Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433089--2882-2436789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jüdisches Volksblatt Nr. 12 Seite 4 diese Gruppe stellt, befindet sich auch diejenige, daß in •T'miiunft die Konfession der Hörer weder auf dem Index, noch in den anderen Ansfertigungen Der Universität vermerkt sein soll. Dan tms diese Art, sich nicht zu erkennen zu geben, nicht gefallen kann, ist klar, aber mir sind der Ueberzeugmrg, daß eine solche Bersügnng, falls sie dnrchdringt, den iungsüdischen Studenten Ungarns, die auf südischnationalem Programme stehen, Gelegcnbeit bieten wird, ihre jüdische 'Nationalität offen zu bekennen nnd ihr Anerkennung zn verschaffen. Dieser Schritt könnte leicht der Anfang einer neuen Aera auch für die jüdischnationale Bewegung in Ungarn werden. * * * Am Montag nachmittags ist in Berlin der preußische Minister des Innern Freiherr Von Hammerstein gestorben. Ihm ist es teilweise zu verdanken, wenn man in Preußen heute den sogenannten „Russerrknrs" pflegt und manche Drangsalierung der aus dem Osten kommenden als auch der reichsdeutschen Juden selbst müssen aus sein Konto gestellt werden. Bor einiger Zeit erwarb Hammerstein eine gewisse Berühmtheit durch die beispiellose Taktlosigkeit, die er sich zu schulden kommen ließ, indem er im preußischen Abgeordnetenhaus das Privatleben der jüdischen Studentin Bärnsohn aus Rußland bloßstellte. Hammerstein war ein Vertreter der dunkelsten Reaktion: hoffentlich wird sein Nachfolger den Juden freundschaftlichere Gesinnung entgegenbringen. * * * Die Auslieferringsdebatte im deutschen Reichstag ist für uns Juden von ganz besonderem Interesse, weil sie uns zeigt, wie die reichsdeutschen Regierungsfaktoren in ihren Liebesdiensten Rußland gegenüber feine Grenzen kennen. So hat der Staatssekretär' Graf Posada w s k y im Verlaufe der Debatte ausdrücklich erklärt, daß er den „Erlaß eines Gesetzes zur Regelung des Aufenthalstrechtes der Ausländer für vollkommen ausgeschlossen halte". Damit ist das Prinzip der Willkür proklamiert und als „lästiger Ausländer" wird fürder aus Deutschland nicht nür ausgewiesen werden können, wer dem Deutschen Reiche lästig ist, sondern auch wer dem russischen Reiche lästig war. Die deutsche Regierung betrachtet natürlich russische Juden als ganz besonders lästige Ausländer. Namentlich gegen sie richten sich die vor einigen Tagen heransgegebenen ^Vorschriften über den Verkehr außerdeutscher Auswanderer über die preußisch - russische Grenze", welche lauten: „Der Eintritt in das preußische Staatsgebiet ist nur dann zu. gestalten, wenn die Auswanderer einen ordnungsmäßigen Paß, einen mit einer in Deutschland konzessionierter Schiffahrtsgesellschaft abgeschlossenen Pafsagevertrag zur Fahrt nach einem außerdeutschen Ausschiffuntzshafen, eine Eisenbahnfahrkarte bis zum Einschiffungshasen und ausreichende Barmittel besitzen, welche ihre Aufnahme an dem Reiseziel oder im Falle ihrer dortigen Die Novelle ist von der biblischen Esther ganz verschieden. Nur die Rahel hat ein Analogon in der Esther. Während aber Esther bereits Gemahlin des Königs ist, soll Nahet dein König als Maitresse geopfert werden, damit er den Juden Palästina erkämpfen helfe. Die Ansprüche der Nabel sind also viel unbescheidener als die der Esther, welche nur um das Leben der Juden bittet. Es ist um so merkwürdiger, daß Fritsch dieses Motiv so stark verändert hat, als in der Tat eine Aehnlichkeit der antiken Verhältnisse in Persien und der mittelalterlichen in Böhmen vorlag. Im Jahre 1389 fanden tatsächlich in Prag fürchterliche Judenerzesse statt, die dadurch entstanden sind, daß die Juden angeblich einen, das heilige Sakrament tragenden Priester verspotteten. Damals wurde die Jndenstadt ansgeplnndert mit» an 3000 Inden wurden hmgemordetT» Die übrigen Personen finden ihre Folien nicht in der Bibel, sondern in modernen Dramen. Der alte Nabbi ist ganz getreu nach Rabbi Akiba im „tlriel Acosta" gezeichnet. Ein alter, blinder Gelehrter, dein man göttliche Ehren entgegenbringt und der auf alles seine geflügelten Worte anzubringen weiß. Der reiche Jude Trostlin erinnert uns in so mancher Hinsicht an Vanderstaten. Und wer würde bei der Lektüre der Gerichtsszene nicht an die Gerichtsszene aus Shakespeares „Kaufmann 7» Tonirt, Geschichte des Königreiches Böhmen, Seite kW. Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat gewährleisten. Hierzu ist bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von je iN0 Mark, bei jüngeren Personen eine Summe von je 100 Mark für erforderlich zu halten. Alle außerdeutschen Auswanderer, welche beim Beschreiten der preußisch-russischen Grenze diese Bedingungen nicht erfüllen, haben eine Kontrollftation zu passieren, wie solche zur Zeit in Bajohren, Tilsit, Eydtkuhnen, Insterburg, Prostken, Jllowo, Ottlotschin, Posen und Ostrowo bestehen. Die Einrichtung und derBetrieb dieserKontrollstationen richtet sich nach den hierfür ergangenen besonderen Anordnungen. Die vorstehenden Bestimmungen treten unter Aufhebung aller entgegenstehenden früheren Anordnungen für alle außerdeutschen Auswanderer, welche die preußisch-russische Grenze überschreiten, in Kraft ohne Unterschied, ob sie von inländischen oder ausländischen Schiffahrtsgesellschaften befördert rverden." Ans der MiMen Bewegung. Der Bukowinaer Distriktstag fand Sonntag den 19. d. in Czernowitz im Rathaussaale statt, woselbst die Beratungen von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags abgehalten wurden. Der Obmann des Butowinaer D.-K. Herr Sigmund W e l ß g l a s begrüßte die Teligierleit und hielt dem dahingeschiedenen Führer Dr. Herzt einen ergreifenden Nachruf, der von der Versammlung, unter denen man allster den 40 Delegierten mehrere Gäste, insbesondere: Se. Ehrwürden Rabbiner Weist uitb Universitätsprofessor Dr. Leon K e l l n e r, bemerkte, stehend angehört wurde. Sodann wurde vom Obniauue der Rechenschaftsbericht erstattet, in dem er auf die mangelhafte Organisation der meisten Vereine hinwies, die die Tätigkeit des D.-K. erschweren, die Zuschriften unbeantwortet lassen und den Anordnungen keine Folge leisten. Dazu noch die Erschwerung der Arbeit durch die Zusammensetzung des D.-K., dessen Mitglieder in verschiedenen Ortschaften wohnen. Trotzdern habe die Leitung des D.-K. so manches geleistet, mehrere Neugründungen von Vereinen bewirkt, eine Statistik der Bukowina er Juden anzulegen begonnen, eine Förderung der zionistisch gesinnten Presse nach Tunlichkeit angedeihen lassen und die Zerfahrenheit der Vereine, wenn auch zumeist ohne Erfolg, zu beheben versucht. Der Rechenschaftsbericht des Obmannes erfuhr hiernach durch Herrn Dr. Mendel K i n z b r u n n e r eine überaus scharfe Kritik, auf welche Schriftführer des D.-K. Herr abs. jur. K a st n e r erwiderte und auf die Ungerechtigkeit der Vorwürfe hinwies, da das D.-K., wie aus dem Berichte des Obmannes selbst hervorging, keine Unterstützung seitens der, Vereine gefunden habe, von Venedig" denken? Wie dort, so auch hier verteidigt der Jude sein Recht bis zmn äußersten. Wie dort, so auch hier wird er überlistet. Tie Entführungsszene und die Massenszenen (das Verspotten des unglücklichen Judenerinnern ebenfalls an den „.Kaufmann von Venedig". Es liegt mir ferne, Kritik an der schon ziemlich alten Novelle zu üben. Ich kann aber doch nicht umhin, ztl bemerken, daß der Schluß in höchstem Grade unbefriedigend ist. Durch das ganze Siück geht die Tendenz, die Juden zu verherrlichen, die Vortirteile der Zeitgenossen vor den Inden zu beseitigen; am Ende läßt Fritsch den Ankläger Trostlin, als ec schwören will, sterben, so daß das Volk glauben muß, er sei durch 'Gottesgericht schuldig erkannt und als falscher Kläger auf der Stelle gestraft worden. Es sieht wie ein Anachronismus aus, wenn die Juden in Böhmen vor mehr als 000 Jahren von derselben Idee beseelt sind wie das Gros der heutigen Juden, der Zionisten. Begreiflich finden wir es, wenn wir uns den historischen Hintergrund vor Augen hatten. Die Prager Jndenmetzelei im Jahre 1389 und die Verfolgung im ganzen Lande mußte ihnen den Gedanken, Palästina wiederzugewinnen, ebenso nahe bringen, wie es heute in Rußland, Polen und Rumänien der Fall ist. Es entspann sich hierauf eine erregte Debatte über die r u s s i s ch e n E m i g r a nte n, in deren Verlauf die zionistischen Kultusräte wegen ihres Verhaltens gegen den Ausweisungserlast der Landesregierung angegriffen wurden, '»vorauf Kultusrat Wags ch a l erwiderte. Einzelne Redner »viche»» durch diese Debatte von der Tagesordnung ab uttb es gab stürmische Szenen. Erst beim nachfolgende»: Referate: Kassabericht (durch den Kassier des D.