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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Jüdisches Volksblatt Seite b Die Sektion hat nun das Ergebnis der Offerlverhandlungen dem Plenum des Vorstandes mitzuteilen, dem sodann die endgültige Entscheidung zufällt Es bleibt dem Gesanrtvorstande Vorbehalten, falls gegen die Leistungsfähigkeit des Erstehers Be« denken vorliegen, ohne Angabe der Gründe den Bestbieter unberücksichtigt zu lassen und diese Arbeiten oder Lieferungen dem Nächstbilligen zu überweisen. li. Arbeiten und Lieferungen, die nicht den Wert von 4oO Krone », also sogenannte Kurrentnr beiten, in sich fassen. Für diese Kategorie von Arbeiten und Lieferungen werden von Jahr zu Jahr oder von zwei zu zwei Jahren Kontrahenten noch vorher fixierten Normen von der Sektion dem Kultusvorstands in Vorschlag gebracht. 8. Der Wirtschastüsektion fällt endlich auch die Ausgabe zu, sämmtliche in Wien bestehende Bethaus-Stiftungs- oder Wohltätigkcitsinstitutionen zu b e e i n fl u ss e n, däU auch drese alle in ihren Ubrkationen sich ergebenden Arbeiten und Lieferungen unter den gleichen vorgeschlagenen Nonnen abgeben. (Ls ist uns nicht bekannt, daß dieser sicherlich harmlose, mit Vorsicht abgefaßte Vorschlag einer meritorischen Erledigung zugeführt worden wäre. Wer Dr. Alfred Stern, den herrschsüchtigen, die friedlichen Elemente abstoßenden, Schmeichler und Protektionsbedürftige anziehenden, altliberalen Dr. Alfred Stern kennt, und wer sich noch erinnert, wie sogar seine politischen Gesinnungsgenossen anläßlich der jüngsten Gemeinderatswahlen sich über seine Art, Politik zu machen, äußerten, wird sich über diese Behandlung der Gewerbetreibenden lveiter nicht wundern. Es sind" ja nur Gewerbetreibende, die nicht einmal in den Vorstand der Kultusgemeinde hineingelassen werden. Aber auch Dr. Alfred Stern darf nicht verwundert tun, wenn die Gewerbetreibenden immer weniger fähig werden, die ihnen auferlegten Kultussteuerlasten zu tragen, und viele von ihnen nach Muster jener Kreise, welche für Dr. Stern maßgebend sind, durch Austritt aus dem Judentum sich dieser Last zu entledigen suchen. Hoffentlich werden die Besonneneren unter den Gewerbetreibenden nicht diesen Weg Anschlägen. Politische Wochenschau. Die deutschfreisinnige Partei in Wien will sich reorganisieren. Das ist schön von ihr. Aber nicht schön ist es, daß sie in der Presse die Welt glauben machen will, daß „die Konstituierung der deutsch-freisinnigen Vereine in den bürgerlichen Kreisen einer lebhaften Anteilnahme begegnet". Das ist ein aufgelegter Schwindel! Wir würden auch diese Uebertreibung ruhig hinnehmen, wenn wir nicht wüßten, daß die Kosten dieser „Reorganisation" wieder n u r von Jude n bestritten werden. Man weiß ja, wie solche Mitgliederlisten entstehen. Mehr oder weniger geschickte, redetüchtige Agenten und Mitgliedersammler hausieren an der Hand der Wählerliste der Israelitischen K u l t u s g e m e i n d e die Juden- Wohnungen ab, und hat sich einer überreden lassen, den zudringlichen „Agitator" nur den Preis von 4 Kronen vom Halse zu schaffen, so muß er es damit büßen, daß er als Mitglied der deutsch-freisinnigen Partei gedrückt, komprimittiert erscheint. Die Juden haben sicherlich keine Ursache, an einen d e u t s ch e n Freisinn zu glauben, abgesehen