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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 Jüdisches Volksblatt stellten Anforderungen gerecht zu werkelt. Diese hier fremden Menschen gehen ziel- und planlos auf den Straßen herum, ohne zu wissen, an wen sie sich zu tuenden hüben. Arbeit zu bekommen ist fast ausgeschlossen, denn der Neger des Südens arbeitet für so geringen Lohn, daß ein Weißer, und besonders ein Jude, bei diesem Lohn nicht einmal das Notwendige zu decken imstande wäre. Heute morgens (der Brief ist vom 16. Jänner dieses Jahres datiert) kamen zu mir zwei jüdische Schneider, welche ebenfalls von diesem New Yorker Verschickungsamt hierhergesendet wurden und rticht wußten, wo sie die Nacht znvrtngen sollen. Es gelang mir, sie für eine Nacht zu versorgen. Bald darauf brachte mir der jüdische Polizclmann Barokvff weitere zwei Juden, welche schon seit zwei Tagen nichts gegessen hatten. Als ich ihnen einen Dollar einhändigte, erstrahlten ihre Augen vor Freude. Ihre blassen, eingefallenen Gesichter bestätigten es, daß sie seit zwei Tagen nichts gegessen hatten. Geradezu herzzerreißende Szenen spielen sich hier ab. Man schickt „grüne" Inden in kleine Städte des Südens, wo sie ganz sich selbst überlassen sind, und da ihnen dort auch keine Aussicht auf Besserung blüht, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in Massen nach Atlanta zu kommen. Angesichts dieser erschreenden Tatsache beschlossen wir, in einer Versammlung die Tatsachen zu veröffentlichen und alle zu warnen, den Ueberredungen des Nemoval Office Gehör zu schenken. Der Unterfertigte ist bereits seit 13 Jahren Präsident einer hiesigen großen Wohltätigkeitsanstalt, doch hat er während der ganzen Zeit nicht so viel Elend und Not mitansehen müssen, als in den letzten drei Monaten, seitdem wir hier die Tätigkeit der New Yorker Anstalt zu spüren bekommen usw. Die Beschränkung der Einwanderung in Amerika. Wie bereits gemeldet, beschloß die Negierung der Vereinigten Staaten die Einwanderung in der Weise einznschränken, daß nur 80.000 Einwanderer pro Land jährlich beit Boden Amerikas betreten dürfen. Dieser Beschluß hat unter unseren östlichen Volksgenossen große Besorgnis erregt. Die Maßregel kam so überraschend, daß nicht einmal die größeren Gesellschaften, die sich die Negelrtng der Auswanderung zum Ziele setzten, von ihr etwas vorher ahnten. Namentlich in drei Landern wird diese Maßregel nicht verfehlen, eine tiefe Wirkung auszuüben, unb zwar in Rußland, Italien und Oesterreich-Ungarn. Aus diesen Ländern wandern alljährlich viel mehr als je 80.000 Personen nach Amerika aus und matt befürchtet mm Komplikationen, da die Auswanderungslustigen nun noch mehr als bisher die Beute gewissenloser Spekulanten sein werden, lieber die Auswanderung im abgelaufenen Jahre liegen die folgenden statistischen Daten vor: Deutschland 46.380, Schweden-Norwegen 23.808, Japan 14.264 Auswanderer. Hingegen wunderten aus Rußland 145.141, aus Italien 193.296 und aus Oesterreich-Ungarn 177.156 Persottett int vergangenen Jahre atts; hierbei ntttß aber bemerkt werden, daß die absolute Ziffer der aus Italien Ansgewattderten diesntal die Zahl der aus Rttßlattd Ansgewattderten wohl übersteigt, doch ist die