Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433088--2875-2436781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
iJüdisches Volk.-hintt Nr. 1 1 Scfnitloor icliv erfreut, beim — fo saute er -- dieses liebe ich ganz besonders! Er rieb zum Grus; seine btase an der meinen und setzte sich in iniirdevolle Positur, um von mir interviewt Zu iverdcu. „Was halten Sie vom deutschen Hochschnltag?" ivar angesichts der Aktualität dieses ThemaS meine erste Frage. — „Blöde Kerle sind diese teutschen Hochschüler," erwiderte der Herr von Schneider springgiftig. „Erstens seh' ich's überhaupt net ein, wo.pl N'.a derrn studieren must. Mnnn's aber wirklich zur Bnltnng notivendig is, daß m'r studiert — ich hob mei Bültnng ohne Studieren — nacha lassat i dös Jndenglnmpert überhanptens net auf d' Hochschnl. I bitt Die, rvia kummt denn nnseralks dazna, auf dieselben Bank zu sitzen mit die Inden? Und wia kann m'r denn vorr unserans verlangen, das; wirs uns g'sallen lassen, das; a Jnd Doktor und Professor wird, unsere Söhn' aber durchsatten? Na, dös mit der perzerktuellen Zulassung zur Hoch sch ul iö a Blödsinn. Kein' einzigen Inden lasset i aus die Universität. Leiber hört man net ans mi!" Ich bestärkte den Herrn Mechanikns in seinen edlen Anschauungen. Seine fesselnden und gemiitstiefell Ausführungen veranlagten mich, ihn nm seine Ansicht über die letzte Premiere des Raimundtheaters zu befragen. — „Gehn's, hörerr's ans mit dem Holler! Dös soll a Kunstwerk sein? Wissen's wie der Aöamns früher geheißen hat? ZldameS, ganz einfach Adames oder gar Aöameles! Daß so a Mensch Nichts Gescheites z'sammenbringt, is doch klar. Wart'ns, bis i amol a Stück schreib, nachher werden's sehen, was a Kunstroerk is! Ten Adames sei Stick hat ja die Alliance ischraelik bestellt! Dös glanben's net? Oho! Wann's den Lessing hat kaufen können, wird's doch noch si'rr'n Adameies a noch gnua Geld g'habt haben!" Ich versuchte das Gespräch mm der Kunst auf eine Herrn Schneider vertrautere Domäne zn lenken. Ich fragte ihn, was er vom Fall Liebi halte. — „Dös fall wieder nur die Juden instand. Jetzt sagt man gar, das; die Liebls kane Inden san. Natürlich ist das a gemeine jüdische Lüge! Wenn man Liebi heißt und mit an er BanknotenfäIscherei verhandelt ist, so ist man selbstverständlich a Jnd! Könnten's Ihnen von mir, von an Arier, vorstellen, daß ich Banknoten fälsch? So dumm kann nur a Jnd sein. Wenn dö Herren Gcbrnder Liebi gescheiter wären, hätten sie sich anss Steinpelsälscheit verlegt. Das is viel lukrativer und es gehört viel weniger Verstand dazu. Ja, nran lnnst eben genug Verstand haben, um zu rvissell, lvvzn man nöt viel Verstand braucht." Endlich komme» wir.auf die Judenfrage zu sprechen, da ich Herrn Schneider nicht verlassen wollte, ohlie seine Anschauungen iiber diese Frage zn hören, die er als Spezialgelehrter in erster Linie zu beantworten berufen ist. Urrd nun taten sich alle Schleusen seiner Beredsamkeit ans. Die Worte überstürzten sich n»d man sah, das; es eine bessere Menschlichkeit war, die ihn zn seinen Auslassungen drängte. — „Ja, die Inden frage! Das ist gar keine Frage. Ich trage mich schon lange mit der Idee, einen Weltkongreß einznberufen. Ans ihm werde ich beantragen, daß man in allen Ländern in den Spvdinmsabriken nur die Knochen von zn diesem Zwecke abgeschlachteton Juden benütze. Wie süf; muß doch der Zucker schmecken, meint man weiß, daß er durch ans Jndeuknochen erzeugten Spvdlinn filtriert wurde. Ich hoffe, daß der Antrag dnrchdringen wird. Sie werden wahrscheinlich wissen wollen, welche wissenschaftliche Theorie ich dieser Idee zugrunde lege? Sehen Sie, Darwin sagt nämlich." Herr Schneider spricht wohl zur Stunde noch immer über dieses Thema. Er war so im Feuer, daß er gar nicht bemerkt hatte, tote ich mich leise ans dem Bereiche seiner Rede entfernte. , . . Telegramme. Petersburg, 15. März. (Meldung der Petersburger Telegr.