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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 15 Seile 4 Politische Wochenschau. Die wicdcrenvachtcn Dcntschfreisinnigen baden schon die ersten Erfolge auszuweisen. Tie Ehristlichsozialen haben einen Agitationsstoff gegen die Inden bekommen und schroten die Dummheit unserer kurzsichtigen Juden weidlich aus. In den geringsten Repressalien, mit denen die Cdristlichsozialen auf das aussichtslose Unternehmen einiger Scharfmacher antworten, ist eine Aktion zum Zwecke des systematischen, tv i r t s ch a f t l i ch e n B o y - k o t t s g e g e n die I u d e n, die leider mehr Aussicht auf Erfolg hat als das Wiedereroberungsspiel lächerlicher Deutschjudcn. * * * Die tschechische Studentenschaft hat in einer sehr beachtenswerten "Resolution gegen die Beschlüsse des d e u t f ch e n H o ch s ch u l - tages Stellung genommen. In der tltesolutioiT verwahren sich die tschechischen Studenten gegen die Zumutung der deutschen Hochschüler, die jüdischen Studierenden nur prozentualiter zu den Hochschulstudien zuzulassen. Wir registrieren deute bloß diese Stellungnahme der tschechischen Hochschuljugend, halten aber dieselbe für wichtig genug, um auf sie noch in längerer Ausführung zurückzukommen. * * * Auch die polnischen Studenten beschäftigten sich vor einigen Tagen mit der Judenfrage, aber in einer Weise, die der fortgeschrittenen Nationalitätenpolitik nicht Rechnung trägt. Auch sie sprachen sich gegen die Zurücksetzung der jüdischen Komilitonen aus, machten es sogar den polnischen Studenten zur Pflicht, „ihre polnischen Kollegen mosaischen Glaubens" mehr an sich zu ziehen und sie für die polnische Sache zu gewinnen, indem sie die Juden in die polnischen Klubs aufnehmen. Hier bietet sieh den Zionisten Gelegenheit, gegen die nationale Gefahr, welche von dieser Seite droht, mit politischer Reife vorzugehen. Aus der Mifti scheu Keuiegung. Der Parteitag der österreichischen Zionisten findet in Prag am 11. und 12. Juni ds. Js. (Pfingsten) statt. Zur Teilnahme sind nur jene zionistischen Vereine berechtigt, welche für ihre Mitglieder außer dem Schekel bis längstens 16. Mai ds. Js. den Verba n d s b e i t r a g entrichtet haben. Aus Sadagora. Wir erhalten folgende Zuschrift: An die geehrte Redaktion des „Jüdischen Volksblatt" in Wien. Ich bitte um gegen Jahren war der ungefähre Vermögensanteil Arthurs dahin. Aber unbekümmert setzte Trewitz jun. sein tolles Leben fort und wäre nicht seine ihn vergötternde Schwester gewesen, er hätte bereits den Dienst quittieren müssen. Bald hatte sie ihm den letzten Heller gesandt, den sie aufzutreiben vermochte, und nun versiegte ihm auch diese Quelle. Vater und Mutter schrieben beide und führten dem Unverbesserlichen ein letztes Mal vor Augen, wie er nid)t nur sie völlig ruiniere, sondern mit seinem unverantwortlichen Wandel seine eigene Zukunft zerstöre. Ja, in dem Briefe des Vaters fand sich die empörte Frage, ob er sich nicht schäme, seiner Schwester ganze Ersparnisse seiner Liederlichkeit geopfert zu haben? Das schien bei den: Leichtsinnigen doch zu wirken. Schon glaubte die Familie freudig an seine Besserung, als eines Tages dem Baron ein Wechsel zur Bezahlung vorgezeigt wurde, der seine Unterschrift trug, und nur von seinem Sohne gefälscht sein konnte. Am ganzen Körper zitternd, ging er zu seiner Iran hinüber und reichte ihr das Papier. Diese erbleichte jäh, auch sie war über den falscher nicht im Zweifel. Sie erhob sich mühsam, und ihrem Schreibtische die erforderliche Summe entnehniend, übergab sic dieselbe wortlos ihrem Manne. Als er sich entfernt hatte, sank sie auf einen Stuhl, und weinte, weinte über ihren verbrecherischen, mißratenen Sohn, das Kind ihrer tief unglücklichen Ehe und weinte über sich selbst. - — Am nächsten Tage stand die Baronin in dem eleganten Zinnner ihres Sohnes, hoheitsvoll, die verkörperte