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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Jüdiiches VolksbUtt Nr, lü Seite 4 ein .Nationaler zu sein. Das alte Geheimnis, daß die Kultursoirderart eines Volkes gerade in jenen Schichten ruht, die sich nur die nationale» Interessen gar nicht zu kümmern scheinen, aber die still, unbewußt und stetig kulluraufbauende Schichten sind. Damit ist ja auch der halb naiv verwunderte, halb spöttisch überlegene Blick zu erklären, mit dem der altgläubige Volksjude des Ostens a'..f die modischen Eiferer des Judentums sieht, von welchen er sofort heraus hat, daß sie nickt so organische, wirkende Srücke lebendigen Judentums wie er lind seinesgleichen sind. Nur idaß wir es dabei mit dem Vergangenheitskomponenten des heutigen jüdischen Vdlkstmrw zu tun haben, während die jüdischen Arbeiter dessen Zukunftskomponenten umstellen. Wie jene es sind, die den Faden der jüdischen Kultur aus dem Altertum herüberfpimren, so sind diese, die neue Fäden zu spinnen begonnen haben — beide ruhig, ohne Pathos für ihr von ihnen selbst nicht begriffenes Tun und beide den Ratschlägen aller „nationalen" Neum malweifen unzugänglich. Man sehe sich nur den Weg des „Bundes" seit der Gründung an. Weil seine ersten und vielleicht jetzt noch welche seiner Führer die Organisation, nur init Zweckmäßigkeitsaugen ansehelu ist sie deshalb wirklich nur eine Zweck Mäßigkeitsorganisation? Ist es denn niht klar, daß die Herren zu schieben glaubten, während die sie Geschobenen waren und der Schiebende die nationale Kraft des Volkes? .Und hat sich diese stille Kraft nicht immer stärker und stärker gezeigt? Wenn vielleicht auch neun von zehn „Bundisten" internationale Phrasen im Munde führen, was ift es schlimmer, als wenn sie nationale Redensarten machten? Was liegt daran, wenn sie nur die nationale Existenz des Volkes vertreten, verteidigen, hüten? Wer braucht nationale Bekenntnisse von ihnen, da fic das Jüdischnationalste taten, das in der.Neuzeit überhaupt, geschehen ist, da sie Ge erste große Anerkennung der jüdischen Volkseigenart durchsetzten? Wer kann noch nationale Programme von ihnen verlangen — der das jüdische kulturelle Selbständigkeitsprogramm ihrer' letzten' revolutionären Proklamation gelesen hat? Man greift übrigens dm „Bund" auch wegen seiner marxistischen oder übermarxistischen Richtung an. Wem das Sorge macht, mag sich beruhigen. Wie alle, geht auch die sozialistische Erkenntnis und speziell die dev ostjüdischen Sozialdemokratie ihren, sicheren Entwicklungsweg. Sie wird sich, soweit es nötig ist, neue Gebilde zu schaffen wissen — vielleicht außerhab des „Bundes", vielleicht durch feine organische Umformung. Außerdem bedeutet diese Einweindung eine Verschiebung des Streitpunktes. Es handelt sich hier ja gar nicht um eine spezifisch sozialistische Frage, sondern um ein sozial neutrales Prinzip, dessen reinste Verkörperung heute in Rußland der „Bund" ist, das sich aber morgen und anderswo in anders gearteten Parteibildungen! verkörpern kann. Es geht um das Prinzip eines die Wirklichkeit .erfüllenden, sich als selbstverständlich dnrchsetzendn Nationalismus. Und jede andere jüdische Partei, die diesem Prinzipe dienen, die sich nicht als Gruppe für nationale Spezialitäten, sondern als Trägerin gewisser allgemeiner politischer oder sozialer Anschauungen auf. jüdischem Kulturboden etablieren will — wird dasselbe Lob verdienen. Mathias Acher. Politische Wochenschau. Die Frage der jüdischen Geschäftsreisenden in Ruhland ist, soweit Angehörige des Deuschei: Reiches in Betracht kommen, bekanntlich durch eine Bestinunung des vor kurzem abgeschlossenen Handelsvertrages zwischen Deutschland und Rußland geregelt worden. Die zurücksetzende und ein ersprießliches Arbeiten verhindernde Behandlung jüdischer Geschäftsreisende von seiten Rußlands wurde abgeschafft. Da diese „Begünstigung" vorn deutschen Handelsverträge nur fürjüdische GeschäftsreisenbeausDeutschl a n d erlangt wurde, bleibt es für den jüdischen Geschäftsreisenden aus Oesterreich- Ungarn in bezug auf Rußland