Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 1« Sie schweigt wieder und ringt nach Atem. . „Also?" fragt Chane. „Also? . . Genug! Hab' ich mir gesagt. Soll ivenigstens meine dritte Tochter leben! Leben, wie sie'will! „Sie arbeitet in einer Fabrik. Sechzehn Stunden täglich arbeitet sie und verdienkaum das trockene Brot.. . Sie will auch Bonbons, sie soll sie haben. Sie will lachen, küssen — soll sie! Hörst, Chane — soll sie. Ich kann ihr Feine Süßigkeiten geben, einen Mann gewiß nicht! Eine Zitrone will ich sie nicht werden lassen, lungensüchtig auch nicht! Nein! Nein! Diese eine Tochter ivenigstens soll mich nicht mehr hassen, meinetwegen nicht weinen U „Aber Grüne/ schreit Chane erschrocken auf, „was werden die Lellte dazu sagen?" „Die Lellte sollen früher mit armen Waisen Mitleid haben und sie ilicht wie Esel umsonst arbeiten lassen. Solleil die Menschen Menschenherzen haben und nicht Arme lvie Limonen anspresseil ..." „Und Gott? Gott, gepriesen sei er!?" Und Grllne erhebt sich und schreit, als lvollte sie, daß Gott im Himmel es höre: „Hätte Gott früher jene versorgen sollen..." Drückende Stille. Beide Frauen atmen schwer, beide stehen sich mit blitzenden Augen gegenüber. „Grüne," schreit endlich Chane auf, „Gott wird strafen!" „Nicht mich, nicht meine Töchter! Gott ist gerecht, er lvird andere strafen! Alldere!" Gerichte von A braham Reisen. ST'bp DX-t jpr«p d? ni frri-is dj? 'ii — pl^'11 '“I 2' sL'1« .bvt'v pü B-o -j'K b«i '«ii vjybyt:» 71 p'ö b'ö ,pb"n fp-73'ii-v'"NBV 'i ni! P7«b2 "1 '11 ,M"ß "1 '11 pa v'2 7« b«t 'n .pi«? ”j'T pbpß'ts ftt ts'o p:«’ p&’ty rciu 'i 'iu! pai-12 "i 'ii ,pmn "i 'ii pa ö'ö 7« b«i 'ii ,n« .pa'iiu? tzi rbrä'» p*a o'a ,p2$i2w :jn2 j'"2 nytöw 7« 37« ,p33«b“ii?ä 31« B'ö *?iß pß'tp yen: n nm 7« 31« ♦pj3«b am ,Q’ pv"->2 ojn 3’« ,pß’to ro'nj n nyi 7« 31« p2"1D "T '11 JJ33K' ”7 '11 ,|P*?'BW 31« 31H2 3’"!Ö«T P’3 31« . . . P3"°3>2 bpÖ'D P'V B'V ->'« na poss kleine schiffele. Wi ess brousen, wi ess kochen Of’n jam1) die wilde wellen, — Ach, wu soll ijch mit mejn schiffel, Mit mejn schiffele sijch schtellen? Wi di schturemwinden hejlen, Wi sej pfejffen, wi sej blosen! Ach, wi soll ijch mit mein schiffel, Mit mejn schiffele sijch losen? Wi di grojsse schiffen jogen, Wi sej hudsena), wi sej brimmen! Ach, wi soll ijch mit mein schiffel, Mit mejn schiffele do schwimmen! Un ijch schtej bej’n breg3) gebrochen, Vull mit wejtog*) un varlangen, Un ijch seh di grojsse schiffen, In dem brejtem jam, dem langen Un ijch seh di grojsse schiffen, Wi sej jogen, wi sej trejben, Un bej’n samdig breg un schtillen Mus ijch mit mejn schiffel blejben . . iriarn x *|m m«a bjp^h .arbm; afwn 'i Bwirnpa "iß lyö'ia 'i Bßi«n p3"ii3r 'i Bsjna ♦B*7rßya -s"« a«n bimb un^rn 'i pß bwß 'i b2"-ib I B1«ß "7 B3yi'1pß 31« — prrbß B'3 B"11 pspp n«n '1 .BN« pß'l« "7 BT’B — 7b7'M '1 pß pitztb '1 BD"1 I cnpn B2jna pa'iB — *?rp3H P’31J3 ^PB2'^ 8 B3J712 I D'l« pi83t B'Ö tßWpb .^13-11 J7l"2 Brbin ,B3>Hl.-7 — B"3t 1J7"« 7'« B2CBJ7' ,1PB3'11 7H pJPH 21711 3381? ... B"11 -s83 7 « 1-217 j\ winterlied. Huljet, huljet, bejse winden, Frej beherrscht di weit, Brecht di zwejgen, warft di bejmer, Tut, woss ejeh gefällt! Rejsst di loden vun di hejslach, Schouben brecht arouss! Brennt a lichtel ergez2) dunkel Lescht mit zoren ouss! Trejbt di veigel vun di wälder Un varjogt sej fort! Di, woss kennen wejt nit fliehen’). Tejd’t sej ofen ort. Huljet, huljet, bejse winden, Jtzt is ejer zejt, Lang wet dotieren der winter, Summer is noch wejt . . ') Fliegen, 2) irgendwo. UotiM. Jüdische Abeude in Wien. Auch der zweite und dritte jüdische Abend am 18. Dezember 1904 und 2. Februar 1905 fielen sehr gut