Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Jüdisches Volksblatt Resolution 8. El-Arisch. Es sei eine Interpellation betreffs der El-Arisch-Frage auf dein Kongreß cinzllbringen, in welcher Veröffentlichung des Berichtes der El-Arisch-^oinmission gefordert werden soll. 3. Allgemeines. R e s o l u t i o n 0. Es sei darauf hinzuwirken, das; der Legitimationsausschuf; mit der Prüfung der beanständeten Mandate bereits vor Beginn der Kongretzverhandlungen fertig sein soll. Resolution 10. Die Konferenz seht eine aus drei Mitgliedern bestehende Zentralkommission. ein, die die Aufgabe hat, als Bindeglied zwischen den schweizerischen itiib auswärtigen zionistischen (palästinensischen) Gruppen zu dienen. In die Zentralkonnnission wurden S. Ravikowitsch und B. Mossinsohn gewählt mit dem Aufträge, einen dritten zu kooptieren. Die Adresse der Kommission ist: S. Ravikowitsch, Bern, Zähringerhof. Deef. Vom galizischen Hilssvercin. Am 26. März d. I. IN Uhr vormittags fand in den Räumlichkeiten des israelitischen Humanilätsvereines .Wien" „B'nei Brith", I, Universitätsstrahe 4, die diesjährige Generalversammlung des „HilfsVereines für die notleidende jüdischeBevölkerung inGalizie n" (Wien, IX., Berggasse 4-) statt. Den Vorsitz führte der Vizepräsident des Vereines Gottlieb Lederer. Er begrüßte zunächst die Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinden: Wien, Brünn, Linz re., der B'nei Brith-Vereinigungen „Austria" (Bielitz), „Boheinia" (Prag), „Philantropia" (Neichenberg), „Silesia" «Troppau) und „Solidarität" (Krakau), ferner der „Jewish Colonisation Association" in Par»s, der „Israelitischen Allianz" zu Wien, des zionistischen Aktionskomitees in Wien, der Baron Hirsch-Stiftung, dann der Ortsgruppen des Hilfsvereines „Wien", „Bielitz", „Brünn", „Friedek-Mistek",..Jungbunzlau", „Krakau" „Linz", „Mährisch-Ostrau" und „Reichenberg", endlich die sonst noch erschienenen geladenen Gäste auf das herzlichste und teilte mit, daß Begrüßungsschreiben und Telegramme vom „Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden" in Frankfurt a. M-, von der „Jewish Colonization Association" in Paris, Rabbiner Dr. Rosen a k in Bremen, Professor Dr. H offmann, Rabbiner in Reichenberg, Dr. Hermann Hirsch in Krakau und Adolf L ö w e n b a ch in König!. Weinberge eingelangt sind und daß die Herren Dr. Edmund K o h n, kaiserl. Rat Paul L e m b e r g e r, Heinrich P o l l a k, Baurat Wilh. S t i a h n y, Karl v. A u s p i tz, Philipp T h o r s ch,' Michel Benies, sämtliche in Wien, Dr. M. H a m m e r s ch l a g in Prag, Max S. Steiner in Kolin ihr Fernbleiben von der Sitzung entschuldigt haben. Bevor in die Tagesordnung eingegangen wird, hält der Vorsitzende den seit der letzten Generalversammlung verstorbenen Mitgliedern der Vereinsleitung, Dr. Leon Horowitz, Dr. Alois Pollak und Heinrich Teltscher, warm empfundene Nachrufe und gedenkt auch der in dieser Zeit mit Tod abgegangenen Bereinsmitgliedern. Die Versammelten erheben sich während dieser Gedenkrede zum Zeichen ihres Mitgefühls von den Sitzen. Hierauf erstattet der Sekretär des Vereines Herr Dr. Wilhelm L ö w y folgenden Bericht über die Tätigkeit des Hilfsvereines während des Jahres 1904. Wie in