Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Jüdisches Volksblatt Seite 5 Der Bukowinaer Distriktstag wird nach einer uns zugogangenen Mitteilung am 19. ds. Mts. in Czernowrtz ftattfinden. Es ist zu hoffen, daßder Distriktstag ohne theoretisches Gezänk ruhig und arbeitsvoll verlausen wird, damit endlich auch in der Bukowina dauernde Ordnung herrsche. Das Land wäre berufen, viel für den Zionismus zu leisten. Ein Erlaß des k. k. Landesschulrates für Böhmen. Es ist zur Kenntnis des k. k. Landesschulrates gelan>gt, daß seitens des Zionismus Versuche gemacht worden, auch israelitische Mittelschüler für seine Ziele zu gewinnen. Die Direktion wird daher angewiesen, den israelitischen Schülern der dortigen Anstalt die Bestimmungen der Ministerialverordnung vom 26. derOktober 1873, Z. 14472 der §§ 24 und 26 Oktober 1873, Z. 14472 der §§ 24 und 25 Böhmens nachdrücklichst in Erinnerung zu bringen, wennan der Anstalt ein israelitischer Religionsunterricht erteilt wird, die Rekigionslehrer auszufordern, daß sie ihre Zöglinge durch entsprechende Belehrung vor Agitationen-, die die Schule nicht berühren dürfen, bewahren' und die Schüler in dieser Richtung sorgsamst zu überwachen. lieber etwaige Wahrnehmungen in der bezeichneten Angelegenheit ist sofort anher Bericht zu ersllatten. Prag, aim 22. Jänner 1906. Der k. k. Statthalter: Karl Graf Coudenhove. Hierzu wollen wir nur kurz folgendes bemerken: Die Arbeit der jüdischen Religionslchrer wäre pädagogisch -und ethisch eigentlich die Weckung des jüdischen Bewußtseins, was der Zionismus übernehmen mußte, weil es eben die berufenen Pfleger des Judentums nicht taten. Der Erlaß mußte also' noch ergänzt werden und den Religio ns lehrern die Weisung geben, ihres Amtes so zu walten, daß Juden gebildet werden und nicht Mitglieder deutsch- oder tschechischnationaler Verbindungen. Geschieht dies aber nicht, so wir>d die zionistische Agitaton auch nicht durch hohe Erlässe aufhören. Korrespondenten. Dr. Ganz und die Indensrage. Die Juden des Ostens bildeten das Thema eines Vortmges, den der bekannte Publizist Dr. Hugo Ganz in einer von der „Oesterv.- Jsr. Union" am Montag den 6. ds. M. im „Hotel Güth" veranstalteten Versammlung hielt. Me wirtschaftliche Not der Juden des Ostens, führte der Redner aus, werde dadurch verursacht, weil diese Elemente gewissermaßlen in einem „inneren Ghetto" leben und sich von der sie umgebenden! Kultur abschlichen. -Dadurch, durch die Art -das Unterrichtes, der von orthodoxem Geiste erfüllt sei, werde der Jude des Ostens für den wirtschaftlichen Kampf unfähig gemacht. Man solle den Leuten natürlich nicht den inneren Halt nehmen, den sie in der Religion haben; aber nmn; müsse doch fordern, daß die Ostjuden nicht von Licht und Luft abgesperrt werden. Es sei fast ausschließlich ein geschäftliches Interesse der Rabbinen, das indieser Abschließrmg von den- Völkern seinen Ausdruck finde. Namentlich die sogenannten Wu-N'derrabbis seien Schäd«- linge im Leben der östlichen Juden. Der Vortragende streift hierauf die Rechtlosigkeit der Jriden int dem eine Borfassltng besitzenden Rumämen, betont die Notwendigkeit einer solidarischen Eurpfindrmig mit den östlichen Inden« und zweifelt an dev Durchführungs- Möglichkeit der Ziele des Ziouis-irms. Die Juden seien wohl Mitglieder verschiedener Völker und Nationen, aber eigentlich eine große Familie. Darum! sei es eine Nichtswürdigkeit, wenn in besseren Verhältnissen lebende Jliden! von ihren« leidenden- Familiengenossen im Osten nichts wissen wollen!. Was die Stellung der Juden! zur Politik betreffe, so müsse gesagt Werdern daß die Juden die Pflicht haben, sich jenen' Parteien anzuschließen, die für die Freiheit aller eintreten. Zu vevurtelleir sei auf sehen Fall der Anschlriß an reaktionäre Parteien-. Die soziale Schichtung dev Jrtden sei heute eine ungesunde. Auf Rußland übergehend, gibt der Vortragende der Ansicht Ausoruck, daß mit der Einführung der Konstitution auch für die Juden RußlanDs eine bessere Zeit anvrechen