Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Jüdisches Volksblatt Seite 3 nicht berührenden, Bestrebungen nachgchcn können. Aber das darf nicht hindern, daß in den; großen Kampfe um nationalpolitische Anerkennung und Geltung alle Zusammengehen. Zwischen dem bürgerlichen und proletarischen Klager wird diese Konkordanz spärlicher und kühler, aber sie wird trotz aller notwendiger sozialer Befehdung in den wirklich nationalen Lebensfragen nicht mangeln. Eine weitere Differenzierung des bürgerlichen Lagers, etwa nach politischen Prinzipien, wird ja mit der Beit nicht zu vermeiden sein und späterhin nicht mehr schaden. Jetzt aber ist sie kaum diskutabel. Namentlich ist es an den Zionisten, Mäßigung und taktische Klugheit zu beweisen. Wenn sie sich an der Schaffung einer großen bürgerlichen jüdifchen Partei der nationalpolitischen Gegenwartsarbeit beteiligen, so könnensie dem jüdischen Volke Arbeitskräfte zuführen helfen, die für die zionistische Sonderideale nicht zu haben sind, sie tonnen Massen auf die Beine stellen helfen, die sie bisher aus ihrer geistigen und sittlichen Lethargie nicht aufrütteln konnten', und können endlich einen weiteren Kreis für ihre besonderen Zukunftsbestrebungen gewinnen. Speziell die galizischen Zionisten haben allen Grund, die Bedeutsamkeit der Sache einzusehen. In Galizien, wo wirklich alles zu verlieren ist, wo das Hebräische schon nur mehr Lieblingssache kleiner Kreise ist, wo das Jüdische zugunsten des Polnischen von Tag zu Tag an Sprachgebiet abbröckelt, wo die Assimilation von Strebern jeder Sorte rühriger als sonst im Osten, ja selbst im Westen, betrieben wird, wo die dringendsten kulturellen und wirtschaftlichen Tagesfragen der Lösung harren — hier kann es keine Bedenken geben. Ein Volk soll sich nicht fatalistisch ergeben, — am wenigsten einer Zukunft. Es ist ein Wahn, über eine Leere hinweg an ein Ziel kommen zu wollen. Wer sich ein glänzendes Leben schaffen will, das am allerwenigsten den Weg dazu durchs Vegetieren nehme, der muß gleich leben. Und es ist ein Irrtum, zu glauben, daß wir nicht leben können, daß wir bedingungslos der Umgebung ausgeliefert sind. Darüber nächstes Mat. Mathias Acher. Deutsch-deutsche Schulpolitik in der Bukowina. Czernowitz, 8. April 1905. Von gutinformierter Seite werden Ihrem Korrespondenten die nachfolgenden Daten zur Verfügung gestellt, die ein recht tristes Bild von den Schulverhältnissen in der Bukowina in bezug auf die jüdischen Lehrkräfte darstellen: „An 22 d e u t s ch e n Volksschulen, und tens lag. Er wählte für sich das schönste Zimmer, wo er auch sein Bett aufstellen ließ. Jaul wie ein Pascha, beschäftigte er sich nur mit Rauchen und Lesen, wenn er sich überhaupt beschäftigte. Trotz seiner körperlichen Rüstigkeit hielt ihn kein Gefühl der Scham ab, seine immer rührige und arbeitsame Iran allein für alles sorgen zu lassen. Mehr als je gefiel er sich darin, bei jeder Gelegenheit den Baron herauszukehren, auch gegen die Pensionäre des Hauses, die er kaum eines Grußes würdigte. Gar oftmals mußte Arthur und Eäeilie — die Kinder — Zeugen empörender Nichtachtung des Vaters gegenüber der Mutter sein, unb hingen darum mit dem noch unverdorbenen, natürlichen Rechtssinn der Kindheit um so inniger an der bedauernslverten Mutter. —- Allmählich aber verringerte sich diese kindliche Liebe bei Arthur. Das begann mit dein Schulbesuche. Mit ihm begann jene unkontrollierbaren, vielseitigen Einflüsse, die so vielfach der Schrecken besorgter Eltern sind, auf den Knaben zu wirken. Durch irgend einen Zufall wurde den Mitschülern des Jungen bekannt, seine Mutter sei eine Jüdin. Obgleich ihm das dank der väterlichen Vorwürfe nicht neu war, zu hären, fehlte ihm bisher jeder Begriff hierüber. Erst die Glossen seiner Kameraden über seine „Judenmama" machten den Kleinen stutzig und nachdenklich. In naiver Weise klagte er anfänglich sein Leid der Mutter, die unsäglich dabei litt und im Geiste schon die letzte und einzige Zuflucht ihres Herzens: die Liebe und Verehrung ihrer Kinder, erschüttert sah. Mit doppelzwar in