Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 9 was am liebsten gesehen wirb, eine entsprechend große Summe von Bargeld. Telegraphiert ein angekommener Einwanderer von Ellis-Jsland aus an feinen Verwandten, so ist schon ans der Depesche ersichtlich, in welcher Abteilung er sich befindet, denn sie trägt den amtlichen Vermerk: „Special Jnquiry" oder „Temperary Detinneö" (vorläufig zurückgehalten),. Diese letzte Bemerkung besagt, daß der betreffende Einwanderer sich in der Abteilung „New Aork Room" befindet. Die Anverwandten, welche diese Depesche erhalten, beachten in der Regel diese wichtigen Vermerke nicht oder haben keine Ahnung, was sie bedeuten, und bloß ins dieser Unachtsamkeit oder Unkenntnis der Uobernehmer entspringt das ganze Unglück der armen, im bangen Zittern wartenden Immigranten. Wir woll>- dies an einem Beispiele näher erklären: Ein Einwanderer hatte in New Jork reiche Verwandte nnd auch arme. Die meisten der Einwanderer telegraphieren oder schreiben an ihre armen Verwandten oder gar nur an irgelld einen Landsmann, der selbst noch ein „Grüner" ist. Erhalten nun solche Personen das Telegramm oder den Brief, so kennen sie sich in der Regel nicht aus, welchen Weg sie einzuschlagcn haben. Sie erscheinen nun vor der Jury der Spezml-Jnguiry und, da sie nicht in der Lage sind, die oben erivähnten erforderlichen Beweise zu erbringen, so verlegen sie sich mitunter daraus, den betrcsffnden Beamten irrezuführen, und da dies zumeist mißlingt, wird der junge gesunde Einwanderer, der bei regulärem Vorgänge ohne weiteres hereingelassen worden wäre, kurzerhand ausgeschlossen und zum Deportieren verurteilt. Solche Fälle in das richtige Geleise zu bringen ist dann sehr schwer, ja in den meisten Fällen fast unmöglich. Ein anderer Fall: Ein Geschäftsmann erhält ein Telegramm von einem Einwanderer. Zu leichtfertig oder vielleicht eben zu sehr beschäftigt, begibt er sich nicht selbst auf Ellis -Island, sondern schickt irgend einen unerfahrenen Angestellten oder Verwandten an seinerstatt, es wiederholen sich die oben geschilderten Szenen, der Einwanderer wird ausgeschlossen und wenn der bequeme Herr Kaufmann dann, von Gewissensbissen getrieben, zur Kommission eilt, ist es in den meisten Fällen zu spät, da die Beamten jetzt ein zweites Verhör in den meisten Füllen, ablehnen, nnd der arme Einwanderer wird bei der nächsten Gelegenheit mit einem Dampfer derjenigen Gesellschaft zurücktranspvrtiert, welche ihn. nach New Aork gebracht hat. Wir haben die traurige Erfahrung gemacht, daß 90 Prozent der Parteien in eine der eben geschilderten zwei Kategorien gehören. Diese Leute suchen uns zumeist zu einer Zeit auf, wo eine Reparatur des gemachten Fehlers nur sehr schwer oder gar nicht mehr möglich ist. Wichtig für die Einwanderer ist es auch, zu wissen, daß jeder Einwanderer, der mit Hilfe einer jüdischen Gesellschaft aus Europa kommt, gleich bei der Ankunft für ausgeschlossen erklärt und bei nächster Gelegenheit nach Europa zurückgeschickt wird. Gegen diese Maßregel gibt es keinen Rechtsweg. Mag nun ein solcher Einwanderer noch so viel reiche Verwandte in Amerika haben, die ihn übernehmen möchten, so nützt dies alles schon deshalb nicht, weil die Betreffenden überhaupt nicht zum Verhör zugelassen werden." Zum Schlüsse empfiehlt der Ausruf, in allen zweifelhaften Fällen, die Hilfe der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen, wodurch viele jüdische