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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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o Beilage \\x Nr. 11 des „Iüdischrs Volksülatt". c* * Bolksb Zunächst ersuche ich Sic, sich der hohen Ehre bewußt AU wenden, die Ihnen durch diesen offenen Brief zuteil wird, denn ich diu der Knltusprüsideut, der es war, als er es noch nicht war, es jetzt ist, trotzdem Sie behaupten, daß er es nicht ist, und es sein wird, so lange ich Mandate zu vergebeil haben werde. Aber ich bin besser als der Ewige, dcinl ich dulde neben mir auch andere Götter, weil ich sie dulden — wltß. Was Sie aber von mir wollen, weiß ich einfach nicht. Bei jeder« anderen ist mir dies klar, nur bei Ihnen nicht. Auch andere haben schon krakeelt, aber sie haben vernünftige Wünsche gehabt, und als sie erfüllt waren, hat mall voll ihnen Vlalj’ gehabt. Ta lob' ich inirr den Dr. Bloch, der ist nicht so terroristisch rvie Sie, er begnügt sich mit «000 Kronen mit noch, jährlich, nnd nehmen Sie einmal die Blochenschrist zur Hand, es ist eiire wahre Freude. Oft glaub' ich'S selbst nicht, daß altes so schön in Ordnung geht bei uns . . , Oder sehen Sie sich Ihren Bnnöesgenvsscn Marmorek ans Erinnern Sie sich noch ail die schöneil Abende, als Herr Marmorek lllit seiner lieblichen Stimme uns die unlieblichsten Grobheiten an nufere ergrauten Köpfe schleuderte? ... Da sind Sie ein Waisenknabe gegen diesen schneidigen Herrn! Schauen Sie sich ihn jetzt all! Der Mann scheint überhaupt keinen Mund zlt haben, er ist der netteste Mensch von der Welt und mir sitzen so lieblich beisammen, daß es eine Freude ist. Aber mit Ihnen kann marr überhaupt nicht reden; Sie sind schlimmer als ein Antisemit, Sie wollen alles besser haben, und so lange ich da bin, gibt's das nicht! Sie wissen, ich rede nicht gerne, wenn man mir nicht znhört, aber ich will Ihnen einiges erzählen von beii vielen großen Reformen, die ich eingefnhrt habe, die sicherlich Ihre mir übrigens unmaßgebliche Meinung über nlich ändern werden. 1. Habe ich einen eigenen Beamten zur Evidenzhaltling der Tarifen ausgenommen; 2. habe ich die Armerlfrage dahin gelöst, daß ich einfach erkläre, es gibt keine Gemeindearmen, sondern nur Vereinsarme, die KnltnSgemeinde kamt daher mit Ruhe erklären, daß sie keine Armen habe; 0. habe ich die Protektionswirkschast — ariderer vollständig lahmgelegt, diese lvichiigste Gemeiube a ng e! e gen h ei t s vzu sa ge il zellt rat ist e r t; 4. habe ich einen KvlvnisationSverein gegründet. Ich habe meine reichen Freunde für diesen Zweck jedoch nur unter der Bedingung 3» gewinnerl vermocht, daß n) die erstell Kolonisten zu bestehen haben werden ans der Zledaktivn des „Jüdischen Bvlksblatt", derll Vorstände der Schiffschul, dem zionistischen Landeskorwitee, meineil „Freunden" der „Ununt" mib noch einigetl meiner guten Freunde; •C») als Kolouiatrabbiner unser geliebter Ütabbiiter Dr. David zu fungieren habe, der für diefell Ziveck um so entsprechender ist, als es bekannt ist, daß irr Patästina der Ztegell eine Seiteuheit ist. Wen» nun der Ziege» zu lange ansbleibt, so brallchte llwll nur den Dr. David alls delll Felde sprechen zu kassetl mit» wir hatte» die billigste lind natürlichste Berieselung; 0. habe ich die Answaiideritngssrage genau nach dein Muster der Arnien frage geregelt. Ich habe nämlich dafür gesorgt, daß dem Anoinandereru die Luft vergeht, nach Wien zu kommen. Es gibt also in Wien keine Answandernngsfrage mehr; 0. will ich die Frage der jüdischen Gewerbetreibenden reformieren, iuöem ich überhaupt keine Arbeiten lnehr vergebe. Auf diese Weise verdränge ich die Juden voll! Gewerbestande, während die vorhandenen jüdischell Gewerbetreibenden eillfach Hungers sterben. Gibt es nlnt einmal — lllid das wird bald der Fall sein — keine jüdischen Gewerbetreibenden mehr, so hat sich diese Frage voll