davon, daß die Juden ihrer eigenen Nation gegenüber viel zu große Verpflichtungen haben, als daß )ic sich den Luxus erlauben dürften, sich bei dieser aussichtslosen „Neorganisation" moralisch und materiell zu engagieren. Besonders verdächtig oder zumindest unklar erscheint uns ein Passus im Aufrufe. Dieser lautet: „Wir bedürfen einer festen, dauernder: Organisation, einer perinanenten Vertretung, einer Zentralstelle für die deutsch-freisinnige Partei, in der alle P a r t e i s ch a t t i e r u n g e n Raum h a - b e n." Also eine deutsch -freisinnige Partei mit Partei s ch a t t i e r u n g e n! Was soll das bedeuten? Ist das etwa schon eine Konzession an die arischen „Parteigenossen", die den Freisinn, besonders i n d e r I u d e n f r a g e, nicht in dem Sinne aufkasseu wollen, wie z. B. die hervorragenden Mitglieder der reorganisierten deutsch-freisinnigen Partei, die Herren Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn?! Die „Arbeiter-Zeitung" hat sich wieder einn:al durch einen antisemitischen Ausbruch in Pose geworfen, um die Tatsache einer verjudeten, durch Juden geschaffenen und gehaltenen Partei zu bemänteln. Zu der Mitteilung, daß Dr. Lueger auf Ersuchen des Gemeinderates S t i a ß n y und anderer Gemeinderäte das Referat über das S ch ä ch t v e r b o t von der Tagesordnung der jüngsten Gemeinderatssitzung abgesetzt habe, n:ußte die „Arbeiter- Zeitung" folgende Bemerkung anknüpfen: „Herr Stiaßny ist Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde. Man sieht, wie sich Herr Dr. Lueger bei allem von den Juden beeinflussen läßt. Ernst Schneider heraus!" Dieser hinterhältige Stich gegen die Juden zeigt wieder einmal, wessen sich die Juden seitens des offiziellen Genossenblattes in jüdischen Fragen zu versehen haben. Man sieht, wie diese Partei, die sich von jüdischem Gelbe Mästet, sich bei allem von ihren antisemitischen Genossen beeinflussen läßt. Jüdische Genossen, Adler, Austerlitz, Ellenbogen e tutti qüanti heraus.! Herr Valentin Jedck, der antisemitische K o s ch e r - F l e i s ch h a u c r, ist zwischen zwei Stühle gefallen. Er hat trotz der Gescheitheit, die ihm nachgerühmt wird, die wichtigste Vorsichtsnmßregel außer acht gelassen, als er auf echt antisemitische Art seine Ueberzeugung verkaufte, indenr er seine alten Beziehungen löste, che das neue Geschäft perfekt war. Denn daß er auf Treu und Glauben rechnete, als er seine „Stellung" bei der noch gar nicht existierenden Großschlächterei als gesichert hinstellte, ist bei der Unreinheit dieses politischen Geschäftes gar nicht anzunehmen. Im übrigen mag sich Herr Valentin I e d e k, der große Feind des Schächte n s, trösten, es bleibt ihm noch seine Koscher- F l e i s ch b a n k, und wenn er sich weiter so brav aufführt, übergibt ihm die Kultus-, gemeinde noch einige 5k o s ch e r b ä n k e. Bei unserem Kultusvorstand wird er sicherlich mehr Verständnis und Anerkennung finden als bei seinen: Gesinnungsgenossen Dr. L u e g e r. * * * Auch die Judenfrage wurde während der jüngsten Debatte über die Thronrede in der B u k a r e st e r Kammer berührt. Der Berichterstatter über die Kammeradresse, Herr Virgil A r i o n, war der Mutige, der sich an diese heikelste rumänische Frage heranwagte. Er meinte, in der Verfassung sei vorgesehen, wie man in dieser Frage