Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 daß in e i n e m N a t i o n a l i täte n st a a t e ein Z e n tra l p a r l a m e n t eine U Möglichkeit ist. Es könne wohl polynationale Staaten geben, die aber nur absolut ,-egiert werden könne::, oder sie müssen s ö d c r a l i s i e r t werden, so daß, wenn sie parlamentarisch regiert werden sollen, jeder territorial-nationale Bestandteil sein eigenes Parlament besitzen müsse. In Oesterreich habe der Absolutismus nie eigentlich ganz das Feld geräumt; er halte die wichtigsten Positionen besetzt, wenn er auch, um seinen finanziellen Kredit zu festigen, dem Konstitutionalismus einige Konzessionen machte. Man brauche den Absolutismus in Oesterreich nicht einzuführen, denn er sei tatsächlich da und könne nichts besseres tun, als Parlament spielen lassen. Hinter d i e s e m p a rl a m e n t a r i s ch e n Spiel aber bereiten sich d i e j e n i g e u sozialnationalen Entwicklungen vor, welche für die söderalistiiche Gestaltung Oesterreichs von eminenter Bedeutung sind." Aus der Misti scheu Bewegung. IXcb c r d ie innere Arbeit im Zionis m u s gibt Elias Auerbach in der jüngsten Nummer der „Jüdischen Rundschau" folgende zwei Forderungen an, über die „wir einig sind": In der inneren Arbeit liegt der unmittelbare Angrisfspunki der „Reform" für die nächste Zeit. 1. Die Hauptaufgabe der einzelnen Organisationen (Ortsgruppen) ist die nationale Erziehung ihrer Mitglieder. Die Vernachlässigung dieser inneren Arbeit war der schwerste Fehler der bisherigen Organisation. 2. Die Erziehung der Zionisten zu nationalem Fühlen und politischem V e r st ä n d n i s ist nur durch regelmäßige und systematische Vereinsarbeit möglich. Umsang und Inhalt dieser Arbeit muß planmäßig sestgelegt und d e n örtlichen V e r h ä l t n i s s e n a ngepaßt werden. Die äußere Organisation soll hierunter nicht leiden, sie bedarf allerdings vielfach grundlegender Aenderung. Die englische Zionistenliga hat auf einer vor kurzen: in L o n d o n stattgefundenen Versammlung eine Resolution gefaßt, in der in der schärfsten Weise gegen d i e t e r r i t o r i a l i st i s ch e n B e st r eb u n g e n Stellung genommen wird. Es heißt in dieser Resolution, daß sich das Baseler Programm lediglich auf Palästina und Syrien beziehe und jede andere territorialistische Bestrebung ausschließe und daß alle Tendenzen, die aus eine Einwanderung der Juden m außerhalb Palästinas gelegene die trotz aller Vergiftung noch meine Zuflucht bilden. Ach, noch einmal in seinen Armen, noch einmal einige Stunden des Glaubens an ihn, und dann aufhören zu existieren, jäh abbrechen, bevor alles zum Ekel wird — das wäre ein hinnnlisches Glück. Ich ging einher, die Wochen und Tage wie ein Schatten, mit Gott und meinem Ich zerfallen, und dann erfuhr ich, daß ich Mutter sei. Im ersten Augenblicke raste ich vor Zorn, dam: aber wurde dieser Gedanke mir zum Heil. Ich klammerte mich an dieses eine beseligende Gefühl, ich meinte vor Glück und Angst und verfiel von einem Extrem ins andere. Er suchte mich zu besänftigen, zu trösten, aber es war etwas Kaltes, Abgeschaltes, was er mir darbot, und ich lechzte nach Glut, nach Feuer, um aus der Betäubung nicht zu erwachen. Und dann waren die Folgen meiner Schande nicht mehr zu verhüllen und eines Tages wußte es auch mein Vater und ex stand vor mir. Ich sehe ihn noch, bleich, mit geballten Fäusten, mit blutroter Stirne und starren Augen, vor mir. Es war nicht mein Vater, es war der rächende, eifernde Jehova. Er raufte sich das Haar vor Schmerz, schlug mit Händen und Füßen, fluchte wie die Hölle, und gespensterhaft schauerlich klangen die Worte: „Du hakt mich, deine Mutter in der Erde, deine Vorfahren, deine Religion, dein Volk besudelt!" So müssen die Eltern ausgesehen haben, die ihre Kinder zum Altäre brachten, so