Existenzen gerettet werden könnten. Unterfertigt ist der Ausruf: „Im Namen der Board of Direetors vf the Hebrow Jmmigrants Aid Sveiaty New Avrk 33 Canal Street. A. Franklin, Sekretär." Hilfsverein der deutschen Jude,». Sonntag den 26. Februar fand in Berlin die ordentliche Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Der Präsident Herr James Simon gedachte zunächst mit tiefempsllNdenen Worten der dahingeschiedenen Mitglieder des Zentralkomitees Salomen Fvrchheimer, Alphons Jaeobsvhn, Konsul A. M. Simon sowie des Generalsekretärs Herrn Willy Bambus, dessen Verdienste um die Judenheit Herr Simon mit Worten höchster Anerkennung würdigte. — Der Vorsitzende konstatierte mit Genugtuung die Förderung, die der Verein durch die Logen und die Presse erfahren hat. Die Zahl der Mitglieder ist von 550" auf 8600 gestiegen, die Beiträge nnd Spenden von 45 000 Mark auf rund 70 000 Mark. Die große Hilfsaktion, welche zngnnsten der russischen Juden vom Hilfsverein eingeleitet worden ist, hat eine Spezial sammlung für diesen Zweck nötig gemacht. Die Sammlung beschränkte sich aus einen kleinen Kreis wohlhabender Glaubensgenossen in Berlin und ergab die Summe voll 108 000 Mark. Die Gesamteinnahmen irn Jahre 1904 betrugen 209 931 Mark: die Ausgaben 194 603 Mark. Das Vermögen betrug am 31. Dezember 1904, einschließlich der Baron von Eohn-Oppenhelin-Stlftung, 088 030,48 Mark. Herr Dr. Paul N a t h a n erstattete hierauf den Geschäftsbericht. Die Tätigkeit galt in erster Reihe den Inden Rußlands. Die Hilfsakttoll war zweierlei Art. Zunächst mutzte die Notlage in Nuhland, vorzüglich in den westlichen Jndustriebezirken, einigermaßen gelindert werden. Zu diesem Zwecke hat lder Hilfsverein eine Summe von 50 000 Mark bercitgestellt. Es haben erhalten: Warschau 10 000 Francs, Wilna 10 000 Fres., Odessa 10 000 Frcs., Lodz 5000 Mark. Ferner wurden 10 000 Mark dem Petersburger Komitee überwiesen. Zu erwähnen wäre noch eine Spende von 2000 Mark für die durch Krawalle geschädigten Glaubensgenosse rc in Smjela, eine solche von 4100 Mark für die Abgebrannten in Wilkomir usw. usw. Andrerseits war die Hilfsaktion darauf gerichtet, für die große Masse der A u s w a «derer Erleichterungerl auf ihrer mühevollen Reise zu schaffen. Es ist bekannt, welchen Unzutrüglichkoiten die jüdischen Auswanderer an der preußischrussischen Grenze ausgesetzt waren. Diesem Uebel ist durch die Begründung einer großen O r g a n i s a t i v n voll Schutzkomitees für durchreisende russische Juden an den wichtigsten Uebergangsplätzeu von Memel bis Ratibvr gesteuert morden. Durch persönliche Verhandlungen mit den maßgebenden Faktoren der Negierung sowohl wie der Schiffahrtsgesellschaften ist es gelungen, eine Reihe von Erleichterungen für die auswandernden Glaubensgenossen zu erzielen. In Tilsit ilnd in Königsberg sind Herbergen gegründet worden. Die Bestrebungen, die planlose jüdische Auswanderung zu regulieren, führte zu einer i nte rnationalen K o n f e r e n z in F ra n k f u rt am Main, auf der alle großen jüdischen Organ i f a t i o n e n Europas vertreten waren. Der Haupterfolg dieser Konferenz ist die Begründung eines Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelogenheiten in Berlin durch den Hilfsverein der deutschen Juden und die Großloge ftir Deutschland, und ferner muß die Ausdehnung der von uns ins Leben gerufenen Organisationen auf die Nachbarländer dnrchgeführt werden. Auf dem Gebiete des