Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 11 Referenten Dr. Schnabl, öle Erträgnisse der Dr. Mols Sacks scheu Technikerstiftung rm Gesamtbeträge von K 8400,— konform den Anträgen des Referenten BanrateS Stiaßny verliehen. Subventionen, bcziehnngsweise Snbvcntionserhöhttugen, werden bewilligt dem Tempelbanveroin im 10. Gemeürdebezirke Favoriten; dem Vereine zur Veranstaltung von Jugerrdgottesöiensten an den Hohen Feiertagen „Teftlas- Haneoriln", der L. D. Königsbergschen Müöchenschnlstrftung. Behufs erhöhter Beaufsichtigung der jüdischen Findelkin-der durch Organe der n.-ö. Landessindel-an statt wird der vom LandesauAschusse zur Deckung der diesbezüglichen Kosten beanspruchte Betrag bewilligt. Schluß der Sitzung halb 2 Uhr Mittags. Von der rnssischen Grenze. H u s i a t y n, 9. März. In der letzten Zeit trafen geradezu Massen von russischen Auswanderern hier ein. Die Situation der hiesigen Juden ihren unglücklichen Volksgenossen gegenüber ist eine ungemein schwierige, ha mangels einer entsprechenden Organisation, die man wäre versucht zu sagen „erste Hilfe", — fast völlig der privaten Initiative überlassen bleibt. Namentlich der Verein „Bnei Zion" leistet in dieser Beziehung ungemein Ersprießliches und seinem Einschreiten ist es zu danken, daß die Auswanderer doch einigermaßen vor den Ausbeutungen der Auswanderungsagenten an der Grenze geschützt sind. So gelang es, den Auswanderern Effekten und Geld zurückzuverschaffen, das ihnen teils abgeschwindelt, teils direkt gestohlen worden war. Der Verein versorgt die Auswanderer überdies mit den von zionistischen Vereinen herausgegebenen Reiseinstruktionen und geht ihnen auch sonst in jeder Weise an die Hand. Anläßlich der jüngsten Generalversammlung des Vereines wurde eine Aktie der Kolonialbaak gekauft und für den Nationalfonds Spenden gesammelt. Das Komitee wurde wie folgt gewählt: Die Herren: A. L. Grünberg, Obmann, Aron Rosenzweig, Vizeobmann, Lorenz Rathauser, Kassier, David Auerbach, Sekretär, Philipp Liebster, Wirt, Pharm. Magister Leon Safrin, Moritz Pohoryles, Bernhard Schwebet, Leib Rosenzweig, Schaje Lewites, Moritz Sommerstein als Ausschußmitglieder ohne Funktion, ferner als Vertreter die Herren: Abraham Linder, Wolf Kleiner, Hersch Siderer. Deputation sibirischer Jude« bei Witte. Petersburg, Anfangs März. Vor einigen Tagen traf hier eine Deputation sibirischer Juden ein, die dein Minister nächst einleitend auf die kulturelle Bedeutung des Witzes und Humors hin. Lachen und Weinen sind zwei Pole des menschlichen Gemüts. Wie ein Volt lacht und weint, so ist es. Jedes Volk und Zeitalter hat seine besonderen Witze. Wie der deutsche und französische Witz voneinander verschieden sind, so unterscheidet sich der moderne von dem des Mittelalters,' und auch jeder Stand hat seine Witze, so sind die Offizierswitze verschieden von denen der Studenten. In bezug aus die Berechtigung der Witze sei hier nur auf den Ausspruch Goethes hingewiesen: „Wer sich nicht selbst znm Besten haben kann, der gehört wohl selbst Nicht zu den Besten." Bon diesem Standpunkt im allgemeinen sind die jüdischen und auch die antisemitischen Witze im besonderen zu betrachten. Was versteht man nun unter „jüdischem Witz"? Die Definition dieses Begriffes ist sehr schwer, jedenfalls wird gar manches als jüdischer