Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. n und entarteten Aufwärmen! seiner eigenen Rückständigkeit. Nicht nur die Tief Wertung der Uran, auch dos übrige Gcckenspiel mit allermodernst aufgeputrter Vorsintflutlichkeit — Hetze gegen die Gisseilschaft, Entdeckung der Secie llsw. - schmeichelt dem Beliorrnngstrieb der schwerfälligen Menge diel zu sehr, als das; sie ernv - lich dagegeil auftrelen sollte. Nichtsdestoweniger ist die Ragst Weiningers ilichl unbegründet. In Hinsicht nämlich aut jene zoylreichen jüdischen Elementey die, wissentlich oder untvissentlich Den Hervor ragendslen und Hingebungsvollsten, den Ein samsten und Stärksten aller Völker folgend, treu und geduldig auf dein langen, aber drei teil Wege zu geisiiger linD sittlicher ^oroussedlingslosigkeit ausharren. Tiefe Tapfereil bezeichuen in der Tat eine von aller Rassenmäs;igkeit entfeinte, geschichtlich geivordeue besä adere Befähiglmg jüdischer Menscheil, der Rückbenebelung entnebelter Gehirne zil widerstehen. Sie si'.ld eilte Wacht, die febem solchen philosophischen Rntignitätentrödler wie Weininger eiitschlosseir eiitgegeiltritt. Sie sind im Vortrab jener Rri'nee, die eiilst das „dritte Reich ausrichten" tvird . jenes dritte Reich, dessen Kommen der zukunstsblinde, vergangenheitsbesessene Weininger in den Schlußworten seines Ruches leugnet. Wahrlich, sie sind ernstzunehmende Feinde imb er hat Grund, zu fürchten, ivie ivir alle Grimd babeit, uns über ihn zu trösten. Mathias Achcr. Achad-Haam. Von Dr. P. Weisengrün. III. Wir gehen jetzt zu einer Analyse der einzeliieil Aufsätze dieser Gssaysammlung über. Gleich der erste, eillleiteude Artikel, der sich „Nicht dies ist der Weg" betitelt und zuerst iin „Hameliz" IS8') erschien, zeigt lins den ganzen Achad-Haaiii. Ter Alitor führt zuerst aus, mit welcher Ara ft und Intensität der Regenerationsgedcmke im jüdifcheil Volke sich zu regeil begaitn. Nach vielen Jahrhunderten der xHvnutl linD Niedrigkeit voll außen uild der Hoffnung des Glantzens nach innen begann eine Periode, in welcher man es versuchte, die Hoffnung vom Himmel yernnterznholen ituD den bloßen Glauben üt reale Kräfte umzusetzen. Toch schon nach einer kurzeil Spailiie Zeit stallte sich die heftige Beivegung, eine Stagnation tritt ein, eine geistige Mattigkeit und Müdigkeit befällt die Gemüter. Wo rührt dies her, frägt uilser Alitor? Rächt die „Ehaluka" mit all ihren Auswüchsen, nicht der bekannte „Wohltäter", meint er, ist schuld darall, überhaupt flicht mail vergebens in ben vereinzelten Tatsachen, in der Tätigkeit dieser oder jener Person die Ursache für diese mit aller Macht wirkende Stagnation. Unsere „Notioilalliebe", meint Achad-Haam, ist unvollkommen lind nneiltivickelt gebliebeil. Gerade jetzt, ivo die religiöse Ueberzeliglliig nicht mehr allein unsere innere Hoffnung alislilachen kann, ivo sie ilicht allein mehr unseren inneren Halt darstellt, gezienlt es sich, darüber ilachzrideiiken, ob nicht ein neues, gefestigteres Band zwischeil der einzelneil Individualität und der geistigen Gesaintheit des Volkes möglich und ilotivendig ist. Ja, ein solches Band ist möglich unb notwendig, und daralif ruft Achad-Haam alis, die Volkse feele mliß eine innere Uiiilvaiidliing durch machen, mit aller Beharrlichkeit müssen ivir dailach streben, geistig unb gemütlich uns über die „Judividnalsptzäre" zli erhebeii. Die Wiederbelebiing der jüdischen Herzeil, das tut vor allem not, ivie Inden müssen in uns alteil, in unseren Persönlichkeiten, den Willen zum Leben der Gesamtheit erstarken." Die Arbeit ist zivar sehr schivierig ,meiilt er ivörtlich, unb zeitranbend, ilicht für ein Jahr unb für eiil Jahrzehnt, alich kann sie nicht, ivie oben bemerkt, durch schölle Redensarteil geleistet werden, soildern durch alte jene Mittel, durch welche die Herzen erobert iverdell. Achad-Haanl wirst nlill den Fahnenträgern des zionistischen Gedankens vor, daß sie sich bisher um diese Hebung des jüdischen Nationalgefühles nicht bekümmert haben, das; sie das innere Band zivischen der Persönlichkeit und dem Gesamtwillen des Volkes nicht zu schnlieden verstanden, daß sic sich lnil