selbst gelöst und allch Sie werden eiusehen müssen, daß ich bann nur nichtjüdische Gewerbetreibende beschäftigen kann. Und da ich sicher An, daß dieser ideale Zustand in kürzester Zeit eintreten wird, so fange ich jetzt! scholl au, die jüdischen Gewerbetreibenden als z nicht vorhanden zu betrachten. Ich könnte Ihnen noch eine ganze Reihe solcher segensreicher Reformen aufzählen, aber ich lvitt mich n'icfjt belästigen. Ich mache Die nur lroch aufmerksam, daß ich an der Reform des hebräischen Sprachunterrichtes eifrig arbeite und hoffe, mit ihr bis zur Gründung unserer ersten Kolonie in Palästina fertig zu werden. , Ans all dem Angeführten sollen Sie aber nicht den Fehlschluß ziehen, daß ich mich gegen Ihre ungerechten Vorwürfe verteidigen will; das ist ilicht der Fall, ich will nur Ruhe haben, denn ich bilr nicht zu Ihren! und dem Vergnügen meiner Beamten da. Apropos! Sie kultivieren jetzt auch den Jargon! Das sollten Sie doch lieber dem „KikeriC'L" überlassen. Damit Sie aber iefjeit, daß ich für mein Volk auch ein Opfer des Intellektes zu bringen imstande bin nnd andrerseits vor Ihnen keine Angst habe, lvitt ich urirh von Ihnen in ll n s e r e r jüdischell Sprache verabschieden, indem ich Ihnen zurufe: „Ihne G e r a n n z liegt mir ans!" Könnte gezeichnet sein von Dr. Alfred Stern. Zwei Buben seh' ich keuchend laufen, Ter eine schreit: „Ich geh' mich taufen!" Der andre lacht: „Ich bin gescheiter: Ich bin getauft nnd jüdle weiter." , Bei einer» fetten Schweinebraten Tun zwei Rosche Kohl beraten, Deirl einett ist das Schächten heilig. Der andre braucht die Mikwah eilig. *•- ty' Öfy e.iJ & Ich heiße Fabrizins F r a g m eier und bin Interviewer. Neulich saß ich irr der Nedaktionsstnbe Nlld grübelte eben darüber nach, wem ich ■mm zur Abwechslung meine tiefsinnigen Gedanken nlld geistvollell Einfälle über die Vorkommnisse des Tages in den Mund legen sollte. Da füllt mein Blick auf ein Zeitnngsblatt, das die Nachricht vom Beschlüsse des Wiener Stadtrates bringt, daS Schächten nur bei voryergegaugener Betäilbnng der Tiere zu gestatten. „Heureka!" rief ich freudestrahlend ans. Nun ivird's ein Interview mit einer „Persönlichkeit" geben, die gewiß am kompetentesten ist, über die entsprechendste Tötnngsart der Rinder ein sachverständiges Gutachten abzngcben. Ich werde einfach einen großmüchtigen Ochsen um seine „mastgebliche" Ansicht befragen. Warum allch nicht?! Habe ich doch erst neulich den Nlinister Rhinozeros interviewt, kurz darauf dell Abgeordneten Kamel und zuletzt den Professor Esel — warum sollte ich also nicht einmal auch einen Ochsen, einen tu i r kl i ch e n, i e i b h ästige n Orhsell interviewen. Um so wehr, als es sich »ln eine Augelegenheit handelt, in der nur e r ein Sachverständiger ist. Gedacht, getarr! Ich sprang rasch ans eine Tramway, ans der die Tafel „Zenlralviehmarkt" zu lesen war. „Führen Sie mich bitte zum größten Ochsen," sagte ich, dort augelangt, zum erstell Rinde, das mir begegnete. „Womöglich zum O b e r o ch s e n." Wir passierten ein größeres Rudel Kühe, Kälber mtö Ochsen, die in lebhaftem Gespräche begrissen waren. Ans einzelnen Worten entnahm ich, daß die Schächtfrage das Thema bildete. Endlich kamen wir zur Behanfnng des Oberochsen. Eill reizendes Kalb mit dert naivsten Angerl lmhm mir im Vorder raume die Visitkarte ab. Scholl nach lvelligeri Augenblicken kam daö Kälbchen zurück nitd mit herzgewinnendem Lächeln sagte eö: „Seine rindvk'hliche Giraderl läßt bitten." Aiit überaus herzlichem „Akuh!" begrüßte lliich der Obervchs nnd wies mit dem Kopse du« ladend ans das ihm gegenüber befindliche Strohlager. „Sie wünschen offenbar »teilte Ansicht über löte Schächtfrage zu hören," begann er, indem er ein Bund Hell aus der Krippe griff und mit freundlicher Miene einen Teil davon mir reichte. „Ich bin bereits durch meine Leibblätter über diese Frage informiert." Dabei wies