Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433089--2883-2436790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 12 Jüdisches Volksblatt Seite 5 das Distriktskomilee gewählt worden wäre, geschlossen. Es wurde allgemei:: der Wunsch nach Einberufung eines neuen Distriktstages ausgesprochen, zu dem die Vereine jedoch ihre eigenen Mitglieder als Delegierte entsenden mögen. Do» einem Ersätze für Uganda spricht man schon in eingeweihten Kreisen Londons für den Fall, daß der Bericht der Kommission nicht günstig ausfallen und das Projekt nicht zur Ausführung gelangen sollte. Wo das Territorium liegt, wie es beschaffen ist, darüber ist noch nichts näheres bekannt. Das eine will man jedoch bestimmt wissen, baß Äkr. Chämberlain auch dieses neue Projekt unterstützt. Das Kasino in Basel, in dem bereits fünf zionistische Kongresse abgehalten wurden, soll demnächst umgebaut werden. Auf Ersuchen des A.-C., das den Wunsch ausdrückte, den siebenten Kongreß in demselben Saale abzühalten, hat jedoch der Magistrat der Stadt Basel den Umbau bis nach dem Krongresse verschoben. Dr. Max Nordau soll, nach einer Behauptung des A.-C.-Mltgliedes Dr. Koke sch, der in Begleitung des Dr. B o d e n h e i m e r aus Köln behufs Durchführung der Legalisierung des Nationalfonds auf den Namen der Gründershore- Jnhaber in London weilte, nunmehr die Geneigtheit ausgesprochen haben, die Führerschaft im Zionismus und somit auch die Präsidentenstelle für den Kongreß zu übernehmen. Interessante Mitteilungen hat das in Philad elphia lebende Mitglied des große» A.-C., Herr Gabriel H.',M ay e r, dem Redakteur des dortigen „Jewish Exponent“ gemacht. Hiernach sollen 150.000 Francs von dem Gelbe der Jüdischen Nationalbank zur Etablierung einer Kolonie in Palästina verwendet werden. Ferner wird in Palästina ein Kolonialbureau mit einem Jahresbudget von 15.000 Francs errichtet werden. Die Mitglieder des kleinen A.-C. W o l f f s o h n, Greenberg und Dr. Alexander Marmorek wurden beauftragt (inoffiziell), wegen eventueller Durchführung des Ostafrckaprojektes mit einigen jüdischen Korporationen in Verhandlung zu treten. Die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem, eine der schönsten Schöpfuugen, die der Zionismus geschaffen, wird von den Zionisten zu sehr vernachlässigt. Wenn die Indolenz weiter anhält, droht das ganze Projekt zu scheitern. Von dieser Ueberzeugung geleitet, versendet nun das Lemberger „Komitee zur Förderung der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem" au sämtliche zionistischen Vereine in Galizien und der Bukowina ein Rundschreiben, in welchem auf die Gefahr hingewiesen wird, welche das Projekt der Bibliothek durch den Rücktritt Dr. Josef Chasanowitz' von der Leitung der Bibliothek geraten ist. Die Zionisten werden aufgefordert, den Beschluß des Kongresses, die ■ Natioualbibliothek durch Leistung des Pflicht-; beitrages von je acht Kronen pro Jahr und durch zu tun, um den verfluchten Boden zu säubern und neu zu weihen. Die Sage wird damit erklärt, daß es sich wahrscheinlich nicht um einen „tyranno ebrea,“ sondern um einen „tyranno Ivreo“ handelt, das heißt einen Tyrannen aus Jwrea (Jvrea Gegend war unter Botmäßigkeit des Berengar von Jvrea). Im Hause Nr. 51 in Täufers ist nach der Sage eine Synagoge gewesen. Jetzt noch geht es dort um; ein schwarzer Mann mit dreieckigem Hut erscheint nachts und schreckt die Bewohner. Bei Oberpensus ist ein abgeplatteter Hügel, in dem das goldene Kalb vergraben ist. Der kornschneidenden Mutter des von den Juden im 15. Jahrhundert gemordeten Knaben Aoerle von Rinn fielen drei Blutstropfen vom Huumel auf die Hand. An diese kulturhistorisch bedeutsame Auseinandersetzung schloß der Redner eine Vorlesung einer seiner Novellen: „Der PfeiferHuisela". Die Geschichte behandelt die Schicksale dieses mit dem Teufel im Bunde stehenden Mannes und Zauberers. Es ist eine Art boshafter Rübezahl, der in Tirol umgeht und die Leute ärgert und schädigt, die Hennen der ganzen Nachbarschaft zu sich zaubert, damit sie ihm Eier legen, einen jüdischen Glasmacher um seine Ware prellt rc. Es ist dies eine in Tirol, dem Spezialgebiete des Schriftstellers, sehr verbreitete