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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Jüdisches Volksblatt Seite 3 und Polen, die in überkommenen Vorstellungen eines nationalen Herrschaftsbereiches befangen sind. Doch diese Befangenheiten und die durch sie gegebenen „häuslichen" Anfeindungen des „Bundes" oder ähnlicher Organifationsbestrebungen in Galizien beweisen nichts für und nichts gegen den „Bund" und seine Nacheiferer. Wo wäre die Gruppen-Jndividualität, die nicht ihr eigenes Gesetz gegen widerspenstige GruppewAngehörige und cntgegenwirkende Nachbargrnppen hätte durchsetzen müssen. Ernster sind erst jene Argumente zu nehmen, die den „Bund" in seiner allerersten, allerinn ersten Voraussetzung aufzuheben drohen, indem sie die nationalen Grundlagen des jüdischen Volkes überhaupt in Frage ziehen. Man hat diese Argumente in ben letzten Jahren ebenso von sozialistischen als von jüdisch-nationalistischen Widersachern des „Bundes" zu hören bekommen. Indem die Einen den vollständigen nationalen Tod des Judentums, die anderen seine nationale Auferstehung erwarten, begegnen sie sich in der Geringschätzung der nationalen Eigenart des jüdischen Volkes. Beide berufen sich auf den angeblichen' Mangel einer vollwertigen jüdischen Kultur und das Fehlen eines jüdischen Territoriums und beide bringen beide Mängel in Zusammenhang, um „bundistische" Bestrebungen ad absurdum zu schreiben. Richtig und nach beiden Seiten feststellenswert ist vor allem das Zugeständnis, daß nationale Organisationen nie mit Zweckmäßigkcits- oder Wohlfahrtsgründen quasi entschuldigt zu werden brauchen, sondern eben durch -das nationale Moment genügend legitimiert sind. Es ist wirklich so, daß der „Bund" nur dann existenzberechtigt ist, w-enn ein jüdisches Volkstunr besteht, welches er in der sozialistischen Weltbewegung widerzuspiegelnhat. Und zwar nicht jüdischles Volkstum schlechthin. Die tote geschichtliche Tatsache, das Vorhandensein einer Menge von Menschen, die irgendwie als Juden kenntlich sind, genügt nicht. Nicht einmal, daß ihnen die Vergangenheit einen gewissen geistigen Habitus zurückgelassen bat, reicht hin. — Darum, hak auch der „'bundistische" Oedanke unter den Westjuden keinen Sinn. —• Vielmehr muß ein geistiges Zusammenwirken, ein schöpferisches Zusammenleben dieser jüoischen Menschen in ihrer Eigenart — oder kurz jüdische K u l t u r gegeben sein. Aber anderseits darf dieses Erfordernis nicht überspannt werden. Nicht nur Völker, die bereits auf dem Höhepunkte ihrer kulturbildenden Eigenart stehen, haben Anspruch auf einen Platz in den Weltbewegungen. Auch die jungen und verjüngten, alle haben ihn, die eine und sei es auch noch so kleine nationale wmammmmmmmammmamaamaammmMMmKamMmmgammamaam Das ist ein billiger und schwächlicher Ausgang. Doch würde rin Zionist diese Worte dennoch nicht, wie es Pevlfaim tut, als „Hnmamtätsdnselei" bezeichnet haben'. Gespielt wurde vo'n sämtliche^ Dairstollern, selbst denen unbedeutender Rollen, vortvesflich, das Ensemble klappte. Der Autor hatte offenbar bei den Probe»' tüchtig mitgear'beilet. Die Kritik wird, wie schon, vor. fünf Jahren« nach der Ausführung seines «ersten, Stückes „Familie Wawroch", dem Autor nicht gerecht. Nur Hermann Bahr und F. A. Schütz sind auszu-nehmen. Teils wirdihm aus Bosheit, wie in, den