Strenge,. und verlangte Rechenschaft. Er gab sie zerknirscht und reuig. Jüdisches Volksblatt fällige Aufnahme der nachstehenden Notiz in Ihrem geschätzten Blatte. „Unsere Zionisten." In unserem Städtchen Sadagora hat sich vor kurzer Zeit ein zionistischer Frauentmd Mädcheiwerein „Hadassa" gegründet. Wie wenig es jedoch diesem Verein um die Interessen des Zionismus zu tun ist, geht daraus hervor, daß er in der Aufnahme der Mitglieder sehr wählerisch ist und nur Mitglieder aus wohlhabendem Hause aufznnehmeit bestrebt ist, unbekünunert darum, ob diese Mitglieder wirklich Zionisten sind oder nicht, weniger Bemittelte jedoch, aber wahre unb aufrichtige Zionisten, werden als Mitglieder nicht zugelassen. Diesem seinem Gebaren hat der Verein erst jetzt durch eine Tat die Krone aufgesetzt, die tvahrlich der öffentlichen Beurteilung übergeben zu werden verdient. Am 25. März 1. I. hatte der genannte Verein ein Purimkränzchcn, verbunden mit einem „Picknick", veranstaltet. Das zur Versendung der Einladungen gewählte Kontitee, Frl. T r i m m e l und Irl. W a n i e w S k a, fand es unter der Würde des Vereines, daß auch zu diesem Kräitzchen der Schwesterverein „Poale Zion" in Sadagora geladen werde, und motivierte dies damit, das; es mit dem Proletariat nichts gemein haben will tmd es unter seiner Würde finde, mit einem Vereine — obwohl er dasselbe Ziel verfolgt, weil er aber aus Proletariern besteht — Annäherungen anzuknüpfen. Ein solches Vorgehen ist durchaus nicht geeignet, die Interessen des Zionismus ztl fördert uitd wir wollen hoffen, daß in Zuktinft derartige Vorgehen hiutangehalten werden. S a d a g o r a, den 6. April 1005. Bernhard Engter, Schriftführer des Vereines für jüdische Arbeiter rmd Handeltreibende „Poalei Zion". Die Brailacr Juden und die Ugandafrage. Jit Braila hat gestern eine Versammlung von mehreren hundert dortiger Juden in der Synagoge stattgesundcn und hierbei wurde beantragt, man möge die Führer der zionistischen Bewegung in Wien und London ersuchen, das Angebot Englands betreffs der Kolonisierung Ugandas durch Juden anzunehmen. Die Unterzeichner des Antrages sind zumeist Handwerker, denen es infolge Arbeitslosigkeit schlecht geht. Wie verlautet, soll im ganzen Lande eine Bewegung iits Leben gerufen werden, um die Ugandafrage in Fluß zu bringen. An die jüdischen Hochschülcr Ungarns wendet sich die vorläufig noch kleine zionistische Gruppe der Budapester Universität mit einem und entsetzt hörte die zu Tode erschrockene Baronin, daß noch zwei Wechsel im Umlauf seien. Auch diese wurden bezahlt. Aber der Sohn wagte sich nicht mehr ins Elternhaus. Die Kluft seiner Schändlichkeiten trennte ihn von demselben. Der Vater verfluchte ihn in einem harten Briefe und nannte ihn den Mörder der Familienehre. Die Mutter aber wurde immer stiller, vergrämter, und alterte zusehends. Bald konnte sie ihr Lager nicht mehr verlassen. Da kam ein neuer Schlag. Arthurs Oberst schrieb kurz, Leutnant Baron Trewitz sei seit drei Tagen abgängig, verinutlich wegen zahlreicher, zum Teile sehr unehrenhafter Schulden, und seine Kassierung als Offizier daher unvermeidlich. Der alte Baron tobte gleich einem Wahnsinnigen und drohte, das entartete Subjekt mit eigener Hand töten zu wollen, die Baronin aber lag still, ganz still in ihren Kissen und strich der vor ihr knieenden, weinenden Tochter sanft das Haar. Andern Tags veranlaßte sie ihren Mann, nach der Garnisonsstadt Arthurs zu fahren, und die traurige Hinterlassenschaft desselben zu ordnen, mn den öffentlichen Skandal zu vermeiden. . - . Eine Woche später traf bei Trewitz ein Brief des Sohnes aus Bremen ein, ferner ein Brief an die Mutter und ein solcher für die Schwester. Was in ersterein stand, verriet der Baron niemandem. Aber fast vierzehn Tage lang verließ er sein Zimmer nicht und einmal glaubte Cäcilie ihn schluchzen zu hören, als sie vor seiner Türe