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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Wissenschaft, Kunst und Literatur. Beilage zu Nr. 12 des „Jüdisches VolksblsH". Weininger und das Judentum.*) IV. Die Familienbeschränitheit der Juden. — Ohne Genies. Weininger ist ein Gegner der jüdischen Familie. Was er darüber an Einzelheiten vorbringt, gehört fast durchwegs zu jenen Wiltkürlichkeiten, an welchen sein absolutistisches Gehirn so reich ist und die von tausend jedermann zugänglichen Tatsachen des Lebens mühelos widerlegt werden. Eher bedarf die Theorie selbst einer Erörterung. Sie geht von dein Grundgedanken aus, daß die Familie bei den Juden, nicht insofern sie „mit dem Staate, mit der Gesellschaftsbildung zu hm hat", sondern „als biologischer Komplex", in ihrem „weiblichen, mütterlichen Ursprung" in Betracht kommt. Das ist ganz richtig. Ilnrichtig sind aber die Folgerungen, die Weininger daran knüpft. Gewiß wird der „Familiensinn" der Juden nur mit sehr wenig Recht herausgestrichen. Aber er ist noch immer unbedenklicher als das „Familieurecht" der anderen. Dieses ist, lvie alle g e s e l l s ch a f t l i ch e Abstraktion, ebenso grausam als zähe. In ihm tobt sich der Geist der Familienbeschränktheit, zum politischen Raubsystem organisiert, als Niederträchtigkeit des Gesetzes aus, wovon die Römer cm so erbauliches Beispiel liefern. Dagegen ist der „Familiensinn" als ausgeartete Natur wohl machtvoll genug, aber von kräftigen und wohlwollenden Individualitäten doch leichter zil überwinden oder zu mildern. Es ist nur folgerichtig, lvenn Weininger den: jüdischen Volke, nachdem er es der Reihe nach als nnfromm, staatsfremd, sittlich neutral, familiensüchtig gebrandmarkt hat, auch die großen Männer abspricht. Selbst Spinoza war für ihn kein Genie. Die „allgemein übliche ungeheure Ueberschätzung auch des letzteren geht weniger auf Vertiefring in [eine Werke und ein Studium derselben, als auf den zufälligen llmftand zurück, daß er der einzige Denker ist, den Goethe eingehend gelesen hat". Ohne hier mit Weininger über Spinoza rechten zu wollen, sei bloß darauf Hingelviesen, daß sein hartes Urteil nur die Konsequenz eines falschen Begriffes von der Genialität ist. Während er in der Eharakteristik des Genies wirklich Gutes leistet — seine diesbezüglichen Ausführungen sind die wertvollsten des ganzen Buches — versagt er in der Erklärung des Genies vollends. Er begeht beu großen Fehler, die Genies zum großen Teile von dem Inhalt ihrer geistigen Arbeit abhängig zu machen. Natürlich kommen nur diejenigen gut weg, von welchen er mit Recht oder Unrecht glaubt, daß sie gleich ihm metaphysisch denken, der Apriorität der Ideen und indeterministischer Weltanschauung, endlich dem deduktiven Forschungsprinzipe huldigen. Die anderen läßt er in das Pantheon der Genies nicht ein - offenbar in der stillschweigenden Annahme, daß sie sämtlich nicht imstande seien, in die ihm geläufige Gedanken- und Empfindnngslvelt einzudringen. Dabei über sieht er jene bedeutenden Menschen, welche die gleichen Gedanken und Empfindungen lvie er - - vielleicht sogar echter als er und in tausendfach stolzerem Aufbali . durchleben und sich trotzdem entschließen, sie jenen Gedanken und Empfindungen hintanzustellen, die ihnen die verläßlicheren scheillen. Er vergißt, seinen eigenen Gedanken von der Frömmigkeit des Materialisten auszudenken und auf das Genie auszudehnen. Das heißt: Er erkennt die Souveränität des Genies, die er sollst so nachdrücklich betont, gerade dort nicht, wo sie lvirk- *) Ein erster Artikel erschien in Nr. 58 dieses Blockes um» HO. Dezember u. I., ein zweiter in Nr. 4 vom 27. Jänner, ein dritter in Nr. 8 vom 24. g-ebrnar d. I. — Der erste Artikel führte, rvie erinnerlich, den Nachweis, daß Weininger trotz seiner gelegentlichen gegenteiligen Behauptungen nicht ten „absoluten Juden", nicht die „Plato»tische Idee des Judentums", sondern die wirklichen Inden meinte. Dieser