Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K 8,48 . - -ä Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements eritgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/», Untere Augartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Ur. 15 Wie«, 14. April 1905 (9. Nissan 5665). VIF. Jahrgang. Die jüdische Nation in Oesterreich. Eine Artikelserie. I. Das Wesen eines Volkes ist seine Kultur. Daher ist seine Kulturarbeit, Ausbildung seiner nationalen Nuance sein Berus als Volk. Dazu ist eS da, sonst widerspräche es seiner Sonderexistenz, sonst wäre kein Grund vorhanden, daß es für sich und seine Nationalität stritte und litte. Der Streit eines Volkes für sein Volkstum kann selber .Kultur sein. Und wäre die Zivilisation fortgeschrittener, als sie bis jetzt ist, so wäre er es immer. Tann wäre es nur der Streit mit den Hindernissen in der eigenen Seele. Jetzt aber, wo wir noch nicht so weit sind, wo noch Volk gegen Volk aufsteht, wenn auch schon in gesitteteren nnd milderen Formen, jetzt gibt es auch noch einen Streit um die .Kultur und Geschütztheit der Volksmassen, der nicht selber Kultur, sondern Politik ist. Nationale Politik sollte nie auf ihren kulturellen Ursprung vergessen, sonst untergräbt sie die Vcredlungsfähigkeit aller beteiligter Nationen. Aber sie darf auch nicht aus sich selber, und am allerwenigsten darf sie auf das fließende Leben des Volkes vergessen. Kulturziele können richtig oder falsch erschaut sein, sie sind jedenfalls nicht schädlich. Denn sie sind treibende, Entwicklung auslösende Mächte. Aber nur solange sie nicht die Kulturgcgenwart verschlingen. Denn sie versind gut, aber nur Kulturgegenwart kann zu schlängen sonst das Volk selbst. Kulturzicle ihnen führen. Ziele wachsen fast von selbst aus der Entwicklung, wenn diese glatt geht. Darum braucht hauptsächlich diese der politischen A'achhilse. Die Nachhilfe nmß sich den Umgebungen anbeguemen, in welchen sie wirken soll. Es ist fraglich, wie weit es noch im Westen ein jüdisches Volkstum und ein jüdisches Volk zu schützen gibt. Aber es ist sicher, daß hiefür außer der inneren Erziehung und wirtschaftlichen Maßregeln wenig Mittel vorhanden sind. Die im engeren Sinne politischen Möglichkeiten sind allenfalls dürftig. Das gilt von Deutschland, Frankreich, England ustv. Weniger von Amerika, dessen Judentum einmal eine gründliche Besprechung nach dieser Richtung verdienen würde. Ganz und gar nicht aber, wie wir bald des näheren ausführen werden, von Ccftc» reich. Im Osten, speziell in Rußland, haben wir eine schöpferische jüdische Eigenkultur. Die russischen Juden sind schon durch die nationale Sprache jedermann als lebende Volksindividualität erkennbar. Ihre jüdische Nationalität ist mehr als Gesinnung, weil sie Tatsache ist. Sowohl die traditionstreuen Bürger, als die „bundistischen" (sozialistischen) Proletarier, finden ihr Volkstmn selbstverständlich. Die Zionisten können natürlich nicht zurückbleiben. Selbst wenn sie auf dem äußersten Zukunftsstandpunkt stehen — der ja einen Zweifel an dem Vollwert der nationalen Gegenwart ansdrückt — lassen sie diese nie aus den Augen. Fm tiefsten Grunde ist auch ihnen ihr Volkstum, wie es ist und wie es in ihnen lebt, das Primäre. Daher hört man sie je jetzt auch mit Eifer und Verständnis die Ehancen des j'üdischen Bevölkerungselementes in der gegenwärtigen Umwälzung des russischen Staates besprechen. Und man kann bemerken, daß sie hierbei nicht bloß von kühlen Nützlichkeitserwägungen, sondern von einem tiefen Interesse geleitet werden; daß sie ganz und gar nicht in der von Partei wegen vorgeschriebenen Provisoriumsstimmung, sondern von dem Bewußtsein einer großen nationalen und menschhe.itlichen Aufgabe getragen sind. Sicherlich stehen sie hierin den „Bnndisten" nicht nach, nur daß für sie sowie für die traditionstreuen Massen der Zeitpunkt speziell politischer Aktivität erst kommen wird. So durchaus erfreulich die Entwicklung auf russischen! Gebiete genannt werden muß, so durchaus unerfreulich ist sie in Galizien. Wohl haben wir es auch hier mit einer ostjüdischen Gruppe zu tun, die noch deutlich die Züge des Ostjudentums, eigene Kultur und eigene Sprache, an sich trägt. Aber die jüdische Kultur in Galizien wird fast nur durch das der Vergangenheit zugekehrte traditionstreue Element vertreten, eine Mitarbeit an dem modernationalen Kulturaufbau des gesamten Ostjudentums findet nur in sehr