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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15 Jüdisches Volksblatt Aus Kroatien. Agram, 8. April 1906. A. L. Zu der in diesem Blatte bereits gemeldeten Haltung des Professorensenates zu den Bestrebungen der hiesigen jüdischen Hochschüler, sei noch folgendes nachgetragen: Der akademische Senat mißbilligte bekanntlich die Statuten des Klubs und begründete in seiner schriftlichen Entscheidung seine Mißbilligung damit, daß er das Bestehen des Klubs nicht zulassen könne, da dieser „religiös-nationalen Bestrebungen dienen würde und dadurch an der Universität Unruhen entstehen könnten". Besonders mißfiel dem Senat die Stelle in den Statuten, daß der Zweck des Klubs die Erhaltung des Judentums ist und aus einem Zirkular der Passus: „Der Klub wird jeden Angriff gegen das Judentum zurückweisen, möge er von welcher Seite immer kommen". Es ist schwer zu verstehen, was korrekterweise der Senat dagegen einzuwenden hätte, und wenn er es dennoch tat, so walteten da ganz andere Gründe. Dem Klub, der weder auf zionistischer, noch jüdisch-nationaler Basis gegründet wurde, bleibt da nichts anderes übrig, als noch die letzten Spuren der jüdischen Momente aus den Statuten zu eliminieren, oder aber sich aufzulösen. Nach kaum viermonatlichem Bestände steht also der Klub vor der Auflösung. Es wäre überflüssig, diesen Tatsachen einen Kommentar hinzuzufügen. Was aber die Gefahr der „Unruhen" an der Universität betrifft, so bewies die Anwesenheit aller Studentenvereinigungen bei der Purimunterhaltung, daß davon nicht die Rede sein könne. Mit dieser Entscheidung steht im krassen Kontraste die allenfalls sehr maßgebende Haliung des bedeutendsten, kroatischen Romanciers der Gegenwart, Taver Sandor Gjalsk i, der der Purimunterhaltung im Kreise jüdischer Studenten bis zum Ende beiwohnte. Auf eine Ansprache des jur. Licht antwortete er beiläufig dies: Er fühle sich heute im Meise jüdischer Gesellschaft wohl, wie selten jemals. Denn er sehe in der Purimunterhaltung keine gewöhnliche Faschings Unterhaltung, sondern viel mehr. Er wisse, daß er im Kreise von Juden sei, die ihr Volkstum und ihr jüdisches Bewußtsein stolz hervorkehren. Dann setzte er mit einem Lobe desZionismus ein, wie ihn schöner und wärmer kein Jude aussprechen hätte können. Die Juden haben viel mehr Grund, auf ihr Volkstum stolz zu sein, als irgend ein anderes Volk. Er erwähnte ihre Tradition, ihre Literatur, was sie dem Christentum und dem Islam gegeben hatten und schloß mit einem Hoch auf das bewußte Judentum. Die Rede dieses Repräsentanten der fortschrittlichen Elemente Kroatiens ist jedenfalls von großer Bedeutung, um so mehr als der Redner sagte, daß er aus innerstem Antriebe und warmen Sympathien spreche. In einem Gefpräche mit einigen zionistischen Studenten hob er dann hervor, daß er in einer seiner Novellen eine Jüdin als Heldin darstellte unb wie ganz anders es heute durch den Zionismus bei uns sei, als einst. Vor dreißig Jahren habe es der Jude in Kroatien als Demütigung, ja als Schande empfunden, wenn man ihn „Jude" nannte. Solche Juden aber mußte er verachten. Daraus ist es auch erklärlich, daß die jüdischen Typen in seinen Romanen nicht gerade sympathisch wirken. Denn schließlich lväre auch Herzl Antisemit, wenn man einen jeden als solchen a»sehen würde, der die Fehler der Juden beleuchtet. Wahrlich: eine schönere Genugtuung konnten wir im Gegensätze zur Haltung des akademischen Senates nicht bekommen. Die Rede Gjalskis bietet uns ein schönes Kapitel zu dem Thema: Wie uns andere sehen. Einige Tage nachher beschäftigte die Öffentlichkeit eine unerquickliche Affaire. § Schon in einem älteren Jahrgange des „Jüd. j Volksbl." sind Artikel gegen den damaligen Rabbiner von Karlovac, Dr. Gabriel Schwarz, erschienen. Der einstige Rabbiner non Karlovac ist jetzt Religionslehrer in Agram geworden. Aber zwischen ihm und dem Agramer Oberrabbiner Dr. Jacobi entstanden gleich