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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jüdische« Volksblatt!p!• | i1 j Seile sä Nr. IO uns zugebote stehenden materiellen Macht und mit Aufwendung der uns innewohnenden moralischen. Kraft darauf bestehen, daß wir als ein gleichwertiges Volk unter Völkern behandelt werden!, und nicht bei jeder nur denkbaren Ge» legenheit der Gefahr ausgescht sein, daß uns als Konfession! die zu unserer Unterdrückung verei nigten! nichts Wischen Konfessionen entgegengestellt werden. Allerdings müssen wir unseren nationaljüdischen Studenten! die Gerechtigkeit widerfahren lassen., daß sie einen weitaus schwereren Standpunkt Haben als ihre Gegner; während die deutsch-antisemitischen Studenten von ihren gleichgesinnten Professoren, Abgeordneten, Richtem usw. die weitgehendste moralische und praktische Unterstützung haben, ist der nationaljüdische Student vollständig sich selbst überlassen. Den traurigsten Beweis für diese Tatsache bot die Protestversammlung der jüdischnationalen Studenten. Kein einziger der hochmögenden Philister war erschienen, um diese junge, arbeitsfreudige, gegen eine tückische, rohe Uebermacht sich auflclhnende Jugend auch nur mit einem Worte des Trostes zu weiteren Kämpfen anzufeuevn. Hätte sich so emjüdischdeutschfreLsinniger Abgeordneter, Gemeinderat, Dozent oder Kultuspräsident in diese Versammlung verirrt und gesehen, wie die Zukunft des jüdischen Volkes gezwungen, ist, fiir ihre Existenz und die Existenz ihres Volkstums zu ringen, und wie sie so allein kämpft, führerlos und verlassen von allen denen,welchen eine glücklichere Aera zu Vermögen Und Würden verhelfen hat, dann! wäre ihm vielleicht wie dein Schreiber dieser Zeilen das Herz übeugegangen vor Wehmut und vor Besorgnis über die Zukunft unseres bedrängten, in sich zerklüfteten Volkes. Die erbärmlichste Rolle in dieser ganzen Affäre hat aber sicherlich diejenige Gruppe jüdischer Studenten gespielt, die wir die jüdischdeutsche Studentenschaft nennen möchten. An ihrer Spitze steht die Prager Redeuirtö' Lesehalle. Auch sie hat entrüstet getan, auch sie hat einen Protest gegen den deutschen Hochschultag losgelasfen. Diese Protestkundgebung war zu lächerlich. Als Beweis dafür wurde ihr in der „Neuen Freien Presse" ein Ehrenplatz eiwgeräumt. Diese jüdrschdöntschen HÄden protestierten dagegen,daß ihre uvdeutschenKommiilitonen ihnen das Deutschtum nicht zuerkennen wollten und an sie keine Einladung zum Hochschult«,ge ergehen ließen. Es ist ewig schade, daß die Herren Teutonen sich nicht auch noch diesen Ulk leisteten und die Herren von der jüdischdeutschen Couleur zu sich einluden, um ihnen dann mit der Jndendebatto als Dessert aufzuwarten. Die Herren von. der Prager Lese- und Redehalle haben die ihnen gebührende denkt? Daß er von König David spricht, wenn er an Pracht und Herrlichkeit mahnen, will un.D von Jerusalem, wenn fein! gottbegnadetes, prophetisches dluge eine Heimat sieht. Aber die Weisen und Alten und vor allen die Gelehrten, welche die Prosodik des jüdischen Sehnsuchtsliodes geschaffen haben, wollen, nur an. Baal denken und nur an die Sonne; sagte doch der Dichter: Wende dich nicht zu Baal, auf daß deine Saaten' gedeihen! und: Die Sonne wind wieder aufgehen über den verdürrten