatspartei. Wie sehr diese Anschauung auf Sand gebaut war, zeigte die spätere Entwicklung. Die deutschliberale Verfassungspartei nahm gegen die Okkupation Bosniens und der Herzegowina in überwiegender Majorität Stellung und setzte sich dadurch zur österreichischen Dynastie in Widerspruch, welche die Okkupation Bosniens und der Herzegowina zur Wahrung und Erweiterung der politischen und wirtschaftlichen Position Oesterreichs am Balkan für unumgänglich notwendig hielt. Damit hatte die liberale Partei, die nach unten bei Deutschen und Nichtdeutschen immer verhaßter wurde, sich auch nach oben unmöglich gemacht. Ihr Schicksal war entschieden! Graf Taaffe kam. Die tschechischen Abgeordneten traten, allerdings mit einer Rechtsverwahrung, gegen die geltende dualistische Dezemberverfassung in den Reichsrat ein, es bildete sich die Majorität der Rechten „und ein Regierungssystem, nicht (wie die Abgeordneten der „Linken" erklärten), gegen die Deutschen, wohl aber gegen die - - liberale Partei". In diese nun folgende Zeitperiode vom Jahre 1880 bis zum Jahre 1800 fallen nun die Hauptfehler der österreichischen Juden resp. ihrer assimilatorischen Führer. Die in diesen: Zeitabschnitte begangenen S ü nd e n sind so echt und recht die K o n segne n z e n der Assimilation s Politik. An ihnen kann inan so recht praktisch zeigen, wohin jene Judenpolitik führt, die die Juden nicht als nationale Individualität, sondern als Anhängsel der einen oder anderen fremdnationalen Partei betrachtet. Graf Ta a f f e tschechischen klerikalen kann nur als Perfidie bezeichnet und muß mit 'aller Entschiedenheit bekämpft werden. Es obliegt mir noch die Pflicht, einige Worte über die Aufführung selbst zu verlieren. Lessing sagt an einer Stelle in der Dramaturgie: „Einen schlechten Dichter kritisiert man gar nicht, mit einem mittelmäßigen verfährt man gelinde, gegen einen guten ist mar: unerbittlich." Ich appliziere diese Worte auf die Schauspieler und — kritisiere gar nicht. Ich möchte den Künstlern vom heiligen Methodius nur den Rat geben, wenn sie schon keine Zeit haben, ihre Rollen halbwegs auswendig zu lernen, wenigstens auf den Souffleur anfzppassen, der so laut vorsagte, daß man ihn, ohne zu übertreiben, rückwärts so gut hörte wie die Schauspieler. Es wäre auch geboten, daß die St. Methodianischen Thaliasöhne ihre Aufmerksamkeit ein wenig aufbieten, damit sie nicht durch Verwechslung von Worten Unsinne sagen, die ein neben mir sitzender, höchstens zehnjähriger Knabe schrecklich blöd fand. Das Publikum rekrutierte sich ausschließlich aus Lehrbuben, Gesellen und Dienstmädchen. Die ersten Reihen hatten einige Meister mit ihren Frauen und Kindern eingenommen. Statt Theaterschals herrschte das Kopftiichel vor. Wenn ein bessergekleideter Mensch hereinkam, scheint es Aufsehen erregt zu haben. Wen ich bei der Vorstellung vermißte, das waren die Anreger derselben, die geistlichen Herren. Sie hatten wohl keine Lust, sich den Magen zu verderben, und überließen es ihrer gefügigen war kaum noch über sein Programm sich klar geworden, im Ministerium saßen noch einige dcutschliberale Minister, und trotzdem stimmte schon die „judenliberale" Presse sowie die Führer der liberalen Juden unisono mit den übrigen Deutschliberalen und der erst im Keime begriffenen Schönererpartci ein Huronengcschrei über das „bedrohte Deutschtum" und die „drohende Slawisierung" an. Unter den ärgsten Schreiern prangten Eingewandertc aus Walachisch-Meseritsch, Tarnopol, Tyrnau! Vergebens versprach Graf Taaffe