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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 11 Wogung feit ihrem Entstehen abgelehnt, verhöhnt und verfolgt — weil sie wußten, daß national bewußte Juden sich nicht als Werkzeug für die deutschen Hegemoniegelüste gebrauchen lassen werden. Wir Juden als Minoritätsnation können naturgemäß nie mit solchen Nationen ein Schlißuild Trutzbündnis anbahnen, beucit es nach Hegemonie, liach Unterdrückung der allderen Natiorren gelüstet. Nlcr mit jenen Nationen werden wir vori Fall zu Fall Zusammengehen können, die gleich ullS für bisher unterDrücftc nationale Rechte kämpfen. Darum fallen die Deutschell, Magyaren mld Polen aus den Kreis unserer Erwägungen. Wie unsere Stellung den Ruthenen, Böhmen, den ungarländischen Nationen, den Italienern, Kroaten und Slowenen gegenüber zu sein bat, ncöge in einer an diesen lediglich ailregenden Artikel sich anschließellden Diskllssiou besprochen werdeir. 0. An die jüdische Bevölkerung Wiens. In einer äußerst traurigen politischen und wirtschaftlichen Lage befiubcu sich unsere jüdischen Volksgenossen in Gesamtösterreich und ilisbesondere in Wien. In sich gespalten, von heuchlerischen Freuildeil ausgenützt, stehen sie Gegnern gegenüber, die sie als eure inferiore Rasse, als Ausbeuter politisch und wirtschaftlich bekämpfen, boykotieren und zu Parias im Staate degradieren wollen. Die „Jüdische Vereinigung", die sich vor kurzern mit dem Programme des jüdischen Volksvereines konstituiert hat, wird im Sinne dieses Programmes die wirtschaftliche und politische Organisation der Juden auf national - sozialer Basis anstreben. Sie will eliergisch fördern die physische, g e i st i g e Ulld wirtschaftliche R en aiss cince aller unserer jüdischen Volksgellossen bis zu dem letzten und ärmsten hinab. Wir wollen stets eingedenk sein unserer Solidarität mit uilseren Brüdern im Osten, alles fördern, was zur Erlangung einer Heimstätte für sie geeignet ist. Andrerseits wollen wir die politischen und sozialen Rechte der Juden Oesterreichs wahren und erweitern. Wir wollen, daß die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes mit allen übrigell Völkern der Monarchie endlich verwirklicht werde. Niemals aber lvird es rms hiilderll, alle jene Bestrebungen ailderer Nationalitäten zli ullterstützell, die in den früher ausgestellten Postulaten ulls Nechllung tragen und mit uns gemeinfam an dem Aufbau eines v ö l k e r v e r s ü h il t e ll, wirtschaftlich r e g e ll e r i e r t e ll O e st e r- Aus den encien Mauern, die ich noch nie verlassen barte, fuhr ich nun hinaus in die weite, in die schöire, fiele Gvttesnalur. Schon sah ich im Geiste du Gegenden sich vor mir erU ollen. sab in der Phantasie die Berge, die Täler. Flüsse, Wälder, Städte, Dörfer und Fluren an mir vorüberziehen und Frohsicru schmellte mein jugendliches Gemüt. Sehnsüchtig blickte ich zum Fenster hinaus. Bald jedoch wurde ich bitter enttäuscht. Wir durchzogen die südöstl chen Gegenden Mährens, keine Felsen Wälder und Flüsse ze'gten sich, sondern eine reizlose Ebene. Kartoffelfelder, Hutweiden mit grasenden Viehherden. Keine Alnvechsluug, kein Punkt bot sich dar. an dem mein nach Nalurschöiiheit lechzendes Auge haften konnte. Ermüdet vom Hmausschanen, war ich nun bemüssigt, rm Innern des Wagens bei den Insassen Zerstreuung zu suchen mib sah mir jetzt meine Nrisegesellschaft genauer an. Sie bestand ans Vater, Mutter und zwei Töchtern. D?r Vater war ein gebrechlicher Greis, halbtaub, die Mutter eine verwitterte Alte, welche in ihrem Maiwer Jabak und in U)uu< Deutsch-Chumesch emsig las und endlich die beiden Töchter. Sie waren zwischen 30 bis 35 Jahre ulr; ihren Gesichtszuzen sah nian es an, daß ihr Lrbeiislenz vorüber, und die Svmmerreife schon gekommen war. Da Vater und Mutter nicht in Betracht kamen, so blieben nur die beide» Schwestern, mit denen ich eine Unterhaltung auknüpfen konnte. Die ältere sprach mit einer Altstimme, die jüngere mit Hellem Sopran. Aber stanneuswertes Wunder — sie waren beide sehr brüst». Alle die Ritterromane und Räubergeschichten, die ich oben erwähnte, hatten sie reichs arbeiten wollen. Ihr Juden Oesterreichs, erwacht