tvüwe. Die Lösung der Judennor nti Osten stellt sich der Vortragende m der Weife vor, daß alle jüdischen Wohlfahrtsmstitute sich zusammentun sollen!, um im Osten Ackerbaus chülen zu gründen. Freilich sei damit noch nicht alles getan. Denn um sich vor der Mißgunst der Völker den Ackergrund besitzenden Juden gegenüber, zu schützen!, sei die Gründung von Siedlungsgenossenschaften erforderlich, durch die eine Jnnenkolonisation, das heißt der Zusammerstluß einer kompakten Rtasse ackerbautreibender Judenerzielt würde. — Nach dem. Vortragenden sprachen noch' die Herren Dr. David, Dr. Feuchtwang, Fleischer, Dr. Lvahn, Dr. Scha-lit, Jakob Krausz, Teweles, Dr. Weifengrün u. a. Es sei gestattet, einige Worte an den Vortrag des Herrn. Dr. Ganz zu knüpfen'. Var allem sei betont, daß des Vortragenden Kenntnis desöstlichen Judentums nur eine ganz oberflächliche sein kann, da er mit keinem Worte verriet, daß er auch mit einige Kenntnis von der heute schon recht respektablen jüdischen Jargonliteratur besitzt. Er streifte auch nicht einmal die Tatsache, daß in Rußland mehrere Jargom und hebräische Tageszeitun-gen bestehen, so daß schon 'daraus ersichtlich, ist, wie wenig in die Tiefe er sah, wie die kulturellen Bestrebungen der östlichen Juden ihm ganz verborgen blieben. Wie aus dem Coupeefenster hat er diese ihm ganz fremde Kulturwelt beobachtet und daer nur die Aeußerlichkeiten sah, nur feststellte, daß in «den jüdischen Schalen nichts als Hebräisch gelehrt werde, mußte er zu dem Urteile kommen, daß die Juden des Ostens sich von Licht und Lust abschließen. Ihm ist der Jargon mit „Mauscheln" gleichbedeutend«. Wäre dies nicht der Fall, wüßte -er, daß in diesem von ihm so gering gewerteten Jargon« nicht zu verachtende Kunstwerke geschaffen wurden!, idja«nn wäre Dr. Ganz, dessen Vortrag von warmer Liebe für das Judentum zeugt, nicht zu.' der Forderung gekommen, die östlichen Juden müßten sich der Kultur der sie uMgebÄrden Mlker anschllchelr-, sondern er hätte ein Fortschreiten aus der Bahn dev Pflege der Jargonliteratur, er hätte gefordert, daß alle Indien ihren östlichen Brüdern helfen sollen im Ringen um eine wahrhaft jüdische, nationale Kultur. Daß die Juden des Ostens vonkulturellem Streben erfüllt sind, daß ihr Kampf um nationale Kultur kein gefahrloser ist, beweist nichts besser als die Tatsache, daß der Dichter Perez vorgestern in Warschau verhaftet wurde, weil er sich an einer nach jüdischer Kültur strebenden Bewegung beteiligt hatte. Daß die nicht nur kulturfäbigen, wie dev Vortragende zugestaud, sondern auch kulturhrmgrigen Juden« des Ostens hoch über den: Niveau des sie umgebenden Volkes stehen, ist schon ans diesen Bestrebungen allein! sichtlich. Töricht ist es darum, zu fordern!, daß die östlichen Juden aus die Kulturftiife des sie umgebenden Volkes lünabsteiam sollen. Daß d«ie Sättigung mit echt jüdischer Kultur, d-i-e nicht künstlich angenommen!, .sondern aus der Volksseele sprießt, daß die Entwicklung dieser Elemente zu KrMurjudeu unsere Brüder im Osten wirschäftlich nicht schwächen, sondern mix* heben kann, bedarf keiner besonderen Beweisft'chvung. Aus zwei Widersprüche in den Ausführuugen« des Herrn Dr. Ganz sei noch auftnerkscmr gemacht. Er zeichnete erst die Rechtlosigkeit der Juden in dem konstitutionellen Rumänien, um bald daraus von der Einführng der Konstitution in Rußland eine entscheidende Bessevit-UQ! der Verhältnisse per russischen« Jude,: zr; erlrnrterr. Der hierin liegende Widerspruch ist um so größer, als Ganz selbst -erzählte, wie in Rumänien die Opposition der Regierung die erustesteir Verlegenheiten bereite, wenn sie sie als jridienfreriirdlich denunziere; und ans eine derartige Denlurziation hin Wisse die Regierling nichts Besseres Alitun, als die ohnedies genlig drückende Sitliation der Juden« noch zu verschärfen. Anstatt aber daraus den einzig richtigen Schluß zu ziehen, daß die Unterdrückung der Juderr nicht aus -Gründen eigentlicher Staatsraison, sondern von Staats wegen ans erfolgt, mn den antiselnitischeu