Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdisches "Volksblafet Nr. 15 wenn nicht Rückgang hier,?icit»i:lid) nutf; diesem kulturellen d’iaiifc ein geringfügiger politischer Organisationsdrang entsprechen. Die Zionisten sind wohl dein ausschließliche!: Znknnftssuuwpulck'le ferner als die westlichen, aber bedeutend näher als die russischen. Die traditionstreue Masse in von einer beispiellosen politischen llntauglichteit und Primitivität. Die sozialistischen Arbeiter stehen erst an: Anfänge ihres schweren Kan:pfes um die eigene nationale Organisation innerhalb der Dozialdemokratie. Und alles dies in einem Verfafsungs- und ^Nationalitätenstaat, in welchem für ein ernst wollendes Volk die Durchsetzung seiner Nationalität von vornherein gesichert war! Und die Ursache dieser ungünstigen (Entwicklung':' Neben den maßlosen Forderungen des hpperuationalen Polentums hauptsächlich die Staatsgemeinsamkeit mit den Inden des westlichen Oesterreich. Diese Gemeinsamkeit begann gerade in der Zeit zu wirken, da die snngsüdischen Kulturkeime zu sprießen anfingen. Die wirkte alsEinfluß und Beispiel zersetzend und verwirrend, verhinderte das Ansammeln eines starken.^nltnrkapitals, mit welchen allein die galizische Indenheit, Uno seht die russische, national gesichert, in die volle Emanzipation hätte eintreten können. Und als dann die Verfassung kam, konnte sie ihr Werk der Vernichtung erst recht fortsetzeu. Do hat sie die galizische Indenheit, ohne sie auch nur zivilisatorisch fördern zu können — weil das nicht von ihr abhängig war — in kulturelle und national politische Verwahrlosung getrieben. Ob es ans dieser nationalen Verelendung, die hier so herrlich mit der tvirtschaftlichen znsammentrifft, eine Rettung gibt, •— das hängt davon ab, ob die Dtaatsgemeinsanikeit der westösterreichischen und galizischen Juden imn:er so schädigend auf die letzteren wirken muß wie bisher. Für diese Frage aber ist maßgebend: Wie sich die staatsrechtlichen Verhältnisse Oesterreichs tveiter gestalten werden: ferner, ob nicht doch so viel lebendige jüdische Nationalität in der galizischen Indenheit zurückgeblieben ist, daß sie nach Ueberwindung der sogen, assimilatorischen Versuchung des Westens und unter dem Einfluß der immer mehr erblühenden südischen Kultur in Rußland selbst wieder ins Wachsen kommen könnte: schließlich von der Entwicklung der westösterreichischen Juden. Im Grunde ist die erste Voraussetzung die unwesentlichste. Jede Nation ist — namentlich heutzutage — der Schmied ihres Glückes. Oder moderner ausgedrückt: Jede Nation macht immer und überall soviel aus sich, als sie ist, als in ihr liegt. Darum sind wohl Formen österreichischer Entwicklung denkbar, welche der nationalen Entwicklung der galizischen Judenheit besonders günstig wären. Aber es kann wußte. Ehe das Jahr abgelaufen, kain es zun: offenen Bruche zwischen den beiden. Hirsch war numnehr der letzte Zweifel benommen, daß nüt der freiherrlichen Heirat ein schlechtes Geschäft geinacht worden war, und obendrein seine einzige Tochter zeitlebens unglücklich bleibe:: würde. Der Leutnant hatte längst aufgehört, das als Bräutigam begonnene solide Leben weiterzufuhren. Er spielte wieder und ging auch unehrenhaften Abenteuern nicht inehr aus den: Wege. Do reichlich der schwiegerväterliche Zuschuß war, er reichte nicht niehr aus. Nene Schulden häuften sich. Anfangs deckte sie der Bankier murrend auf die Bitten seiner Tochter- Hin, doch schließlich erklärte er, nun mit keinen: Heller über das festgesetzte Monatsgeld mehr hinausgehen zu wollen, und :::achte auf schriftlichem Wege dem Leutnant die heftigsten Vorwürfe über seinen Lebenswandel. Auch Baronin Rosa waren die Augen gründlich aufgegaitgen über ihren leichtsinnige:: Lebensgefährten. Die bereute ihre Wahl und beklagte deren Ursache, ihre ehrgeizige Eitelkeit. Bald gehörter: zur Häuslichei: Tagesordnung Szenen der Eifersucht, welche der Baron meist mit brutalen Vorwürfen über die Abstamm:n:g seiner Frau beantwortete und mit Beschimpfungen ihres Vaters, der nicht wert sei, einen OffG zier und Edelmann zun: Schwiegersohn zu haben. Sein lasterhaftes Treiben aber setzte