aus eurer Lethargie, erinnert euch an eure Pflichten, an euch selbst und an euer Volk! Helft uns mitbegründen eine Organisation zur Wahrung eurer politischen, national-sozialen Interessen! Unsere Parole aber wird allezeit sein: „Alles durch uti b allcs für das jüdische Volk!" Wien, den 14. März 1905. Med. Jehuda I r r g a n g . Adolf B o j k o Schriftführer. Präses. Politische Wochenschau. Die Aera Gautsch führt sich mit einer Verbeugung vor den Christlichsozialen ein. Während bisher auch ein Jude hoffen durfte, die österreichische Staatsbürgerschaft auf Grund eines zehnjährigen Aufenthaltes in Wien erlangen zu können, ist diese Aussicht infolge einer am Mittwoch gefällten Entscheidung des Berwaltungsgerichtshofes fast ganz geschwunden. Denn während der Verwaltungsgerichtshvf noch vor einigen Monaten entschied, daß in bezug auf die Erteilung der Staatsbürgerschaft den Verwaltungsbehörden kein freies Ermessen zustehe, sondern daß ein Rechtsanspruch auf die Einbürgerung bestehe, wenn ein Aufenthalt von mindestens zehn Jahren in Oesterreich nachgewiesen werden könne und der Gesuchsteller nicht abgeftraft wurde, erkannte der Verwaltungsgcrichtshof nun im Gegensätze zu dieser Entscheidung das freie Ermessen der Verwaltungsbehörde und deren Recht, das Gesuch abschlägig zu bescheiden, auch in Fällen zu, wenn der Werber um die Staatsbürgerschaft den gesetzlichen Anforderungeu entspricht. Das heißt mit anderen Worten: wenn einer auch hundert Jahre in Wien lebt, nicht bestraft wurde und auch sonst nichts Nachteiliges geg-n ihn vorgebracht werden kann, wird er die Staatsbürgerschaft nicht erlangen, wenn er ein Jude ist. * * * Die polnische Schlacht« scheint der Ansicht zu sein, daß sie an den Propinations:echten noch nicht reich genug geworden ist und macht nun alle Anstrargnngen, di? Verlängerung dieser Rechte auf weitere fünfzehn Jahre durchzusctzen. Gegen diese Absicht richtet sich eine starke Bewegung unter den galizischen Schankern, die für den 29. d. M. in L mberg eine Versammlung abhalten werden, um zu dieser für Galizien so wichtigen Frage Stellung zu nehmen. Die Versammlung, welche durch den Bürgermeister von Lemberg eröffnet werden soll, wird auch über die Forderung eines Befähigungsnachweises bei Schänkern beraten. * * * Die Unduldsamkeit der Christlichsozialen f .nd einen bezeichnenden Ausdruck in mit Heißhunger in sich ausgenommen, kannten sie beinahe auswendig und da ergoß sich wie ein Sturzbad der Strom ihrer Erzählungen. Mit Wendelin von Höllenstein, dem Eingemauerten vom blauen Hause, der Teufelsmühle am Wienerberge und wie sie alle heißen mögen wurde ich regalirt. Die jüngere liebte besonders die Räubergeschichten, von denen sie mir zu Dutzenden mit allen packenden Einzelheiten vorerzählte. Und ich in meines Nichts durchbohrenden Gefühle saß da, beschämt, daß mir, der ich bisher höchstens Goethe, Schiller und die Klassiker gelesen hatte, diese Blüten der deutschen Literatur so unbekannt waren. Als ich endlich zu Worte kam, fing ich an: „Meine holden Grazien" —„Wir sind keine Grazerinnen" unterbrach mich die jüngere „ sondern Proßnitzerinnen". „Also meine lieben Proßnitzerinen,, fuhr ich fort, „ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich die wundervollen Werke, die sie mir da anführen, nicht kenne, da ich nur Goethe und Schiller gelesen habe". „Ach was Goethe" sagte die ältere, „das ist ja langweilig. Ich habe einmal ein Theaterstück von ihm allgefangen zu lesen, ich glaube es heißt Faust. Im Anfänge glaubte ich daß es mich interessieren wird, da der Teufel darin vorkommt, auch die Geliebte, die Margarete beißt sing mir au zu gefallen, aber dann kamen die Gespräche, die so verworren und unverständlich waren, daß ich das Buch weglegte." Darauf die jüngere sprach: „Was Schiller betrifft, so lasse ich mir noch die Räuber gefallen, dieser Moor, Schweizer, Spiegelberg sind ganz nach meinem Geschmack. Alles andere von ihm ist ungenießbar,,. einer Entscheidung, die das magistratische Bezirksamt vor kurzem fällte. Ein Hausbesitzer namens Frankl hatte die, wie wir gerne zugeben, wenig geschmackvolle Idee, sein in der Ssrvitengasse stehendes Hans Servilen