die Wiederbelebung der Herzen so gilt wie gar feinen Gedanke» gemacht haben. Schuld darall ivar freilich nur ihr Egoismus, allerdillgs ein Egoismus edlerer Art, da sie selbst ihren Nationalismus mit egoistischen Motiven durchsetzt hatten, so konnten sie es ilicht übers Herz bringen, eine Saat zil säen, deren Früchte andere genießen sollteil. „Es genügt ihnen ilicht," sagt Achad-Haam lvörtlich, „die Tätigkeit für das Volk, um in demselben Arbeiter vorzubereiten, die sich der Tätigkeit für das Land widme ten, soilderii sie wollteil diese selbst lind ihre Ergebilisse mit dienen?lugen seheil." Also die Zionisterl konnten nicht warten und weil sie nicht warten koilnten, begannen sie nicht im Dienste der geistigen Konzentration und nicht lim die Wiederbelebung der Herzeil herbeizufuhrcil, ihre allzu emsige uild geschäftige Tätigkeit. Iin Namen des hlulgrigen Magens, nicht iin Naiilen der Stärkung des nationalen Gesamtwillens riefen sie das Volk zur Arbeit auf. Die Masse sollte durch wirtschaftliche „Kalklilationell", dlirch geschickt laneierte Zeitungsilachrichtell, dllrch Aussichten auf Verdienst und Gewinst geivonnerl werden mtb tatsächlich ertzoben sich auf diese Ausforderuilg hin mailche Leute, um nach dem gesegneten Lailde zu ziehell. Doch bald mußten die Schatteilseiten dieser Art derRegeneratiollsbeivegling aufs delitlichste sich offenbaren uild man kann nuninehr eiilsehen, meint uilser Alitor, daß das ilicht der Weg ist. „Nicht das ist also der Weg," ruft Achad- Haam voller lleberzeugung ans, „die Trümnler, die bereits vorhanden sind, dürfen wir nicht im Stiche (affen, sonderil müssen nach unsereil .Straften aus ihre Umgestaltung und Ausgestaltung bedacht fein. Allein wir dürfen dabei ilicht vergesseil, daß nicht von ihnen die Hosfnnng auf das Geliilgen der ganzen Sache ausgeht, soilderil daß das Herz des Volkes die Basis ist, auf der das Laild sich aufballen kann, liild das Volk ist ja zerrüttet und verrottet. Kehreil ivir also auf ben Weg zurück, auf deill ivir anl Anfänge, in der Gntstehungszeit des Gedankens stailden, und ailstatt noch neue „Trümiller" aufzuhäusen, ivollen ivir lieber dafür sorgen, daß der Gedanke selbst immer lnehr Wurzel schlage und in die Breite ivie in die Tiefe dringe, nicht durch Macht und ilicht durch Geivalt, sondern dllrch ben Geist; dann wird auch der Tag fonuuen, an dem linse re Hällde Erfolgreiches leisteil: „Ich setz' es, doch nicht jetzt, Ich schall' es, doch ilicht nah'!" Es ist interessailt, zil beobachten, daß gleich die ersteil Kritiker Achad-HaarilS fein System mit Entwänden bekämpften, die iloch heute ilichts voll ihrer Kraft verloren haben. Doch bevor ich alis diese Entwände selbst eingehe, sei mir iloch eine Bemerkuiig gestattet. Kann man wirklich von einem System Achad-Haam sprechen? Der aufmerksame Leser ivird mir sicherlich vorwerfen, daß ich selbst im ersten Artikel Achad-Haam den „großen" Essayisten des jüdischen Volkes im Osten genannt habe. Essayisterl pflegeil fein System zu habeil unb für gewöhnlich verbindet sich die Fähigkeit ster Publizistik keinesivegs mit der systembildenden Kraft. Nun, jede Regel hat ihre Ausnahme, bei Achad-Haam finden ivir diese seltsam „geistige" Personalunion wirklich vor. Er ist Essayist imd doch Systematiker, trotzdem er nie ein Buch geschrieben, trotzdem er immer mir in Fragmenten gedacht, trotzdem wir nur die Weltanschauilugsbruchstücke voll ihm habeil, hat er doch fein System. Er weicht nie, und fast alle Artikel dieser Sammlung beweisen es, voll feinem Grundgedanken auch nur um ein Jota ab. Die Wiederbelebung der Herzen, das Hin allsgreifen über die Jndividlialsphäre durch eine Koilzeiltratioil des jüdischen Gesamtbeivnßtseins, das ist ein Gedanke, der ihn nie verläßt lmd dm er linernlüdlich zil variiereil unb nuancieren sucht. In der Geschicklichkeit dieser Nltnancierullg zeigt sich eben feine rein publizistische Fähigkeit. Kehreil ivir nun aber zu den Angriffen der ernsten Gegner Achad- Haams zurück. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Künstler. (FrühjahrSausftillung im Künstlerhanse). ES ist schon öfter beklagt worden, daß die jüdischen Künstler nicht als eine geschlossene Gruppe anfteeten, sondern ihre Werke in dis Ausstellungen anderer Nationen schicken. So verlieren ste stch in der Menge und kommen nicht vor das Publikum, für das sie im Grunde genommen bestimmt sind. Sie führen ein einsames Dasein und nur hie und da findet sich jemand, der sie erkennt und um ihrer spez'fisch-jüdischen Eigenart schätzt und liebt. Wieder ist der Lenz erschienen — und mit ihm die unvermeidliche Frühjahrsausstellnng im Künstlerhause. Langeweile gähnt uns von den Wänden entgegen, nur hie und da von einem erfreulichereu Anblick unterbrochen. Ratlos stehen wir vor der mit Farbe bedeckten Leinwand und fragen uns: Wozu? Manchmal aber bleiben wir und lasten unseren Blick auf wohlbekannten Gesichtern ruhen oder auf der Dämmerigkeit holländischer Stuben oder auf stillen Gegenden. Sie stammen von jüdischen Künstlern. Da sehen wir von miserem Isidor Kaufmann einen schönen bleichen Knaben, der feierlich die Sukkothsymbole trägt (Tthrog, Lalav, Hadastim). Dann einen armen Klesmer mit geröteten Lidern und wunden Händen. Immer wieder offenbart sich uns Kaufmann als tiefer Kenner des öst'ichen Inden, in Milde und Wehmut. Nicht unerwähnt bleibe Adolf K a u f m a n n, der als Landschafter naturgemäß andere Wege einschlägt. L. Krestin, der durch seine Kollektivausstellung bei Piskv einen Einblick in sein Schaffen gewährte, verleugnet selbst im Porträt eines Mädchens seine jüdische Note nicht. Er ist ein jünger Künstler von zarterCharaktertfierungsk.inst, der noch das beste zu geben hat. Bon ihm zu N. S ch a t t e n st e i n führt der Weg auf einer stark nationalen Grundlage, welche die beiden Künstler gemeinsam haben. ZI papa morlo, evviva il papa!“ So betitelt sich Schattensteins neues Gruppenbild, welches er in Rom gemalt hat. Schon in deS Malers Sonderausstellung im Borjahre fielen Studien aus Rom auf. ES waren teils Landschaften in blühender Farbenpracht, teils Figurenbilder mit großangelegter Komposition. Im einzelnen richtig gesehen und modelliert, störten sie die Gesamtharwonie und stießen sich förmlich mit den Ellenbogen. Einen ähnlichen Fall bietet Gchattensttzins letzte Komposition. Sein Können steht nicht im richtigen Verhältnisse zu den Probleme», die er sich stellt. Darum wäre es wünschenswerter, wollte sich der KünstLsr in dem ihm angemessenen Rahmen bewegen als über diesen Nahmen hinaus Minderwertiges zu schaffen. Einen merkwürdigen Weg nimmt Jehuda Epsteins Schaffen. Zuerst sah der Künstler seines Bolkcs große Vergangenheit vor seinem geistigen Auge snferstehen: er schuf den Saul, Hiob, die Makkabäer. Dann lockte ihn Taorminas ewiger Frühling, den er in sonnenhelle, von tiefblauem Himmel überspounen Naturausschnitte zwang; zuletzt sehen wir ihn in des Altmeisters Israels grauem Holland lande». Wie groß die Vielseitigkeit dieses Künstlers auch sein mag, immer wieder mnß man betonen, daß ein flüchtiges Studium von wenigen Monaten nicht genügt, um in die Tiefe eines fremden Milieus einzudringe». Man erlangt zwar einen Eindruck der Menschen und der sie umgebenden Natur; aber es ist doch nur ein Photographenblick, ohne Seele und Gemüt. Epsteins Bilder zeugen von einer großen technischen Fertigkeit, die vieles bezwingt. Die breite Pinselführung ermöglicht »s, in wenig Striche» den Augenblick festzuhalten. Der Stoff ist ein begrenzter, aber nuancenreich. Wo Israels sentimental ist, lenkt Epstein ins Naturalistische. Wo Israels gemütvoll ist, wird Epstein gemütlich. Seine Menschen handeln reflexionslos, ähnlich wie bei Lirbermann. Immer mehr nähert er sich der Impression. Und da berührt er sich mit vielen Künstlern seines Volkes. Liebermann ging vom Freilicht über den Natnralismns zur Impression (allerdings mit stark naturalistischem Einschlag). Pissarro »nd S l e v o g t und auch die Jungen, N e u m a n n und S ch a t t e n st e i n lenkten in die Bahn dieser letzten Sezessio«. Immer mehr und mehr wird das Festhalten des Momentes in Farbe und Linie zur künstlerischen Lebensanschauuttg. Die nächste Zukunft der jüdischen Kunst gehört dem Int Pressionismus. Wien. Oskar Rosenfeld.