antiseniitischen Blättern«, Hohn und Tadel zuteil, teilsfehlt 'das Berständ«n,is, für das Stück. Felix Salten verkeimt d>e,r Autor gehörig, wenn er meint, der Dichter wo«llte den Bleisall aller Schattierungen des einhoi'liifen!. Dann, hätte« er in« ded „Familie Wawroch" dazu leichte Gelegenheit gehabt, sie aber verschmäht. Trotz des Widerspruchw, zrr welchem der Schluß des Stückes herausfordert, muß dieses Drama als eines de«r best.'n der modernen Produktion angesehen werden. Die Charaktere des alten und jungen. Schmelz, der Nibelungen-, Deubners und Zeislers, endlich der Marie Wawroch, sind markig und trefflich gezeichn«et. Die Sprache ist schön, die Klage des alten, Schmelz gehört zu« dem, erhebendsten und rührendsten, ivas wir in- Dichtungen der letzten Jahre gefunden. Die Handlung ist spannend und verrät eine bühnenk«rmdige Hand, der Dialog ist scharf, präzis und durchdacht. —m—n. Geistes- und Lebenswerks!att eingerichtet haben, alle Völker, in denen kulturschöpferische Lebenskräfte walten«. Wer das erkannt hat, wird den heutigen Ostjuden nicht, die nationale Kultur absprechen, weih sie sich weder den verwöhntesten Ansprüchen noch den verschiedenen Liebhabereien fügt. Tie Entwicklung, die acht bis neun Millionen Menschen zu einer jüdischen Sprachcinheit zusanimengeschweißt, dem Volke und der Sprache die Wege zu scharf und eigenartig ausgeprägten Schöpfungen gewiesen hat. -— fragt wirklich nicht darnach, ob ein paar sozialistische und zionistische Doktrinäre mit diesem Werke, das sie lieber gar n-icht oder anders gesehen hätten, zufrieden sind. Tie Entwicklung will sich nicht überzeugen lassen, daß ein ansich hochbegabtes, im Laufe der Jahrtausende geistig immer mrb immer aufgewühltes Volk mit der eigensten- Sprache, der eigensten Sitte, dem. eigensten Temperament nur deshalb kein Kulturvolk sein soll, weil seine Sprache jüdisch und nicht etwa serbisch oder tscherkessisch, jüdisch und nichtetwa — hebräisch ist. Doch der Zweifel knüpft ja vornehmlich auch noch an den Mangel eines nationalen Territoriums bezw. an die Leb re an,, daß eine vollwertige nationale Kultur nur von Landes Gnaden entstehen könne. Im. Munde von Sozialisten nimmt sich diese Lehre etwas eigentümlich aus. Sie, die sich sonst in ganz anderen Dcn-kgcleiseu bewegen, die vielleicht sonst -hinter jedem. Gedanken über das Nationale irgend eine ideologische Bourgeoistücke wittern — nehmen plötzlich das landläufige Dogma von der territorialen Voraussetzung aller nationalen Kultur unbesehen hin. Ohne es zu Prüfen, ohne es zu zergliedern, ohne zu versuchen, es etwa auf einen wahren Kem zu reduzieren, das Bleibende darin vom! Zufälligen zu, scheiden,! Oder Passiert ihnen dies vielleicht gerade deshalb, weil sie das Nationale nur fassen können, wenn es ihnen, zu Erde geworden, greifbar genug ist? Soviel ist sicher, daß alle Nationen aus größeren, zusammenhängenden. Landgebieten geworden sind. Aber daraus-folgt noch nicht, daß diese Gebiete die Voraussetzungen -nationaler Kultur bleiben Müssen "oder auch nur in allen Fällen geblieben sind. Gewiß ist irgend eine Unterlage für die Zusammenfassung der geistigen.