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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-31 · 13 (31.3.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdisch«! VoNcsbktt Nr. 13 Im Anschluss» m» den Tätigkeitsbericht «acht der Vorsitzende die Bemerkung, daß im SefchLftS« berichte des Hilfsvereines der deutschen Juden in Berlin die Hilfsaktionen des Wiener Hilfsvereines in der Art dargestellt stad, alS ob die von letztere» angeführte» Industrien durch de« Berliner Hilfs» verein eingeführt worden wären und der Wiener Verein nur eine überwachende Tätigkeik entwickelte. Der Wiener Verein habe sich daher an den Präsidenten des Hilfsvereines der deutschen Juden in Berlin gewendet und hoffe, daß dieser bei feiner bekannten Loyalität Veranlaffung treffen werde, daß die erwähnte Darstellung die erforderliche Berichtigung erfahre (Zustimmung). Nachdem Herr Dr. Knöpfmacher als Obmann des Aufstchtsrates über die finanzielle Gebahrung der Vereinsleitung einen eingehenden Bericht erstattet hatte, wurde dieser seitens der Generalversammlung das Absolutoriu« erteilt. Zu dem nächsten Punkte der Tagesordnung: ,,Anträge der Bereinsleitung und der Ortsgruppen" entwickelt sich sodann eine lebhafte Debatte woran sich die Herren Dr. Meisels-Krakau, Gottlieb Bettel' Heim-Wien, Rabbiner Dr. David-Wien, Professor Dr. Feuerstein-Bielitz, Dr. Wilhelm Pappen heim und Dr. Gustav Kohn-Wien, Direktor Schwarz-Mährisch- Ostrau, Dr. Arnold Ascher und Wilhelm Pappen- Hsim-Wien, endlich der Vorsitzende und der Sekretär beteiligten. Hierbei werden Anregungen zur Organisation des Schuhmachergewerbes und zur Errichtung von Dienstbotenschulen in Galizien gegeben und die Zukunft der vom Hilfsverein in Westösterreich dem Handwerke zugesührlen Lehrlinge erörtert. Der Vorsitzende erklärte, daß der Hilssvrrein jede zweckmäßige Anregung mit Vergnügen der Verwirklichung zuführen wolle, vorausgesetzt, daß ihm die hierfür erforderlichen Mittel zufließen. Er fordere daher die Delegierten der Ortsgruppen auf, zur Gewinnung neuer Mitglieder eine rege Tätigkeit zu entfallen. Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurden mit Stimmeueinhelligkeit gewählt, und zwar in die Bereinsleitung die Herren: Adolf Baer, Max Frank, phil. Dr. Adolf Kapralik, med. Dr. Edmund Kohn,sur. Dr. Edmund Kornfeld, Adolf Pick, Siegmund Piesen, Wilhelm Stiaßny, k. k. Baurat, Richard Tewele und Hugo Tugendhat, sämtlich aus Wien, dann sur. Dr. Theodor Sonnenschein (Troppau), vaeck. Dr. Hermann Hirsch (Krakau), wsä. Dr. Ludwig Lustgarten (Krakau) und ^ur. Dr. Adolf Ringelheim (Tarnow); ferner in den Aufsichtsrat die Herren: Julius Granichstädten, jur. Dr. Wilhelm Knöpfmacher, jur. Dr. Leopold Kohn, Ferdinand Löwy, Wilhelm Pappenheim, nasd. Dr. Isidor Samuely und Theodor Wantoch, sämtlich aus Wien; endlich in das Schiedsgericht die Herren: Wilhelm Anninger, kais. Rat., Michel Benies, zur. Dr. Julius Bermann, k. k. Notar, pbil. Dr. Moriz Güdemann, Oberrabbiner, jur.Doktor Alois Klemperer, Isidor Popper, Leopold Sachs, kais. Rat, zur. Dr. Alfred Stern, Julius Wolf und Josef Zucker. Nachdem noch Herr Dr. Gustav K o h n namens der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde der Leitung des Hilfsvereines für ihre unermüdliche Tätigkeit zur Hebung des materiellen Niveaus der jüdischen Bevölkerung Galiziens den Dank ausgesprochen und indem er insbesondere auf den Zusammenhang zwischen der Armut in Galizien und der Zuwanderung der armen galizischen Juden nach Wien und damit der Belastung des Budgets der Wiener Krrltusemeinde und der Wiener humanitären Vereine inwies, die werktätige Sympathie der Kultusgemeinde für den Verein auch in Zukunft in Aussicht gestellt hatte, nachdem ferner Herr Dr. Gustav Lang stein im Namen der Versammelten der Vereinsleitung und dem Sekretär für ihre Mühewaltung gedankt und der Vorsitzende auf diese Danksagung in herzlichen Worten erwidert hatte, wurde die Versammlung um 12 Uhr mittags geschloffen. An die Generalversammlung schloß sich sofort die konstituierende Sitzung der Bereinsleitung an, in welcher zu Mitgliedern des engeren Ausschusses folgende Herren gewählt wurden: Sigmund Mayer, Präsident; Gottlieb Lederer, erster Vizepräsident; Adolf Pick, zweiter Vizepräsident; Heinrich Pollak, Schriftführer, Dr. Wilhelm