Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Auswanderung und Kolonisation. Beilage zu Nr. 18 des „Jüdisches Volksblatt". Zur österreichischen Auswanderungsnovrlle. In der Gesellschaft österreichischer Volkswirte sprach anläßlich einer Enquete über den Entwurf des österreichischen Auswanderungsgesetzes auch der Vizepräsident der Kolonialgesellschaft Dr. E. F. W e i s l. Der Redner bemerkt, daß die Auswanderungsfrage noch vor wenigen Jahren der größter: Verständnislosigkeit bei fast sämtlichen interessierten Kreisen begegnet sei. Noch im Jahre 1896 habe kein eigenes Departeinent in: Ministerium des Innern für das Auswanderungswesen bestanden; der Referent des Sanitätswesens habe nebenbei auch die Agenden des Auswanderungswesens besorgt. Aber nicht nur die Negierung, sondern auch Handel, Industrie und nicht zuletzt die Landwirtschaft haben sich da- :nals in der Auswanderungsfrage rückständig verhalten. Die Landwirtschaft glaubte, daß durch die Verhinderung der Auslvandcrung der Abfluß der für sie notwendigen Hilfskräfte verhindert würde; sie hat dabei übersetzen, daß gerade dort, wo keine Industrie besteht, wo also ein Abfluß der Arbeiter in die Industriezentren nicht stattfii:det, die Auswanderung am größten ist. Sie hat auch weiteres außer acht gelassen, daß die Auswanderung durch ihre Rückwirkung auf die allgemeinen volkswirtschaftlichen Verhältnisse auch speziell die Landwirtschaft fördere, denn der Rückwandernde bringt das Geld zurück in die Heimat ineist zur Meliorierung des Bodens seiner Sippe. Diese Teilnahmslosigkeit in der Auswanderungsfrage, sagt Redner, hat jetzt nachgelassen. Die Abgeordneten Dr. Licht und Genossen: sind in energischer Weise für die Schaffung eines Auswanderungsgesetzes eingetreten und auf dem wissenschaftlichen Boden hat Prof. Dr. v. P h i l i p P o v i ch das große Verdienst, die Frage, für Oesterreich wenigstens, entdeckt zu haben. Der vorliegende Entlvurf hat speziell für die österreichischen Verhältnisse die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt. Das Gesetz ist kein Auswauderungsgesetz, sondern ein A u s w andere rschutzgesetz und muß daher anders geartet sein als das italienische oder deutsche Gesetz. Es steht auch auf einer h ö h e r e n ethischen Stuf e, indem ihm, ohne Rücksicht auf andere Nebenzwecke, die Auswanderung und der Schutz des Auswanderers als Selb st zw eck vorschwebt. Bei den Divergenzen nüt anderen Ministerien, insbesondere mit den: Handelsministerium, hat das Ministerium des Innern mit Recht die Führung an sich genonnnen und hat das Gesetz so ziemlich selbständig verfaßt, zuinal ihn: als Hauptsache der Schutz des Auswanderers erschien, während z. B. das Handelsministerium in der zielbewußten Lenkung der Auswanderung sehr richtig eine Förderung des Exportes erblickt. Die volle Freiheit, die der Auswanderer nach den: Entwurf genießen soll, ist nur zu begrüßen. Eine Pressioi: auf die Auswanderer zu einen: bestimmten Zweck, wie dies z. B. in Ungarn zun: Zwecke der Hebung des Fiumaner Hafens und zur Förderung anderer ungarischnationaler Bestrebungen geschehen ist, hat der österreichische Gesetzentwurf mit Recht vernüeden. Jeder kann a u s w a n d e r::, w a n n u n d wohin er wi l l. Das einzige, was sich das Gesetz vorbehält, ist, daß es die A u s w a n d e r u n g n ach besti:::::: - te:: Orte n verhindern k a :: n, w o d e r A u s w a n d e r e r keinen gen:': - g eu d en S chutz f i n d e t o d er w o m a n f ü r sein e E x i st e n z fü r ch t e n m u ß, z. B. wo die sanitären Verhältnisse schlechte sind. Das Gesetz ist ein Rahmengesetz, weshalb den berufenen Faktoren die Möglichkeit gegeben ist, sich hinsichtlich der Erlassung der Durchführungsverordnung auszusprechen. Es ist jetzt sonnt die Aufgabe der berufenen Körperschaften, der Abgeordneten und der interessierten Kreise, den: Ministeriun: alles zu sagen, was in die Detailbestimmungen hineingelegt werden kann und soll. Ich bitte die Herren, von ihrem Einflüsse und ihrem Ansehen bei der Regierung und bei der Bevölkerung den entsprechenden Gebrauch zu machen und ihre Wünsche im Interesse des Gemeinwohles zum Ausdrucke zu bringen, damit denselben von der Negierung Rechnung getragen werden könne, damit wir nicht nur das beste Rahmengesetz für die Auswanderung haben, sondern auch überhaupt die beste Lösung der Auswanderungsfrage finden. ZMsche Kolonien in Amerika. In einer soeben erschienenen, ungeiuein lesenswerten Broschüre erstattet Konsul a. D. A. M. S i m o n praktische Vorschläge über die Organisation der A u s w a n - d e r u n g. lieber die Kolonisationsbestrebungen in Nordamerika führt der Autor aus: Die Gründe, warum trotz der nicht unerheblichen Aufwendungen von verschiedenen Seiten die K'olouisntionsbestrebungen in den Vereinigten Staaten verhältnismäßig so geringe Erfolge ergeben haben, sind zweierlei Art. Erstens hat man mit u n g e ü b t e n Leute:: in vorgeschrittenen: Alter K o l o n i s a t i o n s e x p e r i n: e n t e gemacht, und durch die mit diesen erzielten Resultate, die nur schlechte sein konnten, wurden andere, nütunter auch besser geeignete, Eleinente abgehalten, dem Beispiele zu folgen. Außerdem hat man den religiösen Bedürfnissen der osteuropäischen Juden, die bekanntlich von Hause aus meist sehr orthodox sind, in den Ansiedelungen nicht genügend Rechnung getragen. Diese Leute wollen nur da wohnen, wo sie ohne Schwierigkeiten ihre religiösen Gebräuche ausüben können, d. h. wo sie Synagoge, jüdische Lehrer, Koscher-Fleisch u. a. m. haben können. Um nun auch hierin Wandel zu schaffen und eine gute, rationelle Kolonisation ins Werk zu setzen, dürfte es sich empfehlen, dieGründ u n g ein: g c r jüdis ch e r M u st e r - k o l o n i e n in den Vereinigten Staaten und in Canada niöglichst bald zu beginnen. Es erscheint mir angebracht, hier vorzuschlagen, den: Beispiele der in den 70er Jahren aus Rußland zahlreich ausgewanderten Mennoniten zu folgen. Diese Sekte, die aus religiösen Bedenken s. Zt. nicht in Rußland bleiben wollte, schickte einige ihrer zuverlässigsten jüngercn Mitglieder nach den Vereinigten Staaten, um dort erst einmal Land und Leute kennen zu lernen. Diese jungen Männer nahmen zuerst bei einigen Farmern in verschiedenen westlichen Staaten Stellungen als Ackerknechte an und informierten sich in dieser Weise über die amerikanischen Boden- und wirtschaftlichen Verhältnisse. Dann berichteten sie hierüber nach der Heimat, von wo sie dann autorisiert wurden, an geeigneter Stelle unter günstigen Bedingungen größere Koinplexe Landes zu erwerben. Sobald dies geschehen war, führte man provisorisch leichte Holzhütten auf, teilte das Land in verschiedene Farmen und beschaffte für jede Farn:' zunächst nur das allernotwendigste Vieh und Inventar. Sodann veräußerten die Genossen in Rußland ihren heimischen Grundbesitz und machten sich mit Frau und Kind auf den Weg. In Praktischer Weise, ohne irgend welchen Aufenthalt, mit durchgehenden Billeten fuhren diese Leute dann direkt nach New-Pork, wurden dort von ihren drüben befindlichen Kameraden in Empfang genomn:en, und alle zusammen gingen dann so schnell als möglich ihrem Bestimmungsorte zu. Diesen Leuten geht es heute allen sehr gut, ihre Kolonien sind in blühendem Zustande, und sie selbst allgemein geachtet. In ganz ähnlicher Weise empfiehlt es sich, heute einige der tüchtigsten und fähigsten jungen Leute aus den jüdischen Kolonien, die dort schon im Ackerbau Erfahrungen gesammelt haben, zu veranlassen, nach den Vereinigten Staaten und nach Canada zu gehen, event. sollten ihnen die nicht sehr bedeutenden Reisekosten vergütet werden^ Nach Beratung nüt den Fachmännern der Jewish Agricultural & Industrial aid society und andern sollten diese jungen Männer im Westen der Vereinigten Staaten und in Canada Stellungen als Landarbeiter annehmen. Für kräftige arbeitsame Menschen sind solche Stellungen sehr leicht zu finden, und soviel, als diese Leute zum Unterhalt gebrauchen — und auch mehr — können sie mit Leichtigkeit dort verdienen. Nach einer gewissen Zeitdauer sollten sie dann ihre Erfahrungen sowohl an die Jewish Agricultural & Industrial aid socicty, als auch an die maßgebenden Personen in Rußland, sowie auch an ihre dortigen Verwandte und Freunde zu berichten haben, und wenn diese Mitteilungen — was nicht zweifelhaft ist — gut ausfallen, so werden weitere Leute gern Veranlassung nehmen, auch hinüber zu gehen. Je 80 bis 50 Familien sollten dann immer eine Kolonie bilden, in der von vornherein für Re Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse Sorge getragen werden müßte. Derartige Kolonien kann man sehr bald sich selbst überlassen; man braucht sie nicht so zu bevormunden und mit Geld zu unterstützen, wie dies bisher bei den meisten jüdischen Kolonien der Fall war. Angebracht wäre es auch, außer den jungen Leuten aus den Kolonien junge, tüchtige Zöglinge aus den jüdischen Ackerbauschulen hinüberzusenden. Anstatt nach Argentinien, wo sich zwar unleugbar auch eine gute Zukunft für die jüdischen Ackerbauer bietet, sollte man aus Zweckmäßigkeitsgründen in nächster Zeit auswanderungslustige und zur Auswanderung geeignete Ackerbauer nur nach den Vereinigten Staaken und Canada dirigieren. Wenn im Westen Amerikas eine oder mehrere solcher Musterkolonien entstanden sein werden, werden sich angesichts ihrer guten Entwicklung nicht nur die jungen Leute aus den jüdischen Ackerbauschulen dorthin begeben; vielmehr werden sich auch aus dem Ghetto New-Iork und andern Großstädten osteuropäische Glaubensgenossen loslösen und westwärts ziehen. Dort bebauen sie mit ihren Volksgenossen das Land, ernten seinen Ertrag und entgehen dem entsetzlichen Elende, in den Städten zusammengepfercht und erwerbslos leben zu müssen. Hauptsächlich sollte man bei der Errichtung der Kolonien das Augenmerk auf die großen w e st l i ch e n, weniger bevölkerten Staaten, wie Texas und andere, richten, falls dort gutes und gesundes Land unschwer zu erwerben ist. Man könnte dann die Auswanderer womöglich direkt nach Galvestone oder einem anderen, möglichst weit von New-Dork entfernten Hasen schicken, damit sie nicht Gefahr laufen, von den: Gisthauch des New-Uorker Ghettos angesteckt zu werden. Wenn dort diese Leute als Farmer arbeiten und keine Verlockungen nahe gelegener großer Städte vorhanden sind, und wenn sie dort sowohl wie in den übrigen Kolonien sich hauptsächlich den Zweigen der Bodenkultur widmen, die neben körperlicher Kraft eine gewisse Intelligenz erfordern, wie beispielsweise Milchwirtschaft, Vieh-, Geflügel- und Bienenzucht, Obst- und Gemüsebau, so werden sie zweifelsohne im Laufe der Zeit wohlhabend werden und dem Lande selbst große Vorteile bringen. Außerdem könnten in holzreichen Gegenden Sägereien eingerichtet und. Holzindustrien damit verbunden werden, da ein verhältnismäßig großer Teil unserer osteuropäischen Glaubensgenossen, die sich nicht dem Kürschner-, Schuster- und Schneiderhandwerk widmen, mit Vorliebe das Tischlerhandwerk ergreifen, und würde auch hierauf besonderes Augenmerk zu richten sein. Selbstverständlich müßte man beim Ankauf solcher Ländereien die größte Vorsicht obwalten lassen und sehr geräuschlos Vorgehen, un: Landspekulanten, Landhaie und boome rs nicht darauf aufmerksam zu machen. Hand in Hand mit diesen Anfängen für eine richtige Kolonisation müßte :ncm das Menscheninaterial, das die späteren, in größerem Maßstabe zu begründenden Kolonien zu bewirtschaften haben wird, rechtzeitig für die körperlichen Arbeiten der Landwirtschaft und da-