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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jüdische Abende. Beilage \vl Nr. 12 des „Jüdischen VolksblatL" Moral. Von I. L. Perez. Aus dem Jüdischen übersetzt von Jesajas Schmul. Draußen vor der Stadt gehen zwei Frauen. Die eine hoch, stark, mit bösem Blicke und schweren dröhnenden Tritten, die andere mager, blaß, klein mit vorgebeugtem Haupte. " „Wohin führst du mich, Chane?" fragte die zweite. . „Warte, noch einige Schritte, stehst, dorthin zürn Berget!" , „Wozrr?" fragt die andere nut banger, zerrissener Stinune, rvie wenn sie sich ängstigte. „Wirst's hören, komm!" Sie sind am Hügel angelangt. „Selz' dich hin!" spricht Chane. Die andere gehorcht, Chane setzt sich neben sie. In der Stille des warmen Sornmertages, weit vom Lärm der Stadt, reden sie zuein- „Grüne, rveißt noch, wer bein Marur, der Friede mit ihm!, lvar?" Eirr Schatten breitet sich über Grünes blasses Gesicht. „Gewiß weis; ich's!" antwortet sie nnt fest aneinandergedrückterr Lippen. „Ein Sojfer') war er, Grüne, ein frommer Sojfer!" „Ich weiß es!" ruft Grüne Ungeduld lg. „Vor jedem Buchstaben ben er schrieb, pflegte er in der Mikwech zu baden. „Steine Spur. Einige Male in der Woche ging er." ' „War ein frommer Jude!" „Wahr!" „Sein sehnst) möge rrus beijtehen." Grüne schweigt. „Schweigst?" wundert sich Chane. „Kommt auf eins hinaus!" „Kommt nicht auf eins hinaus! Sein s'eimLS möge uns wirklich beistehen! Hör st's?" «Ich hör'!" „Was jagst du dazil?" „Was soll ich sagen? Ich lveiß bloß, daß er uns nicht beigestanden ist." Die Frauen verstehen sich; der fromme Sojfer ist gestorben unb hat eine Witwe mit drei Waisen — Mädchen — hinterlassen. Grüne hat sich nicht wieder verheiratet, ihren Kindern keinen Stiefvater gegeben. Allein arbeitete sie für sich xtub die Kinder, aber nie war Glück unb Segen dabei. Sein s'eliusiist n i d) t beigestanden. „Und weißt du auch, warum, Grlllie?" fragt Chane nach einer Pause. Nun /Weil du sündig bist!" „Ich?" Und die blasse Grüne springt ivie ailgeschossen cmf. „Ich — sündig?" „Hör' Grüne, süildig siild wir alle. Dll aber besonders!" »Besonders?" »Grüne, llicht ohne Absicht führte ich dich her ^um Flusse, inS Freie. Frische Luft habeil wir ja Gottseidauk llicht llötig. Sieh, Grüne! Eine Mutter, obendrein die Witwe eines fronunen Sojfer, soll..." „Was soll sie?" „Sie soll frömmer als alle sein, besser als alle und soll auf ihre Tochter mehr acht geben!" Die blasse Grüne ist noch blässer geworden. Ihre Augen leuchten auf, die Nasenflügel erweitern sich unb die blauen, verbrannten Lippen zittern. „Chalw!" schreit sie auf. „Dll weißt es, Grüne, ich bin dir gut. Aber die Wahrheit muß ich dir sagen, ick) könnte es sollst vor Gott llicht verantworten. Ich will dich llicht ills Gerede brillgell, durch nlich sollst dll nicht in der Lellte Mund *) Thoraschreiber. *) 5)iitucUe§ Badehnns. *) Steherrde Formel, die nach dem Namen eines frommen Berstorbenell gesprochen wird; im Jenseits inöge der Gottgefällige beim höchsten Richter für uns ein glltes Wort einlegen. komnlell. Es lvird unter uns bleibeil, bloß Gott im Himlnel ivird's hören!" „Zieh ulir nicht die Seele aus dem Leibe!" „Höre beim! Kurz und bündig. Gesteril