er ungescheut fort. Da schien die Geburt eines Söhnchens alles wieder in ein gutes Geleise zu bringen. Der nicht behauptet werden, daß die Zukui:ft Oesterreichs für die Zukunft des jüdischen Volkes in Galizier: vor: ausschlaggebender Bedeutung ist. Und darum ist andrerseits bei beit regen Beziehungen und der geistigen Verivaiwtschaft, die ja doch zw:fchen West- und Ostjuden besteht, die weitere Entwicklung des westösterreichischen Judentums für das galizische von größter Bedeutung. Aber das westösterreichische Judentun: verdient vou: Standpunkte der nationalen Politik auch an sich eine größere Beachtung als sie sonst den Westjuden zukolumt. Zunächst ist es selbst aus inehreren Gerippen zusammengesetzt, wodurch allein es schon die jüdische Zusammengehörigkeit stärker empfindet, als etwa die reichsdeutsche oder französische Indenheit. Auch stehen mehrere dieser Gruppen durch Sitte des Alltagslebens und durch nie unterbrochene!: Zusannnenhang der alten religiösen Tradition den: Ostjudentuu: näher als die anderen. Dann kam: sich das westösterreichische Judentum auch seinerseits den Einwirkungen der Dtaatsgeineinsainkeit mit den galizischen Juden nicht entziehen. Endlich sind seine assirnilatorischen Tendenzen schon durch die nationale Mannigfaltigkeit Oesterreichs desorientiert und geschivächt, und seine Tendenzen zur nationalen Repräsentativ!: eben dadurch ermutigt. Alle diese Eigentümlichkeiten können zivar vorläufig an der Tatsache nichts älwern, daß bei den westösterreichischei: ivie bei der: Westjuden der Lebensstrom der jüdischen Kultur versiegt ist. Aber sie bringei: es doch mit sich, daß hier stets etwas mehr nach Geltung ringt, als bei der: deutschen oder französischen Juden, — mehr als eine Note, ein Ton des Lebens, ein noch nicht ausgesprochenes Etwas, das nur auf die Gelegenheit ivartet, sich als politische ^Nationalität zu offenbaren. Und vielleicht besteht infolge aller dieser zusannnentreffeitden Umstände gerade für diesen Teil der westliche!: Judenheit die besondere Möglichkeit, auf dem Wege nationalpolitischer Organisation wieder zu einer Art von jüdischen: Kulturleben zu kommen. Damit dies aber geschehen kann, damit überhaupt die nationalpolitische Tendenz in der Indenheit Westösterreichs befestigt werde, ist für die schon national Gesinnten eine Betätigung nötig, die mit den: Leben der Gegenwart zusamnieuhängt, die innner neue Situationen, immer i:cue Fragen, innner neue Ziele aufwirft. Mit dem Zionismus allein ist nichts getan. Will er feine Dache nur Politisch lösen, woran er ja übrigens kaum mehr deickt, so bedeutet er die Indolenz für das Leben selbst und die Gefahr des Enttäuscht-, Ernüchtert- Entinutigtwerdcns. Geht er mit rationellen Mitteln des Wirtschaftslebens ans Werk, -— Offizier erinnerte sich feiner Pflichten besser, zu welchen nun noch jei:e eines Vaters hinzugekom-!i:en ivareu, und sogar eine Aussöhnung mit dem Baickier erfolgte. Doch hielt diese Besserung bei Trewitz nicht lange an und abern:als kehrte er zu seinen früherer: Ausschweifui:gei: zurück. llebers Jahr schenkte Baronin Rosa eilten: Mädchen das Leben, aber ihren Mann rüttelte das nicht inehr aus dem Dumpfe auf. Ein äußerlicher gesellschaftlicher Firnis verbarg der Welt einigerinaßen die trostloser: Zustände der Trewitzschen Ehe, unter bencn Frau Rosa namenlos litt, llnd doch hattei: diese beiden ein Gutes: sie veredelter: und läuterte!: ihren Charakter. * * * Das Jahr 1S7H kan: heran, und mit ihn: jene gewaltigen finanziellen Erschütterungen, die unzählige Opfer verschlangen. Auch Bankier Hirsch gehörte zu ihnen. Eines Morgens fand inan ihn eiitseelt in seinen: Schlafzimmer: er hatte Hand an sich gelegt. Trewitz wollte anfangs die Schreckensbotschaft nicht glauben, die in fein Lebei: so gewaltig einschnitt, aber sie ward zur Tatsache, welche ihre Konsequenzen forderte. Ein Offizier, dessen Schwiegervater sich als verkrachter Baickier das Leben genommen, war eine Unmöglichkeit. Trewitz inußte uni seinen Abschied einkoinmen, der ihn: auch mit verletzender Eile bewilligt wurde. Was nun beginnen? Von den: einst so großen Vermögen des Bankiers blieben nach