einer jüdischen Deputation die Stellungnahme gegen den Antisemitismus, wenn die Juden die Hand zu einer den Ausgleich der nationalen Gegensätze erstrebenden ö st e r r e i ch i s ch e n Völker Partei böten. Aber die Wortführer der österreichischen Juden waren nicht nur blind und taub für das, was Taaffe wollte, für die Peitschenhiebe und Ziele der Verb ü n d e t e n Schönerianer, sondern auch für die Warnungen und Mahnungen des — „Weisen von Emmersdorf", des Veteranen der Demokratie, des Volksgenossen Dr. Adolf F i s ch h o f. t Fortsetzung folgt.) Politische Wochenschau. Die Bürgermeisterwahl in Czernowitz ging nun doch in vollstem Einverständnisse aller Parteien vor sich und so wurde der gewesene erste Bürgermeister von Czernowitz, Dr. Eduard Reiß am 11. d. M..einstimmig zum Bürgermeister gewählt. Das Endresultat mag uns den unschönen Kampf vergessen lassen, der dieser Wahl voranging. Aber unvergessen soll es bleiben, daß es wieder die Deutschen waren, die den Frieden der anderen Nationalitäten zu stören versuchten und gegen Dr. Reiß nichts anderes vorzubringen vermochten, als daß er — Jude ist. Läßt auch die Stellung der freisinnigen Vereinigung in Czernowitz den Juden gegenüber i:t manchen Belangen zu wünschen übrig, so ist es doch mit Freude zu begrüßen, daß sie bei der Bürgermeisterwahl wieder die Führung hatte und einen glänzenden Sieg davontrug. '* * * Hebet die Nationalautouomie äußert sich Roman Sembratowycz in der jüngsten Nummer der von ihm redigierten „Ruthenischen Revue" wie folgt: „Es ist einleuchtend, daß die Grundfesten der Donaumonarchie sehr locker sind und eine nicht besonders glänzende Aussicht in die Zukunft gestatten — wenn sie aber heute noch nicht nachgeben, so ist das weniger dem inneren Kitt, als den äußeren llniständen und dem durch diese mamuntmKmmmumBmmmmmmmmmmBammmmmmmmmammm Herde. Nichtsdestoweniger fanden sich auch unter diesem Publikum einige Leute, die nach dem ersten Akte den Saal verließen und nicht gesonnen waren, den Mumpitz tveiter anzuhören. Das andere Publikum scheint sich ziemlich gelangweilt zu haben. Nur hie und da, lvenn der Jude seinen Schachergeist hervorkehrte, hörte man ein lautes Aufkichern. Der Beifall, der den: Stück und den Darstellern gezollt wurde, .war sehr zurückhaltend. —r—th. Huntes Feuilleton. Der verjudete preußische Adel. In Preußen, wo bekanntlich ein Jude nicht einmal Unteroffizier werden kann, vermischt sich der Adel mit Vorliebe mit der jüdischen Hochfinanz. Einige, vom „Frkf. Finanzbl." angeführte Beispiele mögen dies belegen: Fräulein Lili G u t m ei n n, die Tochter deS während des Hibernia-Streites so viel genannten Direktors der Dresdener Bank ist die Gattin des Rittmeisters in: ersten badischen Dragoner- Regiment Nr. 21 in Schwetzingen, Freiherrn von H o l z i n g - B e n st e t t, des ältesten Sohnes des badischen Oberstallmeisters. Eine Tochter des 1897 nobilitierten Geheimen Kommerzienrates und dänischen Generalkonsuls Ernst von M e n d e l s s o h n - B a rtholdy, aus dessen Ehe mit Maria geborenen Warschauer vermählte sich 1898 mit dem jüngsten Sohne des durch seine erzeugten Beharrungsvermögen zuzuschrciben. Selbst vorausgesetzt, daß dieses Beharrungsvermögen die unmittelbar bevorstehende Zukunft Oesterreichs vor größeren Erschütterungen assekurieren dürfte, muß die alte Donaumonarchie auf dem eingeschlagenen Wege einem — sogar für die stärksten Pölker Oesterreichs sowohl in kultureller, wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht — verhängnisvollen