Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Jüdisches Volksblatt Seite 3 nahmslos, Juden in Mitleidenschaft zieht. Das Gesetz berechtigt nämlich den Inhaber eines Handelsgewerbes, Bestellungen auf Waren, zu deren Verkauf er nach seiner Gewerbeanmeldung befugt ist, zu übernehmen und zu diesen: Zwecke auch Mas; zu nehmen. Er kann auch Reparaturen und Abänderungen an den von ihm gelieferten Erzeugnissen übernehmen und auch zu diesem Behufe Maß nehmen. Doch nun kommt der Pferdefuß: dieses Recht steht bezüglich der Kleider und Schuhwaren den Inhabern von Handelsgewerben nicht zu. Diese regelwidrige, mit allein Herkommen in krassesten: Widerspruche stehende Bestinunung erklärt sich nur daraus, daß dieseHandelsgewerbe in überwiegender Anzahl Juden gehören, .Handelsgewerbe, die zumeist von Ariern: betrieben werden, sind von dieser Beschränkung frei. Dazu kommt, daß das Verbot gar nicht ausführbar ist. Die Kaufleute müssen Maß nehmen, wenn der Kunde von den am Lager vorrätigen Waren nichts zusagt. Das Gesetz wird daher nur zu Denunziationen imb beständigen Bestrafungen, also zur Schikane, führen: der typischen Wirkung jeder reaktionären Gesetzgebung. Einschneidende Bestimmungen enthält der Entwurf betreffs der Genossenschaften, deren Befugnisse sehr ausgedehnt werden. Das wird eine schöne Drangsalierung von Gewerbetreibenden werden! Nach § 14 f des Entwurfes ist der Genossenschaft durch drei Wochen Gelegenheit zu geben, in die von der Partei zum Nachweise der Befähigung beigebrachten Belege bei der Gewerbebehörde Einsicht zu nehmen und der Genossenschaft steht es zu, ein Gutachten über den beigebrachten Befähigungsnachweis zu erstatten. Wird bei Ausfertigung des Gewerbescheines nicht im Sinne des Gutachtens der Genossenschaft vorgegangen oder Dispens vom Befähigungsnachweis erteilt, so hat die Genossenschaft das Rekursrecht mit a u fschiebender Wirkung. Eine antisemitische Genossenschaft kann also durch mutwillige und mißbräuchliche Anwendung des Rekursrechtes einen: jüdischen Handwerker den Antritt des Gewerbes ad calendas graecas verzögern. Noch intensiver ist der Einfluß der Genossenschaft beim Gast- und Schankgewerbe. Vor Erteilung der Konzession ist die Genossenschaft von der Einbringung des Gesuches um Verleihung mit der Aufforderung zu verständigen, binnen 14 Tagen ihr Gutachten abzugeben. Dasselbe hat unsinnigerweise dann zu geschehen, wenn ein Wirt um die Bewilligung zur Uebertragung seines Gast- und Schankgewerbes innerhalb derselben Gemeinde, d. h. zur Uebersiedlung einschreitet. In beide:: Fällen hat die Genossenschaft, wenn die Bewilligung entgegen ihren: Anträge erfolgt, das Rekursrecht mit suspensiver Wirkung. Neu ist das Institut der Genossenschaftsverbände, wurde ich meinem Urelement entfernt. Ich war sechzehn Jahre alt, von Gemüt ein Kind, von Verstand eine Greisin. Der erste Zwiespalt meiner Seele tauchte auf beim russischen Alphabet. Ich fing an zu zweifeln, ob die Welt, in der ich lebte, die beste wäre. Ich gelüstete nach einen: anderen Leben voll Freiheit, Abwechslung und Lust. Mein Lehrer freilich, ein prosaischer, alter Beamter, merkte nichts von alldem und freute sich über meine Fortschritte. Auch inein Vater wußte in seiner kindlichen Harmlosigkeit nichts von den:, was in mir vorging. Und doch ging der Prozeß der inneren Zersetzung, der Vergiftung, vorwärts. Und dann kam e r — und meine Schmach war vollständig. Ach so, ich soll ihnen ausführlich erzählen. Meinetwegen. In unserer von der Kultur noch gänzlich unbeleckten Gegend wurde eine Eisenbahn gebaut und unser Städtchen sollte mit einer Station beglückt werden. Ein junger Ingenieur, namens Bolutkin, leitete die Arbeiten in unserer Nähe und er nahn: in unfern: Hause Wohnung und speiste an unfern: Tische. Ach, er war schön, stattlich gewachsen, strotzend vor jugendlicher Kraft und verführerisch in seinen Manieren und seinen: Sprechen. Und vor allen: seine Selbstherrschernatur, der man sich beugen mußte. Es gibt nichts Wonnigeres für ein Weib, als sich dem Geliebten ganz zu unterwerfen. Er säte systematisch den Haß zu meinem Volke