Triften! Dev Dichter, das jüdische Volk, schweigt. Er weiß nicht, ob der mit dem grauen Bart oder der bittere Weißköpfige recht hat, da sic im Streit,e liegen. Er sang, weil er nmßte und w i e er nmßte. In seiner Seele saugt die knechtische Pein, fein Gaumen lechzt nach Speise und Trank und seine Kinder schreien nach Freiheit! Die Prosodiker aber hadern über die Regeln. Schmelz, der Nibelunge. An: Abend dies Faschingsmontag war das Raimundtheater der Schauplatz von Svenen, wie sie sonst nur in Volksversaininlnugen, die von Anhängern verschiedener Pavteirichtrmgen besucht sind, erlebt worden. Man gab die vieraktige Komödie „Schmelz, der Nibelnnge" von Franz Adamus. Mit keckem Griff hat der Dichter ein Stück aktuellsten Lebens ans die Antwort erhalten: Ihr Geld wird auch weiterhin deutsch sein dürfen, sie werden auch in Zukunft das deutsche Kasino und alle anderen deutschen Institutionen mit jüdischweutschet!. Gelde errichten, dürfen, aber ein Recht, sich darüber aufzuhatten, daß alle diese Ansichten je eine Hochburg des Antisemitismus bilden, werden sie auch in Zukunft nicht haben. Ganz würdig dieses Benehmens der jüdisch-deutschfversmniyen Studenten ist auch die eigenartige Verwahrung der Prager Redeunld Lesehalle gegen die Prager jüdische Verbindung „Barissia". Wir stehen wohl aus dem Standpunkte, daß es zumindest kein großes Unglück wäre, wenn unsere jüdischen Verbindungen das Farbentragen aiufgeben wollten, aber lächerlich imlb erbärmlich ist es, wenn die jüdischldeutscherr Studenten von Prag Verwahrung eiNlegen dagegen, daß eine jüdische Burschenschaft Farben trage, obgleich sie nicht deutsch sei. Aber, wie gesagt, auch diese Selbstemiedrigunp hat den Prager 'deutschen Studenten mosaischer Kvnifefsion nichts genützt, sie wurden, sanrt ihren GesmnlunglsgenosfM' von dem antisemitischen Hochschultag zu den geduldeten Hausjuden der Germ'arrien gestempelt. Was uns nottut, ist, daß diejenigen, die sich auf jüdischnationcller Basis bereits zusammengefmrden, nur noch enger sich zusalmmenschließeu zu einem Bunde, zu einer festgefügten, politisch unbeugsamen, aber auch politi'sch gut geschulten Phalanx, die nicht nur den Stürmen zu trotzen, sondern, wenn es nottut, auch einen Sturm zu entfesseln vermag. * * * Bericht der Protestversammlung. Am Dietistag nachmittags fand im Festsaa'c 'des Katisimänni'schen Wercknes eine von den jüdi'schnätwnalen Studenten veranstaltete, von Mer sechshundert Personen ,besuchte Versammlung statt, in welcher! Protest erhüben wurde gegen die auf dem jüngsten deutschen Hochschultage gefaßte Resolution, daß Juden nur im prozentualen Verhältnisse der jüdischen Staatsange- .hörigen zu den arischen z,um Hochschulstudium zugelassen werden. Den Vorsitz 'führte der Obmann des jüdischen Hochschulansschusses und Präsident der „Kadimah" für. Fritz Lö hner, als'Schriftführer fungierte der Präsident des „Theodor Herzl" jur. Gotts r.t ed. ..»■r.-tc.