Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches Volksblatt Nr. 12 seine dort gewonnenen Eindrücke einem Redakteur des Londoner „Jewish Express“ in einem Interview wiedergegeben. Den interessanten Ausführungen Mr. Liachowitzkys — so heißt der freiwillige Forscher — entnehmen wir folgende Stellen: Liachowitzky stammt aus Rußland, lebt jedoch bereits seit mehreren Jahren in Schottland. In Rußland absolvierte er eine Agrikulturschule, «ach Beendigung seiner Studien war er Verwalter eines großen Gutes und ist daher sicherlich berufen, ein Urteil über die Beschaffenheit eines Bodens abzugeben. Liachowitzky war ursprünglich ein Chowewe Zion und besuchte noch von Rußland aus Palästina und die jüdischen Kolonien. Später schloß er sich dem politischen Zionismus an, vor sieben Jahren wanderte er mit seiner Familie nach Schottland aus. Das zionistische Uganda-Projekt erweckte in ihm ein um so größeres Interesse, als er schon viel früher durch schottländische Reisende manches über Land und Leute von Uganda erfahren hatte. Im August des Jahres 1904 entschloß er sich nun auf eigene Kosten Uganda aufzusuchen. Von England fuhr er über Triest, Alexandrien und Port Said. Bevor er jedoch seine Reise fortsetzte, machte er noch einen Abstecher nach Palästina. Seiner Ansicht nach haben sich die Verhältnisse in Palästina während der 15 Jahre, die er nicht dagewesen, wesentlich gebessert. Im Oktober vorigen Jahres setzte er seine Reise über Aden fort, von hier gelangte er nach sechstägiger Seereise nach Mombassa, der englischen Hafenstadt in Ostafrika, Mombassa zählt ungefähr 66 in europäischem Stil erbaute Häuser und 100 Hütten der Ein geborenen. Man sieht hier verschiedene Fruchtbäume wie Bananen, Zitronen, Datteln usw., ebenso verschiedenartiges Gartenobst. Der Rinderstand ist «in außerordentlich großer und in den Flüssen leben genießbare Fische. Im Hafen ist ein reger Verkehr von Schiffen, welche die Produkte Dstafrikas, zum Beispiel Felle, Elfenbein usw., nach Europa befördern. Nach mehrtägigem Aufenthalte in Mombassa erhielt Herr Liachowitzky vom englischen Protek toratsgouverneur auf seine Bitte ein Empfehlungsschreiben und eine Landkarte des ganzen britischen Ostafrikagebietes. Mit dieser Empfehlung versehen, fuhr nun unser Reisender nach Port Florence, der Endstation der Ugandabahn. Diese Bahn wurde von der englischen Regierung gebaut. Die Züge verkehren sehr langsam und die Stationen sind durchschnittlich je eine Stunde voneinander entfernt. Die Reise von Mombassa nach Port Florence dauert 42 Stunden, der Zug bewegt sich so langsam, daß mancher schnellfüßige Neger ihn mit geringer Anstrengung überholen kann. In Port Florence erhielt Liachowitzky auf Grund des obenerwähnten Empfehlungsschreibens in der Polizeistation drei Neger beigestellt, von denen der eine auch etwas englisch verstand. In dieser Begleitung begab sich Liachowitzky zu Fuß bis zum Viktoriasee und hinein nach Uganda. Unterwegs begegnete er nur wenigen halbnackten Schwarzen. Diese eingeborenen Natnrkinder besitzen keine kultivierte Sprache und nähren sich fast ausschließlich von den Produkten des Bodens, da es in Uganda keinen Winter gibt. Als interessantes Moment hebt Liachowitzky hervor, daß die Eingeborenen keinen Zucker essen wollten, hingegen sich an Kochsalz delektierten, daß sie mit großer Lust leckten. Das Land ist gebirgig, dicht bewaldet. Die Luft ist hier bedeutend kühler als in Mombassa, nachts manchmal empfindlich kalt. Regen stellt sich oft ein, von den Bergen rieseln kleine Bächlein. Teiche sind keine vorhanden, ebenso wenig Moskito. Neun Tage lang dauerte die Wanderung täglich von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends, während welcher Zeit eine Strecke von 600 Meilen zurückgelegt wurde. In Nairobi lebt eine größere Anzahl europäischer Farmer, unter ihnen auch drei jüdische Familien, und zwar die Familien Säugler, Schulski und Felsermann, von denen jede eine bestens eingerichtete Farm in der Gemarkung der Stadt Nairobi bewirtschaftet. Jede Familie besitzt ungefähr 640 Acker Land, auf welchem Kaffee, verschiedene Jruchtbäume, Hülsenfrüchte :c. wachsen. Die drei jüdischen Familien