die Männer, die sich ins Feuer für ihre Religion stürzten. Er stieß mich, schlug mich, ich wehrte ./Ääisebes Volksblatt Gebiete abzielen, vom Zionismus als einer Renaissaucebewegung auszuscheidcn seien. lieber Uganda äußerte sich Major G i b b o n s den: Korrespondenten des „Daily Mail" in Mombassa gegenüber, das Territorium sei das beste, das er je in einer von ihn: besuchten Kolonie gesehen habe. Im Gegensätze hierzu erklärte ein anderes Mitgied der Kommission, Herr Professor K a i s e r, daß sein Bericht ein negativer sein werde und die Zionisten davon abhalten dürfte, Uganda zu besiedeln. Gegen die jüdische Besiedlung Ugandas haben sich, dem englischen Blatte „S c o t s m a n" zufolge, in einer Petition an den Marquis of Lansdowne die englischen Ansiedler von Ostafrika gewendet. In der Petition wird ausgeführt, daß der Protest durchaus nicht antisemitischen Ernpfindungen entspringe, sondern nur erfolge, um gegen die Bevorzugung einer bestimmte:: Kategorie von Ansiedlern Stellung zu nehmen. Eines der stärksten Argumente der Petition ist, daß es unzweifelhaft zu Konflikten zwischen den jüdischen Ansiedlern und den Eingeborenen kommen iverde, wodurch die englische Negierung zu einer die englischen Interessen schädigenden Stellungnahme gegenüber den Eingeborenen gezwungen wäre. Das englische Blatt meint, es sei demnach eine 'Zurückziehung des Angebotes seitens der englischen Regierung nicht ausgeschlossen. Korrespondenzen. Noch einmal die orthodoxe Landesversammlnng. Budapest, Ende März. In diesen Blättern wurde die orthodoxe Landesversammlung als das behandelt, was sie war: Eine Vertretung von zumindest 500 000 Juden. Die politische Presse in Ungarn, ohne Unterschied der Konfession der Redakteure, fand nur Worte des gemeinsten Spottes und der ordinärsten Begeiferung, denn in Ungarn außer Magyare auch noch Jude, ja vielleicht sogar in erster Reihe Jude sein zu wollen, das ist ein crimen Lspitale und kann nicht scharf genug gegeißelt werden. Nur „Borßzcm Janko" war ziemlich unparteiisch. Nun hören wir „jüdische" Stinnnen über die Versammlung. „Auf das R a b e n g e k r ä ch z e dieser F a n a t: k er wird heute nicht mehr viel gegeben." (Kayserling, Predigt.) „Xlnd nur Lachen erregt es, wein: einige ihm nicht. Schaum floß von seinen: Munde, er zitterte an: ganzen Körper, und ich fürchtete jeden Augenblick, er könnte von: Schlage getroffen, er könnte wahnsinnig lverden. Erst heute begreife ich, wie viel Seelengröße in dieser Wut lag. Dem: er liebte inich, dieser arme Manu, de:: ich zum unglücklichen machte, mit jeder Faser seines schlichten, treuen Herzens. Wie mußte er gelitten haben! Ich flüchtete :nich halb nackt aus den: väterlichen Hause, aus dem Städtchen. Ich übernachtete — ach, dieses ironische Wort — in: Dorfe bei einer Bauernfamilie. An: folgenden Tage holte mich Feodor ab und wir fuhren zusammen nach der Kreisstadt, wo er mir eine Wohnung mietete. Tage der Verzweiflung begannen. Es schien nur stets, als wenn er mich vorwurfsvoll ausehe, weil ich ihn: all diese Unannehmlichkeiten bereitet halte. Er kam jeden T.ag, sprach flüchtig von unserer Heimat und war sonst stets verstimmt. Oft kam er — und das erdrückte mich vollständig — stark angeheitert und näherte sich nur mit Ausdrücken und Wünschen, die mich empörten. Sein Benehmen wurde immer seltsamer, und eines Tages blieb er ganz kort. Ein Briefchen, das er hinterließ, sagte, seine Eltern machen unsere Verbindung unmöglich! Ich war also allein mit meinem Elend, allein mit meiner Schande in dieser großen, fremden Welt. Noch begreife ich es heute nicht, daß ich nicht ins Wasier sprang. Vielleicht tvar nur der Umstand daran schuld, daß ich überhaupt stumpf wurde, an nichts dachte, und nichts empfand. Einige Wochen Nr. 13 Finsterlinge dein Orthodoxentum weiß machen wollen, daß