stand und dieselbe wieder verschlossen fand. flammenden Aufrufe. Dies ist sicherlich die kräftigste und auch taktisch richtigsteAntwort auf den Kreuzrnmmel der „christlichen" Studenten einerseits und auf die rückgratlose „Verteidigungsart" der hyperchauvinistischen Magyaroneu. Ter "Aufruf ist würdevoll und mutig und jeder gutgesinnte Nationaljude muß ihm den besten Erfolg wünschen. Für Zionisten, die in die Lage kommen, nach Budapest zu kommen, dürste es von Interesse sein, zu wissen, daß das Lokal der zionistischen Hochschüler Budapests sich Budapest VII, Erzsebet-körut l Elisabethringl 0, Cafe NewZyork, befindet. Tie Zusammenkunft findet jeden Samstag abends N Uhr statt. Ein Knltuswahlsieg der Zionisten. Aus B o l ech o tv l Galizien) wird uns geschrieben: Bei der jüngst stattgefundenen Kultus- Wahl haben die hiesigen Zionisten einen schönen Sieg errungen. Von der zionistischen Partei wurden 10, darunter der Präses des Vereines „Chowewe Zion", Herr N. Lothringer, und der Vizepräses, Herr Eisig S ch o r r, von der alten Kliqne der P r o p i n a t i o n s - p a r t e i dagegen bloß z w ei K a n d i d a - t e ii gewählt, Zum Kultnspräsidcnten wird voraussichtlich Herr Tr. Jakob Blument h a l gewählt werden. Im ersten Wahlkörper der Intelligenz dürften die Zionisten alle ihre Kandidaten durchsetzen. Die Ferienkurse für koloniale Technif. Am Sonntag, den 20. März, wurden inKöt h e n durch einen Festkonnners, an dem zahlreiche Ehrengäste teilnahmen, die vom Lehrkörper des Polytechnikums im Vereine mit der zionistischen Palästinakommission in Berlin eröffnet. Es sind über 100 Studierende der verschiedensten Hochschulen Deutschlands und Oesterreichs als Hörer eingeschrieben. Der Herzog von Anhalt hat sich, wie verlautet, für diese Neueinrichtung, die bisher auf keiner deutschen Hochschule existiert, lebhaft interessiert und sich vom Rektor Dr. Föhr eingehend Vortrag halten lassen. Am Eröffnungsabends hielten Ansprachen Herr Oberbürgermeister Schulz, Herr Rektor Dr. Föhr, der namentlich auch die Mitarbeit der Palästinakommission anerkennend und dankbar hervorhob, Herr Prof. Marburg-Berlin, Herr Korvettenkapitän Stubenrauch, Herr Dr. Klee- Berlin, Herr Doz. Ing. Dr. Kaiserböthcn und inehrere Herren namens der Köthener Studentenschaft. Ein besonderer Vorzug dieses Ferienkurses für koloniale Technik ist es, daß er für die wirtschaftliche Erschließung des Orients, In dem Brief an die Mutter bat der Verlorene kniefällig um Verzeihung für all den Kummer, den er ihr gemacht habe, und fuhr dann fort: „Hätte ich dich, wie du das so reichlich verdientest, stets als Mutter geliebt, geehrt und geachtet, so wäre ich gewiß nicht so tief gesunken. Aber — und das vergebe ich mir niemals — ich sah in dir mehr die Jüdin als die Mutter, obgleich es keine Mutter geben kann, die hingebender ihren Kindern sich opferte, als du allezeit es tatest. Möge Cäcilie, wie ich sie beschwöre, dir alle Dankbarkeit und Liebe erweisen, deren ihr gutes Herz so fähig ist. Ich selbst suche in der Neuen Welt zu büßen, mich zu bessern, und nur eine Bitte gewähre mir Unglücklichem noch: Gib mir deine Verzeihung und deinen Segen!" Ans den sterbenstraurigen Augen der alten Frau rann Träne um Träne auf ihres Sohnes Brief. Ihre Gedanken folgten dem Flüchtigen, an welchem sich der furchtbare Irrtum ihres Lebens nicht weniger rächen sollte, als er an ihr selbst sich gerächt hatte! Jener Irrtum eines falschen Ehrgeizes, der jeden Tag ihres Lebens vergiftet hatte seit so vielen Jahren! Ach, sie war ja bald erlöst von allem, aber Arthur, was stand ihm noch bevor?! Sie seufzte qualvoll. - - Mehr und mehr erlosch ihr Lebenslicht. Eines Morgens fand man sie kalt und starr in ihrem Bette, eingegangen zum ewigen Schlaf. Ihre Finger hielten ein Papier umklammert — den letzten Brief des verlorenen Sohnes.

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