Naclnveis wird daher hier auch als geliefert vorausgesetzt. lieh besteht: in ihrer grundsätzlich jedem Stoffe, jedem Inhalte gewachsenen Schöpferkraft. . Im übrigen führt Weininger doch jüdische Genies allerersten Ranges an: Jejaias und Ehrislus. Den ersteren mit ein paar Worten, den zweiten in etwas längerer Ausführung. Jenen sucht er noch als Inden zu erklären: „Die Diaspora lvird nun vollständig und aus dem Judentum Verschtvindet die Möglichkeit zur Größe: Bleu scheu lvie Iesaias, selten gelvaltigsteil Mann des alten Israel, hat das Judentum seither iticht wieder hervorgebracht." Ehristus dagegen behandelt er schon anders. Er lvar „ein Jude, aber nur um das Judentunl in sich am vollständigsten zu überwinden". So sind sie, die allermodernsten Rassentheoretiker: Zuerst die „Konstanz des Rasseneharakters" dekretieren, dann diese Konstanz brechen, lvenn es besser ist, für irgend eine innere Aenderung, Befreiung, lleberwindung 51t plädieren. Besonders, wo es sich um die Iudeil handelt, bezüglich deren die Schell vor denl Widerspruche durch das gehässige Vorurteil besiegt lvird. Man braucht aber gar nicht auf deut Standpunkte der Rasse zu stehen, um diese Methode, die großen Menschen von ihreilt Volke zu trenmm, abznlehnen. Wessen Geist nicht von metaphysischen Spielereien und kindischen Titänlein-Trotz gegen die Entwicklungslehre verdorben ist, lvird in dem geschichtlichen Gebilde der Nation die Zuchtstätte ihrer größten Geister lvie ihrer niedersten erblicken. Wohl steht das Genie in einein gewissen Gegensätze zum Volke, aber zum Volke im Sinne von Masse, nicht von Nation. Zlvischen dem einzelnen Juden aus deul Volke und Iesaias oder Ehristus klafft kein anderer Unterschied als zwischen de;n einzelnen Griechen ans dem Volke und Sokrates oder Plato: der Unterschied an Intensität des Intellekts, Gemüts und Willens. Sonst aber ist das Genie gerade der reinste und schärfste Ausdruck der nationalen Eigenart oder einer bedeutsamen Richtung derselben. Das gilt voll den Religionsstiftern nicht minder als von den andern Genies. Nehmen lvir an, die Weinigersche Erklärung des Relegwnsstifters als „jenes Menschen, der ganz gottlos gelebt und dennoch zuln höchsten Glauben sich durchgerungen hat", sei richtig. So wäre damit nur gesagt, daß er eine Weltanfchauungsform seines Volkes mit einer anderen dieseill ebenso eigenen, von dessen Geist ebeirso imprägnierten vertauscht hat. Und wenn wirklich „gottlos gelebt" Judentum, „höchster Glaube" Christentum bedeutete, wenn ihre Gegensätzlichkeit wirklich so weit ginge, was übrigens nicht zutrifft, so wäre dies auch nur eine „Polarität" innerhalb der nationalen Geisteseinheit, nicht eine, die diese Einheit sprengt. Weininger. Nach alledem soll aber keineswegs geleugnet werden, daß es eine große Anzahl Juden gibt, auf die die Weiningersche Zeichnung im allgemeinen zutrifft. Nicht, als ob es nicht auch solche Nichtjuden gäbe! Aber die Sorte fällt unter den Juden mehr auf, und zwar nicht bloß, weil Juden überhaupt vermöge ihrer geschichtlich gewordenen Sonderart mehr auffallen, sondern auch deshalb, weil bei ihnen das Hervorkommen solcher unerfreulicher Früchte durch zwei llmstände begünstigt wird: durch ihre wirtschaftliche Ausnahmsstellung und ihre nationale Entwurzelung. Namentlich fällt letztere für den . Weininger einzig be kannten - Westen ins Gesicht, wo sich ihre verderblichen Folgen viel stärker und auch unter den Geistesmenschen fühlbar machen. Nur die allerstärksten Individualitäten vermögen hier ihre Dimensionen zu behaupten, sei es, daß sie sich nicht entwurzeln lassen oder sich rasch in ein neues Erdreich einwurzeln. Die anderen aber, von jüdischer Kulturbasis losgelöst, durch ihre passive jüdische Art einer andersnationalen Kultur innerlich fremd, gehen leicht in dir Breite, in eine seichte, geschäftige, kühle, ironische Breite. Büßen die Höhe ein, jene prophetische Erhabenheit, an \ die als mächtiger Persönlichkeitsfaktor