-).,., Als erster. Redner widerlegte cand. jur. Waschttz in längerer Rede die Angriffe der antisemitischen Studenten, indem er Hauptsächlich PerwaHrnng dagegen einlegte, daß die Juden das Deutschtum von der Universität zu verdrängen versuchen. Am Schlüsse seiner Ausführungen forderte der Redner die jüdischen Kommilitonen mt>', sich unter der Fahne des Zionismus zu ralliieren, well sie nur so kraftvoll den pöbelhaften Angriffen des Antisemitismus entgegenzutreten vermögen. Hierauf ergriff, lebhaft akklamiert, der A. H. der ,Kadimäh", Redakteur der „Seit" Julius Uprimny das Wort. Der Redner, häu'ig durch lebhaften Beifall unterbrochen, führte zunächst aus, daß die deutschen Studenten immer Bühne gebracht, den Gegensatz zwischen Assimilation und Zionismus drauratisch geftailitet. Schmelz ist das Prototyp eines Asstmitantcn. 8ln dev Grenze Galiziens, in eiuier ostschlesischen Stadt, ausgewachsen., besuchte ov das deutsche Gymnasium seiner Heimat, verließ das gut jüdische Haus seines Vaters unifr kam auf die Universität. Seine jüdische Abstammung drückt ihn, er tut alles, sie vergessen zu machen. Die Natur gab ihm, das Aussehen, ei «res Ariers, was ihm zustatten kommt. Er nimmt die Taufe, ändert seinen Namen in Franz Wilhelm, schließt, sich der deutschnationalen selbstverstänldtich antrsemitischen Burschenschaft „Nibeluugia" an rmd exponiert sich für sie. In den Baden,itagen stellt er sich an die Spitze dieser Kohorte, zieht mit ihr vor das Parlament, begeht Gewalttätigkeiten gegen einen Wachmann und wird von seinen, Kommilitonen vor der Verhaftung gerettet. Abends soll der Mit Wilhelms bei einem festlichen Kommers gefeiert lmd Schmelz unter die Schar dev Nibelungen ausgenommen werden. Der Kommers bildet den Rahmen für den. Höhepunkt und die dramatisch wirkungsvollste Szene des Stückes. Der alte Schmelz, dor Vater des Studenten, war nach! Wien gekommen, seinen Sohn, womöglich voll der Taufe abgühailten. Ein polnischer Jude, im. Kaftan und mit Schlnachtlöckckeil, tritt er in die vom Biergenuß erhitzte Gesellschaft der studentischen, Inden- Hasser. Der Assuni laut verleugnet seinen Vater, erklärt, ihn, nicht zu kennen, und lveist ihn barsch von sich. Der alte Schmelz bricht ohnnur 'tonnt den Mut haben, gegen wehrlose Inden all'fzAtreten, wenn sie elf gegen einen stehen. 'Dort aber, wo sie sich in der Minorität befinden, können sie nicht lartt genug nach «dem Staatsanwalt und nach der Polizei rufen, mit dieMajoritäl zu unterdrücken. Betont werden müsse, daß die jüdischen Studenten nur bann ihr Recht durchzusetzen imstande sein werden, wenn sie den Ernst der Situation voll erfassen, um den Versuchen, die Juden vorr den 'Biidnugsmöglichketten auszufchttetzen, mit durch Einigkeit sieghafter Stärke entgegen zu treten. Sekretär Siegfried Fleischer erzielte einen starken Heitevkeitserfolg, 'illdem er die ganze Hetze der antisemitischen Studenten ans thron wirklichen Wert reduzierte. Der Redner führte sehr wirksam aus, daß dieser 'Kampf eigentlich nicht mehr als ein schmutziges Konkurrenzmanö ver sei von Leuterl, die alle jette von der Hochschule verdrängen wollen, die ihnen an Fleiß und Fähig,kettelt überlegen sind, für sich 'selbst aber möglichst große Erleichterungen bei den Prüfungen fordern. Nachdem noch Redaktettr unseres Blattes Jacob Krausz in einer beifällig aufgenommeuen Rede betonte, daß die jüdischen Siuidentest darauf bestehen müssen, au der Universität als Nation anerkattttt zu werden, ttnd nachdent er sich attidrerseits gegen die deutschfreisinniigen ,Studenten, die doch M'meist Juden 'sind, w'andte, gelangte die folgende Nesoltttivn einstintmig zur