Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13 Jüdisches Volksblatt Seite 5 Staatswegeil die Einheit der jüdischen Konfession anzustreben; 2. eine Landesrepräsentanz zu wählen; 3. einen Präsidenten zu wählen; 4. das Landesstatut zu ergänzen. Daß eine sechshundertköpfige Versammlung nicht gut in drei Tagen so viele Agenden erledigen und noch dazu Tiraden von: Stapel lassen kann, ist leicht zu begreifen. Daß die ungarische orthodoxe Judenheil über ihre P r i n z i p i e n keiner Aufklärung bedarf; daß selbe mit vollster Berechtigung ihre Rabbiner als ihre Führer aiicufcimt und sich deren Führung überläßt, daß diese Rabbiner keine Seelsorger, sondern Lehrer, Freunde imö Berater ihrer Gemeinden sind, daß deren überwiegende Mehrzahl materiell so schlecht gestellt ist, daß nur reinster Jdealisinus sie ihrem Amt erhalten kann, all das weiß „Ploni", darf es aber nicht Wort haben, beim diese bösen Rabbiner sind Antizionisten, ja sogar horribile dietu Antimisrachistcn. Kein Zweifel, wenn diese selben Rabbiner unter Aufrechterhaltung ihrer sonstigen „fanatischen, rückständigen Ansichten" Misrachismus als Dogma und „Ploni" als dessen Propheten anerkannt hätten, sic wären in die vorderste Reihe der großen Männer in Juda vorgerückt. Die faden Witze „Plonis" über die biederen Landkrähen, die zu Hause Roschhakol fpielen t da dürfte sich mancher Verwandte „Plonis", der turmhoch über ihm steht, getroffen fühlen), können die Tatsache nicht aus der „Welt" schaffen, daß in dieser Versammlung jede ungarische Gemeinde durch ihren Rabbiner und einen Balbos vertreten war, daß also das ganze orthodoxe Israel Ungarns repräsentiert war, daß die wichtigsten Beschlüsse e i n st i m m i g gefaßt wurden, daß wir eine hundertköpfige Vertretung und einen nach jeder Richtung entsprechenden Präsidenten haben, und daß hoffentlich nunmehr frisches Leben pulsieren und die Angelegenheiten des orthodoxen Judentums nach allen Richtungen entsprechende Förderung finden werden. Die versteckten Denunziationen, das Rachmonus mit den von der Versammlung verunglimpften Neologen, die Berserkerwut gegen die Mitglieder der Versammlung brächte uns beinahe zur Vermutung, daß „Ploni" in dieser Versammlung nicht nur das frühzeitige Ende des Misrachismus in Ungarn beweint. Sollte „Ploni" nach höheren Zielen gestrebt haben? Hat er vielleicht, da er als Misrachist nicht Herr der ungarischen Judcnheit werden konnte, nach der Präsidentenschaft gestrebt? Der Himmel behüte uns vor solchen Führern und erhalte uns unsere nunmehr vervollständigte Organisation und in erster Linie unsere würdigen Rabbincn, bis wir als echt jüdische Misrachisten nach Misrach (Palästina) ziehen. S. B. gangenheit noch häufig zurück, dann wurden sie immer seltener. Ein Gefühl nach dein anderen starb ab. Die Hingebung, die verpestende Luft, sic wirken langsam, aber sicher. Freilich, auch heute bin ich davor nicht ganz sicher, und wenn die Vergangenheit mir entgegeiitritt, dann ist es schrecklich." Wie sie dasaß und sprach, mit dein blassen, klassischen Gesicht, den schönen Zügen und den Gesten voll Leben und Empfindung, hätte sie niemand für eine Chansonette gehalten. Sie brach ab, und ihr Gesicht wurde noch lim einen Schatten blässer. Voll schwesterlicher Liebe schaute ich sie aii. Ich wollte sprechen. „Ach, ich weiß es," sagte sie lebhaft. „Ich soll ein anderes Leben beginnen? Ich kann nicht. Denken Sie nicht, ich scheue die Arbeit, aber ich bedarf der Betäubung, des Rausches, wie der Unglückliche des Alkohols, des Morphiums. Die Narren! Sie glauben, ich singe und tanze für sie; ich tue es für mich, weil ich sonst den Ekel vor dem Dasein, vor meinen! inneren Ich nicht ertragen könnte." „Und nun lassen Sie uns scheiden. Wir wollen uns nicht wieder sehen. Und dann, wenn Sie können, gedenken Sie meiner wie ich bin — nicht zu schlecht." Zionistentag in Czernowitz. C z e r n o w i tz, 