in meiner Seele, schilderte mir die Außenwelt so prächtig, so gut, das Ghetto so finster, so dumpf, so niedrig. Ich war so glücklich, daß er sich herabließ, an mir zu welchen die Genossenschaften eines politischen Bezirkes oder auch weiterer Gebiete über Beschluß der Genossen;chaftsversammlung zusanunentreten können. Nach tz 130c haben die Verbände unter anderen: den Zweck, Gutachten oder Anregungen in gewerblichen Angelegenheiten an die Behörden sowie an die Handels- und Gewerbekammern zu erstatten. Der Ausschuß eines Genossenschaftsverbandes, der mindestens zwei Drittel aller Genossenschaften eines politischen Bezirkes oder alle für die handwerksmäßigen Gewerbe in diesem Bezirke bestehenden Genossenschaften uinfaßt, bildet einen Beirat der Gewerbebehörde. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Gutachten und Ratschläge dieser Verbandsorgane beschaffen sein werden! Zu allen: Ueberflusse sind noch im 8 127a des Entwurfes „Genossenschaftsinstruktoren" vorgesehen, eine ganz unnötige und problematische Beamtengattung, als ob die Gewerbebehörden nicht die Genossenschaften, die sie ja durch eigene Kommissäre überwachen/ auch durch dieselben unterweisen lassen könnten. Es scheint, daß durch diese neuen Beamtenstellen einige antisemitische Aemterjäger für ihre bei Wahlen geleisteten Dienste belohnt und versorgt werden sollen. Der Entwurf sieht noch die Errichtung von Kranken- und Unterstützungskassen, von wirtschaftlichen Unternehmungen und die Arbeitsvermittlung seitens der Genossenschaft vor. Allein die Halbheit und Unvollkommenheit dieser Normierungen beweist, daß es den Verfassern des Gesetzes förnllich wider die Empfindung ging, diese „Bagatellen" auch nur zu erwähnen. Das reaktionäre Gesetz bedurfte einiger sozialpolitischer Zierrate, um den: Volke Sand in die Augen zu streuen. Eine andere Bedeutung haben diese „Wohlfahrts"- bestimmungen nicht. Drakonisch sind endlich die Strafbestimmungen. Während bisher nach 8 131 der Gewerbeordnung nur Geldbußen bis 400 fl. und Arreststrafen bis zu 3 Monaten zuerkannt werden durften, schlügt der Entwurf Geldstrafen bis 2000 Kronen und Arrest bis zu 6 Monaten vor. Mit den Grundsätzen jedes modernen Strafverfahrens in: Widerspruche sind die Anordnungen, wonach die Entziehung des Rechtes, jugendliche Hilfsarbeiter zu halten und die Entziehung der Gewerbeberechtigung überhaupt, selbst wenn sie auf einer Konzession beruht, von der Gewerbebehörde als eine a d m i n i st r a t i v e Maßnahme verhängt werden kann. Wir haben erst jüngst auf den: Alsergrunde gesehen, wohin das führt, als der aus der Spiritusausstellung bekannte Bezirksamtsleiter Demel zwei Kaffeehäuser, die jüdischen Gewerbeinhabern gehörten, auf Grund antisemitischer Denunziationen sperren ließ. So stellt dieser Entwurf, durch dessen Interesse zu finden. Was war ich? Eine arme, ungebildete Jüdin. Und er! Der auserkorene Sohn des russischen Volkes, nusgestattet mit Bildung und Ruhm. Es gab dann Momente, in denen ich meinen Vater Hatzte, in denen ich wütend war, als Jüdin geboren zu sein. Er, er mußte ja recht haben, denn ich liebte ihn. Und dann sprach er zu mir von glühender Liebe, flüsterte nur Worte zu, die uüch erröten ließen und doch mit brennender Lust erfüllten. Ich war achtzehn Jahre alt, n:it jüdischen: Blut in den Adern, und den einzigen Halt, die Liebe zu meinen: Volke, zu meinem Vater, hatte ich bereits eingebüßt. Als er anfangs zu nur davon sprach, ich solle sein werden, schauderte ich zusarnmen. Er wolle mich zur Frau haben .... Zur Frau? Du lieber Gott! Ich, als Jüdin und in Rußland! Aber er wußte mein Bedenken zu beschwichtigen, mein Gewissen zu töten. Was ich denn in meiner Erziehung überhaupt für Begriffe von Tugend hättet Er müsse doch wohl wissen, was gut, und schlecht ist. Und inuner ungesti'uner wurde sein Verlangen. Ich solle ihn: ganz angehören, stürmisch begehrte er mich. Und ich gab mich ihn: hin, glücklich, ihn: eine glückliche Stunde zu bereiten. Aber dann der Rückschlag! Ach, der Morgen, ich vergesse ihn nie! Ich kam nur wie eine Elende, wie eine Selbstschänderin vor. Ich