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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ ♦ l Redaktion: IX/l, Servitengasse 4. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden r An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches Bottsbliltt. Wien. IX,,. Bmfcwtrden wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — INsnuMIvte wertlen nicht rurüelrgeneiit. Postsparkassen-Konto 8470N. In das Abonnement kann man täglich cintrelen. *----a Erscheint jeden Freitag. EjgrMmr und Hrrlmsskbkr: Jakod Kravs;. Inserate übernehmen die firmen: M. Dukes Nachf., haasenstein L Vogler, Nudolf Masse, M. pozsonqi, K. Schalek in Wien, ferner alle annoncen. Expeditionen im auslande. Einzel-Nummer in Wien SV Heller. Administration: IX/1, Seroitengaste 4. Telephon Nr. 14728. Abonnements- Pre iSr Für Wien n. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig .... X 12.- Halbjährig . . . . K 6.— Vierteljährig . . . K 3 — Für das gesamte Ausland samt Frankozustellung: Ganzjährig ... X 13.68 halbjährig ... X 6.33 Vierteljährig ... X 3.42 Verschleißstellen unseres Blattes» in welchen an eh Abonnements entgegengenoinmen werden: Hermann Goldschmidt» Wieil, I. Wollzeile 1 l; Verlag „Zion" Wierl, II/3, Untere Augartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Ur. 11 ienz 17. Mär§ 1905 (10. Meadrrr 5665). VII. Jahrgang. Vor einigen Tagen betonte in einer hier ftattgefunbcueix Versammlung ein Redner, der jüdischen Interessen sonst ziemlich entrückt ist, als Jude müsse malt sich Parteien anschließen, die beit Fortschritt als Losung auf ihre Fahne geschrieben haben; reaktionären Parteien dürfe sich ein Jude nie und nimmer anschließen. Die Aenßcrung fand den Beifall des Publikums. Der Redner hatte seinen Zuhörern „aus der Seele gesprochen". Denn was er sagte, war nicht neu, nicht originell, war eine Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich in dein Sinne, als jeder denkende Jude sich dessen bewußt ist, daß für uns Juden in der gleichen Weise wie für alle anderen Nationen nicht im Stillstand, sondern im Fortschreiten auf der Bahn kultureller, wirtschaftlicher und politischer Entwicklung das Heil liegt. Wir stehen freilich nicht ganz auf demselben Standpunkt, wie die Versammlung, die ohne jede weitere Reservation den. Anschluß an fortschrittliche Parteien predigt — getreu dem Grundsätze, daß die Frage der Parteizugehörigkeit von jedem Juden für sich selbst ausgemacht werden müsse. Wir glauben im Gegensätze hiezu bei jeder Gelegenheit betonen zu müssen, daß ntan als Jude nur einer jüdischen Partei angehören könne, so wie doch auch ein Deutscher nicht einer tschechischen Partei angehören kann. Da wir aber als Minoritätsnation, inmitten des uns umbrandenden Hasses, mehr als alle Feuilleton. Eine Reise vor 60 Zähren. Episode aus meiner Jugendzeit von Adolf Steinschneider. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts steht der Mensch und überblickt stsnnend die Errungenschaften des menschlichen Geistes in den verflossenen sechs Dezenten. Welche riesige Fortschritte in allen Zweigen der Naturwissenschaft und der Technik, welche Entdeckungen immer neuer Naturkräfte, und welche wunderbare Erfindungen die das soziale Leben der Völker gänzlich umgestaltet haben. Alle Erfindungen jedoch werden überflügelt von denen, die im Kommunikations¬ und Verkehrswesen gemacht wurden, die unsere Voreltern nie geahnt und vielleicht als Zauberei angesehen hätten. Als \\t Dampfkrast zu Eisenbahnen und Schiffahrten verwendet wurde, als man zu Entfernungen, die zu durchfahren mau früher vieler Tage bedurfte, jetzt nur Stunden brauchte, dachte man, nun fei das Maximum der Geschwindigkeit erreicht. Man führte jedoch die Schnell- und Blitzzüge ein, mit denen man viermal so rasch das Ziel erreichte. Aber weiter hastete man, noch schnellere Bewegungskräfte entdeckte man: die Elektrizität. Aber man bleibt auch dabei nicht stehen. Rastlos strebt man weiter und die Luftschiffahrt, die Flngmaschinen sind es, die von Erforschern und Entdeckern zur Verwirklichung und Vervollkommnung zu bringen gesucht werden und es mag die Zeit nicht ferne sein, wo man auch anderen Nationen nur auf uns selbst angewiesen sind, können wir uns den Luxus einer Verästelung unserer nationalen Organisation in verschiedene Interessengruppen nicht gestatten. Daraus resultiert für uns die Pflicht, in einer nationalen Partei zu einer unlöslichen Einheit uns zu verschmelzen. Und damit tritt au uns die Frage heran, welches Verhältnis wir als in einer nationaljüdischen Partei geeinte Juden den anderen Parteien gegenüber zu finden haben. Da wir Juden, ohne vorläufige Berück-,/ sichtigung verschiedener ideeller oder Klasseninteressen, alle unsere Kräfte in eine nationale Form zusammenfaßten, obliegt es uns auch, unseren Standpunkt nicht so sehr den durch ein Klasseninteresse' oder eine gemeinschaftliche Idee zusammengehaltenen Parteien gegenüber zu markieren/ als eine unseren nationalen Interessen entsprechende Stellung den Nationen gegenüber zu suchen, ohne uns zu sehr auf das einzulassen, was die verschiedenen Parteien dieser Nationen voneinander trennt. Im Kleinen, ohne System, finden wir dieses Streben in