Witz und Humor bezeichnet, was durchaus nicht immer Anspruch auf diesen Namen hat. Der wirklich jüdische Witz ist aus dem jüdischen Wesen heraus geboren, er ist wohl scharf, aber niemals rigoros. Bei uns tm Westen find es Heine und Börne, die man wohl als Vertreter des jüdischen Witzes in der Literatur bezeichnen kann, und wer die Juden des Ostens kennt, der mutz ihren sarkastischen Witz bewundern; diese beziehen sich doch größtenteils ans talmudische Aussprüche und sind daher oft den Juden des Westens unverständlich. Welches sind nun die Quellen jüdischen Witzes? Da sind nun in erster Linie als mündliche Quellen die Anekdoten der,^Landerralbbtner" („MaggMm") zu nennen, die vielfach allerdings im Jargon sich fortgepflanzt haben. — Bei dieser Gelegenheit protestiert Redner dagegen, daß man Redner, wie Kaltsch, Stettenheim und Jakobsohn usw. als jüdische Humoristen bezeichnet, weil sie zufällig als Juden geboren sind. Diese Männer, obgleich allgemein und mtt Recht anerkannt als Humoristen, kann man doch nickt als Vertreter von „jüdischem Witz und tßununr charakterisieren. — Weitere Quellen des Witte ihre Aufwartung machte und ein beredtes Memorandum überreichte. „Der sibirische Jude", heißt es in dem Memorandum, genießt ivcniger Freiheit als ein Verbrecher. Der sibirrsche Jude hat nicht das Recht sich in einem anderen Ort als in dem er wohnt, überschreiben zu lassen. Ja er darf nicht einmal den Ort verlassen, in den er eingeschrieben ist. Diese Beschränkung geht so weit, daß ein sibirischer Jude nicht einmal auf eine Stunde ohne Erlaubnis des Bezirkshauptmannes seinen Ort verlassen darf. In Sibirien wurde der Jude überhaupt unter die Aufsicht der Polizei gestellt ohne deren Erlaubnis er sich sozusagen nicht bewegen darf. Man kann mit Recht behaupten, daß der sibirische Jude der Sklave der Administrativnsbeamten ist, die ihn wie wilde Thiere verfolgen und, je nach ihrer Laune ohne jede vorherige Mitteilung von einem Gouvernement in das andere oder sehr oft von einer Stadt in die andere verschicken. Im weiteren Verlaufe des Memorandums wird ein historischer Ueberblick über die Geschichte der Judengesetze in Sibirien gegeben. Es wird nachgewiesen, daß alle diese Gesetze auf Jrtümer beruhen, indem die meisten dieser Begrenzungen von Kommissionen stammen, welche gar kein Recht hatten, neue Gesetze zu erlassen. Nun ist die Zeit gekommen", heißt es im Memorandum, „wo man einsehen muß, daß auch der russische Jude ein Mensch ist und es ist die höchste Zeit, daß den Inden menschliche Rechte gewährleistet und sie von ihren schweren erdrückenden Fesseln befreit werden. Diese Ausnahmsgesetze erniedrigen nicht nur die Juden, sondern das ganze russische Volk. Ihre Folgen werden nicht nur die Juden spüren, sie sind vielmehr das größte Hindernis für die kulturelle Entwicklung Rußlands. Die Abschaffimg der einschränkenden Judengesetze bedeutet eine Lebensfrage für fünf Millionen Menschen und liegt im Interesse des Reiches, ihre nützlichen Folgen würde das ganze russische Volk genießen. Es ist eine Forderung der elementarsten Gerechtigkeit, daß all diese, "dds Leben deb russischen Juden erniedrigenden und erbitternden unmenschlichen Ausnahmsgesetze, so rasch als möglich abgeschafft werden. Ist jedoch das Ministerkomitee der Ansicht, daß die Zeit der