er aitf einen Hügel-von Zeitungen, der neben ihm lag. Es befanden sich dort die „Deutsche Zeitung", das „Deutsche Vollsblatt", die „Reichspost" und der „Kikeriki". „Namentlich die „Deutsche Zeitung"," Hub der Obervchs von neuem an, „die ja, wie Sie wohl wissen werden, unser Sprachrohr ist, lese ich täglich vort A bis Z. Es ist ein wahres Labsal in diesem Blatte, so alles von der Ochsenperspektive aus beurteilt zu sehen. Diese Blätter sind mir dermaßen zum Bedürfnisse geworden, daß ich, rvenn ich sie einige Zeit nicht lese, direkt meinen Ochsenoerstand verlieren müßte. Alles, was unsereiner instinktiv fühlt, findet er hier in vortrefsl'icher Weise zum Ausdruck gebracht. Wir Rinder sind nämlich ohne Ausnahme geborene Antisemiten. Sie fragen warum? Nun, dieses Judenvokk ist eben an unserem Unglücke schuld. Bedenken Sie, daß jeder Jude durchschnittlich nur zehn DekagramnMiudfleisch täglich ißt, fo macht dies jährlich mehr als 36 Kilogramm aus. Und es gibt viele Millionen Inden! Wie viele Rinder müssen also in ihrem blühendsten Leben dieser Teufelsbrut zum Opfer fallen! Sie werden mir sagelk, daß auch die Christen nicht durchwegs Vegetarianer sind? Ja, das ist aber doch ganz was anderes! Die Christen haben eben in ihren Religionsvorschrisieu keine Speisegefetze wie die Juden. Bon der Gesetzgebung Moses' her datiert unser Haß gegen diese verruchten Söhne Sems. Wäre es Moses nicht ein Leichtes gewesen, ein Verbot des Fleisches überhaupt als elftes Gebot aufznnehmen! Hellte, wo die zehn Gebote bereits Gemein-gut aller Kulturvölker geworden sind, würde es in diesem Falle nur lauter Vegetarianer geben. O, welch eill Paradies wäre danrl die Erde für llns! Allein Moses tat nicht nur das nicht, sondern er teilte die Tiere in reine und unreine; erklärte nrrS Rinder — welch ein blutiger Hohn! — für „reine" Tiere nnd hetzte dadurch feine Volksgenossen ausschließlich auf uns. Würden alle Inden, ähnlich den Christen, auch Schweinernes usw. essen, so würden naturgemäß von uns harmlosem Rindvieh weniger Opfer gefordert werden. Sie seheil, mein Herr, daß «wir Ochsen, ab- ■gefehen von aller sonstigen Wahlverwandtschaft und Geistesähnlichkeit, atlch noch überaus triftige Gründe haben, mit den Antisemiten zu sympathisieren. Was jedoch die Tütungs a r t anbetrifft, so muß ich, so sehr ich auch daS diesbezügliche humane, lvitt sagen rindviehlichc Bestreben der Antisemiten anerkenne, dennoch erklären, daß es uns schließlich ziemlich egal ist, in welcher Weise wir ins bessere Jenseits befördert werden. Ob durch Schlag, Hieb, Stich oder Schnitt — ich bitt' Sie — gehupft wie gesprungen . . Und welche Methode die angenehmste sein soll, läßt sich auch nicht zweifellos seslstellen, da bei einem nnd demselven Ziinde immer nur eine Art erprobt werden kann. Mein Vorschlag geht aber dahin — nnd ich fasse ihn in den Appell au die Menschen znsa'.nw.en: Werdet Vegetarianer und errichtet Versotgungstzänser für arbeitsunsähiges Vieh! Den Antisemiten möchte ich aber znrnfen: Die zahlreichen geistigen Bande, die von allem Anfang an zwischen euch und uns Ochsen bestehen, sind durch eure neueste Aktion gegen das Schlichten um eines vermehrt worden. Und mehr denn je gilt heute das Wort: „Was ein rechtes Ztindvieh ist, muß ein Antisemit sein!" Nach diesen feierlich gesprochenen Wörter! erhob sich der Oberochs recht würdevoll mrd nickte freundlich lächelnd, zum Zeichen, daß die Audienz zu Ende fei. * * * Eitle Empfehlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus verschaffte mir Eillgang bei dem Herrn Reichsrat Mechanikns S ch neide r. Als ich eintrat — es war gerade Frühstückszeit — verspeiste der Herr Nlechanikns eben ein poluisches Inden kotekett. Als ich m ittei lte, daß ich als Mitarbeiter deS „Jüdischen Bolksblatt" vor seinem strengen Antlitz erschien erl sei, tat Herr

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