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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 aber unser Volkstum eingebüßt haben. Die Revolution, die jetzt in Rußland mit der unerbittlichen Gewalt ringt, ist eine Bewegung, die uns entweder ganz befreien, oder uns den letzten Todesstoß versetzen wird! Die Lage und Forderungen der österreichischen Inden. Voit Dr. Hermann Kubisch. I. Gibt es eine Judcnfragc? Wenn man die gegenwärtige Zeitpcriode, die sie bewegenden Zeit- und Streitfragen, so wie ihren Zusan»menhang verstehen will, so muß inan von den-verwirrenden Einzelerscheinungen des Tages absehen, sich darüber klar werden, tvas allen diesen Kämpfen gemeinsam ist, dailn wird-man auch die richtige Signatur finden. Es gilt den Sl a m p f de s P r i n - z i P e s d e r A u t o »t o nt i e g e g o n d a s H c r r s ch a f t s p r i»»z i p. Der Mampf der Nationalitäten »tub Rassen gegeneinander, sowie der Kampf zwischen ^läat und Kirche ist in letzter Linie nichts anderes als ein Kampf für die Autonomie der eilten gegen das Bestreben der anderen, sie 31t beherrschen. Auch das große soziale Problem, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit gipfelt ja in nichts anderem, als in dein Gegensätze des Herrschaftsprinzipes zunt Gcnossen schaftsprinzipe, das allein imstande ist, die wirtschaftliche Solidarität der autonoinen Individuen herbeiznführen. * * * Ein eigentümliches Schicksal hat es nun gewollt, daß dasjenige, lvas das Wesen der Juden frage bildet, durch die Diaspora der Juden einerseits lind durch die historische Entwicklung andrerseits in einem engen Zusammenhänge steht mit den nationalen, kirch lichen und ökonomischen Kämpfen der gesamten Kulturmenschheit. Wer diesen Zusammenhang übersieht, wird nie zu einem richtigen Verständnisse der Judenfrage und nie zu einer and) nur theoretisch richtigeil Lösung derselben gelangen. Daß es eine Judenfrage gibt, haben bis vor wenigen Jahren fast nur die Antisemiten behauptet, daß eine Judenfrage faktisch eristiert, bezweifelt in der Gegenivart nur jener geringe Prozentsatz von Juden und Ariern, für welche die Ableugnung der Existenz der Jtldenfrage entweder eilt integriereilder Bestandteil ihrer Geschäftsinteressen oder — ihres ideologischen Programmcs bildet. In dieser Tatsache allein spiegelt sich der Wandlungsprozeß deutlich »vieder, den die Geister der letzten Jahrzehnte bemehr Glaubeit als Slavik. Er tut es schon darum, weil er die Liebe, die seine Tochter zu Slavik hegt, nicht begünstigt, sondern zu vereiteln sucht. Es bietet sich ihin Gelegenheit, sich des unbequemen Schwiegersohnes zu entledigen, indem er ihn zum Tode verurteilt. Slavik wird hingerichtet. Indem das Publikum im Begriff ist, die Hinrichtungsstätte zu verlassen, kolumt ein Bote ltitö meldet, daß die Judeit das Rosentor den Schivedeil geöffnet haben. Jetzt erst erkennt der Bürgermeister, daß er von Bathnel überlistet wurde. Statt die Katastrophe dichterisch barzustellen, schreibt der Verfasser hier eine Verwandlung vor. „Ein Bild, das den Sieg über die Schiveden und Juden iil der Rosengasse darstellt, nach Gutdünken des Regisseurs l!>. Int Vorder gründe der Bürgermeister, deii Jude»» Bathnel tötend. Man hört Läuten, Trommeln und Kriegsmusik." So hat sich Lipovsky der allerdings schivierigeit, aber doch notwendigen Aufgabe, die Katastrophe 311 schildern, entwunden. Das Nachspiel ist nicht tini eilt Haar besser gelungen als die vier Akte. Durch das ganze Nachspiel hindurch stirbt Ludmila zur Strafe, weil ihr Vater einen Justizmord begangen hat. Ich habe bei der Inhaltsangabe auf einige Unztlkönmtlichkeiteii des Stückes hingewiesen. Um einem cDcntucIXen Vorwurf, daß ich als Jude Parteiisch geurteilt hätte, vorzubeugen, zitiere ich die aiis der Feder des bedeutendsten tschechische»» Kritikers Z a k r e j s stamnlende Rezension. Zakrejs schreibt in seinen „Mo,v bledy literar»»i" lLiterarische Rundschau» der .lückisobes Volksblatt züglich der Judenfrage dlirchgemacht haben, und zwar nicht nur in Sesterreich, Deutschland und .Rußland, sondern auch in