Deckung aller Verbinddann läßt er ja Raun: für eine nationalpolitische Gegenwartsarbeit, die zu vernachlässigen Sünde an den Alltags- und Kulturinteresfei: der Lebenden wäre, und die gerade er für die Erziehung und Erhaltung seines Kämpfermateriales am allerdringeudsteu braucht. Dies gilt natürlich ebenso für das galizische Judentun:. Sehen beide ein,!vas ihiu'u not tut, so werden sie aneinander Stütze fii:dei:. Die Dtaatsgen:einsa:::keit wird dann nicht länger ein nationaler Fluch sein, sondern ein nationaler Degen iverden. Aber es muß bald geschehen. Es ist feine Zeit mehr zu verlieren. Die Geschicke Oesterreichs stehen vor großen Wandlungen. Was aber geschieht, es muß gerüstet treffen. Kommt der Föderalismus, so n:uß er unser Werk aufgerichtet fiudei:. Webe uns, wenn wir nicht schon als konsolidierte und anerkannte nationalpolitische Faktorei: ii: die getrennten Staatlichkeiten einziehen könnten. Möglich a::ch, daß die Dinge anders kominen. Vielleicht siegt ein Gedanke, der ja in diesen: Blatte schon oft genug, neuestens auch von beachtenswerte!: Politikern anderer Völker ausgesprochen wurde und den: wir einen besonderen Artikel widmei: wollen: Der Gedanke der nationale!: Autonomie. Vielleicht wird es Wahrheit, daß die Nationen Oesterreichs, im wesentlichen unabhängig vomTerritorium, ihre nationalen Angelegenheiten in DelbstveNvaltung nehmen; daß neben den Reichstag und öen Landtagei: Volkstage, daß in Analogie zu den autonomen Religionsgenossenschaften autorwine Nationalverbände entstehe!:, — sollen dam: wir allein leer ausgehei:? Und nuissen luir nicht schon zur Stelle sein :u:d unsere Forderungei: anmelden, wein: die ersten: Kämpfer für diese Idee auftreten, damit es dann nicht Heißei: kann: Wir wußten: ja garnicht, daß Ihr auf der Welt seid? Aber dies sollte ja eigentlich keine Frage fein. Und ebenso darf es nicht zweifelhaft fein, daß wir mit möglichst vielen Kräften: auf den: Plan treten nuissen:. Danüt soll nicht eine Preisgabe vor: Prinzipien, nicht eine Vernachlässigung besonderer Zwecke, auch keine starre absolute Wahrscheinlichkeit empfohlen fein. Ein darauf gerichteter Versuch würde auch nichts nützen. Das Bedürfnis nach Klassenpartcien inuß sich ausleben. Niemand wird verhindern können und inan wird es nur begrüße!: dürfen, wenn nach russisch-jüdischen: Muster eine jüdische Gruppe der internationalci: Sozialdeinokratie entsteht. Auch nationalsozialistische Arbeitergrupven sind denkbar. Die bürgerliche!: Gruppen des Ostens und Westens werden sich Nwhl gegenseitig eine weitgehende Autonomie konzedieren müssen. Die Zionisten Werder: ruhig ihren besondere!:, die Gegenwart tichkeitei: einige dreißigtausend Gulden übrig. Es wurde ein Testament gefunden, das der Tochter das alleinige Verfüguugsrecht über die Hinterlassei:schaft wahrte. Die Baronin raffte nach Ueberwii:dung des ersten Schinerzes ihre ganze Energie zusammen, uu: wenigstens diese Trümmer vor der: begehrlichen Fingern ihres Mannes zu schützen. Es war ihr sonnenklar, daß nun auf ihr allein die Zukunft der Familie ruhte. Der zu jeder praktische!: Tätigkeit unfähige Baron geberdete sich oft wie rasend. Er beschuldigte feinen toten Schwiegervater und feine Frau, ihn irregeführt, ja betröge,: zu haben mit falsche,: Vermögens- Vorspiegelungen, bezeichnest' sich als durch jene entehrt und um fein Lebensglück gebracht. Wären die unschuldigen, arinen Kinder nicht gewesen, sie hätte sich am liebsten vor: ihn: getrennt. So aber harrte sie aus, ertrug feine Be schimpfungen.- und handelte. Dabei kan: ihr der angeborene Geschäftssinn zustatten. Das verbliebene Vermögen unantastbar, zu machen und den Kinderl: zu erhalten, war ihre erste Sorge. Da die Zinsen zum Leben nicht hinreichstl:, suchte sie das Kapital so nutzbringend als möglich anzulegen. Sie kaufte in einen: als Sommeraufenthalt viel besuchten, aufblühenden Vorort ein geräumiges Haus, das sie möblierte und scheinbar durch einen Portier vermieten und verwalten ließ, in Wirklichkeit aber alles selbst leitete. Trotz seines SträubenS mußte der Baron schließlich einwilligen, in das erworbene Hans zu ziehen, welches inmitten eines großen Gar-