gänzlichen Abschaffung aller Judengesetze noch nicht gekommen sei und daß dieAenderung dieser Gesetze nur allmählich vorgenommen werden könne, so bitten die sibirischen Juden, daß vorderhand wenigstens die allerdrückendsten Gesetze geändert und die sibirischen Juden, zumindest den übrigen russischen Juden im Ansiedlungsrayon rechtlich gleichgestellt werden. Zur Auslvimdmmgsfrilge. Die Auswanderung nach Amerika hat eine neuerliche Einschränkung erfahren. Nach einer dem Ministerium des Innern zngekommenen Mitteilung hat der amerikanische Auswandernngskommissär in Ellis Island eine Verordnung erlassen, wonach jene Einwanderer, die keine Geldmittel in der vorgeschriebenen Höhe besitzen oder deren Reisezcel nicht bekannt ist, ohne Verzug von der Landung ausgeschlossen und deportiert werden sollen. Da diese Verordnung geeignet ist, die Zahl der zurückgewiesenen Ennvanderer erheblich zu vermehren, erscheint es dringend geboten, daß die nötiger: Veranlassungen getroffen werden, damit die Auswanderer und insbesondere die von den heimischen Häsen abfahrenden Emigranten schon vor ihrer Einschiffung ans diese Bestimmungen aufmerksam gemacht und hierdurch vor der für sie so lästiger:, ja in den meisten Fällen verderblicher: Deportation bewahrt werden. Ein Mittel, um die in manchen Fällen unvernreidliche Deportatior: für die davon Betroffenen leichter erträglich zu machen, hat Herr Dr. U. B r e t t h o l z in Triest gefunden. Freilich ist dieses Mittel nur ein kleines Hilfsmittel, das kaum imstande ist, den Triester lokalen Bedürfnissen zu genügen, das heißt, der: nach Triest zurückbeförderten jüdischen Auswanderern aus ihrer Notlage zu helfen, geschweige der:::, die Frage im großen zu lösen. Da aber das vor: Dr. Brettholz im kleinen versuchte Mittel auf dem Prinzipe der Selbsthilfe basiert, und damit auf eine ungleich gesundere Basis gestellt ist als viele humanitäre Institutionen, und da der in Triest im kleinen gemachte Versuch ganz gut auch von einer besonderen Organisation im großen ausgeführt werden könnte, sei es gestattet, die Methode der diesbezüglichen Triester Hilfsarbeit hier zu veröffentlichen. Ein Triester jüdisches Lokalkonntee, das sich zur Aufgabe stellte, die Reklamationen der jüdischen Auswanderer zu prüfen und eventuell einzuschreiten, hat in Triest eine Art Assekuranzgesellschaft eingerichtet, die folgendes Prinzip hat: jeden von Amerika Zurückgewiesenen in ein anderes Land zu senden und natürlich die Mittel dafür aufzubringen. Woher die Mittel beschafft werden? Jeder einzelne der Reisenden hat eine Krone dem Komitee zu übergeben: auf einem Schiffe sind ungefähr 6—800 Glaubensgenossen, es kommen also 3—400 fl. zusammen; wenn nun 15—20 Personen zurückkommen (und man weiß ja nicht, wen das Unglück trifft, und so zahlt jeder die Krone), haben sie bereits ihre eigene Kasse. jüdischen Witzes, namentlich mündliche, siüd die Börse und namentlich in Berlin die Anwaltszimmer. Diese letztere Quelle hat aber in neuester Zetit durch den Tod des Geh. Justizrat Staub, des bekannten Kommentators des Handelsrechtes, große Einschränkung erlitten. Welches sind nun die Objekte des Witzes, die die jüdische Volksseele sich aussucht, nur an ihnen ihren Scharffinn zu üben. Da ist in erster Reihe zu nennen die lustige Person des Ostens, der „Marschallik", wie