Sage. Agathe Barseseu, die größte rumänische Schauspielerin, gastiert gegenwärtig in New Aork imdeutschenund englischenTheater.DiegroßeTragödin, äußerte nun den Wunsch den in New Aork lebenden, aus Rumänien vertriebenen Juden den Beweis zu Zusendung von geeigneten Büchern zur Geltung zu bringen und auf diese Weise Dr. Chasanowitz zur Wiederaufnahme seiner dankenswerten Tätigkeit zu bewegen. Die Arbeiterfrage im Zionismus. In einer irr Londo n stattgefnrrdenen öffentlichen zionistischen Versammlung wurde auch die Frage angeschnitten, welche Position die arbeitende Klasse in einem jüdischer: Staate einnehmen würde. Es kam über diese Frage zu einer lebhaften Debatte. Schließlich erklärte der Sekretär der englischen zionistischen Föderation, daß es eine spezielle jüdische Arb e i t e r k 1 a s s e i n dem Sinne w i e bei arr derer: Nationen nicht gebe (?) und daß überdies der englische Arbeiter sich auch erst als errglischer Patriot, dam: als Arbeiter fühle. Korrespondenzen. Die Kreuzbewegung. Budapest, 22. März. Schon jetzt zeigen sich die Folgeerscheinungen der Koalition zrvischen den sich liberal gebärdender: Kossuthianern und der katholischen Volkspartei, eine Koalition, in der das Bindeglied der Schüler des Kalksburger Jesuitengymnasiums, der klerikale Graf Apponyi ist. Allmählich, Schritt vor Schritt, beginnt sich die Wirt'ur:g dieser Koalition zu zeigen, die rncht ein künstliches Gebilde ist, sondern das Endglied in der Kette sozialer und politischer Erscheirnrnger:, lvie wir sie in der Letzten Zeit aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatten. Die verschiedentlichsten Maulwurfs- Politiker Wäger: sich jetzt ans Licht und setzen ihre antisemitische Wühlarbeit fori, die sie schon zrr Szells Zeiten begonnen haben. Die Belvegung gegen die Einwanderung russischer Juden, die vor: der: Agrariern ekngeleitet wurde und nun vorr der Majorität im Ofen-Pester Gemeinderat vertreten lvird, ist ein bezeichnendes Vorspiel zu der sichtlich jetzt einsetzenden klerikaler: Aera, die sich am bester: in der Weise nusdrückt, lvie die r:eueste „Kreuzaffäre" an der Budapester Universität gelöst wurde. Schon die Wahl des bekannten klerikalen Dr. D c m k o zum Nekror an der Budapester Universität erfolgte im Zeichen des untergehenden Liberalismus und bestrahlt von der Morgenröte des nur: auch ir: Ungarn die Herrschaft antretendcn Klerikalismus. Und unter der Aegide Demkos bekam die alljährlich wiederkehrende, fonst harmlos studentische Dernonstration zugunsten der Wiederanbrir:gung der Kreuze in den Hörsälen der ungarischer: Universität eine politische Pointe. Nicht so sehr, das; die Studenten die Wiederanbringung der erbringen, daß sie die judenfeindlicbe Politik der rumänischen Regierung verdamme. Sie wählte hierzu die schönste, ihrer am meisten würdige Form, indem sie sich einer jüdischen Theatergruppe in New Uork von selbst anbot, mit den Mitgliedern dieser Gruppe zusammen in Mosenthals „Deborah" auszutreten. Tatsächlich ging vorige Woche auf der Bühne des Grand Theaters „Deborah" mit Mine. Barseseu in der Titelrolle in Szene. Rumänische Juden besetzten den Zuschauerraum bis aufs letzte Plätzchen und jubelten der „Landsmännin" zu. Das Stück behandelt bekanntlich die Frage des Judenhasses und eine ihrer packendsten Stellen ist die große Answanderungsszene, welche Agathe Barseseu so meisterhaft zur Darstellung gebracht hat. Ein Bortrag über einen jüdischen Künstler. Am Montag den 27. d. M. veranstaltet die Gesellschaft für jüdische Altertümer tu: Festsaale des niederösterreichischen Gewevbevereines (l. Bezirk, Escheubachgasse li) einen Vortragsabend. Es wird Herr A. F. Selig mann unter Vorführung von Sklvpti'tvnhildern über „Josef Israels" sprechen. Die Mitglieder der Gesellschaft wollet: die tönen zukommeniden Karten zu diesem Vortrag Mittwoch, 22. März 1905 oder Donnerstag, 28. März, in: Museum für jüdische Altertümer, 2. Bezirk, Praterstraße 28, 1. Stock, in der Zeit vor: 9 bis 0 Uhr nachmittags behebet: oder ihren Bedarf an Eintrittskarte rr schriftlich im Bureau der Gesellschaft a »melden. Nichtmitglieder können die etwa noch vorhandenen Kartell Freitag, 21. März, vor: 8 bis 6 Uhr nachmittags, eventuell