Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 1.» mit verbundenen Handwerksberufe vorbereitcn. Mit der Erteilung von Handfertigkeits- und Gartenbauunterricht in allen schulen und Ehederim in Rußland, Rumänien und Galizien wäre dieszu erzielen. Knaben aus auswanderungslustigen Familien, bei denen die Handgeschicklichkeit sich durch diesen Unterricht schon während der Schulzeit berausstellt und die Freude an der körperlichen Arbeit des Handwerks und Gartenbaues zu Tage tritt, sollte inan, wenn sie auch genügend kräftig für einen solchen Beruf sind, sofort nach beendeter Schulzeit, im 14. Lebensjahre, hinüberschicken. Wenn ihnen jene Arbeiten nicht ganz fremd und sie selbst arbeitswillig und fleißig sind, können sie schon in solch jugendlichem Alter drüben ihren Lebensunterhalt selbständig verdienen. Die Nützlichkeit des Verfahrens bestätigt auch der bekannte Dr. Barnado. der in England Erziehungsinstitute für verwahrloste Knaben und Mädchen gegründet bat. Er schickt jedes Jahr eine größere Anzahl von Knaben aus seinen Anstalten nach Canada, wo man sie freudig aufninnnt, und wo sie sofort Arbeit finden, durch die sie sich ernähren können.*! Allerdings brauchts eine gewisse Zeit, bis dieses System feine segensreichen Wirkungen in vollem Maße lvird äußern können. Ich habe bei meinem fast 50jährigen Verkehr mit Amerikanern die meisten von ihnen als sehr gerecht und billig denkend kennen gelernt. Ein Antisemitismus war früher überhaupt nicht vorhanden, und in der Art, wie er sich in anderen Ländern im Haß gegen die Rasse und Religion dokumentiert, existiert er auch heute noch nicht in Amerika. Was heute de r A ntis e m i t i s m u s i st, i st z u m e i st n u r durch die e i n g e w an c rt cnfchle cht c n Elemente der o st e u ropäi - scheu G l a u b e n s g e n o s s e n h e r v o rg e r u s e n w o r d e n, ri n d w i r d w i e - der v e r s ch w i n d e n, in de m M a ß e, wie sich die Qualität dieser B e - v ö I k e r u n g s k l a s s e besser t. Jetzt muß auch unter uns von allen Einsichtigen zugegeben werden, daß nicht nur der größere Teil der älteren, erwachsenen Leute für die dortigen Verhältnisse unbrauchbar sind, sondern daß auch die jüngere, Heranwachsende Generation infolge der mangelnden Erziehung und schlechten Einflüsse des Ghetto kaum dazu angetan ist, sich Sympathien zu erwerben; auch die Zahl der jüdischen jugendlichen und älteren Verbrecher ist in den letzten Jahren bedauerlicherweise bedeutend gestiegen. Die je tz i g e n E l e m e n t e der osteuropäischen Einwanderer v c r m e h r e n n u r d i e d r ü b e n s ch o n ü b e r z a h l r e i ch v o rh a n d e n e n Schwitza r b eite r. Diese, sowie Hausierer, Winkeladvokaten, und selbst Kaufleute kann man bekanntlich nicht mehr gebrauchen. — Einzig und allein e r lv ü n s ch t find gesunde, kräftige Handwerker und 2 a n b a r b eite r, namentlich letztere, die die Arbeit verstehen und lvillig zur Arbeit sind. Sobald man in Amerika merken wird, daß hier in Osteuropa wirklich energisch damit begonnen wird, die Auswandernden nach der bezeichneten Richtung hin vorzubereiten und zu erziehen, so werden auch die im Anfang zu erzielenden nur kleinen Erfolge dort bewirken, daß man die Einwanderung dieser Juden gern sehen und nach und nach immer mehr wünschen wird. Sobald man erkennt, daß sie im allgemeinen befähigt und Willens sind, den Wohlstand des Landes durch nützliche Arbeit mit zu heben, so wird man im einzelnen auch hin und wieder von den strengen Einwanderungsmaßregeln absehen, und auch dieser oder jener ungeübte Arbeiter wird drüben von seinen erwerbsfähigeren Glaubensgenossen mit versorgt werden können. *) Als Vorbedingung für die Erteilung des Handfertigkeits- und Garrenbauunterrichtes in richtig pädagogischer Weise an den jüdischen Schulen in den osteuropäischen Ländern, mühten diese Unterrichtsfächer