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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 14 Jüdisches Volksblatt ten und sittlichem Handeln im Verkehr mit den Nächsten. Auch die Kinder. fangen allmählich an einzusehen, daß sittliches Verhalten Mehrwert ist als bloß äußeres korrektes Benehmen. Da werden sie erst die Reformgedanken der Propheten verstehen und ihren Kummer über die religiösen Verirrungen des Volkes nachfühlen lernen! Die Anwendung unserer Kulturgabe, unseres höchsten Besitzes, im Kampfe der Seelen, der Welt und der Wissenschaft zur höchsten absoluten Reinigung als Gottcsbegriff ist das Werk des Lebens in der Zerstreuung. Diesen Kampf der höchsten sittlichen Anschauungen mit den Beziehungen und Leidenschaften der Außenwelt, diese Verinnerlichung des Judentums als kulturelles Phänomen werden die Kinder erst dann begreifen, wenn sie selbst inneren Kampf kennen, feste Beharrlichkeit, sittlichen Stolz und moralische Demut gewonnen haben. Wir hätten also folgende fünf Entwicklungsperioden in der Geschichte der Juden, die denen im Kinde parallel gehen: 1. Patriarchengeschichte, 2. das Heldenzeitalter (Moses. Josua, Richter), 3. das davidische Königtum (Saul bis Salomos Tod), 4. die Prophetie (von Jerobeam bis zur Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar), 5. die Diaspora. Ihre Uebertragung auf die kindlichen Apperzeptionsstufcn ist folgende: Erst mit dem achten Lebensjahre soll die Religionsgeschichte beginnen. Vorher werden Vorbereitungen für den Gesinnungsunterricht getroffen durch passende Erzählungen sowie durch das Lernen der Gebete und der Sprache, deren sich die Patriarchen bedienten. Im sechsten und siebenten Lebensjahre ist also vor aller Religionsgeschichte in pädagogisch richtiger Weise beten zu lehren und nach dem Beten das hebräische Lesen, denn die Sprache geht dem Schauen und gebundenem Spreche!: voraus. In diesem Alter muß ferner die Schule die Familie fortsetzen und die Zeremonien und Riten kennen, üben und befolgen lehren, damit sie in der Seele festhalten, die Gesittung anbahnen und die Seele für das Religiöse empfänglich machen. In das 9. und 10. Lebensjahr fällt das Heldenzeitalter. Für das 11. und 12. Lebensjahr paßt das davidische Königtum. Im 13. und 14. Lebensjahr lernen die.Kinder an der Hand der Bibel und des Gebetbuches das Zeremoniell- und Sittengesetz kennen. Hier werden sie zu Juden gebildet, die die Geschichte ihres Volkes mit den Herzen erfaßt haben und nun in lebendiger Beschäftigung mit dem Urwortc nach altrabbinischer Methode, die heute als moderne Sprachenerlernung ausgegeben wird, die Erzeugnisse dieses Kulturstaates in Sitte, Recht, Gewohnheit und Gesetz kennen lernen. Es ist der Abschluß für die Volks-, Bürger- und untere Mittelschule. Erst nach dem 14. Jahre, wenn die Kinder sich einer höheren Ausbildung zuwenden und fähig sind, die verschiedenen Tendenzen und Meinungen zu prüfen, gibt man ihnen die Entstehung, die Blüte und das Ende der Prophetie und das Werden des Judentums als Religionsbegriff-, das alles aber nur an der Hand der Quellen, indem sie selbst den pragmatischen Zusammenhang erschließen. Wie wir also hier Selbstarbeit wollen und nicht Universitätsfragcn mit nachfolgendem Memorieren, so wollen wir andrerseits keine besondere Zeit und keinen besonderen Platz für die Glaubens- und Pflichtenlehre: man lernt sie in jeder Stunde, sie ist nur das System in jeder methodischen Einheit! Diese Erwägungen führen von selbst zur Frage nach der Methode im jüdischen Religionsunterricht. Sie ist ebenso reformbedürftig wie die Lehrbücher, wie der Lehrplan! Ob man aber für unsere Forderungen mehr Zeit braucht als jetzt vorgeschrieben ist? Der rechte Lehrer kann, mit rechtem Lehrplan in wenig Zeit viel gewinnen! Man hat nicht das Gedächtnis vollzupfropfen: es soll dem Schüler neues Leben gegeben werden! Der Religionsunterricht soll doch die Seelen veredeln! Zur Frage der nationale« Erziehung nnd Organisation der jüdischen Mittelschnljngend. Das natürliche Streben nationaler oder politischer Parteien, die Jugend ihre- Volke- oder bestimmte Gesellschaftsklassen für ihre Ideen zu gewinnen, für ihr Programm reif zu machen, sich prinzipienfesten Nachwuchs zu sichern, ist in der jüdischnationale» Bewegung selbstverständliche Pflicht. Darüber ist kein Wort zu verlieren. Während nun die Organifatton der akademischen Jugend und ihre nationale Erziehungsarbeit, die sich, unbehindert