Wirrwarr entgegengehen. So müssen denn die österreichischen Staatsmänner an die Schaffung einer neuen Grundlage der ReichSersttenz schreiten und diese kann n u r n a t i on a l e Autonomie heiße::. Solange in einzelnen Kronländern priviligierte Böller nach Belieben schalten und walten, die Ausnahmsmaßregeln gegen die anderssprachige Bevölkerung in Anwendung bringen dürfen und als die höchste Instanz in nationalen Angelegenheiten betrachtet werden, solange kann von dem inneren Frieden im Staate keine Rede sein! I n d e r L ö s u n g der n ati o n a l e n Frag e liegt die Lösung der österreichischen Krise. Aus der Misti scheu Heulegnng. Das zionistische Aktionskomitee hat, wie wir seinerzeit berichteten, beschlossen, die Durchführung des 1l g a n d a Projektes, falls der Kommissionsbericht günstig lautet, den großen jüdischen philanthropischen Gesellschaften anheimzustellen. Mit den Unterhandlungen wurden zionistischerseits die Herren W o l f f s o h n und Dr. Alex. M a r m or e k betraut. Diese richteten nun an die angedeuteten Wohltätigkeitsgesellschaften das schriftliche Ersuchen, sich an der im Anschluß an den Kongreß abzuhaltenden Ugandakonferenz durch einen Delegierten zu beteiligen. Nun liegt der Beschluß der A n g l o I e w i s h A s s o c i a t i o n, der für diese Frage wichtigsten Gesellschaft, bereits vor. In einer vorige Woche abgehaltenen Direktionssitzung wurde nach längerer, mitunter stürmischer Debatte der Vermittlungsantrag Sir Philipp Nk a g n u s mit 14 gegen 0 Stimmen angenommen, wonach die Änglo Jewifh Association die Einladung des zionistischen Aktionskomitees a n n i m in t, ihrem Delegierten jedoch den Auftrag gibt, unter Berufung des Wirkungsprograünnes der Gesellschaft zu erklären, daß die Assoziation sich nicht veranlaßt s e h e, an der Durchführung des Ugandaprojektes —- wie innner der Bericht der Kommission lauten möge — zu beteiligen. Im Verlause der Sitzung wies der Präsident der Gesellschaft, Mr. Claude M o n t e f i o r e, darauf hin, daß auch die I e w i s h Colonis a t i o n Association (Jca) eine solche kirchlichen B e st r e b u n g e n bekannten Grafen Z i e t e n - S ch w e r i n, dem Legationssekretär Albert v. Schwerin. Den allmächtigen Gebieter der Diskontogesellschaft Adolf von Hansemann überlebte nur eine Tochter Davida, die 1890 dem damaligen Leutnant bei den Kaiser Franz-Gardegrenadieren, jetzigen Hauptmann a. D. Richard v. F ü r d e r s i n, dem Sohn des verdienten Artilleriegenerals, ihre viel begehrte Hand gereicht hatte. Auch Fräulein Else v. Bleichröder, des „alten Bleichröder" einzige Tochter, wurde durch ihre erste, 188/ geschlossene Heirat die Gattin eines Berliner Gardeoffiziers,des Kürassierleutnants Bernhard v. N e ch t r i tz u n d S t e i n k i r ch; man weiß, daß diese Ehe von Anbeginn an, einen sehr u n g l ü ck l i ch e n Verlauf nahm und schon nach wenigen Monaten geschieden wurde; die ehemalige Frau v. Uechtritz ist jetzt eine Baronin B i edermann de Turony und hat in Ungarn eine zweite Heimat gefunden. Die Töchter des Herrn Wilhelm v. Krause, des Eigentümers des Bankhauses F. W. K rau s e heißen Frau von Vo ß, Gräfin Hacke und Frau v.Zitzewitz. Der Generalmajor Grafen Hans-Bogeslaw Hacke, dem eine große Zukunft vorausgesagt wurde, starb 1901. Sein älterer Bruder, Graf Kurt Hacke hat eine Tochter des Bankiers Oskar H a i n a u e r zur Frau, von deren Schwestern die eine Freifrau von Z edlitz- Nenkirch, die andere die Gattin des englischen Zeitungskorrespondenten George