Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 *3 Jüdisches Volksblafct zofe, Italiener, Nüsse, Däne, Engländer, Chinese, ja der Marokkaner selbst, wie die Flottendemonstration im Jahre 1895 beweist, haßt bctt Deutschen. Ter Deutsche wird aber darpm seine Stannneseigentümlichkeit nicht ckhfgeben, er wird sie nur noch stärker betonen und sich wehren und den anderen Völkern, deren Hast er nicht ändern kann, die A ch - tung aufzwingen. D a s s e l b e und n u r dasselbe must der Jude tun. Die sich in jeden: ehrliebenden Juden aufraffoitbc Menschen- und Volkswürdc führt naturnotwendigerweise zum Nation a l j u d e n t u m. Daher muß man jeden Juden, der sich als „Deutschen" erklärt, als entweder einen im logischen Denken zurückgebliebenen oder als " einen Menschen mtl mangelndem Ehrgefühl bezeichnen. Die Juden sind und sollen treue Staatsbürger sein, was ihnen übrigens ihre Religion auch bezüglich ^er nichtjüdischen Staaten streng auferlegt. Sie sind und sollen also in diesem Sinne deutsche usw. Staatsbürger sein, aber in v o l k l i ch e r Beziehung müssen und können sie einzig und allein — Juden sein. Es sollen damit nicht alle jene Juden verdammt werden, welche ehemals Assimilanten w a r e n. Denn vor zwanzig und noch mehr Jahren konnte man der (sich später als falsch herausstellenden) Ansicht sein, daß, wenn der Jude Sprache, Tracht, Speisen und Wohnweise der Umgebung annimmt und sich in politischen Fragen der herrschenden Majorität anbequemt, ihm wenigstens die äußere soziale und politische Gleichberechtigung zuteil werde. Heute aber, wo 35 Jahre nach der Schlacht bei Sedan verstrichen sind, in der Juden mitbluteten für die Aufrichtung des deutschen Kaiserreiches und trotzdem Männer wie Stahl und Mendelssohn für den praktischen Konservatismus richtunggebend waren, der Jude politisch und sozial, trotz aller „Staatsgrundgesetze", faktisch entrechtet und gesellschaftlich boykottiert ist, mag er sich noch so vollständig jüdisch entnationalisiert und bis zum Taufbecken die Assimilation getrieben haben, indem er als „Judenstämlnling" ebenso gehaßt und nur noch mehr verachtet wird, heute aber nach dem offenen Bankrott der Assimilationspolitik, heute spricht nur D u m m h e i t oder Feigheit aus jenen Juden, die sich „trotz all dem unentwegt" für „Deutsche" halten, ohne von den Deutschen dafür gehalten zu werden, und die sich als Deutsche geben, ohne als solche genommen zu werden. U e b e r den politischen Zionismus und noch mehr über den diplomatischen Zionismus kann es verschiedene Auffassungen geben, zumal der letztere bisher zu keinem greifbaren Resultat führte und der erstere schon zeitlich erst wenige Etappen zurückzulegen in der Lage war, aber über den Zionismus als Nationalj u d e n t u m darf und kann es für denkende, ehrliebende und wahrhafte Juden keine andere geben als die des vollen Anschlusses an ihn. Und wenn nur die Zaghaften oder Zweifelnden sich belehren ließen, daß der Begriff des „Nationaljuden" den Deutschen, Tschechen oder Polen, kurz, jedem echten Christen sehr leicht verständlich ist, daß nur der sich selbst blendende Assimilant ihn nicht verstehen will und daß der echte Deutsche resp. Christ den Nationaljuden vielleicht weiter haßt oder bekämpft, nicht aber verachtet wie den sich an seine Nockschöße anklammernden Juden, den Afterdeutschen, und daß sich Hassende oder Bekämpfende noch immer Freunde werden können, niemals aber Verächter und Verachteter! Dr. Justus. Unsere Gewerbetreibenden nnd die Knltusgemeinde. I. Slv. Zweierlei sind die Klagen, welche von den jüdischen Gewerbetreibenden Wiens gegen den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde seit mehreren Jahren erhoben werden. Zum ersten, daß der Kultusvorstand bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen seitens der Kultusgemeinde und der unter ihrem Einflüsse stehenden Institutionen und Vereine die Interessen der jüdischen Gewerbetreibenden nicht nur nicht entsprechend wahre, sondern mitunter sie direkt schädige. Zweitens, klagen die jüdischen Gewerbetreibenden, ist der Vorgang, der bei der Vergebung der öffentlichen Arbeiten der Kultusgemeinde beobachtet wird, nicht