Einpfindungen des Volkes entgegenzutommen, folgert Herr Dr. Garrz, daß die Aufhebung des autükratischen« Systems für die Juden in Rußland eine entscheidende Wendung bedeuten würde. Es soll zugegeben werden, daß die Form der Unterdrückung der Juden mit Einführung der Konstitution in Rußland eine, sagen wir salonfähigere werden würde. Im Wesen, aber würde das russische dem jüdischen. Volke nach wie vor mit der Empfindung des Hasses gegenübersteheni rmd so tvi«e in dem« konstitutionellen Rumänien reichlich Gelegenheit finden, diesen Haß, freilich in verfassungsmäßigen Formen zu betätigen. Schleißlich sei auf den in der Schlußfolgerung des Herm Dr. Ganz liegenden Widerspruch hingewiesen. Die Ziele des Zionismus seien undurchführbar; das heißt, der Pllair einer in großem« Stile ansgeftihrten Kolonisation .'n einem außerhalb des antisemitischen Europa gelegenen, womöglich üffentlichrechttich gesichertelr- Territo-rimn sei eine Utopie. Realpolitisch aber sei die Forderung, Gebiete innerhalb des autisomitischeu Europa in geschlossener Masse zu besiedeln. Die Gegenüberstellung der zi-o-nistifch!en Ziele rmd der Art, wie ssch Herr Dr. Ganz «die Lösung des Judenprobleins vorstellt, ist die beste Polemik gegen dieses Muster von Realpolitik. O t t o K r a u s. Ostrauer GemeinÄeratswahlen. Mähr.-Ostrau, den 7. März. Wenn die Gemeiirdewahlcu in Sicht treten, dann wird es in dem politischen Wetterwinkel Nordmähreus lebeu>dig, damr wirft sich jede Partei, ob national oder sozialdemokratisch, stolz in die Brust rmid ruft mit der Doirnerstmrmie des Katastrophenpolitikers pathetisch aus: Kommt, Judeir, zu. uns, da liegt erier Heil! Dahin ist plötzlich der deutsche Rassenhaß, dahin die tschechische Undri-ldsaMkeit, dahin die Indolenz der Sozialisten, sich mit spezifisch jüdischen Fragen, zu befassen. Plötzlich sehen alle Parteien ein, daß die jü'Äscheu! Mitbürger ein ansschlaggebender Faktor sind, man buhlt um ihre Stimmen, man« droht ihnen oder inanzwmgt sie dazu. — Wir haben anläßlich der letzten Wahl unseren Staindpunkt geuari präzisiert, und wenn wir heute wieder hierzu StÄlung nehmen, so ist der GrrMd dazu das- Auftreten -einer ne>uen Partei, der Sozialisten, die schweifwedelnd! — undwer ist es vo r den Wahlen' nicht — die hiesigen Juden in ihr nicht ganz reinliches Scha-ub«Uden«zelt einlädt. Das „unabhängig radikale" Organ der bürgerlichen! Djeinokrateu!, „Das Freie Blatt", — ein anerkanntes Parteiblatt der Sozialdelnokratie ist es sichtlich nicht — wirft sich die Pseudoattila. des« Jüdisch-9?atkumfm um, um die Jüideu' zu köd!ern. Man'ch' wahres Wort wird hi«or gesagt, ja manchmal glaubt man, ein jüdisch nationales Organ inder Hand zu haben, so verlockende Weisen! iwr-ben in dem Leitartikel: „Die Gemeindewahleir. und die Juden" gespielt. Z. B., lveun es heißt: „Man beleidrgt die Jll«den, indem man sie als korrupt darstettt, indem man ibnen andichtet, sie iverden nicht mit Rücksicht aiii'f das allgemeine Wohl ibre Stimmen abgeden . . ." Oder eine andere Stelle : „Man begeht die Unoerfrvrelcheit, die billigen jiidüschen Wähler für dnmrn rvu erklären. Weint es wabr wäre, das; nach der Bevölkerluigszahl von Ost rau die Niantaie verteilt irerden, wieviel würden denn dalin in Walirlie-t atis die „arischen" -Deutscheu entfallen?" Doch ist dies nur leerer Wahn. Den Juden Ostraus kauu! ebensoiveu-ig von- Vier allgemeinen „Freiheit, Gleichheit rmd Brüderlichkeit" phrasiereudeu! S-ozialistenpairtei geholfen wevdeir, wie es arrdrerseits Arlfgdblurg aller natiorralerr Geftrhle bederiteir würde ft'rr eiiren Dr. Kraus und Genossen oder Dr. Palkovsky zll stimme-ll!. Gerade weil irr Ostrarr die Jriden im, dritte und arrch rur ziveiteu Wahlkörper eine große Stilrrjmonanznhl auf sich vereinigen!, sollen sie sich «eirdlich eiirmal arif eigen e Beine stellen. Die -erste Folge dauon iväre der gärrzl-iche Krach -der derrtschen Majorität, der lveitere positive Erfolg: jüdische Kandidaten« rmd nicht Kcrlrdrdäten, die „zllfällig" israelitischer Ab-