Pappenheim, Schriftführer-Stellvertreter; Max Frank, Dr. Edmund Kohn, Siegmund Piesen, Hugo Tugendhat. Jüdische Soldaten. Berlin, 26. März. Die Debatte im deutschen Reichstag über jüdische Soldaten zeigt uns [auf, wie trotz aller Assimilationsbestrebungen der Jude, auch bei uns in Deutschland, dem Assimilationslande Kat' exochen als Fremdling betrachtet wird. Denn Herr Oberst G a e d k e, an dessen Aufrichtigkeit nicht gezweifelt werden darf, mag inunerhin im mosseliberalen „Berliner Tageblatt" versichern, wegen seines Glaubensbekenntnisses dürfe der jüdische Soldat nicht zurückgesetzt werden; wir wissen doch sehr gut, daß nicht die Religion der Juden es ist, die als etwas Fremdes empfunden wird, sondern das jüdische Volkstum. Nicht als Andersgläubige, sondern als Andersvölkische haßt und verfolgt man die Juden, und wenn vor einem Jahre ein angesehener hoher Offizier in der „Zukunft" versichert, es könne nicht hinweggeleugnet werden, daß der arische Soldat vor dem jüdischen Unteroffizier keinen besonderen Respekt habe und daß daher im Interesse der Aufrechterhaltung der Disziplin von der Ernennung jüdischer Unteroffiziere abgesehen werden müßte, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß nicht die Religionsverschiedenheit den teutschen Mann veranlaßt, den jüdischen Unteroffizier nicht zu respektieren, sondern weil er ihn nicht als seinen Volksgenossen betrachtet. Auch aus den Worten, die der Kriegsminister v. Einem gelegentlich der jüngsten Judendebatte im deutschen Reichstag sprach, hört man diese, wenn auch nicht eingestandene Tendenz heraus. Darüber können des Kriegsmimsters Versicherungen über das „gleiche Recht für alle" nicht hinwegtäuschen. Denn in der Theorie ist die Gleichberechtigung durchgeführt und auch in völkischer Hinsicht stehen die Juden den Deutschen offiziell vollkommen gleich. So wie der Kriegsminister es tut, wird auch von anderen Seiten die theoretische Gleichstellung immer wieder betont, ohne aber auch die Behauptung zu wiederlegen — daß Theorie und Praxis nicht übereinstimmen. Und so lange wird Theorie und Praxis nicht übereinstimmen, bis die Juden nicht in ihrer Gesamtheit ihr Volkstum offen bekennen werden. Die Mißachtung haben die Juden sich eben durch ihre Furcht, sich „nicht zu erkennen zu geben", zugezogen und durch ihr Bestreben, sich einem Körper zu assimilieren, der sie immer wieder von sich stößt. Es ist kein Wunder darum, wenn militärische Autoritäten behaupten, die Ernennung jüdischer Unteroffiziere gefährde die Disziplin. Denn wie soll der primitive Mann in einem Vorgesetzten den potenzierten Ausdruck der Männlichkeit sehen, wenn dieser Vorgesetzte so unmännlich ist, sich seines Volkstums zu schämen. Den sein Volkstum betonenden Juden wird man achten müssen, wenn man ihn auch freilich — nicht als Deutschen betrachten wird. Einen Deutschen aber, der kein Deutscher ist, sondern es nur sein will, trotzdem er ein Jude ist, wird man mit Recht mißachten. Wenn die Kriegsverwaltung aber auch dann nicht, wenn die Juden offen in ihrer Gesamtheit ihr Judentum bekennen, wenn sie auch dann die Juden nicht würdig befinden wird, Unteroffiziere zu werden, dann wird man fordern müssen, daß sie die Juden auch nicht würdig befinde — Soldaten zu werden. Das eine Gute hat die Judendebatte im deutschen Reichstag ans jeden Fall gehabt: den großen Massen der Judenheit die Augen darüber zu öffnen, daß die Juden nicht wegen ihrer Konfession, sondern wegen ihres nicht einbekannten Volkstums und ihres Strebens, sich den Deutschen ä tout prix aufzudrängen, mißachtet werden. Vermischte Nachrichten. Auswanderung über Libarr. Während des Monate- Jänner wanderten über Liban 1406 Personen, zumeist Juden, nach Amerika ans. Davon waren 741 männlich und 665 weiblich. Unter deu Ausgewanderten befinden sich auch viele Kinder. Die Kellereien in Rischon le Zion. In den Kellereien von Rischon le Zion wurden im Verlaufe des Jahres 1904 3,600.000 Liter Wem und Honig verarbeitet. Die Ausgaben für die während des Jahres verarbeiteten Weintrauben betrugen über 200.000 Francs. Rekonstruierung alter Syuagogeureste in Galilüa. Die unter dem Protektorate des deutschen Kaisers stehende „Deutsche Orientgesellschaft" hat soeben eine Expedition nach Obergaliläa gesandt, um die dortige» Synagogenreste wiffenschaftlich aufzunehmen, welche