sie allein den jüdischen Glauben in Pacht genonunen haben und daß > die fortschrittlichen Juden eine andere Sekte wären." (Dr. Partos Saum, Duna-Földvar. Status quo.) „So bietet das orthodoxe Judentum heute das seltsame Bild einer großen Partei, die gegen ihr besseres Wollen unter dem hypnotischen Einflüsse weniger Fanatiker sich in retrograder Richtung bewegt." (Ploni Misrachist, also ortbodox, im offiziellen Organe des Zionismus.) Daß Dr. K a y s e r l i n g, der mit Grätz und Joel zu Füßen Samson Rafael Hirschs gesessen hat, nicht schamrot wird, Hirschs Ansichten als Rabengekrächze zu bezeichnen, wundert uns nicht, da er durch die Erziehung seiner Kinder sich bereits an die Grenze des Judentums begeben hat. Dr. P a r t o s als Status quo-Rnbbiner ist Repräsentant jener nicht Fischnicht Fleischrichtung, die weder durch Frömmigkeit noch durch Reformerei hcrvorragcn kann, die ihrem nichts durchbohrenden Bewußtsein nur entrinnen kann, wenn die beiden jüdischen Konfessionen sich vereinigen, was daun den Status quo auch zur allein seligmachenden jüdischen Kirche stempeln würde. Da die Ncologen seit Jahrzehnte:: das Kultusministerium bestürmen, die Einheit des Judentums zu proklamieren, sind es die schlimmen Orthodoxen, die Herren Dr. Parias zwingen, einer unbedeutenden Clique anzugehören, anstatt im vereinten Israel eine führende Rolle zu spielen. Der orthodoxe (?!) Misrachist „Ploni" verdient schon eine eingehendere Behandlung. Um seine spitze Zunge an den bösen Orthodoxen, speziell an den Rabbinern, wetzen zu können, die schuld daran sind, daß „Ploni" nur über einen Heerbann von zirka 1000 Mann im ganzen großen Nngarlande verfügt, während die Orthodoxie nach „Plöns" Angaben 500 000 Mann (unberufen) zählt, geht „Ploni" von durchaus falschen Prämissen aus, um daraus grundfalsche Schlüsse ziehen zu können. Auf diesem für zwei bis drei Tage bestimmten Kongresse sollte keine „Neubefestigung der orthodoxen Veste" gemacht werden, auch wurde kein „Streit gegen die Nichtorthodoxcn eröffnet". Die Versammlung hatte den Zweck: 1. die seit 37 I a h r e n z u n: Prinzip erhobene absolute Trennung von unseren Brüdern in Esau neuerdings zu betonen, was notwendig war, da die Neologen seit Jahren bei jedem und ohne jeden Anlaß die Regierung mit Petitionen bestürmen, doch um Himmelswillen von später genas ich eines toten Knäbleins. Ich muß wochenlang schwer darnieder gelegen haben, und als nur der Arzt zu meiner Genesung gratulierte, da glaubte ich, er verhöhne mich, so wertlos war mir mein Leben. Ich erholte inich körperlich von Tag zu Tag, doch die innere Starre wollte nicht weichen. Lange war ich keiner Ueberlegung fähig und als ich wieder denken konnte, lvar mein Vater das erste, was mir in den Sinn kam. Ich wollte ihm schreiben, ihn um Verzeihung bitten. Aber wozu? Ich wußte, von diesem Wege gibt es keine Rückkehr für eine Jüdin. Also vorlvärts, sein inneres Elend weiterschleppen. Wozu? Ja, weil inan einmal lebt. Ich wollte arbeiten, ehrlich arbeiten, und ich versuchte zu waschen, zu bügeln, zu nähen, aber Arbeit ohne Hoffnung, ohne inneren Glauben, Maschine sein, ohne Ziel - das war für mein Temperament nichts. Dann kan: ein alter Lüstling, der meinen Körper kaufen wollte, und er schlug mir vor, gemeinsam ins Ausland zu gehen. Ich nahm es an, ohne zu widerstreben. Es gab nichts, was ich damals aus Widerwillen zurückgewiesen hätte. Mich ekelte dieser Mensch an, aber mir war schließlich alles Ekel. Und dann die Aussicht auf Betäubung, auf immer neue Veränderungen! Er reiste mit mir durch halb Europa, ging mit nur in alle Chantants und Halbweltzcntren, und das Leben dieser Geschöpfe schien mir noch das erträglichste. Ich entledigte mich bald dieses Gecken und ging auf die Bretter, ieden Tag mit neuer Gier. Anfangs kehrten die Erinnerungen an die Bsv»