Frankreich. England und nahezu in allen übrigen Knltnrstoaten. Die Judenfrage, ivelche früher nur durch Judenverfolgungen in Rußlaiid und .Rumänien der Kulturivelt, ja sogar deii Inden selbst in Erinnerung gebracht ivnrde, ist heute eine so brennende, mag malt sie nun von nationalem oder sozialem Gesichtspunkt ans betrachten, daß jeder Kulturmensch, insbesondere wenn er Jude ist, die Verpflichtung bat. durch Klärung derselben einen Beitrag zur Lösung zu liefern. Allerdings muß man sich bei den Lösungsver suchen, mögen sie mm die Judenfrage, das A'ationalitätenproblein, oder die soziale Frage betreffen, mit ivelchen beiden, ivie bereits früher erlvähnt, die Judenfrage auf das engste verquickt ist, vor dem verhängnisvollen Irrtum hüten, daß irgend tvelcheLösung eine endgültige iß. In der Entwicklung der Individuen, Völker und Staaten gibt es keine Endziele, sondern mir Etappen und Entlvicklungsstadien. Es kann sieh immer nur darum handeln, welche Etappe in einem gelvissen Zeitraunte von einem Jndividmu, Volke und Staate zuriiekgelegt werden kann. Es iß nun eine unbestrittene Tatsache, daß in allen Staaten, lvo ein großer Prozentsatz von Juden vorhanden iß, eine Art llnbehagen der nicht jüdischen Bevölkerung sich gegen dir Judenals „nationale Fremdlinge", als „Nichtchristen", als „kapitalistische Ausbeuter" äußert. Das hat ja dem Antisemitismus zu jener ungeheuren Blüte und zu jener riesigen Ausdehnung in Sesterreich verholfei», daß in ihm sich der Rassenfanatismns, die konfessionelle Unduldsamkeit und der „Sozialismus des dummen Kerl" konzentrieren. Bei einer Behandlung der Judenfrage muß also in gleichem Maße das 'Rassenmoment wie das ökonomische berücksichtigt werden, um zu einem vollständigen und nicht nur teilweisen Verständnis der Judenfrage zu gelangen. Notwendig iß es auch, dabei sich vor Generalisierung zu hüten, und zwei Extremen fernzubleiben. Das eine Ertrem leugnet überhaupt eine universelle Judenfrage, das andere rechnet wieder nicht mit den verschiedenen politischen und sozialen Verhältnissen in den Staaten, in denen die Juden leben. Trotzdem es eine u n i v e r s e l l e I u d e n f r a g e gibt, trotzdem alle Juden ein gemeinsames Interesse haben oder haben sollen, als g l e i ch b e r e ch t i g t e s Volk und nicht als Parias oder Anhängsel anderer Völker s i ch z u e n t w i ck e l n, liegen doch die Verhältnis s e s p e z i e l l i n O st - u n d W e st e u r 0 Pa s e h r v e r s ch i e - d e n. „Osveta" vom Jahre 1S74 auf Seite 158 ff: „Leider müssen »vir uns jetzt zu einer sehr traurigen Arbeit wenden. „Der Jude aus Wischau" von Lipovsky ist eine in jeder, aber jedlveder Beziehung mißlungene Schrift. Es ist ein travestiertes Stück und zugleich selbst eine Travestie! Ein farbloses, stellenweise bis ins Lächerliche gehendes Phrasengedresche: statt Eharaktere zeichnet Lipovsky puppenhafte, lächerliche Schemata. Es mangelt an Motivierung, es mangelt an Struktur, es mangelt an Grundidee, dafür aber hat das Stück zwei überflüssige Akte und einige teilweise oder gänzlich unnütze Szenen. Das »vären die hauptsächlichsten, aber keineswegs einzigen Fehler des „Juden aus Wischau". Was können »vir dagegen hm? Nichts als dem Herrn Lipovsky sagen, er möge derzeit die Schrift stellerei lassen und sich zuerst mit den literarischen Vorlagen ltnb Gesetzen bekannt machen." Es liegt mir die Absicht ferne, Lipovsky heute einen Vonvurf über ein Strick zu machen, das er vor mehr als dreißig Jahren als junger Mann schrieb. Es war aber doch nottvendig, das Stück zu besprechet», um den Geschmack der Herren vom heiligen Methodius zri charakterisieren. Es ist keiir Zufall, das; der betreffende Verein gerade dieses Stück gewählt hat. Gibt es doch herrte in der tschechischen Literatur Dramen von ganz vorzüglicher Qualität. Hat doch die tschechische Literatur Naiueu »vie K l i c p e r a, T y l, I. I. K 0 l a r aus älterer Zeit, V r ch l i c k y, I e r a b e k, B 0 z d e ch, Z e y e r lind S t r 0 n P e z nick y aus iV.!6 In R ll ß l a n d tl n 0 R tl m ä tt i c u, wo die Juden nicht nur politisch rechtlos