im Anfänge Zwistigkeiten, welche fortdauerten und öffentlich bekannt waren. Sie führten öfters zu unliebsamen Zusammenstößen, die insbesondere durch die Stellung beider doppelt unangenehm wirken. Nun aber ist der Tempel Zeuge dieses Konfliktes geworden. Dr. Jacobi wollte einen Bar-Mizwah^ aufrufen lassen. Dem widersetzte sich Dr. schwarz und verbot seinen Schülern, am nächsten Samstag zur Thora zu gehen. Und so ging lallt Anordnung ihres Professors am Samstag, den 26. März, kein Schüler zur Tora. Dr. Jacobi fand dies sonderbar lmd als er die Schüler darüber fragte, erfuhr er, daß es der Rabbiner und Religionsprofessor Dr. Schwarz verboten hatte. Vörden Schülern kam es zu einer Szene, die die Stätte entwürdigt, an der sie sich abspielte. Kann so ein Beispiel ethisch und religiös verinnerlichend und erziehend wirken? Dieser Kontrast ztvischen Lehre und Handeln bringt die ohnedies schwache religiöse Erziehung ins Wanken. Schließlich ist der Rabbiner nicht der erstbeste Kaufmann, der Geschäfte im Tempel abmacht, und nicht Atheist, nicht konfessionslos. Ja, auch diese werden nicht unliebsame Auftritte im Tempel provozieren. Die Folge dieses Auftrittes war, daß Dr. Jacobi den Rabbiner Dr. Schwarz wegen R e l i g i o n s st ö r u n g der Regierung anzeigte. Dr. Schwarz entfernte sich auf zwei Wochen aus Agram, währenddessen die Regierung durch einen juristischen Kommissär die Untersuchung einleitete. Die Resultate dieser Untersuchung, in welcher die Schüler der höheren Gymnasialklassen als Zeugen vorgeladen wurden und das Protokoll gegen ihrer: eigenen Lehrer unterfertigten, ist noch nicht bekannt. Doch hat Dr. Schwarz am 3. April den Unterricht wieder ausgenommen. Wie sich diese unleidlichen Verhältnissen weiter werden halten können, das wissen die Götter. Es ist kaum möglich, daß eine friedliche Lösung zustande kommen wird. Die kroatische Presse brachte über diese Affaire offenbar von Juden stammende, doch ganz entstellte Berichte, die, eben weil sie von Juden stammen, sehr tadelnswert sind. So wurde im „Novi List" geschrieben, daß dieZwistigkeiten deshalb entstanden seien, weil Jacobi Zionist und Schwarz Assimilant wäre. Das ist keinesfalls wahr, denn die ersten Zwistigkeiten sind zu einer Zeit entstanden, wo noch keine solchen Gegensätze vorhanden waren und Dr. Jacobi besitzt soviel Takt, daß er politische Anschauungen nicht intolerant vertritt. Der Zionismus ist da gewiß nicht der Sündenbock, deß sei jeder versichert. Es würde zu weit führen, in die Details einzugehen, leider bieten schon diese wenigen Zeilen ein übles Bild, das nicht einmal dann verwischt werden kann, wenn man der schönen Worte Gjalskis gedenkt. Vom Hilssverein der deutschen Juden. Berlin, 10. April 1906. Unter Vorsitz seines Präsidenten, des Herrn James S i m o n, fand am Sonntag, den 2. April, eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereines der deutschen Juden in seinen neuen Bureauräumen, Lützowstraße 8, statt. Herr Dr. Paul N a t h a n, der Geschäftsführer des Vereines, gab, wie üblich, vor Eintritt in die Tagesordnung eine Uebersicht über den Geschäftsgang im ersten Quartal 1906. Es ist zu erwähnen, daß erfolgreiche Propagandaversammlungen in B r e m e n, Lübeck, M a g d e b tt r g und Mainz stattgefunden haben. Bewilliglmgen haben Platz gegriffen für die Aufrechterhaltung des Kindergartens in Jaffa, sowie zweier Kindergärten i n I e r u s a l e m, eines Kindergartens in S a f e d, für die O r - Thora-Schule in K o n st a n t i n - opel, sowie Unterstützung der russ. Städte: B o g u s l a w, B Y ch o w, A l e x a n d r i a, M o h i l e w, Gory-Gorky, K i s ch e - new, L e o v o - G a l a tz usw. Aus dem Berichte geht ferner hervor, daß die Tätigkeit der Vereinsleitung zur Zeit nach wie vor i n e r st e r Reihe den Juden Rußlands gilt. Die Lage unserer dortigen Glaubensgenossen wird infolge des Krieges und der zerrütteten Verhältnisse im Innern immer kritischer und doch könne unter Umständen