beim alten. Der österreich-ungaris cheExportverein sah sich infolgedessen veranlaßt, an das Ministerium des Aeußern ein Gesuch zu richten des Inhalts, daß bei den künftigen Vertragsverhandlungen der Monarchie mit Rußland die gleiche Bestimmung auch „für österreichische Reisende jüdischer Konfession* platzgreife. Der Exportverein meint, es unterliege keinem Zweifel, daß es auch der österreichischen Regierung gelingen wird, von feiten Rußlands diesbezüglich dasselbe Zugeständnis wie Deutschland zu erhalten. Wir wollen es jedenfalls abwarten, ob die bekannte Geschicklichkeit unserer providentiellen Staatsmänner nicht doch bei dieser Gelegenheit versagt, da es gilt, auch einmal den Juden im Interesse des Handels unserer Monarchie eine Gefälligkeit zu erweisen. Interessant ist, wie gewisse Kreise sich unr das Mcrilum dieser Sache drücken, nur um nicht heraussagen zrr müssen, daß es sich darum handelt, für die j ü d i s ch e n K a u f l e u t e die gleiche Behandlung wie für die anderen Kaufleute zu erlangen. In der letzten Sitzrrng der W i e n e x Handelskammer stellte nämlich der Kammerrat Weil an den Vorsitzenden die Anfrage, ob so wie Deutschland, sichOesterreichaufraffen werde, dieRechte seiner jüdischenKauflente zu wahren. In seiner ganze,: gewundenen Anfrage wird aber mit keinem Wort erwähnt, daß es sich um j ü d i s ch e Geschäftsreisende handelt und auch der Präsident v. Kink umgeht in seiner Antwort sorgsam das verpönte Wort. Herr v. Kink erklärte, die deutschen Abmachungen fallen zweifellos unter den Begriff der Meistbegünstigung, daher unserer Monarchie jedenfalls zugute kommen werden. Es werde in Hinkunft in Rußland eure vollstärrdig gleiche Behandlung aller Handlnngsreisenden ohne Unterschied der Konfession Platz greifen. * 4- * Die Prager „Politik" beschäftigt sich ebenfalls mit öent deritschek Hochschultag und sagt am Schluß ihrer Ausführungen: „Die Prager antisemitischen Studenten befinden sich in einer etwas ungemütlichen Situation. Daheim wollen sie nichts gemVinsam haben mit den Liberalen, in Wen aber müssen sie sich! da!gegen wehren!, daß 'inan die jüdischer:, Studenten von der Prager Universität wegdränge, denn es bliebe ihnen gar zu, wenig übrig. Als Füllsel sind die Juden gerade gut genug; haben sie als solches ihre Schuldigkeit für 'deutsche Zwecke getan, dann behandelt nilan sie wieder en canaille. Zum Schluß erklärter: sich, ami: die Prager deutschnationalen Studenten' damit einverstanden,, daß der Numerus clausus der jüdischen Studenten programmatisch gefordert werde. Wie mag, bei diesem Widevspiele dm „deutschfreundlichen Israeliten" zumute sein?" * * * Die Beteiligung der Juden an der russischen Revolution lvird rroch immer von der: judenfeindlichen Parteien für ihre Zwecke ausgeboutet. In den: mißtönenden, Konzert darf natürlich auch die p o l n i s ch e S ch l a ch t a G a l i z: o n s nicht fehler:.. Aus ihrer ji'mgsten Konferenz in Krakau glaubte sie zwei Fliegen mit einem Schlage zu> treffen, indem sie nach der einen Seite hin eine Loyalitätsverbeugung machte und nach der anderen Seite hin ansschlug. Der dieser Konferenz Vorsitzende hochedle Graf T a r n o w s k i fand es für gut, zu behaupten, die Polen Rußlands seien von, der: Jude:: zur Revolution anfgestachelt worden'. Es bleibe dahingestellt, ob die Polen Rußlands wirklich politisch so unreif sind, daß sie einer jüdischer: Vovlrr.un!dscha,ft bedürfen, rmr, zrr wissen, auf welche Weise sie sich gegen die rrrssische Unterdrückung zur Webr fetzen, sollen; sicher ist mit*, daß die Polen Rußlands nicht warten werden, bis die. an« den Fleischtöpfen, sitzenden Schlackrizen, Galiziens ihnen erlauben werden, sich ihrer Haut zu' weh wir und für ihre Menschen- und Volksrechte zrr kämpfen. Freilich sind wir der Meinung. daß die Juden für ihre Mithilfe an dem Befreiungswerke der Polen. Rußlands nicht mehr Dank fallen, worden, als für die fellrerzeit der galizischen Schlachta geleisteten Dienste. Auch das „Denische Volksblatt" darf natürlich nicht fehlen, wo es gilt, zu denunzieven. In einer „eigenen