Annahme: ,/Angesichts dessen, daß die am zweiten detrtschen Hochschultage beschlossene Forderung nach vrozetltueller Zttiassung der jüdischen Sitchenten zu dett deutschsprachigen Hochschulen die staatsgrnndgesetzlich gewährleistete Gleichberechttgung der Jubelt anta'stet und durch Vorspiegelung falscher ArgNimente der Mehrheit des deutschen Bottes die irrige Meinung a.ttfzridrättgett sucht, datz die jüdische Stttdentenschaft eine Gefahr für die deutschsprachigen Hochschulen sei, und mit Rücksicht daraus, daß diese Forderung jeder Zivilisallon Hohtl spricht, protestiert die im Kaufmännischen Bereinsfaale am 7. März-1806 versarämelte jüdische Sttidentenschläft a'uss energischeste gegen diese schmähliche Fordermtg, weist die gegen die „gesamte Jtldenschaft geschleuderten perfiden Anwürfe mit Entrüstung zurück wnd fordert die jüdischen Z.'tiaeordneterr und Dozenten auf, zu dieser die vitälsten Interessen der jüdischetr StudenienschLst tangierende Ilngelegenheit unzweideutig Stellung zu nehmen. „Bund". Der „Allgemeine Jüdische Arbeiierbnnd kn Litthcmen, Polen, rmd Rußland" ist, wie man, weiß,..eine mit .gewissem Autowomierechten ausgestattete Gruppe der internationalen Sozialdemokra-iile. Ihr Pllatz mnecha-lb derselben, erfreut sich noch lange nicht allgetneiner Anerkennung. Die westlichen Gruppen der Partei wissen nicht viel von der Sache, wenn auch schon etwas mehr, als noch vor einem Jahre und überlassen die Austragung den Beteiligten — den „Bundisten" selbst nud denjenigen, die die Daseinsberechtigung einer besonderen jüdischen sozialdemokratischen Organisation leugnen. Zu diesen Leugnern gehören Juden und Russen, die in starrem Jnternationalism-us, mächtig zusammen. Die Judenhasser, die den Alton anfangs verhöhnt hatten, bringen ihre Entrüstung gegen deu unnatürlichen Sohn znin Ausdruck. Am lautesten der.Nibetunge Siegfried. Da ivi'vd durch die Geliebte und Braut des jtlngen Schmelz, Marie Wawwch., di^ aus Besorgnis um, den Alten ihin. in die Kneipe imchgoeilt ist, klar, daß Siegfried, der biedere „Telltfche", sie verfi'chrt und dann schmählich verlassen' hat. Schnrelz juu. will if)n züchtigen. Allein der Deutsche verfchnnzt sich hinter der arischen These: Juden' seien nicht satissajktionsfähig. Der letzte Akt ist der schwächste. Adamus, der Protestant, hatte nicht den, Mnh seinen. Helid'on den Weg finden zulassen', der ihn atrs bem« Labyrinth geführt hätte und den, ihm der Zionist Perlsam. zeigt. So läßt der Schluß tmbefriedigt. Neberhaupt ist der Vertreter des Zionismus nicht richtig gestaltet. Nur in ostentativeren Schlagwo-rten läßt der Autor den Zionisten zu' Worte konunem Adamus kennt die jüdische nationale Bewiegung nicht aus eigener Wahrnohmung. Als er das Gymnasinni! besnchte, waren die Jliden, seiner schlesischen Heimat deutsch-national, wie oben Schmielz, lind aus der llniversität hat er sich als Germanist imr unter Ariern beivegt. Die Lösung soll in den Worten des jüdischen Mediziners Moriz Zeisler, einer köstlichen Episoden-- figur, der gleich dem Grafen Traft in Sudermoims „Ehre" die Rwlle des Räsoneurs inuehat, liegen: Es iverde die Zeit kommen, in der es in der Oeffentlichkeit weder Inden noch Christen, sondern mir Nteuscheu geben werde.

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