Arbora, Bori, Glitt, Jllischestie, Lichtenberg, Eisenau, Freudental, Jaeobeny, Luiscntal, Pozoritta, Schwarztal, Badeutz, Fürstental, Karlsberg, Satulmare, Hliboka, St. Onufry, Tereblestie, Terescheny, Augustendorf, Alt-Hütte unb Neu-Hütte wirken zusammen über 70 Lehrer und Lehrerinnen, alle ch r i st l i ch - d c u t s ch, bis auf bloß z w e i j ü d i s ch e L e h r p e r s o n e it, und zwar eine in Eisenau und eine in Tereblestie, trotzdem in manchen dieser Gemeinden eine ansehnliche Schiilerzahl mosaisch, ja in A r b o r a s o g a r 7 5 j ü d i s ch e S ch u l k i n d e r s i n d. Aber selbst diese zwei jüdischen Lehrpersonen befinden sich in einer nichts weniger als beueidenswertenStellung.Wie dieBesetzung an anderen Schulen erfolgt, geht daras hervor, daß die besten Stellen an oft zumeist von j ü - d i s ch e n Kindern besuchten Schulen mit christlich-deutschen Lehrkräften besetzt sind, so wurde z. B. in :)i ohoz n et, wo die deutsche Klasse 41 römisch-katholische unb 47 mosaische Kinder zählt, eiiw christlich-deutsche weibliche Lehrperson angestellt, obwohl eine ältere und auch besser qualifizierte jüdische Bewerberin hatte berücksichtigt werden können. An der Knabenschule in Sadagora sind bloß 68 römisch-katholische, dagegen 1 0 9 m o - s a i s ch e Schüler; alle Le h r k r ä f t c sind ch r i st l i ch - d e u t s ch, in G u r a - h u m o r a sind für 300 römisch-katholische und 219 mosaische Kinder 8 römisch-katholische und b l o ß e i n e nr o s a i s ch e Lehrkraft, in Dorna-Watra ist trotz 135 mosaischen Schulkindern kein mosaischer Lehrer vorhanden, in R a d a u tz für 186 röinisch-katholischc Kinder 5 römisch-katholische Lehrpersonen und für 3 2 0 m o s a i s ch e bloß e i n e provisorische Ilnterlehrerin mosaischer Konfession, in der Stör o z P n e tz e r Knabenschule für 181 mosaische Kinder kein m o s a i s ch e r Le h - r e r, in W a s z k o u tz f ü r 3 ch r i st l i ch - d e u s ch e K i n d e r — 3 ch r i st l i ch - d e u t s ch e Lehrt r ä f t^, d a g e g e n für 1 0 8 m o s a is che S ch u l k i n d e r keine m osai s ch e L e h r p e r s o n, an der Knabenschule in W i z n i tz für 16 römischkatholische Kinder 4 römisch-katholische Lehrer und f ü r 2 0 6 m o s a i s ch e K n a b e n b l o ß e i n e 'in o s a i s ch e p r o v i s o r i - f ch e ll n t e r l e li r e r i n, in Z winiaeze für 2 römisch-katholische Kinder e i n e ch r i stlich - deut s ch e Hilf s l e h r e r i n, während, trotzdem 4 6 nt o s a i s ch e Kinder find, eitte g e p rüste j ü d i s ch e Bewerberin nicht a tt g e st eilt w n r d e." Diesen Angaben wäre ttoch hinzuzufügen, daß die jüdische Lehrkraft vott Eisenau bereits auf der Wander ist unb jetzt an der Schule in Jakobenh sich befindet und and) die zweite aus ter Liebe käutpfte sie um deren Erhaltung, doch das gelang ihr nur bei Eäeilie, riicht aber bei deut Jungen, der des Vaters hochmütigen Stolz ererbt ztl haben schielt. Bald kant es dahin, daß er seilte Mutter oft mit eigentümlich kritischem Blick heimlich betrachtete. Die Mutter empfand jedesmal eilten Stich int Herzen, wettn sie es bettterkte unb er verwirrt die Augen niederschlug. Ach, das waren ja so ganz des Vaters Augeit! * q- * * Die äußeren Verhältnisse hatten sich im Laufe der Zeit für die Trewitzsche Fantilie nterklieh gebessert. Es war gelungett, von dem großen Garten einen Teil sehr.vorteilhaft als Baugrund ztl verkatlfett. Als die Frage reif tvurde, ivelchetn Berufe der Sohn zuzuführen sei, kottnte deshalb sogar der Offiziersstand mit iit Erwägung gezogen werden. Die Baronin war zwar durchaus dagegen, aber dent vereinigten Andrängen vott Vater unb Sohlt mußte sie eudlich itachgeben, tmd so bezog der junge Trewitz die Kadetteitschtile, um - wie einst sein Vater — Offizier ztl werden. Wenige Jahre später stand Arthur als Leutnant bei einer entlegenen, kleinen Garnisott. Seilt Zuschuß war eilt mäßiger, dach ausreichend, um recht wohl damit durchkommen zu können. Aber es datierte tticht lange, da lief Bitte auf Bitte um Erhöhung desselben ein, trotzdem die Mutter dem Sohne vor dessen Abreise vollständige Klarheit über ihre Vermögensverhältnisse gegeben mtd ihtt flehentlich gebeten hatte, Tereblestie an