geeignet, das Prinzip der freien Konkurrenz zu wahren. Die offizielle Wählerversammlung anläßlich der jüngsten Kultuswahlen bot unseren Gewerbetreibenden neuerdings Anlaß/ die Berechtigung ihrer Beschwerden durch Anführung von unwiderlegten Beweisfällen nachzuweifen, und der laute, mitunter stürmische Tou der Entrüstung, in welchem diese Beschwerden damals vorgebracht wurden, verdiente um so eher Beachtung, als man es ja bekanntlich mit einer sogenannten friedlichen, durch ein Kompromiß zwischen den Offiziellen und den Zionisten gesicherten „ruhigen Wahl" zu tun hatte, und unsere Gewerbetreibenden haben leider viel zu sehr mit Nahrungssorgen zu kämpfen, als daß sie Lust hätten, nur aus Politik Opposition zu machen. Die Sorge um ihre Existenz und die Existenz ihrer Familie, die durch den allgemeinen Boykott gegen sie so vielfach gefährdet ist, preßt ihnen mitunter Worte gerechter Entrüstung auf die Lippen. So oft sich die Bitternis einer Gruppe innerhalb unserer Kultusgemeinde in offizieller: Versammlungen Luft macht, kann mait die bereits stereotyp geworden Beschwichtigungen unseres Kultuspräsidenten Dr. Alfred Stern vernehmen, die immer in die Versicherung ausklingen: „Wenn jemand eine Beschwerde vorzubringen habe, möge er sie dem Präsidiuu: schriftlich Mitteilen, und der Vorstand wird sicherlich nicht verfehlen, nach Tunlichkeit Abhilfe zu schaffen. Nun, es gab und gibt noch Steuerzahler, die naiv genug sind, solche Zusicherungen ernst zu nehmen und ihre Beschwerden oder Vorschläge dem Vorstand in gezienrender Form schriftlich zu unterbreiten, um bald die Erfahrung zu machen, daß auf die Versprechungen des Präsidenten nichts zu geben sei und daß in unserer Kultusgerneinde nicht eher Ordnung Herrscher: werde, bis die Autokratie des Dr. Alfred Stern gebrochen sein wird. Die jüdischen Gewerbetreibenden haben den Zusicherungen des Präsidenten Dr. Alfred Stern das Vertrauen entgegengebracht, das nnt den Verhältnissen unbekannte, arbeitende Menscher: einem in verantwortlicher Stellung befindlichen Menscher: entgegenzübringen gewohnt ist, und dem Präsidium der Kultusgcmeinde folgende Resolution unterbreitet: „Der Verein hat als Ergebnis einer am 4. Jänner l. I. abgehaltenen Expertise folgenden Vorschlag an den Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgcmeinde unterbreitet: Der jüdische Gewerbestand in Wien, insoweit er in dem Vereine zur Hebung der Gewerbe seine Vertretung findet, glaubt einem langjährigen Bedürfnisse in einer am 5 Jänner l. I. vom Vereine zur Hebung der Gewerbe einberufenen Expertenversammlung Abhilfe zu schaffen, indem er feststehende Normen vorschlägt, nach welchen in Zukunft öffentliche Arbeiten nnd Lieferungen vor» der Wiener israelitischen Kultusgemeiude zur Vergebung gelangen sollten. A. Es möge im Kultusoorstand eine eigene Sektion ins Leben gerufen werden, die den Namen „W irtschaftssektion führt. Dieser Sektion soll unter anderem auch d i e Aufgabe zufallen, Arbeiten und Lieferungen für die Gemeinde zur Vergebung zu bringen. Diese Arbeiten und Lieferungen sind in zwei Kategorien zu sondern und bei Vergebung auch dementsprechend zu behandeln u. zw. I. Arbeiten und Lieferungen im Minimalbetrage von 400 Kronen. Diese sind im schriftlichen Offertwege auf Grund eines fachlich ausgearbeiteten, keinem Mißverständnisse Raum gebenden Kostenvoranschlages auszuschreibev. Die bis zum. festgesetzten Termin eingelaufenen versiegelten Offerten werden, in der Wirtschaftssektion geöffnet. Die Endsummen der eingelangten Offerten werden eventuell unter Anwesenheit der Offerenten bekanntgegeben. Unterhandlungen über fernere Nachlässe sind vollständig ausgeschlossen. Der Bestbietende unter den Offerenten ist der Ersteher. aus dem Kreise seiner ehemaligen jüdischen Bekannten zurückziehen, damit er, wie er öfters bemerkte, desto freier mit den Andersgläubigen Verkehren könne. Er fühlte sich eben in seinem Kreise nicht mehr wohl, er wollte höher hinaus und lieber mit verkrachten Adeligen, die „den Juden" höchstens zum Anpumpen für gut hielten, verkehren, als iit der Mitte seines Volkes leben und für dasselbe wirken. Und so saß er stolz in der Reihe der oberen