abends, spät abends kam ich vom Bahnhof. Da saß deine Mirl auf den Berget." „Allein?" „Nein!" „Mit ivem?" »Weiß ich's! Einen Hut') hatte er auf, einen Zylinder sogar. Er küßte sie auf Hals und Nacken, sie lachte und schleckte Bonbons. „Ick) weiß es!" sagt Grüne mit Grabesstimme. „Es ist nicht das erstemal!" „Wußtest eS? Was? Jst's ein Bräutigam?" „Nein!" „Nicht? Und du schwiegst?" „Ja!" „Grüne!" Aber Grüne hat sich schon beruhiezt. „Jetzt schweig' du und hör', lvas lch dir erzählen will," lagt sie mit schneidender Stimme und Chanes Aermel fassend, zivingt sie sie, sich niederzusetzen. „Höre, alles will iä) dir erzählen und Gott im Himmel wird uns hören!" Chane hat sich ivicder hingesetzt. „Als mein Mann starb," beginnt Grüne. „Wie sprid)st zu nur, Grüne?" „Wie soll ich denil sprecheil?" „Ohne „Sein Andenken zum Segen?" und — „verschied" sagt man." „All), es ist ja gleich, verschieden oder gestorben, begraben haben sie ihll . .." „Nach Väterart beerdigt..." „Meinetwegen beerdigt. . . Aber mick) ließ er mit drei Waisen — Töchtern zurück ..." „Nebbich/') keinen Kadisch") hi'nterlassen..." „Drei Töchter, die Aelteste —" „Genendel." „Im Alter von vierzehn Jahren." „Unter guten Verhältnissen ist so was schon Braut..." „Wir hatten kein Brot. Von Verlobung und LekkechF essen konnte keine Rede sein. „Wie du nur heute sprichst, Grüne!" „Nicht ich spreche, mein Herzleid spricht. Genendel, weist du, lvar das schönste Mädchen in der Stadt." „Hellte auch noch . . . Ullbeschrieil!" „Heilte ist sie eine saure Limone, ein grauer ,ßopf!8) Aber damals strahlte sie lvie die Sonne . . . Und — ick) lvar damals die Witwe des frommen Sojfer! Ich hütete sie ivie daS Aug' im Kopfe . . . Wußte, daß heutzutage . . . laufen da Musikanten, Schueiderlein, sonst »Datschen"") und alte Junggesellen herum — sogar Beshamedrisch'0)-Leute kommen vor die Fenster . . . Wozu ist eine Mutter da? Ein erwachsenes Mädchen, lvußte ich, muß lvie ein Spiegel sein. Und ich tat das meinige. Stein Hauch trübte sie. Ich hütete sie, verlor sie nicht aus dem Auge; nicht einen Schritt aus dem Zimmer kam sie ohne nlich. Hub fortwährend predigte ich ihr Moral . . . Schau nicht her, schau nicht hin, da steh' nicht, da bleib' nicht. Guck nicht den Vögeln nach." „Sehr recht." „Ja, sehr recht," sagt Grüne bitter, „Komm' nur zu mir nach Hause und sieh dir sie au, lvie sie jetzt aussieht! Ja, sehr tugendhaft ist sie, aber sechsunddreißig. Mager, daß mail die Knochen zählen kann. Die Haut gerunzelt wie Pergament, die Augen erloschen, das Gesicht sauer, ohne ein Lächeln *) Hüte tragen die „Modernen", die „Deutschen" liier besonders gravierend. *) Unübersehbarer Ausdruck des Bedauerns. °) Elliptisch,' Sohn, der Kadisch sagen könnte. 7) Eine Art Lebkuchen *) Da sich die verheirateten Frauen ihr Haar abschneiden lasse», ist ein grauer Zopf ein Attribut eilier alten Jungfrau. *) „Deutsche". Siehe Anmerkung l. '") Klejnxs Bet- und Stndierhaus. — ewig verbissene Lippen . . . Sehr oft leuchten die erloschenen Augen auf. — Haß ists, eine Holle . . . Nnd, weißt du, gegen wen? Weißt du, wen sie haßt? Weil sie mit zitternden Lippen verflucht?" ,Wen?" „Mich! Mich — ihre eigene Mutter!" „Was sprichst du? Warum?" „Vielleicht kennt sie selber