geringem Maße statt. Man vergleiche nur die Pflege des Hebräischen in Rußland und in Galizien, oder gar die bedeutende'sprachliche nnd literarische Entwicklung des Jüdischen dort mit seiner Acrmlichkeit und seinem Stillstände, Teuer erkauft! Eine Familiengeschichte von St. F. Arnold. An einem Novembernachmittag des Jahres 1869 stand der Ulanenleutnant Baron Drewitz reglementsmäßig stramm vor seinem Oberst, der ihn höchst unwillig fixierte. „Ich habe Sie aus Gründen rufen lassen, die Ihnen gut genug bekannt sind, Herr' Leutnant," begann der Vorgesetzte streng. „Ohne jetzt auf Einzelheiten einzugehen, muß ich Ihnen eröffnen, daß Ihr Verbleiben im Offizierskorps gefährdet erscheint und Sie am besten freiwillig Ihren Abschied einkouunen, wenn es Ihnen nicht gelingt, sich ehestens zu rangieren. Ich erwarte innerhalb zehn Tagen Ihre Meldung hierüber. Adieu!" „Zu Befehl, Herr Oberst." Der Leutnant machte Kehrt. Auf der Straße angekommen, murmelte er: „Teufel, die Geschichte wird kritisch! Der Alte kennt keinen Spaß, was fange ich nur an!?" Nachdenklich schriller seiner Wohnung zu, trübe Bilder nahmen seinen Geist gefangen. Die Eltern tot, das Vermögen verjubelt, und Schulden — eines Sultans würdig: da war guter Rat wahrlich teuer!- Acht Tage später stand der elegante Leutnant wieder vor dem Regimentskommandeur. „Melde gehorsamst, Herr Oberst, ich habe mich gestern mit Fräulein Rosa Hirsch, der einzigen Tochter des Bankiers Hirsch, verlobt. Mein zukünftiger Schwiegervater wird meine Verhältnisse in Ordnung bringen." Der Oberst blickte erstaunt auf Trewitz. „Alle Wetter, das ging rasch! — Na, ich gratuliere." Er reichte den: Leutnant die Hand und sprach etwas von Freude, Trewitz nun dem 'Regiment und Offiziersstand erhalten zu sehen. Fräulein Rosa Hirsch war eine prachtvolle Erscheinung, eine wahre Junogestalt, voll Feuer und Geist. Baron Trewitz machte ihr seit längerer Zeit den Hof, weit entfernt von jeder ernsten Absicht. Erst die Alternative des Obensten bewog ihn, einen Heiratsantrag zu stellen, der erhört wurde, erhört mehr aus befriedigter Eitelkeit jener Bastardschwester des Glückes — denn aus Liebe. So überwogen auf beiden Sellen äußerliche Interessen, nicht Herzensneignng. Zwar, wenn der junge Offizier bei seiner Braut saß und vom Zauber ihres wundervollen Körpers, ihres verheißungsvollen Flcnnmenblickes und lebhaften Geplauders sich bestrickt fühlte, glaubte der Lebemann seine Braut mehr zu lieben als irgend eine seiner früheren Flammen. Er gab sich auch alle Mühe, als Bräutigam die in ihn gesetzten Erwartungen zu rechtfertigen. Seinem bisherigen leichtsinnigen Treiben entsagend, ging er keine weiteren Abenteuer ein, spielte nicht mehr und trank nur noch ausnahmsweise Champagner. Seine Kameraden waren sprachlos, den ehemaligen Sausewind so verwandelt zu sehen. * * * Die Hochzeit — Fräulein Hirsch hatte inzwischen ihren Glauben auf dem Altar ihrer Eitelkeit geopfert und sich taufen lassen — wurde im März gefeiert. Die Neuvermählten unternahmen die übliche Jtalienreise und nach der Rückkunft trat Trewitz seinen Dienst wieder an. Bankier Hirsch war nicht weniger stolz darauf, einen sreiherrlicheu Schwiegersohn zu haben, als seine Tochter es war, Baronin geworden zu fein. Das mußte ihn nicht nur im gesellschaftlichen Ansehen heben, cs konnte auch manchen geschäftlichen Vorteil bringen. Hirsch hatte die verworrenen Verhältnisse des Offiziers in Ordnung gebracht, sich aber vorsichtigerweise ausbediingen, anstatt einer Mitgift dem jungen Paar eine monatliche Apanage zukommen zu lassen, reichlich genug, um dem letzteren ein standesgemäßes, ja verschwenderisches Auftreten zu ermöglichen. Trewitz hätte wohl Ursache gehabt, dem Bankier einige Dankbarkeit zu bezeigen. Aber darauf wartete Hirsch vergebens. Die Sticheleien seiner Kameraden über die „koscheren Ahnen" seiner Frau wurmten und erbitterten den jungen Offizier, und immer rücksichtsloser brüskierte er den Mann, der wohl gut genug gewesen war, ihm seine Schulden zu bezahlen, seine gefährdete Offizierslaufbahn zu retten und jetzt seinen kostspieligen Haushalt zu bestreiten, im übrigen aber ihm aus den Augen bleiben mochte. Er ruhte nicht, bis Rosa die Besuche bei ihrem alleinstehenden Vater seltener und seltener werden ließ. Bald war es dahin gekommen, daß der Bankier sich nur noch in des Barons Wohnung sehen lassen konnte, wenn er den Schwiegersohn nicht zu Hause