Vorgehen müsse. Es sollen also Bürgerrechte an Juden verliehen werden, aber nicht ausschließlich an reiche, die zumeist Ausbeuter seien, sondern auch an arme, die auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete für das Wohl des Vaterlandes wirken. Man darf diese Erklärung, obwohl nicht von der Ministerbank ausgehend, als Ausdruck der Absichten, welche die Regierung hat, betrachten. An eine wenn auch nicht endgültige, so doch wenigstens umfassendere Lösung der Frage ist also immer noch nicht zu denken. Wenn aber auch hundert Juden im Jahre zur Regelung ihrer rechtlichen Lage kommen, was bedeutet dies gegen 200 000 Juden, die immer noch rechtlos bleiben? Ans der flsnistislhku Kewegnng. Arische Kronzsirgerr für Uganda ist das neueste, was uns der Uganda-Palästinastreit gebracht hat. Konnten wir schon vor einiger: Jahren häufig auftretenden Paradearierr: im Zionismus nur mit sehr gemischten Gefühlen begegnen, so halten wir das Heranziehen vor: arischen Eideshelfern zugunsten des Ugandaprojektes geradezu für geschmacklos. Mr. Greenberg hat sich diesen. Luxus jüngst,jp einer Versammlung.der LondpMr London und erklärten ihn als den Ldwen der kommenden Saison. Elman erhielt vom „Figaro" in Paris eine Einladung, vor geladeneu Gästen zu spielen. Am 1 April war sein erstes Konzert in Pgris. Elman wird im April, Mai und Juni abwechselnd in Paris und London Konzerte geben. Wenn der Bewerber ein Jude ist. Eine seine Satire erschien vor einigen Tagen unter obigem Titel in dem in jüngster Zeit stark antisemiüsch ärsaehauchten „Pesti Hirlap". Da heißt es in bezug auf den Antisemitismus in Ungarn: „In diesem schönen Lande gibt es noch immer Minister, die jüdische Bewerber um öffentliche Stellen mit Bor« liebe übergehen. Diese Tresort-Epigonen (Trefort war ein berüchtigter antisemitischer Kultusminister. lAnrn. d. Red. d. „Jüd. Bolksbl.^) gehen wohl nicht so offen, aber oftmals viel schonungsloser vor als seinerzeit Pr »fort. Die offene Erklärung, daß Juden nicht angestellt werden, hört man wohl kaum mehr, dafür werden verschiedene Methoden ange« wendet, um dasselbe Ziel zu erreichen. Unter den vielen Methoden ist speziell in einem Ministerium dse folgende sehr beliebt und von besonderem Erfolge begleitet. Urgiert nämlich in diesem Ministerium ein. Herr seine Ernennung, dessen Nase auch im geringsten verdächtig erscheint, so bietet ihm der hochgesteüje Beamte, bei dem die Ernennung urgiert wiro, sehr freundlich einen Stuhl« mitunter sogar eine seine Zißarre an. Daun beginnt der Herr Ministerialrat ein intimes Gespräch. Er erzählt wie schwer §s ist, heutzutage zu einer gutxn Stelle zu aelangen- Dir Bewerber berufen sich gar nicht auf ihre Fähigkeiten oder ihre Erfolge, sondern auf ihre Protektoren. Es gibt heute kaum mehr einen Bewerber, den nicht irgend eine einflußreiche Größe unterstützen würde. „Seine Exzellenz der Herr Minister", erzählt nun der Beamte weiter, „befindet sich jn solchen Fällen in der größten Verlegenheit und weiß nicht, wie sich zu helfen» Wenn es nach ihm^ ginge, würden nur die Befähigtesten und Fleißigsten zu öffentlichen Austestungen gelangen, aber er kann sich leider der allgemeinen Sitte nicht entziehen. Ungewollt schenkt er den einflußreichen Herren Gehör, gegen deren Willen er nicht gut handeln kann. Es bleibt daher den