beklagten sich bei Liachowitzky, daß sie nicht in der Lage sind, ihren synagogalen Gottesdienst verrichten zu können, utiö sprachen ihre Verwunderung ans, daß sich so wenig Juden von selbst in Uganda ansiedel», während die englischen Ansiedler immer mehr zunehmen. Liachowitzky sah beim Vertreter der englischen Regierung eine ganze Anzahl von Gesuchen um Ueberlassung von Land. Andrerseits protestieren die dortigen Farmer dagegen, daß gerade der beste Teil dieses engl' scheu Kolonialgebietes den Juden überlassen werden soll. Ter für die Ansiedlung der Juden in Aussicht genommene Distrikt ist ziemlich weit von Nairobi entfernt. Nairobi gilt allgemein als fruchtbare Gegend, nach Ansicht Liachowitzkis ist das Ugandagebiet noch fruchtbarer, das Klima gesünder. Das Terrain enthält nach Aussage von Fachleuten reiche Kohlenscbichten und andere wertvolle Mineralien. Das Land bedarf nur einer guten Administration, mit erfahrenen Agronomen an der Spitze. Im Lande gerät der Tee, Kaffee, Tabak und andere Pflanzen, welche ein gutes Absatzgebiet haben. Aber ebenso gedeihen auch Weizen, Gerste und andere Halmfrüchte. Die Eingeborenen arbeiten sehr billig, was Herr Liachowitzki für einen Vorteil hält. Mit Recht bemerkt der „Jewish Express1* hierzu, daß dies ein großer Nachteil für die jüdischen Kolonisten wäre, wie es sich auch in Palästina gezeigt hat, wo billige arabische Arbeiter zu haben sind, weshalb die Juden vom Ackerbau abgehalten oder wenigstens nicht in d,m nötigen Maße zugewendet werden. Zum Schluß empfiehlt Liachowitzky die Durchführung des Projektes als Vorbereitung für eine rationelle Kolonisation Palästinas. Vereinsnachrichten. Matthias Acher im „Var-Kochba". In einem formell meister'hafterr Vorträge Hat Matthias dl ch c r am 20. ds. aus Einladung des atadeuüschen Vereines „Bar-Kochba" vor einem zumeist aus Studenten bestehenden zahlreichen Auditoriuul seine Ansichten über die „Lage, Wege und Ziele des jüdischen Volkes" auSetnandergesetzt. Matthias Acher, als Vortragender in zionistischen Kreisen, ist immerhin ein Ereignis, werm man auch nicht allen seinen Ausführungen bedingungslos beipslichten mag. Der Vortrag, der sicherlich noch einiger Ergänzungen bedarf, die bei Veröffentlichung der Arbeit narhgeholt werden sollte, gipfelte in der ^Anschauung, baß ein Volk über die Hoffnung auf das zukünftige Leben, fdin gegenwärtiges Leben nicht aufgeben dürfe, noch wolle. Das Volt -lelch nicht nach Rezepten, die istm ansoktroy'iert ivevMn, sondern trotz dieser Rezepte. lind dieses Leben pulsiert im Osten. Acher berührte auch die anderen Mischen Tagesfragen, die Auswanderung nfw. Würdig des Vortrages war auch die Tistussivn. Alle Redner anerkannten die 'klassische Forni des Vortrages, aber ebenso tlnuinwUnden betvirten sie, die Schlußfolgevungen, zu denen Acher gelangte, rlicht akzeptieren zu können. An der Debatte beteiligten sich die Herren Dr. H a u s m au n, Dr. Paul Weiseng r ü n, A a t [) a n G r v ß, K a p l a n und phil. M ü l l e r. Zionistischer Mädchen- und Franenverein Fünfhans. Es war ein äußerst gelungener Abend, den der Verein am 14. iy. M. in den Verbandssälen gab. Es herschte äußerordenklich animierte StimnlUllg bis in dell grauen Morgen. Besonders zwei Umstände waren es, die das Gelingen des Abends beförderten: die rührige Agitation des Vorstandes dieses mustergültigen Vereines und andrerseits die Harmonie, welche zwischen Leitung und Mitgliedschaft besteht. Diesen beiden Umständen war es auch zu verdanken,^ daß tu dem ersten Teil sv Hervorragendes geleistet werden konnte und denllvch embeträchklichcs Reinerträgnis erzielt und auch der Nativnalfvnds ans seine Rechmlng kam. Das Programm war durchwegs erstklassig und die Vorträge ausgezeichnet. Die jüdische Elitekapelle L.'Sam et zeigte sich vollständig ans der Höhe der an sie gestellten Ausgabe. Vesvndere» Dank verdient der artistische Leiter Direktor P l o w i tz, der mit seinem Kunstsinne das Programm feststellte und die Ausführung desselben überwachte. Ng.ch den Vorträgen w'nrde flott getanzt und als man bei grauendem Morgen nolens volens dcm'Sa'al verließ, fühlte man sich gedrängt, der Bmpräsidentin Frau