Tendenz der Auswanderung aus Rußland nach der vorliegenden Statistik gegen die Vorjahre eine steigende, was wohl zum Teile eine Begri'utdung attch in den kriegerischen Ereignissen in Ostasien haben mag. Aus Oesterreich-Ungarn und Italien wunderten int abgelaufenen Jahre weniger Personett aus als in den vorangehenden Jahren. Nicht ohne Interesse ist, daß selbst die Auswanderung ans England int abgelaufenen Jahre mehr als 80.000, und ztvar 85.860 betrug. Man darf tvohl annehmen, daß es sich hierbei auch tun aus dein Osten gekommene Jttdett handelt, die in England nicht die ersehnte Existenzmöglichkeit finden konnten und infolgedessen gezwttngen waren, weiierznwandern. Answandererverkehr über Tetscherr Die Station Tetsch nt der österreichischen Nordwestbahn hat — wie man uns berichtet — int Monate Jänner d. I. im ganzen 5317 Auswanderer auf der Fahrt nach den Answattderuttgshäfen passiert, das ist im Durchschnitt pro Tag 171. Die Zunahme beträgt gegen den Vormonat rund 1000, gegen den Monat Jänner des Vorjahres 8586. Die höchste Tagesziffer brachte der 18. Jänner mit 623, die niedrigste der 6. Jänner mit 6 Auswanderern. Es verkehrten rticht wertiger als 4 Sonderzüge, und zwar drei direkt vort Wien über Tetschett nach Leipzig. Die Zahl der über Tetschen im Jänner z u r ü ckge fahre ne n Ausgewanderten war w e s e n t l i ch g e r i rt g e r als sottst, sie betrug nur 366 Persottett. Liban. Vor einigen Tagen verließen zwei dänische Passagierdampfer den Libauer Hafen mit 240 jüdischen Emigranten an Bord. Die Auswanderer, Männer, Frauen urtd Kirtder, wollen sich in Amerika ttiederlassen. Auswandernngsübertreturrgen im Jahre 1904. Die verschiedenen Gerichtshöfe in Ungarn haben im Laufe des Jahres 1904 die Ankündigungen der folgenden ausländischen Reisebureaus und Schiffahrtsunternehmungen mittels Urteils konfisziert: Der königl. Gerichtshof in Szabadka die in Rotterdam^ herausgegebenen Ankündigungen der englischen Reisebureaus; die königl. Gerichtshöfe in Szekely- Udvarhely, Szekesfehcrvar und Maramaros- Sziget die Ankündigungen der Hamburger Firma Falk u. Comp.; der königl. Gerichtshof in Szekesfehcrvar die Plakate des Bureaus „Debenhaus' Ozean-Linie" in Antwerpen; der königl. Gerichtshof in Szekesfehervar die Plakate des Hamburger Bureaus B. Karlsberg; die königl. Gerichtshöfe in Trencsen, Fehertemplom, Balassa-Gyarmat und Satoralja- Ujhely die Ankündigungen der Schiffahrtsunternehmung F. Mißler in Bremen; der königl. Gerichtshof in Trencsen die Plakate des Bureaus Karesch und Hetzky in Bremen; die königl. Gerichtshöfe in Budapest und Maramaros-Sziget die Ankündigungen der Hamburg- Amerika-Linie; der königl. Gerichtshof in Maramaros-Sziget die Plakate des Norddeutschen Lloyd in Bremen; der Budapester königl. Gerichtshof die Plakate der Holland-Amerika- Linie in Amsterdam; der königl. Gerichtshof in Balassa-Gyarmat die Ankündigungen des Hamburger Bureaus Ludwig Scharlach u. Comp. Sämtliche Gerichtshöfe des Landes müssen zufolge der Weisung des Justizministers jeden einzelnen Konfiskationsfall dem Budapester königl. Strafgerichtshofe anzeigen, der dann am Schlüsse des Jahres die Urteile dem Justizminister unterbreitet. Bon den Chersoner Kolonisten. Eine große Zahl