Wei uinger gar nicht dachte. Oder verlieren die riefe, jene Tiefe und Innigkeit, jene Feier tagsweihe, die Weininger vorschwebt, wenn er vvil „Frömmigkeit" spricht. Zu diesen Unglückseligen stößt dann noch jene leichte.Kavallerie des Geistes, die von Weininger mit dem Gesamtjndentmn identifiziert wird und von der er irrtümlich glaubt, daß sie sich nur für „uu'chanisch-materialistische" Weltanschauungen mobilisiert: jene Eliquenaturen. die sich unterschiedslos überall hinstellen, wo etwas verkündet wird, es mag kühn oder keck, groß oder sensationell, materialistisch oder spiritualistisch sein; die in gleicher Weise für Marx, Darwin, Ostwald, für Nietzsche und Tolstoi, für Mystik und Bankerott der Wissenschaft sowie für Weininger selber zu haben sind. Läuft doch schon eine große Anzahl von jüdischen Kerlchen herum, die für seine Lehre die Werbetrommel schlagen. Betrachten lvir Weininger in diesem Milieu, dann kennen wir seine Tragik, dann haben lvir seine Erklärung. Dann lvissen lvir, daß er einer von jenen ist, die sich mit der lnoralischen Iudennot Herumschleppen einem Dinge, das für jüdische Kernmenschen auch illl Westen nicht zu bestehen braucht. Nur daß er unaufrichtiger oder rücksichtsvoller gegen sich ist als alle die anderen, daß er sich selber von dieser Not ausnahm, die gerade in ihm so stark lvar und so schlvach in vielen, die er unbefugterweise rnitbegriff, wenn er so allgemein von Juden sprach, Gewiß ist Weininger keiner voll den Quartiermachern, den Impresarios, den Mitläufern neuer geistiger Bewegungen, von lvelchen eben die Rede lvar, aber zu feilen anderen gehört er, zu jenen geistig Höhergearteten, die, selber ohne Höhe und Tiefe der Persönlichkeit, ohne. Erhabenheit und Hmilor, ahnungsvoll leiden, wenn sie bei ihrer Umgebung nichts davon finden. Sie erbitterten ihn, diese Juden, die e r mn sich sah, und er lvar doch Verlvaudt mit ihnen. Ihre Uuvornehnlheit uild Arroganz gingell ihnl auf die Nerven. Unb doch zeichnen sich auch sein Stil lind sein literarisches Auftreteil nicht gerade durch zuviel Adel uild Zurückhaltung aus. Die „Jüdel"- uild Börsewitze regten ihil auf. Und doch hätte seine humorlose Seele nur gelvöhnlicher sein Ulüssen, um sie auch zu verbrechen. Die Millionen des Ostens aber, vier Fünfteile des Volkes, kannte er nicht und hatte keine Ahnung, daß sie sein Judenbild weseiltlich verrückeil. An ihrem reichen und gesunden Hullwr konnte er sich nicht aufrichteil und trösten — er, der arme, unselige Mensch, der der Welt auch llicht einen Augenblick lang mit erlösendeul Lacheil gegeuüberzusteheil vermochte. Allerdings hat der Judenhaß Weiningers noch andere Ursachen. Zunächst daß er zwischen dein Weibe, dein ja eigentlich sein Buch gewidmet ist und dem Judentum eine Analogie gefunden zu haben glaubt. Wir lvollen uns bei dieser übrigens schon vor Jahrzehnten durch Dr. Adolf Iellinek, freilich in frauenllnd jndenfrenndlichem Sinne, betonten Analogie llicht weiter anfhalten. Biel interessanter für uns ist die dritte Ursache: die ausgesprochene Furcht vor der jüdischen Gegnerschaft gegen seine Allschaululgen über Welt und Gott, natürliches lmd geschichtliches Geschelien, Mann und Weib. Diese Furcht ist wobt übertrieben. Ganz abgesehen von den mehrerlvähnten, vorlauten jüdischen Agenten seiner Theorie, droht Weininger auch seitens der großen mld relativ gesunden Masse des jüdischen Volkes llicht der Widerstand, beu er zu erwarten sich sozusagen rühmt. Natürlich seinen antisemitischen Mätzchen kann sie niemals Geschmack abgewinnen und seine sexuellen Verschrobenheiten lvird sie ebenso lvie gesunde Volksschichten anderer Volker zu aussichtslos und lächerlich finden, linl sie bekämpfen zu lvollen. Aber dem tiefsten Grunde seiner Anschauungen lvird sie noch lange mit der Gewogenheit gegenüberstehen, mir der der einfache Manu die Hilfe annimmt, wo er sie findet auch von manierierten

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