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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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f- -- ■ -1 Redaktion: IX/l, Srrvitengaste 4. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden r An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches BottSbiatt. Wien. IX|1. Erscheint jeden Freitag. Cigrnlamr «ud Herausgeber: Jakob Kraus;. ra Administration: IX/1, Seroitengaste i. Telephon Nr. 14723. AbonnementS « PreiS: BttChWtrden wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zu. stellung erbitten wir uns dringend. — M»««rdripte wird«» «i«d» znrlckgttttm. Postsparkasien-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich emtreten. 1 ä Inserate übernehmen die firmen: IN. Dukes Ilachf., ljaasenftein & Vogler, Rudolf Mosse, IN. pozsonrg, fl. Lchalek in Wien, ferner alle flnnoncen- Expedttionen im Auslands. Einzel-Nummer in Wien SO Heller. Für Wien «. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . K 12.— Halbjährig . . . . K 6.— Vierteljährig . . . K 3 — fc , , , —- Für das gesamte A,Island samt Frankozustellung: Ganzjährig ... X IS.88 Halbjährig ... X «.SS Vierteljährig. . . K L.4S ä Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenonrmen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Berlag „Zion" Wien, II/3, Untere Slugartenstraße 9; Robert Weiß, Wren, I. Jakobergasse. Ur. 14 Mir«, 7. April 1903 (S. Missa« 5665). VII. Jahrgang. Deutsche Inden — jüdische Man hört oft von Inden, daß sie sich als „Deutsche" bezeichnen. Wenn man ihnen vorhält, daß doch das Kind z. B. arabischer Eltern und Großeltern kein „Deutscher" sein könne, antworten sie, daß die äußeren Körpermerkmale und das Blut nicht entscheidend sind, sondern die infolge geistiger Erziehung geschaffene Zugehörigkeit. Wenn man ihnen vorhält, daß man aber doch nicht von „Zugehörigkeit" sprechen kann, wo der Teil, dein man angeblich zugehören soll, von einer Zugehörigkeit nichts wissen will, was z. B. die deutschen. Kreise in Niederösterreich, Böhmen usw. beweisen, wo kein einziger deutscher Abgeordneter es wagen würde, zu sagen, daß er deutschsprechende Juden als Volldeutsche ansehe, da er binnen kürzester Zeit vom Sturme der Entrüstung seiner volklich deutschen Wähler weggefegt würde, so antworten sie, daß dies auf. politische Verhetzungen der T a a f f e s ch e n Regierungslnethode und auf Politisch-taktische Momente zurückzuführen sei, daß aber die Volkskreise, also die wirklichen Repräsentanten der Volksanschauung, den Juden als zugehörig ansehen, wenn er in Tracht und Sprache sich ihn: gleichstellt, d. h. afft m iliert. Prüfen wir nur diese Behauptung an ihrer extremsten Blüte. Von allen Juden ist der x e ichsd e u t s ch e Jude der am weitesten und eingehendsten assimilierte. Tracht, I Sprache, Haar- und Bartform, gemeinsame Erziehung durch viele Jahrzehnte in Schule, Heer und Bureau (der Volksdeutsche von heute hat einen so ausgebildeten Geschäftssinn, daß er den Juden, Portugiesen, ja selbst Engländern weit überlegen ist), gemeinsames B l u t v e r gießen fürs Vaterland (im sogenannten Befreiungsjahre 1870/71), volles Aufgeben des eigenen Volksidioms (der deutsche Jude von heute, vom Fachgelehrten angefangen, kann Hebräisch nicht nur nicht mehr sprechen, sondern nicht einmal fließend lesen) und der eigenen Kultur (Gedichte des H a l e v y, Werke des M a i m o n usw. hat ein deutscher Jude, von Fachmännern abge sehen, nicht einmal in deutscher llebersetzung gelesen), und — wie stellt sich dieser Blüte der assimilierten Juden der Reichsdeutsche gegenüber? Darauf gab jüngst im deutschen Reichstage der Kriegsminister von Einem eine klare Antwort. Er sagte: „Tatsächlich bestellt bis in die weitesten Volks kreise hinein ein Gegensatz zum Judentum. Der christliche Kamerad dient nicht g e r n mit einem Juden zusammen. Sogar die Bürgerlichen lehnen einstimmig die Wahl eines Juden zum Offizier ab." Die Antwort läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, insbesondere wenn man den Schlußsatz der Rede des Kriegsministers heranzieht: „Gegen die jüdischen Soldaten ist nichts zu sagen, sie tun überall ihre Schuldigkeit imFrieden und würden sie auch im Kriege tun." Also der reichsdeutsche Jude erfüllt „überall seine Schuldigkeit, er ist bis auf Feuilleton. Die Volkszählung. An der Siidostgrenze der Habsburgerinonarchie liegt die Stadt X, in der nationalen und sprachlichen Zusammensetzung ihrer Bewohner ein so kaleidoskopisches Bild bietend, daß selbst in unseren: an Völkermischungen nicht gerade arn:en Staate es nur wenige noch gemischtere Städte gibt. Vor allem sind es die Serben, einst die unbestrittenen Herren der Stadt, heute jedoch schon vielfach von den zahlreichen deutschen Kolonisten, vulgär „Schwaben" genannt, zurückgedrängt; die Landesbeamten sowie ein Teil der übrigen Intelligenz sind Kroaten, die Verkehrsbeamten und viele Ansiedler Magyaren, das in Garnison liegende Regiment ist rumänisch; in der Umgebung gibt es außerdenr noch