-Agentnr.) Der Zar erließ ein Manifest, das in hoch-sinniger Weise den Juden gestattet, die Luft des russischen Staates gleich vollberechtigten Bürgern einzuatmen. Nur im Falle des Mißbrauches dieser Begünstigung wird den Juden das Atmen verboten. Den Inden wird des weiteren großmütig die Erlaubnis gewährt, in das kaiserliche Heer einzutreten, als ob sie wahre Söhne des großen rnfstschen Vaterlandes wären. Um sie aber vor Europa nicht zu blamieren, wird der Zar in seiner Huld davort absehen, sie zu Unteroffizieren zu befördern und nur bei ganz besonders strafwürdigen jüdischen Individuen von seinem Beförderungsrecht Gebrauch machen. Um den Inden zu zeigen, wie groß Väterchens Liebe für sie ist, ivird bestimmt, daß besonders exponierte, von Attentaten bedrohte Persönlichkeiten nur Juden als Kutscher anzustellen haben. Durch diese Verfügung wiram eklatantesten die im AnSlanöe von den Feinden Nnßlands kolportierte Nachricht Lügen gestraft, daß den Inden in Rußland nicht jede von ihnen gewühlte berufliche Betätigung zugänglich sei. Bridapeft, 15. März. (Meldung des nngarischen Telegr.-Kvrr.-Vnreau.) Die Krise ist ihrer Losung nahe, da sich Herr Dr. Max Falk bereit Ans diesen Ociöcu Parteien wird das neue Kobipartei zu übernehmen. Die Koffuthpartck wurde der Leitung des Herrn Pank Sandor a »vertrank. Ans diesen beiden Parteien wird das neue Kabinett gebildet und der „Borszem Jankv" zum Amtsblatt gemacht werden. Graf Johann Zichy, Stefan Ralowszky und Franz Kvssnth sahen sich angesichts dieser Wendung veranlaßt, in die von nun an wahrscheinlich vom Grafen Apponyi geleitete liberale Partei einzutreten. Die ungarischen Juden sind über diese Wendung der Dinge sehr erfreut. Es heißt, das; sich alle aufrichtig assimilatorischen Elemente null der Katholischen Volkspartei allschließen werden, um die liberale Partei zn vollkommener Bedeittungslosigkeit herabzudrückeli. Graf Stefan Tisza hat sich nach so glücklich vollendeter Arbeit aits öem politischen Leben zurückgezogen nnd ist wieder in öell alti'ven Militärdienst eingetreten. Uene Sucher. Hermann Bielohlawek; „Das Recht der Inden auf Bildung." Dr. Karl Lncger: „Die Geschichte der österreichischen Demokratie." (Ein historischer Rückblick.) Dr. Adols Stern: „Wie wirkt man am Vesten durch euergische Arbeit für sein Volk?" (Enquete aus Grund einer Preisfrage.) Hermann Noske: „Liberalismus uud Selbstversicherllng." (Memoiren.) Architekt Oskar Marmorek: „A Skernderl am Himi is mei Trost und mei Freud!" (Melaitcholische Gedichte in steierischer Mundart.) Lnciart Brunner: „Nieder mit dem Kapitalismus!" (Eine prölelarisch-öeiil0kratische Kanlpfschrift.) (Fortsetzung aus dem Hauptblatte.) Jüdische Katakomben. Der Professor für christliche Archäologie an der Berliner Universi-! lät Tr. Nikolaus Müller ist init 5er genauen Untersuchung lind der Publikation der jüdischen .Katakomben betraut