jüdischer Kolonisten des Chersoner und Jekaterinoslawer Gouvernements wendete sich an die „Jca" mit der Bitte, ihre Uebersiedlung nach P a l ä st i n a oder Argentinien zu bewerkstelligen. Die Kolonisten besitzen lper Familie 300 Rubel Reisespesen, und verlangen, daß ihnen die Gesellschaft Boden auf Abzahlung zur Verfügung stelle. Die Ursache dieser Bewegung liegt, wie „Fraind" meint, darin, daß die Kolonisten in den obengenannten Gouvernements heute schon zu wenig Boden haben. Während nämlichvor 60 Jahren 6 Desjatin Boden auf eine Person entfielen, entfällt heute ein Desjatin auf 10—12 Personen. Im übrigen sei hier bemerkt, daß für die jüdischen Kolonien in den Chersoner itmb Jekaterinoslawer Gouvernements, welche bekanntlich in das Ressort des Ministeriums des Innern übergegangen sind, dieselben Verwaltungsanstaltcn getroffen wurden, wie sie für die Bauernkolomen in den russischen Dörfern dermalen bestehen. London. Im Monate Jänner d. I. wurden in London insgesamt 62 Ausländer naturalisiert. Der größere Teil sind Jttdett nttd stammt aus Rttßlattd. Uttter den Naturalisierten befinden sich auch fünf, die aus Oesterreich-Ungarn stammen,- es sind dies: Markus Brav, Salvmvn Herbst, Armin Hoff ttt a tt n, Samuel Klotz recte Abraham D i ck ttt a tt tt und H eint amt Wand. Gmigranteuslend Matt schreibt ttns aus Lemberg: Bisnutt hat sich dieLemberger Polizei um die russischen Auswanderer wenig gekünnnert. Jetzt utacht sich aber eilt ganz netter Kurs bemerkbar. Die Stadt Lemberg soll um jeden Preis vott dett Emigrattten gesäubert tverdeu. Nun gibt es aber unter ihnen Hunderte, die ttoch ohne Ziel und Plan sind. Auch sie möchten nach Amerika, aber sie sind aller Mittel bar. Verzweifelt durchziehen sie die Straßett. Der Verein „Toutchei Jehnda Russi" kamt beim besten Willen nicht Allen helfett. Eine Fürsprache bei der Polizeibehörde führte ztt feinem günstigen Resultate. Es scheint also eilt strenger Auftrag vott oben gekommen ztt sein! Wohin sollen sich die Armelt wenden . . . '? Es organisiertett sich nun ztvei Auswandernngsgruppen zu je 60 Mann, die in dett nächsten Tagen zu Fttß nach Wien wattdertt tvollen. Was wird mit diesen Armen geschehen wetttt sie auch Wiett glücklich erreichen . . .? Gründung einer österreichische« Kolorrialgesellschaft. Eine Reihe von Totester Kapitalisten mit dem Schweizer Bankvereitt und der Filiale der Umonbank in Triest hat sich zu dent Zwecke vereinigt, nm uttter dem Titel „Societä Anonima Coloniale di Trieste* (Koloniale Aktiengesellschaft in Triest) eine österreichische Aktiengesellschaft mit dem anfänglichett Kapital vott 3 Millionen Krotten, tvelches auf 5 Milliolten erhöht werden soll, ins Leben zu rufen. Die Gesellschaft hat die großen Masseninlporte, welche bisher ausschließlich durch englische Niederlassungen rtnd deren Vermittler besorgt wurden, über Triest zu leiten. Diese erste österreichische Kolonialgesellschast wird sich in erster Lutte dem Export heimischer Erzeugnisse ttach den überseeischett Ländertt widmen ttttd durch die Verbindung mit der Societä Coloniale Italiana attch für Niederlassungen ttt verschiedettett Hmidelsemporiett Afrikas und des fernen Ostens sorgen, der vertragsmäßig die Filialett der Sodeta Coloniale