tschechische, slowakische, ruthenische und polnische Ansiedler; in dem wichtigen Grenzorte vereinigen sich demnach alle Nationen des europäischen Orients, Griechen, Türken, Albanesen und Armenier, dazu noch sephardische und aschkenasische Juden aus aller Herren Ländern — kurz, ein verkleinertes Bild des Turmbaues zu Babel. Herr Kohn, Vorstalld der Ler israelitische:: Kultusgemeinde, ein reicher Kaufnrann, geht rastlos in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Helle Schweißtropfen perlen von seiner Stirne, grantvoll durchwühlt Herr Kohn mit seiner Rechten den bereits stark ergrauten Bart — schwere Sorgen müssen es sein, die ihm schon durch viele Nächte Len Schlaf geraubt und aus denen er auch jetzt anscheinend keinen Ausweg finden kann. Es handelt sich um keine Kleinigkeit: Herr Kohn soll übermorgen bei der Volkszählung seine Nationalität bekennen und iver die Wahl hat, hat auch die Qual. Vor vierzig Jahren, als er noch als kleiner Geschäftsmann aus seiner ungarischen Heimat nach Slawonien kam, hatte er sich ohne weitere Bedenken als Magyar gemeldet, das nächste Mal war er seiner deutschen Umgangssprache halber ein Deutscher, zehn Jahre später hatte er sich dem kroatischen Zählungskommissär als Kroate angemeldet und das letzte Mal, als er mit Hilfe der Serben in den Gemeinderat zi: gelangen hoffte, war er „natürlich" Serbe geworden. Bei dieser Volkszählung ist der Streik der einzelnen Nationalitäten ein besonders heftiger und deshalb ist auch für Herrn Kohn die Entscheidung sehr schwer. Bon alle:: Nationen ist er eindringlich aufgefordert worden, sich bestimmt als ihr Angehöriger zu bekennen. Seine Entscheidung ist besonders wichtig, denn gleich ihrem Vorsteher werden morgen gar viele Juden ihre Nationalität bekennen, da sie nicht, wie die anderen Bewohner der Stadt, einer bestinnnten Nation und Muttersprache angehören, sondern die „Fähigkeit" besitzen, sich jedes Mal einer anderen Nation zu assimilieren. Herr Kohn weiß, daß es für ihn und seine Glaubensgenossen sehr wichtig ist, welcher der beiden herrschenden Nationalitäten sie angehören werden, und das Gelingen all seiner die Bartspitzen und Hosenfalte, ja bis auf die selbst den Juden in Süddeutschland und Oesterreich so unangenehm klingende Redeweise und den Tonfall des norddeutschen Idioms akklimatisiert, deutsch-assimiliert beziehungsweise jüdisch-entnationalisiert, er ist im wirtschaftlichen Wettbewerbe dem überlegenen Norddeutschen kein gefährlicher Konkurrent, leider aber auch nicht auf wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete, vielleicht infolge des Aufgebens der jüdischen Individualität, die ein Mendelssohn, Börne, Heine ustv. nicht verleugneten; kurz, er ist weder gefürchtet, noch gefährlich und doch besteht gegen ihn „bis in die weitesten Volkskreise hinein ein Gegensatz"! Ob der herrschende Gegensatz berechtigt ist oder nicht, wer, oder richtiger, was ihn verschuldet hat, ob es dem deutschen Volke, dem „Volke der Denker", zur Ehre gereicht, das sind Nebenfragen für jeden Juden mit Ehrgefühl und logischem Denkvermögen. Die Hauptfrage ist: Stuf welchen Standpunkt hat sich der Jude zu stellen, da ihn die selbstentmannende Assimilation vor Haß nicht schützt? Die Antwort lautet: Die Selbstentmannung nicht zu üben, da sie ihm neben dem Haß nur noch die Verachtung der anderen Völker bringen :nuß, und den Haß so zu ertragen, wie ihn die anderen Völker tragen müssen und vor allem der Deutsche selbst. Denn der Deutsche ist, auch hier ununtersucht, ob es berechtigt und ob es den anderen Völkern zur Ehre gereicht, nach dem Juden der b e st g e h a ß t e st e in der ganzen Welt. Der Tscheche, Pole, Franehrgeizigen Pläne, bei anderen sogar die ganze Geschäftsexistenz, hängt von der richtigen Entscheidung übermorgen ab. Herr Kohn hat ja jetzt seine festen Prinzipien über seine Nationalität, die er erst gestern dem jüdischnationalen Doktor, der für das Bekennen der jüdischen Nationalität bei der Volkszählung eintrat, energisch auseinandersetzte: „Wir Juden haben uns überall mit der übrigen Bevölkerung assimiliert, und auch in X fühlen wir uns vollständig gleich mit der Bevölkerungsmajorität." Wenn Herr Kohn jetzt nur ivüßte, ob morgen bei der Zählung die Serben oder die Deutschen die Mehrheit erzielen werden, dann wäre auch für Hu und für die anderen Juden entschieden, ob sie Deutsche oder Serben, Gernmnen oder Slawen seien! „Vielleicht hat der Doktor doch nicht ganz unrecht," seilfzt nach langem, vergeblichem Nachdenken Herr Kohn. Und er denkt weiter über seine Nationalität nach. Lavoslav Schick. „Erwachen." Dr. Benedikt Klein war noch Jude, wohl nur dem Namen nach, weil er von seinem Glauben nichts wissen wollte; nicht einmal mehr in: Herzen Jude, da er seine Abstammung aus ganzer Seele verwünschte. Sogar die Gesellschaft seiner Glaubensgenossen mied er bereits, obwohl er aus seiner Religionsgenossenschaft offiziell noch nicht ausgetreten war. Aber er wollte sich allmählich

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