von einengenden Fesseln der Schulaufficht und Di-ziplinargefetze, frei entfalten kann, einen durch Traditio« und Erfolg vielfach erprobten und gesicherten Wirkungskreis besitzt, ist die Sache bei jener im nationalen Lager stehenden Jugend, welche noch die Mittelschulen besucht, viel schwieriger nnd ungeklärt. Es scheint mir an der Zeit, die Frage ihrer Organisation-Möglichkeit nnd -Notwendigkeit zur öffentlichen Diskussion zu bringen, bevor sich Auswüchse und Mißbräuche einbürgern, die weder nutzbringend noch gefahrlos find. ES ist notwendig, die Grenzen festzusetzen, die auf der einen Seite der organisierten Mitarbeit der Mittelschüler und ihrer Angliederung an die Parteiorganisation, auf der anderen Seite der aktive» oder moralischen Förderung der Propaganda in diesen Kreisen durch Parteigenossen zu ziehen sind. Zwei Fragen drängen sich da auf: »Sind festorgauisierte Mittelschülervereine wünschenswert nnd nützlich? Und sollen sie von in der Partei stehenden, reifen, gewissenhaften Zionisten unterstützt und gehalten werden?" Die Rücksichtnahme auf die in Betracht kommenden Interessen der Mittelschüler und noch mehr der nationalen Idee diktiert, so glaube ich, ein entschiedene- Nein. Man erweist den Mittelschülern, die man schon als Quintaner oder Sextaner in das Vereins- oder Parteigetciebe hineinzerrt, keinen Dienst. Die Erwägung, daß ihnen seitens der Schulbehörden ernste Gefahren und harte, empfindliche Strafen drohen, sei hier ganz kurz erwähnt. Davon später. Jede Brreiusarbeit läuft in d e m Alter und in der Situation erfahrungsgemäß auf lächerlich kleinliche Vereinsmeierei hinaus. Der zionistische Student, der schon in blutjungen Jahren seinen Mittelschulvereiir als Selbstzweck in den Mittelpunkt seines zionistischen Interesses und Strebenzu stellen beginnt und die ganzen oberen Klassen hindurch nichts als plumpe Bereinspolitik treiben lernt, kommt an die Hochschule als blasierter BereinSfex und ist in seinen ersten Semestern mit seinem Mittelschullatein nationaler Begeisterung zu Ende. Sie verpufft draußen sehr rasch, so stark und echt sie oft an der Mittelschule erscheint. ES ist eine unbestreitbare Tatsache, durch jahrelange Erfahrung erhärtet: Solche Mittelschüler sind in den meisten Fällen für ernste zionistische Arbeit an der Hochschule und in der Praxis sehr schlechtes Material, äußerlich, oberflächlich, unverläßlich. Man mißverstehe mich nicht! Wer will und kann denn unsere Mittelschüler an der nationalen Selbstzucht und Vertiefung, an positiver, durch ihre Jugend und Abhängigkeit begrenzter Mitarbeit hindern? Sie mögen nach Herzenslust jüdische Literatur und Geschichte studieren, Palästinastudium betreiben, die zionistische Lektüre pflegen, für den Nationalfonds sammeln und zahlen, Schekel entrichten, »Unsere Hoffnung fördern" — nur zu! Auch der böswilligste Schulbespot wird ihnen da-nicht verbiete« können. Aber dazu bedarf eS doch keiner Vereinsfaxen mit Statuten, Wahlen, vielleicht gar Bändern und dergleichen nachgeäfften Dingen, die in diesen Kreisen fast immer in kindische Tändelei und bloßes Spiel auSarte«. Unverantwortlich und gewissenlos wäre es, gewisse deutschnationale Sitten sich einnisten zu lassen. ES ist eine verdammenSwerte Kouleurpolitik, wenn — nach deutschnationalem Vorbilde — die Mittelschüler unter Patronanz und werktätiger Mitbilfe von Hochschülern auf den Buden der Verbindungen hausen, kouleurstudentische Aeußerlichkeiten kopieren, «ach strengem Bierkomment — ein Evangelium! — kneipen, kurz eine gewisse Kouleurart markieren dürfen, um auf diesem nicht mehr ungewöhnlichem Wege »Zionisten" zu werden. Will der eine oder der andere Hochschüler oder seine Korporation jüdische Mittelschüler für den Zionismus gewinnen und »erziehen", meinetwegen für einen bestimmten Verein „keilen" — auch gnt und verdienstvoll! Aber er verleite feinen jungen Schützling nicht zu allerlei unverstandenem, pseudostudentischen Zeug, das dieser ernster nimmt als eist und das ihn andere, wahrhaft zionistische Dinge ganz vergessen und vernachlässigen läßt; er erziehe ihn in jenem hypnotisierenden Wust studentischer Sitten und Gebräuche nicht zu Halbheit, Hohlheit und Lächerlichkeit. ES wird kein rechter Zionist alldem Naivling, der in der Sexta schon von der berühmten imaginären Quart de- Zweitchargierten Stumpf und dem bönadeligen Schmiß de- Fuchsen Süffel als seinen studentisch-zionistische« Idealen schwärmt und sich auden dummstolzen