n o ch s ch l i m m e r e s befürchtet werden. Ganz besonders traurig ist die Notlage unter den zurückgebliebeiren Familien der im Felde stehenden und gefallenen jüdischen Soldaten. Zur Linderung dieser Not hat der Ausschuß weitere 50 000 Mk. bereitgestellt. Die Gesamtsumme, die der Hilfsverein in der Zeit vom 1. Jänner bis zum 1. April 1906 zugunsten der russischen Juden verausgabt hat, beträgt rund 160 000 Mk. Aus den weiteren Verhandlungen ist hervorzuheben, daß die Frage der Begründung neuer Vorsch u ß k a ssen ln Galizien gemeinsam mit der Großloge U. O. B. B. für Deutschland erörtert, und schließlich einer besonderen Kommission zur endgültigen Beschlußfassung überwiesen worden ist. Ein Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses hatte die Freundlichkeit, die Verhältnisse in Galizien an Ort und Stelle zu studieren und es wurde hervorgehoben, daß bei aller Anerkennung der Bedeutung von Hausindustrien für die arme jüdische Bevölkerung Galiziens, deren Einführung und weiteren Ausgestaltung der „Wiener Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" in zweckmäßiger Weise bei dem enorn: hohen Zinssatz in Galizien sich angelegen sein läßt, man doch zugleich auch fiir eine bessere Kreditmöglichkeit zugunsten der Glaubensgenossen in Galizien sorgen müsse. Aus der großen Reihe von ferneren Bewilligungen, die der Ausschuß ausgesprochen hat, seien hier erwähnt: 1000 Mk. für eine Mädchenschule in Kischenew, 3000 Mk. zur Anstellung eines Handelslehrers an der Schule „Kultura" in Bukarest, 2000 Frcs zur Ausgestaltung des deutschen Unterrichts an der Gemeinbeschule in Sofia, 260 Mk. für Mazzoth für die Gemeinde Leovo-Galatz in Beßarabien usw. lieber eine Reihe weiterer Gesuche ist die Beschlußfassung mit der Motivierung vorläufig ausgesetzt worden, daß die Vereinsmittel im gegenwärtigen Augenblicke sehr stark von Rußland in Anspruch genommen werden, und daß man für eventuelle Katastrophen einigermaßen gerüstet sein müsse. Nachrichten aus authentischen Quellen b e - st ä t i g e n überei n st i m m e n d, daß die r u s s i s ch e R e g i e r u n g d ie unzufriedenen Volksmassen dadurch beschwichtigen will, daß sie sie auf die Juden, aber auch auf Deutsche und Polen hetzt. Das bevorstehende jüdische Pa nabfest eignet sich bekanntermaßen sehr gut zur Veranstaltung solcher Judenkrawalle, mit deren Organisation bereits in Rußland begonnen sein soll. Schon jetzt ist daher geboten, die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt auf diese beabsichtigten Greueltaten hinzuweisen, und die Entrüstung aller Kulturmenschen gegen diese barbarischen Absichten wachzurufen. In M a i n z fand am 30. März eine stark besuchte Propagandaversammlung für den Hilfsverein der deutschen Juden statt. Den Vorsitz in dieser Versammlung führte Herr Stadtverordneter Natban Philipp Reis, das Referat erstattete Herr Siegmund B e r g e l aus Berlin. Sämtliche Anwesende traten dem Hilfsverein als Mitglieder bei m:d es wurde ein größeres Komitee zur Vorbereitung der weiteren Organisation gewählt. An der Spitze desselben steht Herr Martin M a y e r - Ganz. Vereinsnachrichten. Erster Wiener Jüdischer Turnverein. Bon diesem Vereine ergeht die folgende Einladung : Euer Wohlgeboren! Der I. Wiener Jüdische Turnverein veranstaltet Sonntag den 16. April d. I. zugunsten seines Turnhallen-Bausonds eine Nachmittags - Vorstellung im Deutschen Bolkstheater. Zur Aufführung gelangt mit den ersten Kräften dieser Bühne das Lustspiel» UnserKätchen^ von Theodor Herzl. Indem wir Euer Wohlgeboren zum Besuche dieser Vorstellung hdflichst einladen, bitten wir zugleich' durch Verbreitung dieser Einladung im Bekanntenkreis» dem gemeinnützigen Zwecke neue Freunde zuführen zu wollen. Der Turnrat. Zentralstelle für den Kartenverkauf: Siegfried Beer, 1., Zelinkagasse 3 — Tel. 17155. Ferner sind Karten zu haben: durch alle Vereinsmitglieder, im Cafs de France

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