in durchgreifender Weise zunächst an allen Lehrerseminaren, aus denen die Lehrer für diese Schulen hervorgehen, eingeführt werden. So weit vorläufig ein solcher Unterricht nicht zweckmäßig erteilt werden kann, ist die israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem, deren Vorsitzender ich bin, gern bereit, junge Lehrer während eines Aufenthaltes von einigen Ntonaten in diesen Fächern ans,zubilden. Konferenz der studentische« Palästinenser-Kommissionen der Schweiz. Am 4. und 5. ds. tagte eine nach Bern einberufene zionistische .Konferenz der palästinensischen .Kommission der studentischen Organisationen der Schlveiz, deren Ziel es war, durch strikte Interpretation der im Baseler Programm festgesetzten Bestimmungen zu den gegenwärtig den Zionismus beschäftigenden Hauptfragen, insofern dieselben das ideale Moment der zionistischen Bewegung ausmachen, Stellung zu nehmen. Die mir wahrer Begeisterung gefaßten Resolutionen sollten bei allen Zionisten und namentlich aber an maßgebender Stelle ihren moralischen Einfluß nicht verfehlen und alle diejenigen, die mit der zionistischen Belvegung für die Zukunft rechnen, davon überzeugen, daß ein Zionismus ohne das rein erhaltene palästinensische Ideal, das nicht allein das Judentum, sondern die nationalgeschichrliche Entwicklung desselben zur Grundlage hat, eine Unmöglichkeit ist und das gegenseitige Streben eines Teiles der Zionisten, die das tief eingewurzelte geschichtliche Ideal in der zionistischen Belvegung für minder ausschlaggebend halten, auf dem nächsten.Kongresse von schlveren Folgen sein könnte. Wenn wir Zionisten uns stets in der Bekämpfung der assimilatorischen Bestrebungen nüt dem Drost abfinden konnten, daß unser Sieg unausbleiblich fei, weil wir ein Ideal auf unsere Fahne geschrieben haben, so ist diese Erkenntnis nicht minder lvichtig für die künftigen Entschlüsse, die sich an die zionistischen Bestrebungen knüpfen. Davon können uns auch am besten die Beschlüsse der Berner .Konferenz belehren, die nicht allein darauf abzielen, ein moralisches Gelvicht zu erlangen, sondern, nachdem die all dieser Konferenz beteiligten Zionisten das Baseler Progranlin für sich allein in Anspruch nehmen, schufen sie eine innere zionistische Organisation, die zuin offenen Kampfe gegen den „Territorialismus" aufruft, um alle diejenigen aus den Reihen zu verdrängen, denen aus Mangel an Liebe zu dem historischen Judenlande wohl eine Notlvendigkeit vorschweben kann, einen Juden st a a t aufbauen zu helfen, denen man aber das Recht absprechen darf, sich Z i o n i st e n zu nennen. Denn wie weit der Mißbrauch der mit der Bezeichnung Zionismus ursprünglich gemeinten Belvegung nach dem Ahnenlande geführt hat, belveisen ja zur Genüge die in der Abwehr dieses Mißbrauches in der letzten Zeit entstandenen neuen Termina „Zione-Zionismns", „palästinensischer Zionismus". Und der Kampfruf lvird nicht ungehört bleiben. Die Entscheidung wird auf dein nächsten Kongresse fallen und, lvie immer sie lauten mag, sie wird zum Schaden der zionistischen Bewegung ausfallen und zugunsten der Palästinenser, lvenn eine offene Spaltung eintritt. Wohl kann man keinen Menschen zum Idealisten machen, wenn er es nicht von Natur aus ist, was man aber von den „Territorialisten" verlangen könnte, ist, daß sie aus anderen, lvenn nicht idealen Gründen an der weiteren Entwicklung der zionistischen Bewegung in der u r s p r ü n g l i ch e n Form teilnehmen. Sie erhalten auch Konzessionen seitens der Idealisten, lvelche darin bestehen, daß den Praktischen Momenten zur Ermöglichung der Verwirklichung des zionistischen Ideals Rechnung getragen lvird, indem man die Arbeit in den Nachbarländern Palästinas, lvelche „geeignet ist, den zionistischen Einfluß in Palästina zu stärken, als mit dem Baseler Programm in Einklang stehend" erklärt. . Für die .Kongreßwahlen hat die Organisation