Drahtnachricht" aus Odessa leistet sich der Depcschonmacher des antisemitischen Blattes folgende Gerneinheit: „Grrt organisiert urrd bewaffnet sind die Juden, Zionisten, zumal in der:- Vororten. Aber auch viele Studenten sollen sich mit Revolvern versehen haben. Die Juden fernen sich de in A nschein e n a ch nach R u b e st ö r n n gen, um s i ch, wem: sich ihnen dazu Gelegenheit bietet, einigermaßen ft'rr 5k i s ch e new und Homel an den Russen zu rächen." Nicht nur das kuriose Deutsch dieser eigener:' „Drahtnachricht" beweist, daß es sich hier tatsächlich mir ein eigenes Gewächs der intelligenten' Schriftleiiu-ng in der Josefsgasfe haUVelt. Daß die Juden sich angesichts bevorstehender Unruhen bewaffnen, kann doch in Kenntnis des Umstandes, daß russische Unruhen unter behördlicher Patronanz so gerne in antijüdische. Exzesse ausarten, nicht weiter wundernehmen. De,: Stempel der eigenen. Erfindung trägt aber die Behauptung, daß die Juden sich nach „Ruhestörungen" söhnen. Tie Juden Rußlands wissen zu! gut, rvelche Gefahren derartige Rrihestörungen. fi'rr sie inr Schoße bergen. Darum bewaffnen sie sich eben, und wenn sie sich in Kischenew zeitgerecht belvaffnet hätten, iväre es dort nicht zu solcher,' Judenmetzeleien gekommen. Aber sie sehnen diese Ruhestörungen nicht herbei, 'wenn sie auch jetzt endlich emgeseheu haben, daß die einzig richtige Taktik darr,' Straßenmob gegenüber die Taktik der bewaffneten Hand ist. * * * Ostern sind Wohl noch nicht Äa, aber unsere lieben Wirtsvötker fangen schon an, für die diesjährige Osterhetze Vorkehrungen zu treffen,. Als erste debütiert die „Oitschisna", das Bauernblatt der allpolnischen Partei Gälizierrs. In seiner jüngsten Nummer tischt dieses „z u r A u f k l ä r u n g des B a u e r n st a n d e s" dienleude saubere Blatt seinen Lesern Ge jetzt modern geworbene Lüge auf, daß die Juden die Urheber der russisch-polnischen Revolution seien unld fährt dann sock: Wißt ihr, wozu die Juden dieRevolution nötig haben? Passah steht vor der Türe und die Juden brauchen Christenblut; deshalb haben sie die christlichen Arbeiter zum Streik ausgehetzt, und als dann christliches Blut geflossen, da haben sie dieses Blut sofort in ihr Passah-Geschirr aufgefangen, damit sie für ihren Festtag versorgt seien." Dieses Unwesen ist um so niederträchtiger und gemeiner, als es ja bekannt ist, daß in dem russisch-polnischen Einheitskampfe verhältnismäßig genau so viel jüdisches Blut fließt wie nichtjüdisches. Und verstößt diese teuflische Schurkerei auch gegen die elementarften Staatsgesetze, so rufen wir doch rricht den Staatsauwalt und die Polizei, sondern stmunerr der Ansicht des Äombevger „Jüdischen Tagblatt" zu-, das hierzu folgendes bemerkt: „Die Zeitung „Oitschisna" ist für die Bauern auf den. Dörfern bestimmt und hat den Zweck, den Barwrnstarrd politisch reif zu machen. Man kann sich nun vorstellen, lvelckes Gift eine solche niederträchtige Schurkerei arrssät, und rvelche Früchte es tragen wird. Es ist aber eine noch größere Schurkerei, daß es einige „Großjrrdeni" gibt, die in bei uational-demokvatischeil Partei des „Slowo Polskie" Blätter von der Sorte der „Oitschisna" mit Geld! rrud durch Mitarbeit unterstützen, weil sie „die Ausklärrmg urrter den polnischen' Blättern verbreiten." Aus der lioiiWsiiirn Skwegurig. Die Leimberger Distriktskonferenz, über die lvir in unserer lchten Numrner berichtet haben!, hat nicht jene Erfolge erzielt, die von den Einberrffern eribartet wurdm. Zwei Gruppen namerrtlich standen sich gegenüber, die Poale Zion uuid die Misrachi. Eine unfruchtbare Geschäftso'rdn>ungsdebatte und eine bedeutungslose Kritik dos vorgelegten Berichtes, verhi nderten es, itrt dorr, wichtigsten Tagesfragen Beschlüsse zu erzielen. Nicht rmt Unrecht nannte der Vorsitzende Herr S t a n d die auf dev Konfevorrz zrrtage getretenen Erscheinungen „einen urrangenehnren Zwischenfall". Wir wollen aber mit chm hoffen, daß der galizische Parteitag für die Partei sich fruchtbarer gestalten wird als die Lembevger Konferenz.

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