worden, die »um vor einigen Wochen an den Hügeln von Monieverde nahe bei der italienischen Eiienbahnstakion Trastevere wiedergefttilden hat. Diese Kataivluben liegen unter einem Eolle Rvsaro gcunnnteu Weinberg und hier wurde jetzt ein Eingang enideckk. Der siebenarmige Leuchter, der vielfach angebracht ist, spricht dafür, daß Mugueder der jüdischen Drasteoeregem ein de hier ihre letzte Ruhestätte gesunden hatten. Eine Vorlesung Felix Sakiens. Am Samstag den 11. d. las in der Leseiut& Redehatte jiid. Hochschüler in Wien Schriftsteller Felix Salten im Hörsaal 33 der juridischen Fakultät eine noch unveröffentlichte eigene Novelle vor, die durch ihren seinen Humor das Publikum zu stürmischem Beifall hinriß. Hierauf brachte Salten einen Teil ans dem Drama „Ter Graf von Eharolais" des Wiener Schriftstellers Richard Beer - Hoff - mann znm Vortrag, das in Berlin bereits allsgeführt wurde. d. L. Ein ungültiger Uebertritt zürn Judentum. Ein interessantes, prinzipiell wichtiges Urteil Ijut die kgl. ungarische Knrie gefällt. Eiil Ehristenmädchen, das zum Jndentnme übergetreieu mar, gillg am 21. November Ei vor dem Arader Rabbiner mit einem dortigen jüdischen Kaufmann eine Ehe ein. Diese Ehe nnirbe ans Ersuchen der Frau vom BNdapester Zivilgerichtshvfe siir nu 11 lind llichtig erklärt, da int Sinne des 8 138 des ungarischen Ehegesetzes die Gnttigleit der vor öem Jnellebenh'eteu dieses Gesetzes geschlossenen Ehen nach du älteren 3!echlsbestinnnungen zn benrlesten sind. Da null zur Zeit der Eheschliesmiig der prozeßführenden Parteien eine ungarische Staatsbürgerin christlicher Konfession tt icht Jüdin werden kvltnte, demzufolge ist auch der im Auslände erfolgte Uebertritt der Klägerin zum jüdischen Glanbert nicht als gültig anznsehen, und blieb sonach die Klägerin auch weiter eine Ehristin. Dieses Urteil wurde dieser Tage nun der tgl. Knrie bestätigt. Allerlei Wiener Statistik. Im Mottate Jänner d. I. ivlirden in Wiert zusammen 4540 Seelen g e b o r e l>, 218, urrd zwar 108 männliche, 116 weibliche jüdisch. Hiervon waren 205 eheliche nnd 13 uneheliche Geburten. Ehen wurden in diesem Monate zusammen 980 geschlossen, davon umreit 73 jüdische Ehen und 10 Mischehen. Hierbei umreit in 3 Fällen beide Teile kousessionAlos, tu 5 Fällen der Bräutigam jüdisch, die Braut konfessionslos, nnd in 2 Fällen der Bräutigam konfessionslos, die Braut jüdisch. Austritte a n s d e nt I u d e u t u m gab es 62, irts Judentum sind 6 eingetreten. Israelitischer Krankenunterftütznngsverein „Margareten". Dienstag den 21. ds. veranstaltet der Jsr. KraNkenultterstützungsvereilt für Wieden und Margareten in den Sälen des Hotel Savoy, 6. Bez., Mariahilferstr. 81, eine Maskett- Redoute (ohne Kostümzwang), zu welcher die Kapelle des k. u. k. Jnf.-Reg. Nr. 72 die Valllnnsik besorgt. Die Redonte, welche stets zit den animiertesten zählte, wird Heuer an Amüsement nichts zu wünschen übrig lassen. Das Neinerträgnis fließt ivohltätigeu Zwecken z» nnd sind Karten bei den Mitgliedern, Krampfs Terrassen- Eafe, 5. Bez., Märgaretenplatz 4, uit'ö Diamants Restauratlt, 5. Bez., Margaretenplatz 7, zu haben. Prag, i.Z u V' e i ch c n v e v b r e u n n n g frage.) Am 22. Dezember 1004 ist in Prag Herr JUDr. Atoritz Lichlenstern, Advokat, gestorben. In seinem letzten Willen sprach er n. a. derr Wunsch ans, daß nach hem Ableben sein Leichnam in C-iviha verbrannt nnd die Asche in einer