Gesetze proklamiert, lvelchen nach „territorialistischen" Vereinen das Recht zur Entrichtung des Schekels abgesprochen wird und Mandate auf Grund „territorialistischen" Progranunes als ungültig erklärt lverden. Bei allen Maßnahmen lverden die „Ugandisten" besonders berücksichtigt, da dieselben ihr Wirken auf den Beschlüssen des 0. Kongresses aufbauen. El-Arisch lvird wieder zur Diskussion vorgeschlagen. Die Ansichten der Konferenz in bezug auf die erlvähnten Fragen sowie auch in bezug auf die zu befolgende Taktik sind int übrigen aus den nachfolgenden in der Konferenz angenommenen Resolutionen zn entnehmen: 1. Kampf gegen den sogenannten Tcrritvrialismns. R e s o l u t i o n!. Die am 4. und 5. März in Bern versammelten Kommissionen der zionistischen l palästinensischen > Gruppen der Schlveiz erklären den sogenannten Territorialismus in allen seinen Schattierungen, d. b. das Bestreben, irgend ein Land außer Palästina durch Juden zu besiedeln, als dem zionistischen Programm und feinen narionalyi'torischen Grundlagen lvidersprechend, und laden alle am Baseler Programm festhaltenden Gesinnungsgenossen ein, sich zum Kampfe gegen den „Territorialismus" zu organisieren. Amendement: Alle Maßnahmen in den Nachbarländern Palästinas, die geeignet sind, den zionistischen Einfluß in Palästina zu stärken, sind dagegen als mit dem Baseler Programm in Einklang stehend zu betrachten. N e s o l u t i o n 2. Ausgesprochen prinzipiell „territorialistische" Vereine sind als außerhalb der zionistischen Partei stehend zu betrachten und demgemäß zum Schekelverkauf sowie zu den Kongreßwahlen nicht zuzulassen. Ausgesprochen „territorialistische" (nicht zionistische! Mandate zum Kongresse sind als dem § 1 des Organisationsstatutes lvidersprechend zu betrachten. Das Aktionskomitee hat dementsprechende Wahlzirkulare zu erlassen. Anmerkung: Freilich bezieht sich dies nicht auf llgandisten, die auf dem Boden des Beschlusses des (i. Kongresses stehen. Amendement: Die zionistischen (palästinensischen) Gesinnungsgenossen werden ersucht, in allen Füllen, wo ein ausgesprochen „territorialistisches" Mandat vorliegt, bei dem Legitimationsausschusse sofort Einspruch zu erheben. R e s o l u t i o n 8. Es sei den zionistischen (palästinensischen) Vereinen zu empfehlen, nur solche Delegierte zum Kongresse zu wählen, die sich verpflichten, eine Resolution auf demselben einzubringen und zu vertreten, in der festgestellt wird, daß die Partei es ablehnt, sich mit irgend welchen Kolonisationsplänen außerhalb Palästinas zu beschäftigen. Alle Maßnahmen in den Nachbarländern Palästinas, die geeignet sind, den zionistischen Einfluß in Palästina zu stärken, lverden hiervon nicht berührt. N e s o l u t i o n 4. Die Konferenz schlägt den zionistischen (palästinensischen) Gruppen vor, der Anhäufung mehrerer Mandate in einer Hand vorzubeugen und. sich zu diesem Zwecke mit den Wahlzentren in Verbindung zu setzen. R e s o l u t i o ii 5. Die Konferenz empfiehlt den palästinensischen Gesinnungsgenossen, sich möglichst zahlreich am Schweizerischen Zionistentage zu beteiligen und Einfluß auf den Gang der Kongreßwahlen in der Schlveiz zu gelvinnen. Resolution 6. Die Konferenz erklärt, daß sie im Kampfe gegen den „Territorialismus" und llgandismus mit alten anderen zu diesem Zivecke gebildeten Zentren Hand in Hand geht, wobei die einzelnen Gruppen in der Schlveiz in bezug auf einzelne Maßnahmen ihre Selbständigkeit beibehalten. 2. Arbeit in Palästina. Resolution 7. Die Konferenz erklärt es für notlvendig. unmittelbar nach dem 7. Kongreß eine permanente besoldete Kommission von geeigneten Fachmännern in Palästina einzusetzen, deren Aufgabe es wäre, Material zu liefern für die baldmöglichste Realisierung des Absatzes 1 des Baseler Programmes: „Die ztveckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handlverkern und Gewerbetreibenden."