24. März. Groß waren die Erwartungen allerdings nicht, die Kenner der Situation auf den 19. März setzten. Die jüdische Bewegung war schon seit langeuk in der Bukowina flau und was noch von einigen opfermutigen und ernsten Leuten gehalten nutröc, war durch die Ergebnisse der politischen Entwicklung im Lande während des letzten Halbjahres bis in das Innerste erschüttert. Nur durch geschickte Kulissenschieberei konnte man die schweren inneren Schäden dein Auge des Zuschauers entziehet!. Da karn vor kurzen! ein Erlaß der Landesregierung, der die Ausweisnng der jüdischen Einigranten auordnete, und alle Schminke half nichts mehr. Der Erlaß bezeichncte als Grund dieser Maßregel die Bedrohung des Arbeitstnarktes durch starken Arbeiterzuzug. Die heftige Erregung, die dieser Vorgang hervorrief, veranlagte den Kultusvorstand, eine Aktion einzuleiten, um dieser sozialpolitischen Judenaustreibung entgegenzutreten. Bei der ersten Sitzung des KoiniteeS ward nun dem Fasse der tnorsche Boden ausgeschlagen. Die beiden zionistischen Kultusräte — beide ehemalige Präsidien des Czeruowitzer „Zion" — waren die einzigen in dieser Vcrsanunlung, die den Erlaß verteidigten. — Auch eine kleinere Blamage hätte hingereicht, den Zionismus in Czernowitz vollständig zu diskreditieren. Unter solchen Auspizien trat der „Delegiertentag" zusammen. Das Bild, das er bei seiner Eröffnung bot, entsprach den auf ihn gesetzten Erwartungen vollständig. Man kann den Tag ruhig einen halbwüchsigen bezeichnen. Die Flaumbärtige Jugend überwog allzusehr, um der Versammlung eine Gewähr für die ernste Abwicklung ihrer Aufgaben zu geben. Auch die Tagesordnung war dürftig, zeigte davon, daß die großen Fragen, die die Iudenheit jetzt bewegen, in diesen Kreisen einen lauten Widerhall nicht gefunden haben. Die Ugandafrage kam nicht auf die Tagesordnung. Fragen, denen einige Wichtigkeit nicht abgesprochen werden kann und die auf die Tagesordnung gesetzt wurden, waren größtenteils ungeeigneten. Referenten übergeben worden. Bei dieser Lage erschien das Unternehmen des Altc-Herrcn-Verbandes der „Zephirah". das Niveau des Delegiertentages möglichst zu erhöhen und von da aus eine Reformaktion unserer Bewegung im Lande cinzuleiten, von vornherein für aussichtslos. Sie hatten einen ganzen, bis ins Detail fixierten Feldzugsplan für den Delegiertentag vorbereitet, erschienen mit ihren zehn von verschiedenen Vereinen erteilten Mandaten, nahmen als geschlossene Gruppe an der äußersten Linken platz und erschienen unter dein Kommando des Herrn Dr. K i n s Ü r u n n c r mit den verteilten Referaten der strannnen Organisation förinlich als parlamentarischer Klub. Eines hatte aber der ganze Plan übersehen, daß verantwortungslosen Leuten gegenüber weder Gründlichkeit noch Ernst noch Opferinut hinreicht und daß ihnen gegenüber eine Gruppe wie der Tag nur dann hätte auskonnnen können, wenn er selbst eine gewisse innere Kraft und Konfinität besessen hätte — und so kam, was kommen mußte. Der Obmann des Distriktskomitees Großgrundbesitzer Signulnd W e i ß g l a s wies in seinen! Rechenschaftsbericht darauf hin, daß er wenig hatte tun können, was allerdings zu glauben ist. Darauf ergriff Dr. K i n s b r u n n e r das Wort. Wenn die „Zephirah" damit, daß sie diesen Redner als ersten in die Debatte schickte, die Tendenz verband, das Niveau derselben in die Höhe zu schrauben, so muß inan allerdings sagen, der Griff konnte nicht glücklicher gemacht werden. Die formell glänzende Kritik des Berichtes zeichnete sich ebensosehr durch Vornehmheit, wie durch Scharfsinn aus. Er hatte auch das Thema der russischen Deserteure angeschnitten, was einen Vertreter einer jüdischen Arbeiterorganisation vcranlaßte, in scharfen Worten gegen die bekannten Kultusräte Stellung zu nehmen. Einer dieser Herren war als Delegierter anwesend und sah sich genötigt, zu seiner Verteidigung das Wort zu ergreifen. Die