Prof. Gurlitt- Dresden zu rekonstruieren unternommen hat. Fordsruuge» jüdischer Arbeiter. Die jüdischen Setzer in Minsk stellte» »n die dortige» Drnckereibesitzer folgende drei Forder»»gen: 1. Neunstündig« Arbeitszeit, 2. vollständiger A»«fall der Arbeit a« Tifchah-Beab (9. Ab), 3. die gleiche Lohnzahlung wie für die Arbeitstage auch für die Samstage und andere Ruhetage. Die Forderungen wurde« durchwegs bewilligt. Die Auswanderung nach Argentinien. Das in Buenos Aires zweimal monaclich erscheinende Jargoublatt „Der Zionist" enthält in seiner jüngsten Nummer einige interessante Daten über die Einwandern»gsbewegu»g in Argentinien während der letzten Monate. Nach diesen Mitteilungen hat der Zuzug der Jude» a»r Rußland und anderen europäischen Staaten nach Argentinien in den letzten Monaten überaus große Di««»si»ittn augeuomme«. Die Ankömmlinge sind zumeist junge Leute, manche mit kleinen Familien, die ohne bestimmten Plan ankommen, »« daselbst ihr Glück zu versuchen. Das Blatt verweist nun auf die großen Gefahren, welche «ine überstürzte planlose Auswanderung im Gefolge haben muß, und zwar hauptsächlich aus folgenden Gründen: 1. In Argentinien gibt eS nur eine geringe Anzahl Fabrikshäuser und der Handel ist in den Händen einer kleinen Zahl von Kaufleuten zentralisiert. 2. Taglöhner finden höchstens zwei Monate i« Jahre längere Zeit währende Arbeit. 3. Die Juden sind nicht imstande, mit den italienischen Arbeitern zu koukurrieren, da diese sich mrt einem MouatSlohn von 35 Pesos begnügen, während der Mietzins für ein Zimmer monatlich 20 Pesos auswacht. 4. Die Beschäftigung der russischen Juden ist eine unsichere, da sie keine feste Basis hat. 5. Nach Handwerkern ist auch kein Bedarf vorhanden und die wenigen Gewerbe, welche hier mit Erfolg ausgeübt werden können, find auch nur dann geeignet, den Handwerker zu ernähren, wenn er sich auch auf Landwirtschaft versteht und die Landessprache beherrscht. In Argentinien können nur diejenigen Jude« ihr Fortkommen finden, die mit Geldmitteln versehen sind und sich als Kolvnisteri mit der Bewirtschaftung des Bodens beschäfdgen wollen. Bei Landkäufen müsse der Kolonist die größte Vorsicht an den Tag legen, da sehr viel Bodenschwindel getrieben werde. Die Regierung verkauft Boden nur an Gruppen und auch an solche nur, wen» sie den Nachweis erbringen können, daß sie über die nötigen Mittel zur Beschaffung der Wirtschaftsgerät« rc. verfügen. Die Auswanderung über Tetscheu. Vier Auswanderer-Sonderzüge mußte in den letzten Tagen die österreichische Nordwestbahn zur Bewältigung des starken Verkehres von Wien über Tetschen nach Hamburg beordern. Weit über 3000 Auswanderer sind in der ersten Märzhätfte bereits übe» di« Station Tetschen in- AuSland gefahren. Der größte Teil der Auswanderer waren Juden. Eine jüdische Arbeiterkolouie ist in den letzte« Monaten am Gesundbrunnen in Berlin entstanden. Sie setzt sich zunächst aus Deserteuren und geflüchteten Reservisten zusammen, die schon in ihrer Heimat in Fabriken tätig waren. Die Polizeibehörde weist die Flüchtlinge als »lästige Ausländer" aus, wenn sie keinen Erwerb Nachweisen können, erteilt ihnen aber anstandslos Aufenthaltsscheine und gibt ihnen Jnvalidenkarten, falls sie die Bescheinigung Berliner Fabrikanten deibringen, daß sie von ihnen dauernd beschäftigt werden. Der größte Teil dieser Arbeiter ist jüdische« Glaubens und hat in Fabriken jüdischer Besitzer ei« Unterkommen gefunden. Die Ankömmlinge zeigen sich anstellig und fleißig, müssen aber erst an rasches und fehlerfreie- Arbeiten gewöhnt werden. Eie vertragen sich mit ihren deutschen Lehrmeistern recht gut, halten sich aber, außer der Werkstatt, ganz abgesondert. In einer Fabrik ist es sogar der russischen Arbeiter wegen zu einem Konflikt gekommen, die heimischen Arbeiter weigerten sich, mit einem der Ruflen zufammenzuarbeiten, da sie in ihm einen Aufpasser sahen, der Streit wurde aber bald durch Eingreifen des Fabrikinhabers geschlichtet. Auswanderung Über Deutschland. Im Monate Februar fuhren 31 047 Auswanderer über Hamburg und Bremen nach Amerika. Im Februar des vorigen Jahres betrug die Zahl der in diesen Häfen beförderten Auswanderer nur 16 646. Die Beilage ftn? nächsten Unrnmer: >»Kynngoge> Kchnle and Anns"

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