dem Bericht über die Tätigkeit des Vereines von seiner Gründung bis zum November 1903 dargelegt ist, waren bis Ende 1903 in Galizien die Haarnetzerei, die Holzspielwarenerzeu« gung, die Korbwarenerzeugung und die Kleiderkonsektion eingesührt worden. Bon diesen Industrien mußte, wie seinerzeit mitgeteilt wurde, die Holzspielwarenerzeugung nach einem Betriebe von ungefähr einem Jahre ausgegeben worden. Nachdem der Bericht die von uns bereits mitgeteilten Erfolge auf dem Gebiete der Haarnetzerei aufzählt, heißt es weiter: Die Versuche, die wir — wie .im vorausgegangenen Berichte mitgetvtlt wurde — mit der Einführung der Korbwarenerzeugung und der Kleiderkonfektion in je einem Orte Galiziens machte»!, sind aus verschiedenen Gründen nicht geglückt. $>i7* konnte uns aber nicht abhalten, im Berichtsjahre mit der Kleiderkonfektion einen netten Versuch auf einer anderen Grundlage zu beginnen. Wir schlossen mit einem galizischen Unternehmer, der für seinen Bedarf bis dahin Waren in Proßnitz erzeugen ließ, einen Subventionsvertrag, durch den er die Verpflichtung übernirnmt, eine Anzahl Arbeiter und einen Werkführer aus Proßnitz nach Galizien zu bringen und durch diese Leute Arbeiter seines Wohnsitzes in der Erzeugung von Prohnitzer Ware abzurichten. Wir glauben auf diese Weise die Schneiderei, die unter den galizischen Juden stark verbreitet ist, in bessere Bahnen zu lenken. Ist dies einmal gelungen, so kann wohl mit Zuversicht darauf gerechnet »verden, daß über kurz oder lang andere Kleiderkonfektionäre, insbesondere Wiens, in Galizien arbeiten lassen, daß die Zahl der tüchtigen Arbeiter jedes Geschlechtes sich im Laufe der Zeit bedeutend vermehrt und aus der anfänglichen Werkstätteninduftrie in ähnlicher Weise wie m Proßnitz, Boskowitz und Wien, eine große Heimmdustrie entsteht. Der Unternehmer begann mit der Arbeit im Jänner d. I. und wies nach Ablauf von vier Wochen einen Stand von 46 männliche»» und 18 weiblichen Arbeitern aus. Am 16. Februar 1904 trat in Krakau eine von uns errichtete H ä k e l s ch u l e ins Leber», worin die Schülerinnen in d>.r Herstellung von Wollhünbchen für kleine Kinder unterrichtet wurden. Ein dortiger Kaufmann verpflichtete sich, den Mädchen die erforderliche Wolle zu liefern und von ihnen die fertigen Häribchen gegen einen bestimmten Arbeitslohn zu nehmen. Bis 15. Februar 1905, zu welcher Zeit der Vertrag ablief, rvaren in der Schule 146 Mädchen ausgebildet »vordcn, von denen ungefähr die Hälfte die von ihnen verfertigten Waren an den Unternehmer abliefern. Einzelne andere betreiben das erlernte Gewerbe in der Weise, daß sie sich die Wolle selbst kaufen unb ihre Erzeugn»sse an verschiedene Händler absetzen. Der günstige Erfolg, den wir »nit dieser Anstalt erzielten, veranlahte uns, auch in anderen Städten Galiziens die Errichtung von Häkelschulen anzuregen; doch kam es bisher nirgends dazu, da ent»veder kein Bedarf an solchen Waren oder kein geeigneter Abnehmer vorhanden »var. Urn die Mitte Oktober 19:>4 wurde in Kolomea mit dem Unterricht in der S p i tz e n k ö p p e l e i (Jdriaspitzen) begonnen, nachden» »vir »nit einern Berliner Unternehmer einen Vertrag zur Einführung dieser Industrie in der genannten Stadt