Dr. Krenberger, wie-die Honneurs machte, für dell genußreichen Abesio zu danken und um baldige Wiederholung zu bitten. Jüdische Vereinigung Wien. Dielistag den 26. d., abends 8 Uhr, findet im Cafe Neptun, 20. Bez., Mathilden platz 7/ ein Disknssivnöabend statt. Thema: „D i e Inden und die N a t i o ll a l it ä te ll fr a g e in O e st erre i ch". Die Diskussion wird durch Herrn Dr. Hermann K ad i sch eingeleitet werden. Einzelverein „Fünfhaus" des „Zion". Am 20. ds. findet ill Reumanns Restauration, Wien, 14. Bez., Schwendergasse 1, eine Versammlung des Einzelvereines „Fünfhans" des „Zion" statt. Ans der Tagesordnilllg stehen: I. H. Bark-Steiner, Vortrag ernster und heiterer Dichtungen. 2.. Dr. S. Krenberger: „Dr. Herzls Erbe". Die Rainen der Referenten bürgen scholl dafür, daß die Versannliltlug sehr interessant und lehrreich sein wird. Gesinnungsgenossen aller Bezirke und Gäste will- IU1UUKM!. Bo«, Berei« zur Hebung der Gewerbe. $itt» ladnng zu der Frettag den 24. März d. I., präzise halb 8 Uhr abends, tm großen Saale des Hotel G u t H, 2. Bez., Stefaniestraße 14, stattfindeniden Plenarverfannnluiig. Tagesordnung: l. Bericht des Vorstandes. 2. Vortrag unseres Mitgliedes Herrn Professor Richard Singer, beeideter Mrch- und Rechnungs-Sachverständiger, über „Unsere Kredit- und Zlahlungsvebhältnisse" (von großem Interesse für die Wiener Geschäftswelt). 8. Freie Diskussion über dieses Thema, eventuell wegen der zu ergreifenden Maßnahmen zur Behebung der herrschenden Uebelstände. (Damen und Gäste willkommen.) Kraickenunterstützungsverein „Menschenliebe". Die Akademie, welche der Verein am 18.^ ds. im Prachtsaale des Hotels „Franz Josefsbahn" veranstaltete, lieferte wieder den Beweis, daß sich dieser im wahren Sinne des Wortes humanitäre Verein ttr der Bevölkerung Wiens echter Sympathien erfreut. Der Abend war gut besucht, man amiisierte sich prächttg und das Resultat war ein gelungener Abend mit einem schönen Reingewinne, welcher den humanÄären Zweckel.' des Verettrcs zugeführt wurde. Um das Zustandekommen rmd Gelingen des Abends hat sich hauptsächlich das Bergnügungskomitee, bestehend ans den Ausschußmitgliederu Max Bel« l a k, I. G v l d s ch e i d e r und I. Burger verdient gemacht. Wir empfehlen auch auf diesem Wege diesen segensreich wirkenden Verein dev Förderung und Unterstützung unserer Glaubens- und Stammesbrüder. Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. Sonntag den 26. d. M. um 10 Uhr vormittags findet in den Räumlichkeiten des israelitischen HuManitätsvereines „Wien" B'nai B'rith, 1. Bezirk, Univerfitätsskratze 4, die ordentliche Gencralversaurmlung des Vereines statt. Erster Wiener Jüdischer Turnverein. Der erste Wiener jüdische Turnverein veranstaltet am 25. d. M. im Ballsaale Ronacher ein Kostümkränzchen (ohne Kostümzwang). Herren Ball- oder Soiree-Toilette. Saaleröffnung 9 Uhr, Einladungen und Karten (Preis K 2.) sind im Bereinslokale, Wien, I, Mölkerbastei 5, ferner bei sämtlichen Vereinsmitgliedern, sowie im Cafe de France (Schottenring) und Cafe Donau (Praterstraße 10) zu haben. Einzelverein „Wien" des Verbandes „Zion*'. Dienstag den 28. d. M. abends 8 Uhr findet im Saale des Kongreßbureaus,. IX., Türkeußraße,. 9, ein Vortragsabend statt. Referent: Dr. Paul W e i s e n g r ü n über , Zionismus und Sozialismus". Gäste auch Damen willkommen. Zu den bevorstehenden Festtagen empfehlen Palästina-Weine, Qriginalfüllung der Kommandit - Gesellschaft „Karmfcl“ WIEN, II., GREDLERSTRASSE Nr. 9, Ecke Taborstrasse (IB. Mel-, Dessertnnd ^edizinalveine, mit grossem Erfolge ausgestellt auf den PALÄSTINA- AUSSTELLUNGEN: Wien, März-April 1904. Prag, Mai 1904. Berliner Gewerbeausstellung 1896. Köln 1897. Breslau 1897. Hamburger Internationale Garjenbau-Ausstellung 1897: Bronzene Medaille. Frankurt a. M. 1898/99. Pariser Welt-Ausstellung 1900: -GOLDENE MEDAILLE.- estau rant Wien, I., Seilergassel4—Telephon 1276 Erstklassiges geräumiges Lokal mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet. Anerkannt vorzügliche Kliehe, Biere aus den renommiertesten Brauereien, Bouteillenweine, sowie Schankweine in jeder Preislage. 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