Hof zu benennen. Darob ein großes Wehgeschrei des Servitonkonvents. Die frommen Väter fühlten sich in ihrem Interesse gekränkt, daß ein schäbiger Jude nach ihnen sein Haus benenne, obwohl cs mehr als wahrscheinlich ist, daß Herr Frankl, als er seinem Hans einen Namen gab, weniger an die frommen Brüder, als daran dachte, daß die Gasse, in der sich das Haus befindet, eben Servitengasse heißt. Die Herren Serviten rannten in ihrer Not zu ihrem lieben Lueger und führten bewegliche Klage. Der Erfolg ihrer Beschwerde war, daß man im magistratischen Bezirksamte zu der Einsicht kam, es müsse Juden „aus öffentlichen Rücksichten verboten" werden, ihre Häuser nach katholischen Orden zu benennen. Herrn Frankl soll diese Entscheidung den verzweiflungsvollen Entschluß nahe gelegt haben, sein Haus nun etwa „Makkabäerhof" zu benennen. Glücklicherweise verhinderte die Statthalterei diese seine äußerste Absicht, indem sie den Magistratsbeschluß als im Gesetz nicht begründet, aufhvb. * if: Nachdem die deutschösterreichischen Studenten vorangegangen waren, kam es nun auch in Eisenach zu einem deutschen Studententag, dcr sich den ersten nennt. Auf diesem Studententage fand die bereits seit langem unter den deutschen Hochschülern geführte Aktion gegen die konfessionellen akademischen Verbindungen in einer „strammen" Resolution einen sichtbaren Ausdruck. Wie das schon so zu sein pflegt, kommen wir Juden auch hier am schlechtesten weg, trotzdem diese Aktion angeblich in erster Linie den katholischkonfessionellen Verbindungen gilt. Denn in denselben Topf mit den katholischen Korps wirft man auch die jüdischnationalen Verbindungen und trotzdem cs von diesen Verbindungen immer und immer wieder betont wird, daß unsere Bewegung eine nationale ist, erklären die angeblich auf einer höheren Warte stehenden deutschen Studenten, die den Inden aber aus ihren eigenen Korps ausschließen, daß auch die jüdischen Verbindungen, als ans einem konfessionellen Standpunkte stehend, eine freiheitliche Geistesentwicklung gefährden. Wie sonderbar muß nach solchen Antezedentien die Depesche berühren, die der deutsche Kaiser an die in Eisenach versammelten Studenten richtete und in der es heißt: „Ich habe den Hnldigungsgruß aus Eisenach gern entgcgengenommen in dem Vertrauen, daß unsere Studenten stets bestrebt sein werden, die deutsche Gei st esfreih eitauch drrrch die Achtung vor der Ueberzeugung Andersdenkender hochzuhalte n." Kaiser Wilhelm ist ein Idealist. Kein Beiseitestehender wird in der Enunziation der in Eisennach versammelten deutschen Studente^ Wem diese Geschmacksverirrung unwahrscheinlich erscheinen mag, der vergegenwärtige sich nur, daß das eine Schilderung der Zeit vor mehr denn 60 Jahren war, und erwäge die Umstände die ich oben erwähnte. Ich versprach, daß, sobald ich an meinem Bestimmungsort angelangt sein werde, ich mir die von ihnen so hervorgehobenen Meisterwerke anschaffeu werde, um die Lücken meiner Bildung auszufüllen. Nun war aber der Damm durchbrochen, die Gewässer der Schwatzhaftigkeit sprudelten unaufhaltsam und die Schatten der Ritter uub Räuber huschten um mich herum, so daß ich ganz wirr und betäubt wurde. Während dieser anregenden Unterhaltung hatten wir di? ungarische Grenze passiert, nachdem wir an der damaligen Zwischenzolllinie uns einer genauen peinlichen Gepäcksrevision unterziehen mußten. Wir gelangten auf den Boden der Slowakei. War die bisherige Gegend monoton, so gestaltete sich die jetzt folgende trostlos. Ein Sandmeer breitete sich bor uns aus, kein Baum, kein Strauch, kein lebendes Wesen zu erblicken, nicht einmal die bisher gesehenen Kartoffelfelder, eine wahre Sahara. Die Julisonne brannte über uns, der Feuerball sendete Gluten herab, ein heißer Brodem wehte uns an. Im Innern de- Wagens ein erstickender Dunst und stieg man hinaus, um Luft zu schnappen, brannte der Sand, der die sengenden Strahlen znrückwarf, wie glühende Kohlen, die Füße beinahe wund. Der schwere Kasten bis an die Achse im tiefen Sande, Furchen ziehend, wurde von den müden Gäulen nur langsam fortgeschleppt. Kamen wir endlich abends erschöpft und er-

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