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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Jüdisches Volksblatt Seite 5 hie durch die projektierte Bagdadbahn, die jüdische Kolonisation in Palästina, die neuen Baumwollversnche usw. zur brennenden Tagesfrage geworden ist, einen harmonische!: Zyklus bietet. Korrespondenzen. Aus Czernowitz. (Schlußwort.) Es gibt Menschen mit eiserner Stirne. Non aller Welt gemieden, drängen sie sich in alle Kreise. Ihre Anwesenheit schon erregt^ Mißbehagen, ruft Mißhelligkeiten hervor. Tun sie gar den Mund auf, so ist eine Explosion nicht zu vermeiden. Temperamentvolle Naturell mit ausgeprägterem Rechts- und Redlichkeitssinne können nicht umhin, die Unausstehlichen in die Schranken zu weisen. Am liebsten möchten sie die Aufdringlicher: anfassen, wie Odysseus weiland Tersites ai:gefaßt hat. Aber aus spießbürgerlichem Respekt vor den: Strafgesetze lassen sie es bei einigen zurechtweisei:dei: Bemerkungen bewenden. So ungefähr ist es meinem Freunde Dr. Diamant mit Herrn K a ß n e r, abs. jur., ergangen. Herr Kaßner ist trotz seiner jungen Jahre eine lokalgeschichtliche Persönlichkeit. Sein Name steht mit allen lokalerschütternden Ereignissen in Zusammenhang. Ein Beispiel für viele: Univ.-Prof. Dr. Halban hatte in einen: öffentlichen Vortrage für den Krieg eine Lanze eingelegt. Die „Buk. Post" hat ihn darob gehörig hergenonnnen. Herr Kaßner, der dazumal, wenn ich mich recht erinnere, in: zweiten: oder dritten Semester stand, fühlte sich nunmehr verpflichtet, in: Namen der gesamten Czernowitzer Intelligenz, zun: mindesten in: Namen der akademischen Jugend aller Farben, den hochverehrten Professor der ungetrübten Sympathien, des unwandelbaren Vertrauens usw. zu versichern. Prof. Halban ist ein sehr kluger Mensch. Er wußte, daß der Angriff in der „Buk. Post" ihm lange nicht so viel Schaden bringen, als ihm die Sympathiekundgebung des Herrn Kaßner Spott eintragen kann. Rasch entschlossen, unterbrach er daher den Wortschwall des jungen Mannes, indem er ihm die Worte zurief: „Setzen Sie sich nieder!" Herr Kaßner zeigt sich aber nicht immer vor: der lächerlichen Seite. Ich beteure, wenn er sich stets damit begnügen wollte, die Narrenkappe zu tragen, ich träte ihm nie nahe. Die Narren sind die vollkomn:ensten Schöpfungei: Gottes, ineint Heine, der einzige Lichtstrahl im irdische:: Jammertal, konzediert Schopenhauer. Aber Herr Kaßner ist ein böser Mensch. Ihn ärgert fremde Freude und freut sreinde'r Aerger. Ihn fasziniert, was andere vexiert, ihn enthusiasmiert, was andere indigniert. Ich will wieder Beispiele anführen. Vor einigen Jahren wies der akademische Senat der hiesigen Universität ein jüdisches Stipendium unter Präterierung sämtlicher jüdischen bestqualifizierten Bewerber dem Sohn eines arischen Goldkräglers zu. Die gesamte jüdischnationale Studentenschaft nahm den Kampf gegen die schwere Rechtsverletzung auf — und errang einen glänzenden Sieg.- Es ereignete sich, was keiner für möglich gehalten, der akademische Senat revozierte feilten Beschluß und gab das Stipendium einen: Juden. In den Tagen der Gefahr spielte Held Kaßner eine bescheidene Rolle. Bald kan: sein e r Tätigkeit ein unglücklicher Zufall zu Hilfe. Ein junges Mitglied der „Zephirah" beging die Unvorsichtigkeit, ohne die Verbindung zu fragen, zu schreiben, was jedermann dachte, und die bei seiner Unerfahrenheit und ungefälschten Entrüstung milder zu beurteilende Taktlosigkeit, den Artikel nach Friedensschluß publiziere:: zu lassen. Die Strafe der dauernder: Relegierung war den: jungen Zephirahner sicher. Aber Herr Kaßner konnte sich damit nicht zufrieden geben. Er fiel in der Presse über den unvorsichtige!: Artikelschreiber nnt besonderer Heftigkeit her, iinputierte ohne weiteres die Tat des einzelnen der ganzer: Korporation, versicherte, wie dazumal den: Prof. Halban, so jetzt den akademischen Senat der aufrichtigster: Sympathien beirr: übrigen Teile der jüdischnationalen Studentenschaft, schwur darauf, daß der Senat nur einen Lapsus airimae begangen, in: innersten Herzen aber immer judenfreundlich gewesen wäre. Der