abgeschlossen hatten. Nach einem Berichte von» 19. Februar d. I. waren bereits 109 Mädchen teils in der Lehre, teils schon selbständige Arbeiterinnen und „drängt sich die Bevölkerung förmlich zum Unterrichte". Wir hoffen, diese Heimindustrie allmählich über eine Reihe von Orten auszubreiten und dar»»it einer großen Anzahl jüdischer Mädchen Erwerb zu schaffen. Schwierigkeiten bietet uns noch die Erlangung von geeigneten Lehrkräften, aber auch sie werden sich überwinden lassen. Eine andere Heimindustrie, die »vir ebenfalls im Oktober 1904, und zwar in Stanislau einführte»», die Erzeugung von M e t a l l t ä s ch ch e n, hatte keinen langen Bestand; die Arbeit rvurde von dem Uuternehrner bereits im Jänner d. I. eingestellt. Wir können nicht sagen, daß uns diese Tatsache unangenehm berührte, da »vir schvn von alle»»» Anfänge an »nit de»n Unternehmen nicht zufrieden rvaren. Am 15. Novenlber 1904 begann ein Wiener Uuternehrner, der bisher in Serajewo arbeiten ließ, in einern Orte im Norden Galiziens »nit unserer Unterstütztmg die Erzeugung von Fezquasten. Ec ist »nit der gelieferten Ware sehr zufrieden und hofft, im Lause der Zeit bis zu 100 Mädchen beschäftigen zu können. Nach dern uns zuletzt zugekommenen Berichte rvaren 34 Mädchen tätig. Im Monate März 1905 endlich schickten wir eineLehrerin vorläufig nach Sarnbor und Drohobycz, um dort den Unterricht in der S p i tz e n h ä k e l e i (Erzeugrrng irischer Spitzen) zu erteilen. Die verfertigten Waren werden vom k. k. Zentralspitzenkurse übernommen. Um eine größere Anzahl galtzifcher Knaben bei Handwerksmeistern außerhalb Galiziens zu tüchtigen Handwerkern ausbilden zu lassen, schlossen wir am 1. Mai 1904 mit der Baron Hirsch- Schulstiftung und mit dem Wiener Verein zur Verbreitung der Handwerke unter den inländischen Israeliten (Handwerkervereirr) ein Uebereinkommen, wonach jährlich 60 Absolventen der Baron Hirschschulen, davon 30 auf unsere Kosten, bei Wiener Meistern untergebracht werden sollen. Die Unterbringung und Ueberwachung der Knaben erfolgt durch den Handwerkerverein, der in dieser Hinsicht eine mehr als sechzigjährige Erfahrung besitzt. Außerdem erklärte sich ein Teil unserer Provinzialortsgruppen in Westösterreich bereit, galizische Lehrlinge in den Städten, wo der Sitz dieser Ortsgruppen sich befindet, dem Handwerke zuzuführen. Diese Aktion, deren Ausführung sich im Jahre 1904 infolge von Hindernissen, deren Erörterung hier zu weit führen würde, verzögerte, ist bereits in Angriff genominen, so daß wir hoffen, es werde von uns im laufenden Jahre eine genügende Anzahl jüdischer Knaben in Westösterreich in die Handwerkslehre gegeben werden können. Durch unsere Vermittlung erhielt die jüdische Tischler ge »rosse nschaft in Tar nopol vom k k. Handelsministerium (Gerverbeförderungsdieirst) eii»e Subvention von 4000 Kronen; es wurde uns überdies die Zusicherung eiteilt, daß das Ministerium iin Dezember 1904 dort einen W a n d e r k u t* 3 über Tischlerei abhalten lassen werde, eine Zusicherung, die auch erfüllt wurde. Auch »nit der Frage der Zuführung der galizischen Juden zur Landwirtschaft beschäftigten wir uns im Berichtsjahre. Es »vrrrde von u»is eine schriftliche Enquete hierüber