Zehntausend. An seiner Wiege stand es wahrlich nicht geschrieben, daß er, der Sohn des armen Hausierers David Klein, einst in so vornehmen Gesellschaftskreisen sich bewegen werde, und auch seine Landsleute aus dem kleinen Städtchen B... waren ganz erstaunt, als sie davon Kenntnis erhielten. Aber es war eine Tatsache und ließ sich erst dann ändern, bis Dr. Klein sich wieder eines Besseren besonnen haben würde. Das Glück war ihm hold gewesen. Infolgedessen konnte er es wagen, die adeligen Spielsäle zu frequentieren, auf dem Rennplatz ein ständiger Gast zu sein und auch bei sonstigen Veranstaltungen der Aristokratie fehlte Dr. Klein nicht. Vielleicht befand sich auf einem Ballfest ein junger Graf, den sein Vater mit zu wenig Mitteln ausgestattet hatte, um standesgemäß resp. verschwenderisch leben zu können, und war dieser junge Herr in Geldnöten, so ging er, obwohl er sonst immer heftig über die Juden schimpfte, ganz demütig zu „Herrn von Klein", nannte ihn seinen lieben Freund, bei welcher Gelegenheit er sich von ihn: einen größeren Betrag entlieh, ohne jemals an die Rückzahlung zu denken. Aber das hatte nichts auf sich, denn Dr. Klein machte sich eine Ehre daraus, den Herren Aristokraten alle möglichen Gefälligkeiten zu erweisen. Für jüdische Zwecke war er freilich nicht zu haben, und mochte das Elend einer jüdischen Familie noch so groß sein, sein Herz blieb hart und sein Ohr taub für alle Bitten. Er wollte sich an seine Jugendzeit nicht mehr erinnern, wo er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war und es ihm nur durch die Unterstützung seiner Glaubensgenossen ermöglicht wurde, seinen Studien obliegen zu können. Heute, da er sein Ziel erreicht hatte, schämte er sich ihrer und wollte von ihnen nichts wissen. Doch Kleins Geld ging zur Neige und mit ihm auch die gute Freundschaft. Sein Gruß wird von den guten Freunden nicht mehr erwidert und wenn diese zufällig über ihn gefragt werden, so antworten sie: „Ein schäbiger Jud, der früher unsere Wurzen war." Dr. Klein erinnert sich nun wieder seines Volkes, er will ein guter Jude werden und jetzt mit ganzer Kraft sich seinem Volke hingeben und seinen bedrängten Brüdern ein treuer Kampfesgenosse sein. Schämte er sich fxüher des Namens „Jude", so war er jetzt stolz darauf, denn das nationaleBewußtsein in ihm viar wohl spät, aber dennoch erwacht. Satz er in seinem Zimmer, so dachte er oft an die Zeit zurück, wo er nnt Blindheit geschlagen war und dankte Gott, der ihn wieder auf den richtigen Weg geführt hatte. Ernst Vogel. Huntes Feuilleton. Mischa Elman in London. Mischa Elman, der dreizehnjährige russische Wundergeiger, der mit seinem Spiel Deutschland, Oesterreich, Holland und Rußland entzückte, kam infolge einer Einladung der Londoner Symphoniekonzerte nach London. Am 15. März veranstaltete Lady Palmer, eine Kunst- Enthusiastin, im Saale Erard einen Five o’elo< k tfc», zu dem die ganze Presse, Musiker und Mitglieder der oberen Zehntausend geladen waren. Auch der russische Botschafter war anwesend. Am 21. März gab Elman sein erster Konzert mit Symphonieorchester unter Leitung von Charles Williams. Er spielte das Tschaikowskykonzert. Mitten im ersten Satze unterbrach frenetischer Beifall sein Spiel. Nach dem dritten Satze kamen solche Ovationen, herrschte eine Begeisterung, daß man ähnliche Szenen wohl nie im Konzertsaal erlebte. Professor Wilhelmy und sämtliche Kritiker kamen ins Künstlerzimmer und überschütteten Elman mit Lob. Wilhelmy küßte den Künstler wiederholt und ei klärte laut, daß er daß Konzert noch von niemanden so habe spielen hören. Nach der Romanze von Beethoven und Paganinis Fsrpvtüo Mobile Chopins Nocturne nicht endenwollender Applaus. Gleich im Konzertsaal erhielt Direktor Groß, der Impresario Elmaus, glänzende Anträge zu einer Tournöe nach Südafrika, Australien und Amerika. Die ganze Kritik feiert Elman in überschwenglicher Weise, erklärt ihn als den größten Geiger der Gegenwart, der nicht als Wunderkind, sondern als reifer Künstler beurteilt wrrdeu muß. Die Kritik hob seine Technik, seine Phrasierung und seinen süßen Ton hervor. Einige sagten, er habe'eine größere Sensation erregt, als je ein Künstler in