- und Lebenskräfte eines Volkes notwendig, aber je reicher und reifer die Menschheit wird, desto weniger plump, desto weniger geschlossen darf diese Unterlage werden. Was früher unbedingt durch, einen Reif von Bergen und Flüssen zufammengehalten werden mußte, kann heute oder morgen durch dm- Gedanken zusammengehalten werden, sofern> nur nationale Zellen, örtliche Gemeinden und Ansammlungen, als Träger des Gedankens und des Zusammcnhangsbedürsnisses da sind. Eine Gefahr droht nur mittelbar durch den Verlust der Sprache, der auf kleinen Sprachinseln leichter erfolgen kann. Und insofern hat der Vorhalt, daß die „Bundisten" bei der zu erwartenden Zerstreuung der Juden über das ganze russische Reich die Rechnung ohn,e den Wirt machen, einen berechtigten Sinn«. Mein, man darf bei bau starken unbezwingbaren« Trieb der Juden zur Konzentrierung, der noch von der gegenwärtigen Tendenz zur Proletarisierung unterstützt wird — hassen, -daß diese Zerstreuung keine Zertrümmerung sein wird. Man darf bei dem Grade der Entwicklung, den die jü-disihe Sprache erreicht hat und eben weil 1«e die Sprache von Proletariern geworden ist, erwarten, daß sie sich trotz alledem behaupte-n wird. Undinan hat vor allem! das Recht, zu fragen: Seit wann ist cs sozialistisch, einem Volke die Organisation« ans Grund seines Volkstums_ und seiner Sprache verbieten zu wollen, weil man der Meinung ist, d!aß sie keine Zukunft haben. Seit wann ist es sozialistisch, über -andere zu verfügen? Weniger zu verwundern ist, daß i-ch auch die jüdischen Nationalisten hartnäckig auf den Standpunkt des Territoriums stellen. Für sie, welchen die Erlangung eines bestimmten Landes das wichtigste ist, liegt die Versuchung nahe, dieses Land ihrer gefühlsmäßigen, Sehnsucht in ein Land der denkmäßig erkannten Notwendigkeit, diese Stätte einer möglichen Li-eblingskultur in die einzige Kulturstätte des Volkes mnzuwandeln. Und sie müssen« biefer Versuchung um so leichter nachgeben, als sie ja infolge der unmäßig entwickelten „Golus"-Vorstellung auch noch anderes, unmittelbareres Heil als das kulturelle von diesem Lande erwarten. Dennoch brauchten sie, sollte man meinen, dem „Bundismus" nicht so feindlich gegenüberzustehen. Sie sollten sich ihn wenigstens als Fortschritt gefallen lassem Wenn 'dies nicht der Fall ist, so trägt jazum Teile der „Bund" selbst die Schuld, insofern! auch er mit ihnen nicht glimpflich verfährt. Die tiefere Ursache der Abneigung liegt aber darin, daß ihnen der „Bund" nicht „national" erscheint. Die Organisation sei nur aus Zweckmäßigkritsgründen geschaffen, die Führer seien! verkappie Assimilanten, die die Menge irreführen, diese selbst sei antinntional verseucht. Es ist die alte Geschichte und doch ewig neu: die alte, ewig neue Verwechslung des Nationalen als Gesinnung und« als Tatsache. Der alte Irrtum, daß das nationale Interesse von der nationalen Ueberzeugung abhänge. Die alte Tragik und« die alte Komik, daß man aushort, national zu' sehr, wenn man anfängt, Huntes Feuilleton. Der Winterpalast in Petersburg «nd die Inden. Der fatale Kanonenschuß mit .Kartätschen auf das kaiserliche Palais an der Newa hat diesen Prachtbau in den jüngsten Tagen zn einer stehenden Rubrik in allen Zeitungen der Welt genracht. Es wird daher nicht unzeitgemäß sein, eine Reminiszenz aufzusrischen, die sich für die Juden Rußlands an dieses stolze Gebäude kn'üpft. Selbstverständlich ist diese Reminiszenz, wie bei allem, wo die beiden Begriffe Inden und Rußland in Verbindung