aus. Die Herren med. Aron Marschoff, theol. Chaim Schapira und med. Salomon S e i d e s erzielten mit ihren Vorlesungen an Prosastücken von Perez, Reisen, Scholem-Alejchem, Steinberg wieder die größten Wirkungen. Der dritte Abend, der besonders gut besucht war, brachte auch de« rnit verdientem Beifall aufgenommenen Vortrag jüdischer Prosau«d Vers-- dichtungen in deutscher Uebersetzling durch Herrn phil. Arthur Freud. Außerdem lvar auch für lyrische und musikalische Programmnummeru gesorgt. Herr teelrn. Tobias W echsner deklarnierte ein Gedicht von Ch. D. Nonlberg und Herr Osias W a s ch i tz Gedichte von Abr. Reisen und Michael Wirth. Der Gesang war den Kehlen der Herren jur. Georg Daniel, jur. Samuel M enasche und Josef Grob anvertraut. Alle diese Herren 'anden die Zufriedenheit des Publikums. Ueber jüdische Literatur sprachen am zweiten Abend Herr Abr. C o r a l n i k, am dritten Abend Herr Osias W a s ch i tz unter reichltcheur Beifall. Am 16. Februar wurde von einem speziellell Komitee im XX. Wiener Gemeindebezirk ein „jüdischer Abend" veranstaltet, der ebenfalls Erfolg hatte. Auch hier unterzogen sich die Herren Marschvff, Seides und Schapira der Aufgabe, Prosadichtungen vvrzulesen. Herr Weiß las Gedichte von Rosenfeld und eine Perez'sche Skizze ehr wirkungsvoll in deutscher Uebersetzung. BeönderS hervvrzuheben ist die Rezitation voll Gedichten Reisens und RvseufeldS durch Herrn K a p l a n - K a p l a n s k y. Es ist niöglich, daß in dieser Saison noch ein Abend stattfillden wird. Jedenfalls haben schon die bisher veranstalteten dem Publikum zeigen können, wie recht der Vorsitzende am zweiten Abend, Herr Dr. Paul W e i s e n g r ü n, hatte, als er in seiner Erösfunugsrede unter anderem agte: „Man jüdelt wohl in Wien, Prag und Budapest, aber man spricht jüdisch in Warschau, Wilna und Kiew." Aus dem Volke aus Volk. Unter diesem Titel veröffentlichten tetzthill die radikal-fvrtschrtttltchen jüdischen Zeitungen New Uorks folgende hier ill deutscher Uebersetznng wiedergegebeue „Prinzipienerklürung uild Programm" des „Jüdischen Literaturvereines" irr New York: Der „Jüdische Literatur verein" betrachtet die jüdische Volkssprache llicht als einen Jargon oder als ein provisorisches Mittel, Bildung in den jüdischen Massen zu verbreiten, sondern als eine selbständige, nationale Sprache, welche die Literatursprache des ganzen jüdischen Volkes tueröcit mit ft. Deshalb seht sich der „Jüdische Literaturverein" als Ziel, alle Teile des jüdischen Volkes fiir unsere Sprache und Literatur zu interessieren. Diesen Zweck glaubt der Verein durch folgende Mittel zu erreichen: 1. Häufige Abhaltung von Vorlesungen über die jüdische Sprache und Literatur. 2. Veranstaltung von Diskussionen über die besten und neuesten Schriften der jüdischen Literatur. 3. Veranstaltung von literarischen Abenden, an welchen dem Publikum Gelegenheit geboten werden soll, mit den besten Werken unserer Schriftsteller bekannt zu werden. 4. Gründung und Erhaltung einer jüdischen Bibliothek und Lesehalle. 5. Unterstützung der Presse, die sich mit guter Literatur befaßt. 6. Arbeiten für die jüdische Folklore, d. h. Herausgabe von Sammlungen von Vvlksliedcxii, V olkserzähl u n gen, Sprichwvrt ent, Volkswitzen. Herausgabe einer jüdischen Grammatik, von Forschungen über die Geschichte der jüdischen Sprache Nsw. 7. Herausgabe der Werke der besten jüdischen Schriftsteller, ivie auch von Sammelbüchern und Zeitschriften. 8. Gründung von Vereinen gleichen Zieles in allen Städten, wo jüdischsprechende Inden wohnen, und Zusainuieilfassniig aller dieser Vereine in einen allgemeinen Verein für jüdischnativnale Literatur. 