-K. Herrn Hermann G o t t e s m a n n), der genehmigend zur Kenntnis genommen wurde, herrschte wieder ein ruhiger Ton bei der Debatte, der auch bei dem nachfolgenden sehr lichtvollen Referate des Redakteurs T a u b e s über „Organisation, Agitation und Presse" beibehalten »vurde. Nachdem Herr L e s z e r zu diesem Punkte gesprochen, wurde die Versammtimg vertagt und 4 Uhr nachmittags im ruthenischen Nationalhause die Beratung fortgesetzt. Bei der Durchberatung des Statutes des D.-K. kam es abermals zu erregten Szenen. Eine Arbeitergruppe protestierte gegen die allzugroste Delegiertenanzahl der Studenten. Tatsächlich hatte eine Studentenverbindung eine große Zahl von Delegierten entsendet, indem von den meisten Vereinen ihre Mitglieder Delegierte waren, rvodurch den» ganzen der Charakter einer Studentenversammlung ausgedrückt wurde. Die Vertreter der anderen akadennschen Verbindungen „Hasmonaea", „Hebronia", „Emnuah" und .Tikwah" vertraten deshalb den Standpunkt, daß im Statut eine Bestimmung aufgenommen »verde, wonach nur solche Delegierte entsendet »v e r d e n, die im Orte des betreffenden Vereines ansässig und d e m s elbe n m i n d e st en s e i n I a h r a n g e h ö r t haben. Dadurch sollte der Indolenz der Vereine, die oft Delegierte, die den betreffenden Ort, den Sitz des Vereines nie gesehen haben, entsenden, indem sie einfach einen in Czernowitz wohnenden Studenten, der darum ansucht, mit den» Mandate betrauen, vorgebeugt werden. Ein diesbezüglicher Antrag aber »vurde, da die Mitglieder der betreffenden Verbindung über eine große Stimmenanzahl verfügten, n u r modifiziert angenommen. Die ohnehin vorhandene Erregung in der Versammlung stieg, als inan zur Wahl des D.-K. schritt. Der bisherige Obmann Herr W e i st g l as, der unter großem Beifall einstimmig wiedergewählt wurde, erklärte, mit Rücksicht auf die überaus heftigen Angriffe, die Wahl nicht auzunehmen. Er könne nur, wenn vollständige Einigung herrsche, Obmann bleiben. Die Versammlung wurde auch, ohne daß eipe Einigung, erzielt,, und Huntes Feuilleton. „Die Juden in der Tiroler Volkssage", so lautete das Thema eines Vortrages, dcu kürzlich der bekannte Hainburger Schriftsteller Herr Dr. Richard Huldschiner hielt. Der Redner wies zunächst einleitend darauf hin, daß nach den historischen Quellen die Juden unter der Herrschäft der Longobarden nach Tirol kamen; später erlitten sie unter der Herrschaft Maria Theresias und Josefs 11. Verfolgungen, so daß gegenwärtig in ganz Tirol eine einzige jüdische Gemeinde besteht, außerdem befinden sich in den verschiedenen Städte» noch ungefähr 400 zerstreute jüdische Einwohner. Um so seltsamer muß es berühren, daß sich eine ganze Reihe vo>» Sagen Tirols mit den Juden beschäftigt, angefangen bei der abrahamischeu Kröte, einem böse» Drachen, den der Lampartenkönig Orruit von seinem bösen Schwiegervater als Danaergeschenk erhält. Der ewige Jude, der „herumgehende Schuster" genannt, zieht dnrch die Täler, geht drei Schritte vor, zwei zurück, auf Baumstrünken, ans denen fünf Kreuze eingezeichni r sind, muß er rasten; mit einer Hexe, der Trno von Mauls, hat er gelost, wer ewig die Welt umziehen und wer auf den Gletschern hocken soll. Das Los verurteilt ihn zur rastlosen Wanderung. Ei»Kruzifix kommt auf der Etsch dahergeschwomme», das Ahasver als das echte „Konterfei Jesu Christ»" erkennt. Die Juden haben Völs gegründet, aber die Gegend bleibt kahl und öde, auf elvig verflucht. Karl der Große bestürmt im Rendena-Tal das Kastell Pelluko, einem hebräischen Tyrannen gehörig. Sieben Bischöfe haben dann tagelang

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.