weinte, wütete, raste. Nur ein Jude weiß, was für eine russische Jüdin die Entbehrung bedeutet. Anderen Mädchen ist die Unschuld eine Zierde, uns ist sie der Lebensinhalt, der Inbegriff der Würde und der Weihe. Vorlage Herr von Gautsch die Zuneigung der christlich-sozialen Partei gewinnen wollte, eine unerfreuliche Erscheinung politischer Liebedienerei, eine neue Frucht auf den: Giftbaun: der Reaktion vor. —m. —n. Politische Wochenschau. Das Kompromiß der Sozialdemokraten mit den Christlichsoztalen in St. Pölten hat wieder bewiesen, was wir schon so oft betont haben: daß es den Sozialdemokraten um ihre Prinzipien nicht so ernst ist und daß sie geneigt sind, sich mit den reaktionärsten Elementen zu verbünden, wenn es sich um die Rettung eines Mandates in irgend einer Gemeindevertretung handelt. Altan wird in Zukunft den Sozialdemokraten nicht einmal den Glauben schenken dürfen, daß sie wirkliche freiheitliche Prinzipien verfechten, denn die erste Bedingung hierzu wäre die ehrliche, unbedingte und unentwegte Bekämpfung der freiheitsseindlichen Parteien. Die jüdischen Führer der sozialdemokratischen Partei haben ein sehr gefährliches Präzedens geschaffen, das nur den einen Nutzen haben kann, daß es die jüdischen Proletarier entnüchtern und ihnen einen Ausblick in die machtlüsternen Ziele der Genossenführer Adler und Konsorten gewähren wird. Sie haben es nun gesehen, daß diese Herren auch eine Waffenbrüderschaft mit Bergani, Wohlmeyer usw. nicht scheuen, wenn es gilt, einen momentanen ephemeren Erfolg zu erzielen, um dadurch die wankend gewordenen Genossen zu beruhigen. * * * In einen: glänzenden Aufsatze behandelt Prof. Dr. Ludwig G u m p l o w : c z in der „Pol. anthrop. Revue" die soziologischen Probleme in der ö st e rr e i ch i s ch e n Politik. Die Expausivkraft des Deutschtums in Oesterreich sei durch die den: absoluten Regime abgerungenen Volksfreiheiten geschwächt worden. Schmerlings Versuch, politische Freiheit rnit der Germanisation Oesterreichs zu verbinden, sei gescheitert, denn politische Freiheit undEntNationalisierung s ch li e ß e n sich aus. Die Kraft einer Nationalität liege in den große,: Volksmassen. Die Masse müsse aber bodenständig sein und ein geeignetes geschlossenes Territorium okkupieren. Gumplowicz kritisiert hierauf die Taktik den Slawen gegenüber. An: schärfsten wird der gelehrte Autor, da er auf das Parlament Oesterreichs zu sprechen kommt. Er sagt diesbezüglich : „Das in Oesterreich seit vierzig Jahren bestehende Parlament ist kein Parlament, sondern ein nie gelingenwollendes E x p e r i m e n t, das als solches nur beweist, Mit ihr schwindet alles — und es bleibt das Nichts, d:e Holle, der Untergang." _ Sie sprach glühend, fievernd. Stoßweise kamen die Worte, bald sanft und weich, bald wild und stürmisch, und ihre Augen blitzten wie die einer strafenden Göttin. Sie sah in diesen: Momente verführerisch schön aus. Alles Niedrige schwand und etwasHohes leuchtete aus den: Antlitz. Sie brach plötzlich ab und schauderte zusammen. Sie fror und ich legte ihr das Tuch um die Schultern. Dann fuhr s,e fort: „Der Morgen brach heran — schaudernd denke ich daran — mit all seiner Pracht, aber seine Strahlen beschienen eine arme, innerlich zertrümmerte Jungfrau. Ein zehrendes Gefühl nagte an nur, ohne daß ich es los werden konnte. Ich suchte Betäubung in seinen Armen, schloß n:ich ihn: immer enger, immer häufiger an, aber es waren Minuten des Rausches, denen bittere Stunde,: folgten. Schon damals hatte ich das Gefühl, daß er nur immer kälter, inuner ferner wurde, daß er nur nie gehört habe. Ich konnte meinen: Vater nicht gerade ins Äuge schauen, ich schämte mich vor meiner jüngeren Schwester. Mir war es, als wenn man nur die Schande vom Gesicht lesen könnte. Und doch hatten die Aermsten noch keine Ahnung, wieviel Elend und Leid ich über sie heraufbeschworen hatte. O, wie ich ihn hasse, wie ich ihn hasse, den Tyrannen, der mich zur Bestie machte, der das Weib in mir mit kalten: Blute tötete ivegen einer vergnügten Stunde. Und doch, ich inöchte die wenigen Minuten der Seligkeit nicht rückgängig machen,