kommen, eine für die Juden traurige. Am 20. Dezember des Jahres 1887 wurde der Winterpalast, über den jetzt so viel gesprochen, geschrieben und gelogen wird, von einem Feuer zerstört. Da in dem heiligen Rußland allenthalben und bei jeder Gelegenheit gestohlen wird, kam auch bei dem Brande des mit kostbaren Schätzen gefüllten kaiserlichen Palastes vieles, was vom Feuer verschont blieb, abhanden. Eine große Zahl von Dieben und Hehlern, welche die gestohlenen Gegenstände gekauft hatten, würbe später eruiert und der verdienten Strafe zngeführt. Unter den letzteren befanden sich auch drei Juden. Bei diesen aber begnügte man sich mit der Abstrafung der Schuldigen allein nicht, deren Verge'hen sollten vielmehr alle die Millionen Inden Rußlands büßen. Am 6. Jänner 1838 erschien nämlich ein UkaS, welcher bestimmte, daß jüdische Kanflente erster Gilde jährlich nur auf 6, zweiter Gilde nur ans 3 Monate, und zwar immer nur hintereinander, Kanflente dritter Gilde aber fortan gar keine Pässe irr fremde Gouvernements erhalten sollen; baß ferner nicht wie bisher allen Mitgliedern des HaUfes, sondern nur den Chefs der Aufenthalt an fremden Orten gestattet sei. Nnsiische Judennot. Von Herrn I. Braun in Radoimyst erhalten wir die folgende charakteristische Skizze: Im jüdischen Ghetto in den Gouvernements Kiew und Wolhynien, den größten Niederlassungsg-obieten, hat die ökononttsche Notlage unserer Brüder erschreckende Dimensionen angenommen. Diese Tatsache wird bereits von den offiziellen Preßorganen riickhaltlos anerkannt. Zusammengepfercht in den Städten des 9!ie>derlassungsgebietes, von den öffentlichen Arbeiten ausgeschlossen, beginnen die jüdischen Vvl-ksmassen im Nieder-lassnngsgebiete den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und Nicht einmal die bewährte jüdische Wohltätigkeit vermag trotz der äußersten Anspannung aller ihrer Kräfte, die immer wachsende Notlage der Juden im Niederlassnngsgebiet im geringsten zu lindern. In der ganzen Umgegend meines Wohnortes Radomysl und in der nächstgelegenen Stadt Zitomir entziehen sich -einige Inden santt ihren Kindern dieser Lage durch den Tod des Erfrierens, andere wieder sterben Hungers. Bald ist es der Mangel an Nahrung, bald «der Mangel an Heizmaterial, welcher jüdische Menschenleben vernichtet. Im ganzen NiederlassungLgebiet ertönt jetzt der verzweifelte Ruf: Brot! Brot! Hunderte jüdischer Familien sind in Meinem- Wohnorte Rademysl dem- Hunger preis-gegeben, weil jetzt die indnstrielle Krise alle Erwerbsanellen vernichtet hat. Diese Hungersnot hat sich mit der grimmigen Kälte des Winters vereint, um die trostlose Lage unserer Brüder noch trostloser zu gestalten. In Zitomir wurde eine alte Jüvin und ihre Tochter in ihrer Wohnung e r f r v r e n anfgefnnden. Die hiesigen Gebrüder H o r n st e i n verkaufen« allen Armen Holz per Pud für einen Spottpreis und man «sieht alle Morgen den TalmnAhorahvf von Menschen belagert, die ans Holz warten. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß die Kräfte nnferer Brüder immer mehr erlahmen. Ein Denkmal jüdischer Soldaten in London. Feldmarfchall Lord Roberts wird am 19. ds. in «der Zentralsynagoge in «Graet «Portland Street in London das Denkmal der im Bnrenkriege gefallenen jüdischen Soldaten enthüllen.

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