Senat belohnte die Kaßnersche Sympathiekundgebung damit, daß, als an ihn später die jüdische Studentenschaft das Ersuchen um Anerkennung ihrer Nationalität stellte, er dasselbe ebenso z u r ü ck - wies wie die Vorstellung, an den wenigen großen jüdischen Feiertage!: die Vorlesungen ausfallen zn lassen. Die erste Entscheidurrg begründete er damit, daß die Juden keine Nationalität wären, die zweite, weil sie behaupten, sie wären eine Nationalität! Für die eigentümliche Geistesrichtung des Herrn Kaßner ein zweites Beispiel: Aus den Landtagswahlen in: vorigen Jahre zog die freisinnige Partei, früher sechs Mann schwach, dank der hingehenden Agitation der jüdischen Intellektuelle!: als Majorität in die Landtagsstube ein. Die jüdischen Optimisten schwelgten in: Traun: eines goldenen Zeitalters. Aber früher i:och, als es die Optimisten prophezeit hatten, erwachten die glücklichen Träumer und rieben sich verwundert die Augen.. Die „Freisinnigen" fabrizierten ein Gesetz nach dem anderen, das tausende jüdischer Existenzen zu Boden schlug. Dabei gaben sie ihren Opfern keine Entschädigung, keine andere Existenzmöglichkeit, nicht einmal eine Galgenfrist. Die Juden hätten vielleicht die Hinopferung von tausendei: ihrer Konnationalcn ohne Widerspruch hingenommen. Aber auch die politischen Vorlagen, die Landtags- und Gemeindewahlordnung ignorierte!: ihre Ansprüche, waren direkt gegen ihre Interessen gerichtet. Es wurde unseren Vertretern als Böswilligkeit ausgelegt, wein: ihre Anträge vor: jüdischen: Interesse diktiert schiene::, wenn sie das Bestreben zeigten, dei: Juden eine im Verhältnis zu ihrer nuinerischen Stärke in ihrer Bedeutung für die Landesentwicklui:g halbwegs entsprechende Position zu sichern, lieber diesen Verrat, über die Lieblosigkeit gleich in den Flitterwochen der Macht hatten die Judei: aller Schattierungei: und Richtungen nur eine Meinung, der sie in Worten der Wut und des Hasses Ausdruck gaben/ Herr St a ß n e r allein blieb ruhig. Er fühlte nicht die dem jüdischen Volk, angetane Schmach. In einer Reihe von Artikeln berichtete er von den Errungenschaften, die wir den „Freisinnigen" zu verdanken hätten! Dieser Mensch hat auch das Fiasko des Czernowitzer Zionistentages vom 19. März aus den: Gewissen. Er hätte deswegei: eine schärfere Kritik verdient, als sie ihm Dr. Diamant in seinem Bericht über den Verlauf des Distriktstages nebenbei zuteil werden ließ. Es köni:en nicht alle Individuen einen gerechtfertigten Anspruch daraus erheben, ignoriert zu werden. Sie müssen hierzu außer einer Portion voi: Verächtlichkeit noch Unschädlichkeit aufweisen. Herr K a ß n e r ist aber ein Schädling. Ich kann ihm den Versuch seiner Rechtfertigung von: 2. April nicht übel nehmen. Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Die gewöhllliche Verteidigungsmethode ist die des Ableugnens. Herr Kaßner ist aber nicht bescheiden genug, un: sich mit Lügen zu begnügen. Mit eiserner Stirn gesteht er die schwersten Ankläger: und plädiert trotzdem für seinen Freispruch. So gibt er rundwegs zu, Herrix Weißg l a s, nachdem dieser feine Wiederwahl bereits akzeptiert hatte, bestimmt zu haben, das Versammlungslokal zu verlassen und seine Obmaimsstelle zurückzulegen. Womit begründet er sein parteiverräterisches Vorgehens Er wollte u i: s davor bewahren, eine Jnkousequenz zu begehe!:! „An: Vormittage hatten die Wortführer der „Zephirah" gegen die Leitung des Distriktskomitees die maßlosesten Anwürfe gerichtet; an: Abend wird derselbe Obmann einstimmig gewählt." Ich gestehe: Weder ich, der darnalige Führer der „Zephirah", noch die Zephirahner haben die Fürsorglichkeit des Herrn Kaßner, die er an den Tag legte, un: uns nicht dem Borwurf der Inkonsequenz auszusetzen, verdient. Aber warm:: diese Fürsorge erst dann, als der unvorsichtige Schritt von unserer Seite bereits geschehen und die weitere Beratung lediglich der restlichen Zusammensetzung des Distriktskomitees galt, in den: — soviel stand fest — Herr Kaßner und sein Anhang keinen Platz gefunden hättet Und dürfen für Herrn Kaßner lediglich Rücksichten auf das Wohlergehen der Verbindung „Zephirah" in Betracht kommen? Ich möchte meinen, wenn er die Wiederwahl des Herrn Weißglas als der zionistischen Bewegung in: Laude förderlich angesehen, so hätte er diese nicht deswegei: hintertreiben dürfen, weil die von ihn: betreute Verbindung sich hierdurch dem Vorwurf eines urllogischen Vorgehens ausgesetzt hätte. Im übrigen will ich unseren „Gönner" beruhigen. Die „Zephirah" hätte in keinen: Falle müogisch gehandelt. Ich selbst hatte in meiner Einleitung zur Kritik des Rechenschaftsberichtes ausdrücklich erklärt, daß sich dieselbe nicht auf den Obmann beziehe, )veil dieser noch der einzige gewesen, der etwas gearbeitet hatte, trotzden: seine Wahl nur desivegen erfolgt war, lveil er Großgrundbesitzer ist und die Delegiertenversammlung eine Repräsentation für iwtwendig gehalten hatte. Herr Kaßner kann in seiner Rechtfertigung nicht genug Worte dafür finden, daß seinem Anträge, das Distriktskomitee den Zephirahnern zu überlassen, Dr. Diamant mit aller Entschiedenheit entgegengetretcn ist. Er kann sich diese Stellungnahme nur aus dessen Konfusion erklären, wirft ihm überdies vor, daß er durch seine Begründung, es würde auf diese Weise das neue Distriktskomitee diskreditiert und um die Autorität gebracht werden, die Verbindung, deren Alter Herr er ist, bloßstelle. Es liegt auf der Hand, daß die Arbeiten,!vie sie hier das Distriktskomitee zu besorge!: hätte, die Organisation auszubauen und zu vertiefen, die Faulen auszutreiben und die Disziplinlosen zu disziplinieren, eine jüdische Presse zu gründen usw., eine Verbindung nicht leisten könnte und daß ein Distriktskomitee, das nur aus einer Verbindung bestände, eine Autorität, eine Disziplinargewalt nicht besäße aus den: einfachen Grunde, weil es nicht als Repräsentation der Landesorganisationen, als Wille der zionistischen Majorität in: Lande angesehen würde. Dr. Diamants Standpunkt ist somit eine Selbstverständlichkeit. Aber dies bedeutet ja einen Parteistandpunki einnehmen, und so weit kann sich Herr Kaßner nicht aufschwingen. Er finde, Dr. Diainant habe das Ansehen der „Zephirah" mit seiner Begründung schwer geschädigt. Er kann ruhig sein. Die „Zephirah" hat incht seine Anmaßung, seine Kurzsichtigkeit, um Arbeiten auf sich zu nehmen, die sie nicht besorgen kann. Sie und Dr. Diamant mußten darauf Gewicht legen, alle Elemente für das Distriktskomitee zu gewinnen, die arbeitsfähig und arbeitswillig sind — und sie werden es innner so halten. Dr. Diamant hat schließlich Herrn Kaßner bezichtigt, den Delegiertentag, der anfangs einen würdigen Verlaus genommen, durch persönliche Jnvektiven zum Schauplatz wüsten Gezänkes gemacht zu haben. Herr Kaßner gibt die Richtigkeit der Behauptung im wesentlichen zu. Aber er fügt hinzu, er hatte ein Recht, mehr Arbeit und weniger Kritik zu verlangen. Hatte er es wirklich? Er, der zwei Jahre i:n Distriktskomitee als Schriftführer gesessen und keine Hand gerührt hat und die Dinge dahin ihren Weg nehmen ließ, wo sie sich jetzt befinden? Uns gegenüber, die schon durch das fünfte Jahr Arbeiterkurse durch die Winterrnonate abhalten, während unsere „Brüder" auf der Pardinihöhe promenieren, die wir erst neulich unsere Kräfte in einer fruchtlosen Nationalfondsagitation aufgerieben haben? Wir hätten uns am vorigen Delegiertentage geweigert, in das Distriktskomitee einzutreten, weil wir die Arbeit scheuten! Es ist das die perfideste Entstellung, die sich erdenken läßt. Wir erklärte!: dazumal, neben Herrn Kaßner und Konsorten nicht sitzen zu können, ein Zusanunenarbeiten nnt ihm wäre unmöglich. Zweifelt ein Leser dieses geschätzten Blattes, daß Leute, die arbeiten wollen, Herrn Kaßner nicht vertragen können? Auch diesmal nahmen wir den gleichen Standpunkt ein. Wir stellten unsere Zeit und unsere Kräfte der Partei zur Verfügung — Dr. Diainant, der wenige Monate vor der Advokatenprüfung steht, mit eingeschlossen. Wir meinten es ehrlich nnt unserer Opposition und unserer Bereitschaft, in das Distriktskomitee einzutreten. Unsere Opposition war nie eine negative, sondern eine positive, sie hat nie

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