Art, wie die Versammlung jeden von ihm gesprochenen Satz begleitete, war ein Urteil, wie es nicht verdammender ausfallcn konnte! Damals schien es fast, als ob dieser Versannnlung eine gelvisse Hoheit der nationalen Kraft nicht abgehe. Aber bald war das Kartenhaus zusammengefalleu. Der abs. Jurist Salomon K e ß n c r begann seine Zungenfertigkeit zu entwickeln. Hohn, persönliche Jnvektiven, Verdächtigungen schleuderte er umher, sofort entwickelte sich natürlich ein unerquickliches Gezänke, das Präsidiun! versagte und durch die Tat eines verantwortungslosen jungen Mannes war der ganze Distriktstag erniedrigt und zerstört. Es gelang nicht mehr, der Versammlung ein Prestige zu verleihen, sie repräsentierte fortan das, was sie war, und alle Anstrengungen, die seitens des Vorsitzenden, seitens des bekannten Volksredners Löbel Taubes, der „Zephirah" geinacht wurden, wersagten. Die Debatte wurde nunmehr nur zwischen Herrn Taubes und den von der „Zephirah" in die Debatte gesendeten Rednern geführt. Dieser Situation entsprach auch die Finale. Ein neues D e l e g i e r t e n k o m i t e e konnte nicht gewählt werden und da das alte bereits außer Funktion ist, herrscht in der zionistischen Bukowina Interregnum. Man!nuß dieses letzte Ergebnis nicht allzu tragisch nehmen. Niemand wird die Lücke fühlen, die dadurch entstanden ist, und allzu lange wird das Distriktskomitee auf sich nicht warten lassen. Aber aus einem anderen Gesichtspunkt ist es interessant, die letzten Szenen des Delegiertentages ein wenig zu beleuchten. Es ist ein neuer Beweis des von mir wiederholt ausgesprochenen Satzes, daß die jüdische Bewegung in Oesterreich nicht eher wird van der Stelle kommen können, als bis inan die „Offiziere des Judentums", die „schneidigen jüdisch-nationalen Studenten", dorthin schicken wird, wo sie hin gehören. Die Wahl hat in der Weise zu erfolgen, daß zuerst der Obmann, dann die zehn Mitglieder des Distriktstages gewählt werden. Nun war es glücklich gelungen, Herrn Weißglas dazu zu bestimmen, die Obmannschaft beizubehalten — trotz mancher Schwächen der geeignetste Mann. Die alten Herren der „Zephirah", aufgefordert, in das Delegierten-Konntee einzutreten, erklärten, Mandate nur dann anzunehmen, wenn die Zusannnensetzung des Koinitees ihnen die Garantie bietet, daß ihnen die Arbeit nicht unterbunden werde — ein bescheidener Wunsch und legten auch eine „Ministerliste" vor. Diese Liste entsprach nun nicht ganz den Ansprüchen der „Hasmonea". Man begann Verhandlungen und Kompromisse zu versuchen, und es hätte nicht mehr lange gedauert, daß ein ganz entsprechend zusammengesetztes Komitee gebildet worden wäre. Dieses Resultat des Delegiertcntages wäre aber ein „Sieg der „Zephirah" gewesen. Was geschah? — Während der Wahlverhandlungen hatte schon einmal Herr Keßner versucht, das neue Distriktskomitee auf die Weise zu diskreditieren und rnn die Autorität zu bringen, daß er — nach bereits vollzogener Wahl des Obmannes — den Vorschlag machte, der Obmann des A. H. der „Zephirah" möge Distriktsobmann werden und das ganze übrige Distriktskomitee sich ausschließlich aus „Zephirahner" zusammensetzen, nun spielte er, der Hasmonaer Keßner, den letzten Trumpf aus. Während die Gruppen initeinander erregt und erschöpft von der Arbeit und den Szenen des Tages über die Zusannnensetzung der Liste verhandelten, überredete er Herrn Weißglas, die Versammlung zu verlassen, eine Schwäche, die letzterer jedenfalls noch wird verantworten müssen. Seine Stellvertreter waren mit den Abendzügen abgereist und so war die ohnedies atomisierte Versammlung bald in nichts Zerronnen. Man verließ die Versammlung teils entrüstet, teils resigniert. — Die „schneidigen jüdisch-nationalen Studenten" aber, die sind die Zukunft unseres Volkes, unser Stolz, unsere Hoffnung, daran wird jeder einsichtige Zionist unentwegt festhalten. Dr. Max Dia in a n t, Czernowitz.