Samstag, 25. Mürz 1905, von 11 bis l Uhr mittags, im Museum für jüdische Altertümer errtgegennehmen. Sämtliche Karten silld unentgeltlich. Kreuze forderten, als daß Herr Dr. Demko, der sich als katholischer Priester doppelte Reserve hätte auferlegen muffen, daß der Rektor der ungarischen Universität die auf Betonung des katholischer: Charakters der Universität abzieler:de Aktion zu der seinen zu machen versprach, macht die Sache zu einer politisch bedeutsamen. Wenig bekaiuit ist, daß die Demonstration der Budapester katholischen Studenten bereits einen merklich antisemitischen Anstrich hatte. Den gegen die Wiederanbringung der Kreuze demoi:strierenden Studenten riefen die klerikalen Studenten nach Wiener Muster zu, daß sie „Judenknechte" seien. In dem an,.die Demonstration sich anschließenden obligaten Handgeinenge wurdet: benit auch die „mitkämpfenden" Judeir — an die Luft gesetzt. Das geschah beit verschiedenen Arpad Konyis, Attila Levay (Löwy) und ähnlichei: Kernmagyaren. Bekanntlich wurde die Kreuzfrage schließlich durch ein Kompromiß „gelöst", das deutlicher zeigt, bis zu welchem Punkt unser öffentliches Leben gelangt ist, als die ganze Bewegung selbst. Man kam den gegen die Wiederanbringung der Kreuze und den für, sie Temonstriereildei: entgegen: man bringt das ungarische Wappen an und verweist darauf, daß damit zugleich auch das au der ungarischen Krone angebrachte Kreuz zur Geltung komme. Was sieht man aber daraus: daß es sich bei: gegen die Wiederanbringung der Kreuze demonstrierendel: Kossuthianern nicht um das Prinzip handelte, die ungarische Universität nicht als katholisches Institut gelten zu lassen, und daß sie froh waren, den Klerikalen durch dieses jesuitische Kompromiß ihren Herzenswuirsch, in den der Wissenschaft gewidmeten Räumen das Symbol einer Konfession prangen zu sehen, erfüllen zu können, ohne doch ihren eigenen Liberalismus zu kompromittieren. . Namentlich die Juden in Ungarn werden es bald fühlen, welchen Einfluß die Koalition auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens nehmen lvird. Sie werden das Verfehlte ihrer politischen Haltung zu spät einsehen, mit Schaden erfahren, daß in Ungarn, in einem national so wenig einheitlichen Land, es nicht nur widersinnig, sondern auch unpraktisch ist, sich als dem Volkstum derer angehörig zu gerieren, die gerade die herrschende Clique sind. In Ungarn müssen die Juden schon aus taktischen Erwägungen heraus, wenn es sich ihnen nicht um ephemere inaterielle Vorteile, sondern um dauernde Erfolge, um eine absolute Sicherung ihrer Positioi: handelt, nicht Magyaren, Slowake::, Deutsche oder Rumänen sein wollen, sondern nur Judei:, nationale Juden. Wie wollen sie denn ihre Position nun den magyarischen Parteien gegenüber, die sich zu klerikalisieren beginnen, wahrer:, da sie verabsäumt habet:, ebensowohl die nationale Organisation ihrer selbst als auch die Anlehnung an die anderen Nationalitäten Ungarns. Wenn die ungarische!: Nationalitäten heute zum Teile antisemitisch sind, so ist das nicht zum geringste!: die Schuld der Judei: selbst, die sich mir Vorliebe zur Mitwirkung an der magyarisatorischeu Tätigkeit der Regierung verwenden ließen. Nun können die Juden, da auch die herrschellde inagyarische Clique allmählich offen ihren stets im geheimen genährten Antisemitismus zu bekennen beginnt, lveder an die Nationalitäten sich anlehnen noch auf ihre eigene Kraft rechnen, dein: diese habet: sie durch ihre törichte Assimilationswut zerstört. -Joch a i: a n. Der jüngste Bericht über Uganda. (Ein Interview.) Das Uganda-Projekt hat bekanntlich in zionistischen Kreisen eine kleine Revolution hervorgerufen. Während jedoch die Frage in Europa nicht über eine mehr oder weniger heftige Diskussion hinallSgekvmmen ist, haben englische und amerikanische Juden auch hierin den bewährten praktischen Sinn gezeigt, indem sich unter ihnen einige befanden, die ihrem Zweifel dadurch pin Ende bereiteten, indem sie das fragliche Land persönlich aufsnchten und es an Ort und Stelle studierten. Ein solcher freiwilliger Ugandaforscher ist jetzt von seiner Reise zurückgekehrt und hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.