sind, sondern alich in absehbarer Zeit an keine poli tische Tätigkeit denken können, ja nicht einmal eine Scholle Boden als ihr ultantastbarcs Ei gentum, als ihre dauernde Heimstätte ansehen können, ist für sie begreiflichertveise das »v i ch t i g st e e i n e H e i m st ä t t e, ein dalierndes Vaterland zu besitzeil. A n d e r s liegen aber die Verhältnisse in den »vesteuropäischen Staaten und speziell iit O e st e r - r e i ch. Es läßt sich also k e i n Schema für die Lage der Juden in allen Staaten aufstellen; die politische lind »virtschaftliche Situation, das Bildungsniveau, die soziale Struktur und die Eiinvohnerzahl, solvie die Wünsche lind Bedürfnisse der Jliden Sst- und Westeliropas, ja sogar in den einzelnen Staaten West-Europas sind zu verschieden. Es kanil daher nichts Verkehrteres geben, als zli generalisieren und für die gesamten Jndeil der Erde ein vollkommen identisches Programm solvie dieselbe Taktik in allen Staaten vorzuschlagen. * -i- * Tie bisherige Politik der österreichischen Juden. Im nachfolgenden »verden »vir uns daher ausschließlich mit der Frage beschäftigen: Welches sind die Motive der derzeitigen traurigen politischen und »virtschaftlichen Situation der österreichischen Juden und auf Grundlage »velches politischen Programines müssen sich die Juden Oesterreichs organisieren. * * * Als in Oesterreich das absolutistische Regime einem konstitutionellen Platz »»»achte und die Aera des Liberalismus anbrach, da standen die Juden in den ersten .Reihen seiner, eifrigsten Verfechter. Sie harrten auch dann noch bei der „liberalen" Fahne aus, als es sich herausgestellt hatte, daß die sogenannten „Judenliberale»»" den Forderungen der österreichischen Gesamtbevölkerung und speziell denen der Juden »veder imstande noch gesonnen seien, Genüge zu leisten. In der Blüteperiodc des österreichischen Liberalismus partizipierte nur der kapitalistische Bruchteil der Juden an seiner Herrschaft, nnd als die liberale Partei unter der Wucht ihrer nationalen nnd Wirtschaftlichen Sünden zusaininenbrach, »var die „G e s a m t h e i t" der Juden der Sündenbock des sogenannten Liberalismus. Es ist hier »veder der Ort noch der Raum, darzulegen, »varmn der Liberalisn»us die Hoffnungen, die »»»an in» Jahre 1789 und 1848 an ihn allgemein knüpfte, nicht verwirklicht hat. Immerhin ist es i»ot»vendig, den Hauptgrund des Niederganges des österreichischen Liberalis nms anzuführen. Sein Bankrott ist vor allem darauf zurückzuführen, daß er zu einem d e u tfchen Liberalismus, zu einem Bourneuerer Zeit aufzu»veisen. Warm»» »vurden diese zurückgesetzt und »varmn »vurde vor ih»»e»» einem Lipovsky der Vorzug gegeben, den Vobornik ii» seiner Uebersicht des tschechischen Dramas* > zu den sch»vächstei» Dramatikern zählt? Wenn ich heute zu einem tschechischen Literarhistoriker käme u»»d ihn nach den» Dramatiker Lipovsky refp. feinem Drama „Der Jude von Wischau" fragte, ich fürchte, er käme i»» Verlege»»heit um eine Antwort. Lipovsky spielt ii» der tschechischen Literatur als Dra- »»atiker gar feine Rolle, das genannte Stück iß ganz vergessen. Und wenn es der Verein des heilige»» Methodius de»»noch a»»s der literarischen Rumpelkammer, aus fi»»gerdickem Bibliotheksstaube hervorgeholt hat, dann hat es damit feine eigene Bewandtnis. Es ist vor Ostern, u»»d die klerikalen Herrei» müsse»» gegen die Juden hetzen. Wenn es de»»» Vereii» um eine ehrliche Arbeit zu tun lväre, da»»n »vürde er Stücke wählen, durch welche das tschechische Volk in Wien, das ja nicht auf Rose»» gebettet ist, aufgeklärt, gebildet »vürde. Ei»» jeder, der mit den Wiener tschechischen Verhältnisse»» vertraut ist, sich von keinem Ehauvinislnus hin reiße»» läßt und nur ein Gerechtigkeitsgefühl hat, lvird den Wiener Tschechen das Recht auf tschechische Theatervorstellungen zligestehen müssen. Absprechen muß man aber mit aller Entschiedenheit den Klerikalen das .Recht, die Judenhetze aus Böhmen und Mähren nach Wien zu verschleppe»». Diese Tendenz der *) Parnatnik na oslavu jubiea etc. 4 a

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