Reil om wagen seiner „Erzieher" die Grundlagen jüdischnationaler Lebensanschauung zimmert. Ernste nationale Arbeit und echte Gefinnung-tüchtigkeit bleiben ihm fremd. Wird er Akademiker, eventuell Kouleurstudent, dann beurteilt er unter de« Gesichtswinkel des SäbelschlsgenS und der Biermensur seine Stellung im mnd zum Zionismus. Es gibt solche Käuze, sehr dünn gesäet allerdings, in unseren Reihen. War erscheint ihnen nicht alles als „philiströs"! Wie originell begrenzen sie den Aufgabenkreis einezionistischen Studenten! ES sind die Früchte jener famosen Erziehungsmethode. Es spricht für den guten Geist unserer Studentenschaft, daß sie für diese dunkelste Schattenseite des jüdischen PenuälerwesenS, das in solch widerwärtiger Entartung nur höchst selten geduldet und favorisiert werden durfte, nur berechtigten Hohn und Verachtung übrig hat. Leienti sat. Jede direkte oder indirekte Einmengung der Mittelschüler in die Parteipolitik, ihr wie immer geartetes Engagement in aktuellen Parteifragea muß zurückgewiesen werden. Wenn nun ein führendes Wiener AktionSkomiteemitglied seine Ernennung zum Ehrenmitgliede eine- Mittelschülervereines im offiziellen Parteiorgan mit Dank quittiert, kliugts sicherlich komisch und muß nicht ernst genommen werden. Wenn jedoch noch dem Artikel, der im Dezember v. I. in diesem Blatte über und gegen da- Wiener A.-C. erschien, ein Mittelschülerverein von bekannten Parteigenossen zu einer Protestkundgebung mobilisiert wurde, so war es eine Dummheit schlechthin. Die Fakta sind gewiß unbedeutend, aber bezeichnend. Es wirkt verwirrend und ist unvernünftig im höchsten Grade, wenn so junge Leute, deren Gesinnung vielleicht noch wenig gefestigt ist und welche allenfalls vorkommenden Parieizwist auf das richtige innere Maß zurückzuführen nicht vermögen, in solchen Parteisachen engagiert werden. Aehnlich verhält es sich mit den Versuchen, die Mittelschüler in den possierlichen Streit zwischen Schlagenden und Finken — momentan ist er im latenten Stadium — zur Parteinahme zu veranlassen. Doch diese wirklich undankbare Hetzarbeit ist gewöhnlich nur das Privatvergnügen einzelner Kampfhähne, die auf eigene Faust harmlose Leute durcheinanderhetzen. Das nennt man dann zionistische Aufklärung und Werbearbeit unter der Jugend! Es ist durchaus nicht nötig, daß aus den zwangslose« Zusammenkünften der Mittelschüler, die jüdischen BildungSzwrcken und nationaler Ausbildung dienen sich, statutenmäßige Geheimvereine, ja sogar Geheimverbmdungen mit Band- und Kneipzweck wie eS die Deutschnationalen praktizieren, entwickeln. Die jüdisch-nationalen Mittelschüler tun für sich und für die nationale Sache, die sie doch über kleinliche Beremszwecke stellen müssen und der sie sich als freie akademische Bürger mit der ganzen ungebrochenen Kraft jugendfrischer Begeisterung widmen können, weit mehr durch stille, systematische Erziehungsarbeit als durch nutzlose Gschaftelhuberei in ihren Vereinen, in denen allzuoft Vernunft Unsinn, Wohltat Plage wird. Und weil die durch zweckentsprechende, ziel bewußte nationale Erziehung unseres Nachwuchses geleistete Kulturarbeit in der zionistischen Bewegung so sehr gewürdigt werden muß, müßte auch die Partei gegen den Versuch, die nationalgesinnten Mittelschüler in Lokalvereinen oder Gesamtverbänden zu organisieren ihre warnende Stimme und energischen Protest erheben. Diese Zeilen wollen keine Moralpauke einegeängstigten Philisters sein. Wer allerdings bei der Stellungnahme gegen die Mittelschülervereine, die damit unvereinbare Unterordnung unter die Schuldisziplin, die drohenden Strafen bei Entdeckung, schlechten Studienerfolg usw. in die Argumentation einbezieht, ist vollständig im Rechte. Dar psychologische wichtige Moment, das die bestärkte antizionistische Haltung der Eltern und anderen Schüler, die unter den Schülern der betreffende» Anstatt oder Stadt nach einer eventuellen Massenbestrafung immer eintretende Reaktion und jahrelang nachwirkende Furcht betrifft, käme auch noch irr Betracht. Wer unseren studentischen Nachwuchs der letzten Jahre, die ganze studentische Tätigkeit kennt und vieleandere, was drum und dran ist, wird zugebeu, daß der Nutzen, den Mittelschülervereine hie und da gewiß bringen, ausgewogen wird durch ihre schweren inneren Schäden, die meist erst nach Jahren sichtbar in Erscheinung treten. Darum: Weg mit den Mittelschulvereinen! Rudolf Nassau.

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