9. Initiative zur Einbernfung eines Kongresses der jüdischen Schriftsteller der ganzen Welt. Chaim Alexandrvw, Awrvhom Liessin, Dr. Chaim Schttlowskn, Leon Kvbrin, Miryom Scheuer, Judo Lejb Kvhn, „Redattionskomitee". Der vorstehende Aufruf ist ein Beweis für den Ernst der großen jitdischsprechenden Bewegung unter den Ostjuden, namentlich aber auch für den Fortbestand des Jüdischen in Amerika. Die Unterschriebenen sind angesehene Dichter und Schriftsteller. Einer von ihnen, Dr. Schitlvwsky, ein angesehener soziologischer Schriftsteller, dürste auch vielen Oesterreichern durch seiner in Pcrnerstorfers „Deutschen Worten" veröffentlichten wissenschaftliche Ilrbeiten bekannt sein. Zur Beachtung. Die in Groß. Oktav-Heften erschienenen ersten zwei Nummern der Mitteilungen: „Jüdische Abeude" sind gegen Einsendung von je 43 Hellern (40 Pfennige, 20 Kopeken, 50 Cents) in Briefmarken durch die Administration des „Jüdischen Volksblattes" zu beziehen. Nr. 1 entbält den Vortrag Matthias Aschers „Die Sprachen des jüdischen Volkes". Ueue Sucher. Das Wesen des Jndentnms. Von Dr. I. Front er jElias Jacob), Verlag Hüpeden und Merzpn, Berlin. Herr Dr. Frviner, dessen unter dem gleichen Titel in der „Zukunft" erschienener Aussatz in jüdischen Kreisen so viel Aussehen erregte und auch in unserem Blatt in der.entsprechenden Weise znrückgewiesen wurde, schildert nun in einem ausgewachsenen Buche den seelischen Prozeß, der ihm seinen Standpnutt in der „Jndensrage" anfzniang. Das Buch ist Mit noch mehr Prütensivn geschrieben als der Artikel. Freilich scheint es Herrn Eltas-Frviner einigermaften bange geworden zu sein, denn er schränkt sein „Tauft euch", das allein die Jndensrage zu lösen tmstaiide sei, immerhin unter einem Wirst theoretisch sein sollender Erivägnngen ein. Mit ivelchem Ernst Elias Jaeobi\ reiner die Frage behandelt, ersieht man ans seiner Polemik gegen den Zionismus. Es heißt in seinem Buche — wer's nicht glaubt, kamt sich in unserer Nedaition davon überzeugen — „Der Sultan war durchaus nicht zur Herausgabe Zions zu beivegen. Die großen Ntassen des Ostens fanden, daß der chaserfressende Herzl unmöglich der von Gott gesandte Rkesfias sein könne." Dann: „Auch in Westeuropa, besonders in Oesterreich und Deutschland, hat der Herzlsche Zionismus einen Anhang, z n m großen Teil a n s K i nd e r n n n d N an c it b e st e h e n d, gesunden." 9113 gewichtigstes Argument gegen den Zionismus führt Elias Jaeob-Fromer den Satz ans: „Ich kenne einige Zionisten von der Zeit her, da sie noch iveoer von Zion noch von Herzl etwas wußten. Sie hatten Mit Vorliebe christliche Kreise anfgesnrht und sich dort eine korrekte Sprache und leidliche Manieren angewöhut. Nach einigen Jahren fand ich sie als Zionisten ivieder und war erstaunt, wie diese Menschen inzwischen verwahrlost waren." Also, zurück zur christlichen Gesellschaft, ihr Herren Zionisten, wenn ihr ivieder eine korrekte Sprache und leidliche Manieren haben wollt! Die knappe Blüten lese zeigt uns Herrn Elias Jaeob-Fromer bereits reif für die Stelle eines Nedaktettrs des „Deutsche» Bolksblait". Es scheint, das; seine Wut über den Verlust seiner Sinekure bei der jüdischen Knlinsgemeiiide in Berlin seine Sinne berückte und ihn zu Folgerungen loinmen ließ, die er nicht „ans dein Wege reinlogischer Erkenntnis" erlangte. Da aber Elias Jaeob-Fromer nichts weniger als ein kenntirisloser Mann ist, und viele feiner Ansführungeii zu einer positive u Kritik Anlaß geben, soll auf das Buch noch in einer ausführlichen Besprechung znrückgekomnien werden. Meer, schaukeln, 3) LJfcr, 4)Wehe. Die Beilage zur nächsten Uummee: .»Ausmaud-rung und KoiauijaLiuu".