abgehalten. Ein an unsere Ortsgruppe und an eine Anzahl Fachmänner versendeter Fragebogen brachte uns >8 Gutachten, die ein sehr »vertvolles Material enthalten. Die darin gernachten Vorschläge gehen oft allerdings »veit auseinander; jeder einzelne soll aber genau crwogeu we»d n. Derzeit »verden die Gutachten in unseren» Bureau übersichtlich znsammengestellt, um sodann mir dieser Uebersicht drei Fachmännern zur Ueberprüfung anvertraut zu werden. Erft dann wird die Vereinsleitung über die Frage eine Entscheidung fällen. Auch an dem Ansbau unserer Organisation waren wir im Berichtsjahre tätig. Wir entwickelten eine umfassende Propaganda z»rr Gewinnung von Mitgliedern und Geldrnitteln, die noch »rächt abgeschlossen ist und auch in Zukunft regelmäßig fortgesetzt »verden soll. Es rvurden Ausrufe zur Unterstütz»»»z unserer Bestrebungen und zum Beitritte zu unsere»»» Vereine in Tagesblättern und jüdischen Zeitungen veröffentlicht, Rund scheiben an die Ortsgruppen, an die Mitglieder der Bnai Brithvereinigungen und an die Wiener Rabbiner »nit der Bitte uin Entwicklung einer regen propagandistischen Tätigkeit erlassen und der Aufruf, der in den jüdischen Zeitigen abgedruckt war, an die Kultussteuerzahler der Wiener israelitischen Kultusgemeinde versendet. Ich selbst besuchte auf meiner Reise durch Galizien im Oktober 1904 die Vorstände der dortigen fünf Ortsgruppe»», hielt in einer Frauenversammlung in Krakau einen Vortrag über die Zwecks und die Tätigkeit des Vereines und wohnte in Lemberg u»»d Tarnopol Sitzungen der Ortsgruppenvorstäude bei, in denen ich verschiedene Aufklärungen gab und Anregungen entgegennahm. Im Noveinber »nachte ich eine Propagandareise durch Böhmen und sprach vor Versammlungen der Ortsgruppe» Prag, Königliche Weinberge, Smichorv, Leitrneritz, Teplitz und Marienbad. im Jänner 1905 hielt ich in Troppau, Jägerndors und Bielitz Propagandavorträge. An einzelnen Mitgliedsbeitragen und Spende« gingen infolge der Propaganda ungefähr 2000 Kronen ein, jene Beiträge nicht mitgerechnet, die infolge der Vorträge den Ortsgruppen zuflossen. Von den Ortsgruppen, von denen es im letzten Berichte hieß, daß ihre Konstituierung in Vorbereitu»»g sei. konstituierten sich: Marienbad (noch im Jahre 1903), Pardubitz, Nachod und Tarnopol im Jahre 1904. Im Jahre 1905 ka»nen hinzu: In Troppau eine Frauen- und Mädchenortsgruppe, in Jägerndors und Sambor je eine gernischte Ortsgruppe; in Kolin steht die Konstituierung einer gemischten, in Krakau die einer Frauen- und Mädchenortsgruppe nahe bevor. Zu Ende des Jahres 1904 rvaren 41 Ortsgruppen konstituiert, um vier mehr als zu Ende 1903, um fünf mehr als im letzten Jahresberichte verzeichnet waren. Der Stand der Ortsgruppen zu Ende März 1905 beträgt 44. Die Beziehungen, die uns »nit den reichsdeutschen Körperschaften verbinden, die sich ebenfalls die Linderung der Notlage der galizischen Juden zur Aufgaae machen, hielten »vir aufrecht. Wir sind in der angenehmen Lage, zu berichte«, daß uns der Hilfsverein der deutscher» Juden in Berlin, in der Lehrlingsangelegenheit und das Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. beider neulich eingeführten Kleiderkonfektion finanziell unterstützen werden.