Petenten nichts anderes übrig, als sich eines entsprechenden Protektors zu vergewissern." Der arme Stellensucher, der nur über Fähigkeiten und vorzügliche Zeugnisse verfügt, erlaubt sich nun ganz niedergeschlagen die bescheideneAiifraae, welcherProtektor Seiner Exzellenz dem Herrn Minister am genehmsten wäre und wessen Protektion die sichere Aussicht auf Erfolg hätte. Der Herr Ministerialrat, der auf diese Frage schon kaum warten konnte, antwortet nun mit einem Lächeln, daß der Minister diejenigen am sichersten ernenne, die von einem r ö m is ch-kat h o li scheu Bischof, besonders aber vom Giebenbürger Bischof Gras M a j l a t h (ein bekannter Antisemit. Anm d Red. d. „Jüd. Volksbl.") empfohlen werden. Hier entpuppt sich der Jude, der in feiner Verlegenheit kaum den Ausgang zu finden vermag. Jüdische Stiftungen des kaiserlichen Rates Seligmann Elbogen Von den Zinsen aus den Stiftungen des vor kurzer Zeit in Prag verstorbenen kaiserl Rates Seligmann Elbogen sind folgende Beträge jüdischen Zwecken gewidmet, und zwar: Zur Errichtung einer wohltätigen Stiftung bei der Prager israelitischen Kultusgemeinde 20 0 0 K und für di» Armen der Prager israelitischen Kultusgemenzde 3000 K, der israelitischen Kpltusgemeinde Beraun 2000!<, her israelitischen Kvltusgemeinde Koliu 2000 K, dem Privatfraueuv-reineU»* Erziehung armer israelitischer Wajsenmgdche« in Prag 5000 K, dem Nächstenliebevereine zur Unterstützung verschämter israelitischer Hausarmen in Prag 3000 K, dem Kreuzerpereine zur Unterstützung israelMcherWaisenmädchen im Königreiche Böhmen 3000 K, dem Vereine für geregelten Gottesdienst der Israeliten Prag 4000 K, dem vereine zur Errichtung eines allgemeinen israelitischen. Knabenweisenhauses für Böhmen K, de« israelitischen Fremschverein» in Prag :M H« dem Zrntralvepeink ztzr Pflege jüdischer Angelegenheiten für die Sektion zur Heranbildung von Krankenpflegerinnen 3000 ff, dem israelitischen Kurhospital in Marienbad 1000 ff, dem Vereine für israelitische Ferienkolonien in Prag 1000 K, dem israelitischen Frauen vereine in Beraun 560 If, dem Vereine zur Unterstützung der hilfsbedürftigen Jugend „Chanuka" in Prag 500 K, dem Vereine zur Ausspeisung mittelloser israelitischer Mädchen in Prag 500 ff, dem israelitischen Frauenvereine in Königl. Weinberge 500 If. Die englische Ostendpolizei und die jüdische Sprache. Wir haben schon in unserer Nr. 6 von: 10. Februar d. I. die Nachricht gebracht, daß eine große Zahl derjenigen Londoner Polizeimanuschaft, die in: Ostend den Dienst versieht, Unterricht in der jüdischen Sprache nimmt, damit ihr Verkehr mit der in diesem Stadteile angesiedelten, zumeist aus Rußland eingewanderten jüdischen Bevölkerung ein leichterer werde. Nun hat der englische Minister des Inner,: vor einigen Tagen den: Parlamente die Mitteilung gemacht, daß bereits Hund e r t Polizisten jüdisch spreche n und weitere sechzig M ä n - n e r so lveit sind, daß sie die jüdisch e Sprache v e r st e h eDiese Einrichtung hat sich schon iit vielen Fällen bewährt und auch die in: Ostend wohnhaften Jude:: freuen sich dieser Neuerung, da sie sich nun :::it den Hütern der Ordnung leicht verständigen können, wodurch sie vor vielen unnützen Schikanen und unberechtigten Ordnungsstrafen bewahrt sind.

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