den Grund nicht, aber ich lveiß ihn. Ich habe mich zwischen sie und die Welt, zivischen sie und die Sonne gestellt! Ich habe — wie soll ichs ausdrücken? — Licht und Wärme von ihrem Leibe ferngehalten .. . Ganze Nächte Hab' ick) darüber uachgedacht, bis id)§ befunden habe, bis es mir klar geworden ist. Sie m ll ß mich hassen . . . Jede Pore ihres Körpers haßt mich!" „Was sprichst du?" „Was du hörst! Die Schwestern haßt sie ohne Zweifel; sie sind schöner und jünger!" Grüne atmet schwer und Chane kann sich nicht fassen. Schreckliches hört sie; etwas, lvas schlimmer ist als Sterben, sogar als „Unter der Chupe") sterben" — das größte Unglück, das bei Inden vorkommt. Und doch — Herr der Welt — es muß wohl so sein! „Die Jüngere, Lea, hielt ich nicht mehr zu Hause . . . Ich ließ ließ sie Dieustmagd werben..." beginnt Grüne ihre Erzählung wieder und ihre Stimme wird noch heiserer, noch zerrissener. „Ich trieb damals genug," erinnert Chane. „Die Tochter eines Sojfer — Dienstmagd..." „Ich wollte wenigstens sie verheiraten. S i e wenigstens sollte ein wenig Mitgift erlverben . .. Von den paar Zwiebeln, mit welchen ich handle, kann man keine Mitgift sammeln ... Und si e Hab' ich auch noch gehütet. Mehr als eiu Dieustgeber warf eiu Auge auf sie, mehr als ein Haussohn hätte gern sein Spiel mit ihr getrieben. Doch ich bin eine Mutter! Ich war eiue treue Mutter! Die Füße lief ich wir wuud uud war zehnmal im Tage bei ihr in der Küche. Ich weinte uud predigte ihr Moral... Ha! Gute Worte, fromme Worte sagte ich ihr. Ganze Nächte schlief ich nicht uud las den „Kaw Hajoscher" '* *) uud andere heilige Bücher, um ihr davon am anderen Morgen erzählen zu köuueu . .. Setzte daun noch eigenes hinzu! Gott verzeihe es mir! . . Aus drei bösen Geistern machte ich zehn, aus einem Streick) wurde eiu Geißelhieb, mit Feuer Hab' ich nur so geschüttet! Uud sie lvar eiu schwaches Kind, eiu schwaches, frommes Kind, ließ sich leiten!. . Dem Vater nachgeraten — bloß ohne einen Tropfen Blutes und hatte so gute, feuchte Augen — nur schöner lvar sie! . ." „Du sprichst lvie von einer Toten!" „Und meinst du, sie lebt? Ich sag' dir, sie lebt nicht. Sie hat sich Mitgift erspart uud ich Hab' ihr einen Manu gegeben. Sie weinte nebbich, sie lvollte ihn nicht; er wäre zu grob, zu derb für sie. Aber eiu „Lernkind"'8) heiratet doch keine Magd, besonders wenn sie nur dreißig Rubel hat. Ich war froh, als sich ein^ Schneidergeselle fand! Ein Jahr lebten sie miteinander. Daun ging er weg von ihr. Hatte ihr das Geld, die Gesundheit uud das letzte bißchen Kraft geraubt. „Nackt hat er sie mir zurückgelasseu und — luugeusüchtig dazu! Sie spuckt Blut! . . Eiu Schatten ist sie, kein Mensch ... Das schmiegt sich au mich lvie eiu kleines Kind, das duckt sich lvie eiu Lämmlein . .. Uud ganze, ganze Nächte weint es ... Unb weißt du, wer die Schuld daran trägt?" „Ihr Manu, der Lump!" „Nein, Chane, ich! Ich Hab' sie unglücklich gemacht! Ihre Tränen fallen auf mein Herz lvie glühendes Blei; sie vergiften mich, die Träne!;..." ") Trauhinnnel. ") Postille in jüdischer Sprache, in der die Leiden der Sünder im Jenseits geschildert sind. ") Junger Mann von (talmndischer) Bildung.

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