Italiana in Massauah,Montbassa,Adett,Zanzibar,Bombay, Kalkutta tmb Shanghai gleichzeitig als Agenturen der Triester kolonialen Aktiengesellschaft dienen werden, tvelche tvieder ihre eigenen Agenten in Rangoon, Moulmein, Bassein, Akyab und Sütgapore habet: wird. Die jüdischen Kolonisten in Rußland. Der „Fraind" bringt nach „Lodz. List." folgende Mitteilung: Allgemein herrscht bei den Antisemiten die Auffassung, daß die Juden zur Landwirtschaft nicht-taugen und daß die Juden, wenn sie sich schon mit Ackerbau beschäftigen, die eigentliche Arbeit durch Christen verrichten lassen. Dies entspricht jedoch nichr der Wahrheit. Die Statistik stellt gerade das Gegenteil fest. In den 17 Kolonien, über welche die statistischen Daten vorhanden sind, beschäftigen sich insgesamt 3276 Personen mit Ackerbau, davon sind nur 106 christliche Lohnarbeiter. Der Bodenbesitz der jüdischen Kolonisten beträgt in diesen 17 Kolonien 17 230 Desjatin, dazu kommen noch 13 488 Desjatin gepachteten Bodens, so daß die jüdische Kolonisten auf dem besprochenen Gebiete insgesamt 30 717 Desjatin Boden bearbeiteten. Die Tragödie des Emigranten. Aus Insterburg in Preußen wird uns über folgenden tragischen Fall berichtet: Vor einiger Zeit kam ein russischer Emigrant nach Königsberg, wo er krankheitshalber im Spital ausgenommen werden mußte. Er verließ bald das Hospital, wendete sich nach Insterburg, wo er, aller Geldmittel bar, in der Emigrantenherberge Unterkunft fand. Er wendete sich an seine in Rußland und Amerika lebenden Verwandten wegen Unterstützung, und da dieselbe ausblieb und ihm auch der Vorstand der Herberge drohte, die Unterkunft zu kündigen, was mit einer Auslieferung an die russische Grenzbehövde gleichbedeutend wäre, entschloß sich der unglückliche Mensch, seinem qualvollen Leben ein Ende zu machen. Am Morgen, nachdem ihm der Beschluß des Leiters der Herberge mitgeteilt ward, wurde er neben seiner Schlafstätte erhenkt aufgefunden. Die Hambnrg-Amerika-Linie hat, nachdem jetzt Sie Streitigkeiten zwischen ihr ttttd der Cuuard-Linie endgültig beigelegt sind, zu einer weiteren E r h ö h tt tt g ihrer ZtvischeNdeck- Fahrprotse für den Verkehr zwischen Hamburg ttttd Nordamerika gegriffen. Es betragen fortan diese Preise von Hantburg oder Cherbourg nach ytew York mit dem Schnelldampfer „Deutschland" 180 Mk., von Hamburg oder Boulogne nach New York mit den Postdampfern „Moltke, „Blücher" und „Hamburg" 160 Mk. und von Hamburg oder Boulogne nach New York mit. dett Postdampfern „Gras Wakderfee", „Patricia", „Pennsylvania", „Pretoria", „Batavia", „Belgravia" nttd „Bulgaria" 140 Mk. Die Fahrt von Stow York ist, wie immer, etwas billiger. Bis ans weiteres gelten folgende Fahrpreise: von New York nach Hamburg mit dem Schnelldampfer „Deutschland" 164 Mk., mit den Postdäntpfern „Moltke", „Blücher" -und „Hamburg", sotvie mit den übrigen oben genannten Pvstdampfern 130 Mk. Die hohen Einnahmen der Gesellschaft im letzten Jahre scheinen den Appetit ihrer Verwaltung recht angeregt zn haben. Oesterreichisch rrrrgarische Ansiedler irr Kanada. Die kanadische Regierung bat im letztett Quartal des Vorjahres 7386 Heiirtftätten vergebet:, vott denen laut einem Be-

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