Hirne iit seinem bereits bereiteten Grabe ticben dem Grabe seiner verstorbenen Gattin beigesel't ivird. Diese nt Mtinsche wttrde leine Folge gegeben und die Beerdigung fand nach dein üblichen Ritus statt. Am 21. Jänner 1905 richtete die Gesellschaft zur Leichenverbrenniilig in Prag („Spoleeenstvo pro spalovani mrivvl v Praze") nu das Bezirksgericht für die Altstadt nnd Josefstadt folgende Zuschrift: „An das löbliche k. k. Bezirksgericht für die Alt-nnd Jvsesstadt in Prag! Das„Spoleeenstvo pro pälovani mrtvol v Praze", vertreten durch seinen Präsidenten, den Herrn MUDr. Heinrich Zahor in Prag Nr. 150—l, macht ans die letzkivillige Verfügung des Herrn JUDr. Moritz Lichtenstern ansmerksam. Herr JUDr. Moritz Lichtenstern, Advokat in Prag, hat in seinem letzten Willen die Verfngting gelrofsen, ist in Prag Nr. 410— 1 am 22. Dezember 1904! daß sein 5körper verbrannt werdelt soll. Derselbe gestorben. Trotz seiner Versügnng lvnrde er auf dem israelitischen Friedhof iit Straßnitz beerdigt. Die Sache ist dringend, damit der Anörede, als ob aus sallitären Rücksichten es vielleicht später nicht zulässig sein wird, vvrgebengt werbe. In Anbetracht des Paragraphen 57 des kaiserlichen Patentes vom 9. Angttst 1845, Nr. 208 N.-G., erlauben wir itns, ans diese Angelegenbeit aufmerksam zn machen. Prag, am 21. Jänner 1905. Dr. Friedrich e,ahvr." Das Bezirksgericht für die Altnnd Jvsefstadt in Prag, Abt. 10 erledigte die Eiit-! gäbe der ttzesellschast für die Leichenverbrennnng j in Prag mit der folgenden Zttschrist: „Ans die - Eingabe vom 2!. Jänner 1005, Jonrn.-Nr. 21,! ivird folgende Berstälidignllg gegeben: Dr. Moritz! Lichtenstern, ivelcher am 22. Dezember 1004 gestorbeit ist, hat im Nachhange zn seinem Testamente detr Wunsch ausgesprochen, das; 1. sein Leichnam im Krematorium in Gotha verbrannt und 2. die übriggebliebelle Asche in eine Urne gelegt nnd nur dem neuen israelitischen Friedhof in Straßtiitz in eitlem eigenen, ihm gehörigeil Grabe, ivelches neben dein Grabe seiner Gattin liegt, beerdigt ivird. Ferner bestimmt der Verblichene im Detail die ^Iresschrist ans dem bereits bestehenden Monument, die eventuelle Anbringung einer Gedenklasel daselbst, seitens des Vorstandes der Landes) ndenschaft, den mit dem Leichenbegängnis auf den Friedhof in Straßnitz verbnudeneit Altswand, die (tzrabrede, die Erhalinng des ttzrabeö, des Monumentes ns-v., und spricht auch n. a. den Wunsch ans, daß das Leichenbegängnis mit allen rituellen Zeremonien vorgenommen ivird, und gibt der festen Ueberzengiing Ausdruck, daß diesem Wunsche nachgekommen ivird. Wie malt ans dent Gesagleit ersieht, war es der H-allptivnnsch des Verstorbenen, daß seine Ueberreste neben dem Grabe seiner ihm im Tode vorangegangenen Gattin ans dent Friedhof in Slrasinitz beigesetzt ivetden, nnd daß siir ihn dieser Wunsch wichtiger rvar als der Wmnsch hinsichtlich der Leichenverbrennnng in Gotha. Es ivar auch das Bestreben der Erben, diese beiden Wünsche des Vereivigten präzise zn erfüllen, nnd es ist nicht ihre Schuld, daß sich Hindernisse in deit Weg legten, ivelche in den gegebeneil Verhältnisse» unüberwindlich ivareil. Nach der Zuschrift des Oberrabbinats der israelitischen Knltusgemeinde iit Prag vom 22. Dezember 1904 ist es int Sinne der israelitischett Neligivtlsvorschristen ansg:- schlossell, die übriggebliebene Asche nun einer int Sinne des Testaments verbranniett Leiche auf