ihn Franzos so unnachahmlich in seiner nachgeassenen Novelle „Der Pojaz" in der Person des „Jtzig Tüvkischgebb" geschildert hat. (Dieser ist dort allerdings mehr der Vertreter des gesunden Menschenverstandes als die direkt lustige Person.) Weitere Objekte des jüdischen Witzes sind der „Schnorrer", der bereits oben gekennzeichnete „Magtd". (Der bedeutendste Vertreter dieser letzteren! Gattung ist wohl der namentlich in jüdischen Gelehrten- und Lehrerkreisen wohlbekannte „Dubnoer Magid" [fo benannt nach der Stadt Dubnoj, der eine seltene Gabe besaß, allgemein moralische Erwähnungen in leichtverstäMliche Gleichnisse zu kleiden und dessen Werke noch heute eine Fundgrübe jüdischer Homiletik bilden.) Des weiteren iibt sich der Witz an Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, wie der Rabbiner, dessen Unwissenheit in weltlichen Dingen urrd Unerfahrenheit inGeldsachen als besonders typisch bezeichnet wird; ferner die Frau des Rabbiners lRöbbezen) und der Tälmudjünger (Bocher). Aus diesem entwickelt sich oft, wenn er ins praktische Leben übergegangen ist, der „SchlemM", der von Kompert so unvergleichlich geschildert, und ist durch Chamisso Gegenstand der Weltliteratur geworden. Auch der „Schadchen" (Heiratsvermittler) bildet oft die Zielscheibe des jüdischen Volkswttzes, denn wie der ,-Schnorrer" vor allen Dingen typisch durch seine große Dreistigkeit ist, so der Schadchen durch seinen unverwüstlichen Optimismus. Weitere Objekte des Witzes bilden der Borsänger, Synagogendiener um SchuMopfer, die, ähnlich wie rm deutschen Volkswitz der Dlorfschutlehrer, sehr oft den Typus des Hungerleiders bilden. Sehr häufig vereinigt der Bolkswttz alles auf eine Person, der er dann alle möglichen Eigeüschaften zuschreibt, wie z. B. Friedrich der Zweite, General Wrangel, Till Eulenspiegel im de:rtschen Volksleben, so Löbel Schottlünder (Breslau), Reb Abosch Cerkow (Russisch-Polen) und Leibele Fürth (SüddentschlaM) unter den Juden. Redner wendet sich dann noch zu den antisemitischen Witzen, wie sie in den letzten Jahrzehnten besonders ein Spezisikrmr der fliegenden Blätter bilden und betont, daß die Inden sich durchaus nicht gegen eine Verfpottmrtz ihrer etwaigen Schwächen wenden, wogegen sie aber anfs lebhafteste protestieren müssen, ist, daß man die Fehler einzelner verallgemeinert, sie als Karikatur hinstellt und alles durch maßlose Uebertreibung ins Lächerliche zieht. Am Schluß seiner Ausfiihrungen wendet sich Redner noch einem besonderen Gebiet des jüdischen Witzes und Humors, der politischen Satire, zu. Diese ist neueren Datums; besitzen wir in Deutschland eine politische Sattre überhaupt doch erst seit den: Jahre 1848 und die Juden besonders haben eine politische Satire nicht gehabt, weil es ja keine jüdisch-politischen Fragen gegeben, erst in letzter Zeit, seitdem die Jnbenfrage akut geworden und auch der Zionismus die jüdisch-politischen Fragen aufgerollt hat, hat sich als Niederschlag dessen die jüdisch-politische Satire gebildet, die ihre Hauptvertreter in dom in Berlin unter Mitarbeiterschaft des Redners erscheinenden „Schien:ihl" fiüdet. Die interessanten Ausführungen des Redners, die durch vielfache Proben jüdischen Witzes und Humors gewürzt waren, fanden bet den zahlreich erschienenen Zuhörer» den wohlverdienten lebhaften Beifall.