eilten anderen Diettslort gelangt ist. Außer diesen und einigen anderen kleinen Verschiebungen aber hat sich das Gesamtbild tticht geändert. Nach diesen Daten erweckt cs den Eindruck, daß »mit die deutschen Schulen möglichst judenrein haben will. Zollte dieses Bestreben lvirklich bemerkbar werden unb zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung gelangen, bann wird eilte begreifliche Erbitterung entstehen unb der Herr Landesschuliltspektor Dr. T u in l i o z hierfür verantwortlich gemacht werden müssen. Der Einwand, die Zahl der vorhandelten jüdischen Lehrkräfte überhaupt sei eilte geringe, tvird von informierter Seite als völlig unstichhältig bezeichitet. Es gibt wiederholt jüdische Bewerber um Stellen, trotzdem vorgearbeitet ist, indem an der Lehrer- und Lehrerittnenbildungsanstalt ein sehr g e - r i tt g e r P r o z e it t s a tz j ü d i s ch e r A u f it a I) nt s b e tv e r b e r P l a tz f i n - d e t. Gerade von deutscher Seite sollte man bemüht sein, jüdische Lehrkräfte heranzuziehen. Durch eine entgegengesetzte Richtung lvürden die , Juden bei den Autochthonen des Landes da sie in den rumänischen und ruthenischen Schulen ihre Zufluchtsstätte suchen müssen, bald begeisterte Kämpfer gegen das Deutschtum finden, die sie in diesem Kampfe dann unterstützen müßteit. Der Streitruf ist schon lange angestimmt worden, man fordert die Teilung der Lehrerbildungsanstalt, in der germanisatorische Bestrebungen, wie von rumättischer und ruthenischer Seite versichert wird, sich geltend machen sollen. Tatsächlich beherrschen die jüdischeit Lehrkräfte die deutsche Sprache besser als die Landessprachen und sind ihrer Ausbildung nach auf die deutschen Schulen angewiesen. Wettn sie von diesen Zurückgedrängt werden sollen, so wird die hinter ihnen stehende jüdische Bevölkerung gerne die Gelegenheit wahrnehmen — es wäre auch ohnehin ein Gebot der Klugheit — die Forderung der Rumäiten mtd Ruthenen, die auch eigene Landesschulinspcktoren erstreben, tatkräftigst Zu unterstützen. Wemt die Deutschen, die als Minorität auf die Juden des Landes angewiesen sind, auf dem Schulgebiete eine judenfeindliche Tendenz propagieren wollen, so lverden sie auch die entsprechende Antwort sich gefallen lassen müssen. Die Juden sind schon lange nicht mehr wilhns, die deutschen Hegemoniegelüste im Lande ztl fördern und werden auch auf detn Schulgebiete einen Ausweg finden. Den Schaden werden die Deutschen davontragen. Dies den: deutschen Landesschulinspektor, Herrn Dr. T tt m l i r z, zur gefälligen Kenntnisnahme. Vielleicht sind ihm die angeführten Daten unbekannt oder unrichtig. Es wird uns freuen, das Gegenteil der tins gemachten Angaben zu erfahren. keinen Extravaganzen sich hinzugeben und vor allem das Spiel zu meiden. Doch Arthur war eben der Sohn seines Vaters und vermochte so wenig wie einst jener den Versuchungen im Offiziersleben Stand zu halten. Dazu meinte er, den „Makel" seiner mütterlichen Abstammung Vesser zu verschleiern durch ein recht „kavaliermäßiges" Auftreten. Das aber erforderte Geld und abermals Geld. Seine Briefe wtirden immer dringender unb endlich entschloß sich die Baronin, den Sohn ztl besuchen. Sie fand seine Schulden über alle Befürchtungen groß, doch da half nichts, sie mußten bezahlt lverden. Die Wahrnehmung, daß Arthur seine Mutter nur widerwillig tmd mit schlecht verhehlter Verlegenheit seinen Kanteraden vorstellte, schnitt ihr ilts Herz. Es lvar »tut deutlich, was sie so lange gefürchtet hatte: er schämte sich seiner Mutter!- Abermals versprach der junge Mensch, sich einztischrältken mtd nicht mehr über seine Mittel hiitausgeheu ztt lvollett, und abermals brach er sein Wort. Zwischen Mutter und Sohn kaut es darüber fast zum Bruche und merkwürdigerweise stellte sich nun der Vater gattz auf die Seite der Mutter, verttrteilte deit Leichtsinn des Sohnes noch schärfer als diese. Jedoch aller Zorn half tticht über die Notwendigkeit hinweg, den jungen Verschwender wieder unb wieder aus seinen Nöten zu befreien, da sonst seine militärische Laufbahn noch früher geendigt hätte als die des Vaters. Eine Hvpothek mußte ausgenommen werden. Nach eiiti-