dem Schwanken der Juden ausgedrückt, die in gemischtsprachigenLändernnicht wußten, welcher Nation sie sich anschließen sollten, da sie, die Sprachen beider Nationen beherrschend, nicht wußten, welcher Nation sie angehörten. Heute wissen wir, daß die Beherrschung einer Sprache mit nichten auch schon die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation ausdrückt. Heute wissen wir, daß die deutsch, böhmisch, ungarisch oder russisch sprechenden Juden nicht Deutsche, Böhmen, sie in die Dienste des Verkehrs wird stellen, durch die Lüfte seine Reise wird gefahrlos machen können. Da dürfte es denn nicht ohne Jntereffe sein, einen Rückblick auf jene Zeit zu werfen, in welcher, wie die Schnecken schleichend, man in schweren Reisewagen, die staubigen Straßen dahin zog, wo man zu einer Fahrt von 30 bis 40 Meilen 2 bis 3 Tage brauchte und Leute die in größere Ferne reisten vor der Abreise ihr Testament zu machen pflegten. Als Illustration hiezu mag den« dienen die Beschreibung einer solchen Reise aus meiner Jugendzeit von mehr denn 60 Jahren und der dabei erlebten Abenteuer. Ich bin in Proßnitz in Mähren geboren. Meine Mutter starb in meiner frühesten Kindheit. Mein Vater, ein frommer Mann von streng religiöser Observanz, widmete mich dem Talmudstudium, worin er selbst mich unterwies. So eifrig ich auch diesem Studium oblag, verlegte ich mich doch im Geheimen auf das Lesen deutscher Klassiker. Das Lesen deutscher Bücher war zu damaliger Zeit sehr verpönt. Seit jedoch Mendelssohn die Bibel ins Deutsche übersetzte, schwand die ängstliche Scheu davor und bald verbreitete sich bei der jüngeren Generation eine wahre Leidenschaft für das Lesen deutscher Bücher. Es erstanden Leihbibliotheken. Aber leider trafen diese keine gute Auswahl und brachten eine Schundliteratur. Alle die Ritterromane. Geistergeschichten, Räubererzählungen von Specht, Spindler, Klingemann und andere, die zur Zeit des ersten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts im Schwünge waren wurden von der jungen Welt verschlungen. Nur ich war durch besonders glück- Magyaren oder Russen, sondern nur Juden sind. Und damit fällt für den Juden die Frage weg, welcher Nation er angehöre; eine Frage, die er sich nur in Unkenntnis seiner selbst stellen konnte. Damit aber hört unser Streben, ein klar präzisiertes Verhältnis den Nationen gegenüber zu finden, auf ein Anbiederungsversuch zu sein, um ein Jneinandergreisen ihrer Rechte und ihrer Kraft bewußter politischer Faktoren zu werden. Für uns national bewußte Juden Oesterreichs ist diese Frage vielleicht nicht wichtiger als für die Inden in national,einheitlichen Staaten, aber doch sicherlich infolge der vielen zu berücksichtigenden Begleitumstände schwieriger zu lösen. Das eine muß uns vor allem klar werden: mit den Deutschen Oesterreichs dürste ein Zusammengehen aus absehbare Zeit ausgeschlossen sein. Die vielen üblen Erfahrungen der letzten Jahre haben uns gegeigt, daß die Deutschen uns zwar als Nation anerkannten, aber nur, um uns um so besser bekämpfen zu können; sie zogen es vor, gegen uns als Nation in den Kamps zu ziehen uni nicht, gegen eine „Konfession" kämpfend, als illiberal zu gelten, ohne aber vorher unsere nationalen Forderungen zu prüfen, ohne sich auch nur zu fragen, ob eine nationale Gegnerschaft notwendig sei. Die Deutschliberalen und die deutschen Sozialdemokraten aber negieren bekanntlich unser Volkstum, wie es denn überhaupt ein besonderes Kennzeichen der Deutschen ist, die nationalen Bestrebungen anderer Völker nicht zu begreifen. So haben sie denn die nationaljüdische Belichen Zufall zu den Klassikern Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Wieland gekommen, die auf mich einen überwältigenden Eindruck machten, daher ich vor jenen Machwerken beinahe Abscheu empfand. Als ich 16 Jahre alt war, beschloß mein Vater, mich nach Preßburg auf die Jeschiwa (Talmudschule) zu schicken. So wie heutzutage Eltern ihre Söhne auf die Universität senden, so schickte man damals die jungen Leute auf die Jeschiwa und in Preßburg war eine der hervorragendsten und renommiertesten. Mein Vater hatte daselbst einen verheirateten Jugendfreund, einen gelehrten Talwudisten, welchem er mich in Kost und Pflege zu geben beabsichtigte. Da entstand nun die große Schwierigkeit, wie mich hinüberförderu. Damals im Jahre 1640 hatte man von Eisenbahnen noch keine Ahnung, es gab keine Kommunikationen, keine einzige regelmäßige Fahrverbindung. Mein Heimatsort war beinahe 40 Meilen von Preßburg entfernt. Wie sollte ich als so ganz unerfahrener, unbehilflicher junger Mensch die Reise dahin unternehmen? Doch es traf sich glücklicherweise ein Ausweg. Eine Familie hatte einen Sohn in Preßburg, der demnächst dort heiraten sollte. Zur Hochzeitsfeier fuhr sie nun hin und erbat sich, mich unter ihren Fittichen mitzunehmen. Der Tag der Abfahrt kam heran. Ein riesig schwerfälliger Wagen, eine sogenannte Landkutsche fuhr herbei, uns aufzuuehmen. Er wurde bepackt mit einer Unzahl von Kisten und Koffern der reisenden Familie. Auch ich mit meinem kleinen Reisegepäcks kroch in die Arche und das Ungetüm setzte sich in Bewegung.

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