Schulwesens galt die Tätigkeit des Hilfsvereiues in erster Reihe der Türkei und den B a l k a n st a a t e n. Dabei ließ sich der Hilfsverein von dem Gesichtspunkte leiten, überall dort zugleich zu fördern, wo sich dies für unsere Glaubensgenossen nach deren eigener Ansicht aus Gründen des wirtschaftlichen Fortkommens als notwendig und zweckmäßig erwies. Es wurden Schulen gegründet j resp. unterstützt in Sofia, Philippvpel, Konstan-! tinopel, den anatolischen Kolonien und einer l Reihe von Schulen in Rumänien. Ganz besondere Aufmerksamkeit hat der Verein den Sch ul v e r h ä l t n i s s e n in Pa - l ä st i n a zugewendet. Um dem großen Mangel an geeigneten Lehrern im Orient abzuhelfen, hat der Verein die Begründung eines Lehrerseminars in Jerusalem beschlosseu, welches am 5. Mai 1904 seine Lehrtätigkeit bereits begonnen hat. Der Hilfsverein unterhält ferner in Palästina 3 Kindergärten, von denen sich zwei in Jerusalem und einer in Jaffa befindet. Die Eröffnung eines vierten Kindergartens in Saffed steht bevor. Es besteht die Absicht, im Anschluß arr diese Kindergärten N v r m a l s ch ul e n zu errichten. Zu erwähnen rväre noch die Beteiligung an der Hilfsaktion für die rn a r o k k a n t s ch e n I u d e lt mit 2000 Mark, an der Errichtung eines Lehrerseminars für die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. mit 5000 Mark, all dem Bau einer jüdischen Mädchenschule in Haskaieu, einer , Vorstadt Kvnstantinopels, gleichsfalls mit 5000 Mark, art eineilt Kindergarten in Stanislan usw. : Alt der darauffolgenden Debatte beteiligten sich die Herren Rabbiner Dr. Norden-Myslowitz, Herr Schwarz, Herr Berlill, Herr Jnstizrat Seligsvhn, Herr Lalldtagsabgevrdneier Jllstizrat Eafset, Herr Dr. H. Hildesheimer --Berlin, Teirator Fischer-Hannover, Magnus-Leipzig usw.! Die statutengemäß ausgeschiedenen Milglieder des Zentralkomitees sind dilrch Zuruf einst i m in i g w i e d e r g e w tt h l t worden. , Die Kolonie Rischon Lezion. Die Leitung der Kolonie Rischon Lezion hat in j ihrer letzten Sitzung beschlossen, siedelt von; den Kolonisteil bewohnte Straßenzüge mit i neuen Namen zu verseheil. Die neuen Gassen! werden heißen: Nothsehildgasse, Herzlgasse,! Ertallgergasse, Dr. Pillskergasse, Mohilewer-! gasse, Levontingasse und Jerusalemerstraße. j „Bon der jüdischen Auswanderung." lütter! diesem Titel erschien im Lemberger „Rvcznik Zy- I dowski" (Jüdisches Jahrbuch) eine ausführliche j Arbeit voll Heillrich L ö w e n h e r z, die im we- , setlilichen folgetldes erlthält: Jll Krakau war un° i längst eilt Gemälde des jüdischell Malers Hirschenberg ausgestellt, „Gvllis" betitelt, das vor uns j die Tragödie des jüdischell Bottes in ihrer schrecki lichsten Gestalt entrollte. Das Elend »nütz schon! sehr groß sein, welln sich sogar ein Greis entschließt, fein Brot in fernen Weltgegenden zü> suchet,. ANerdiltgs das Land, das der Jude ver-! läßt, war ihln nie eine Heimat. Der Abschied ist ihn, leichter als dem italienischen, bentfefjen oder polnischen Emigranten, denn das Verlassen des „Vaterlandes" ist zugleich eine Befreiung aus nationaler und ökonomischer Ullterdrücknng. Das Verlangen, das russische oder rumänische Sklavenjoch abznschütteln oder dem Hnllgertode im „liberalen" Galizien zu entrinnein kommt ihm aber teuer zit stehen. Tausende jüdischer Falntlien, aller Mittel bar, fahren irr die Welt hinans. Der Weg führt nach London oder nach Alnerika. Die Zahl dieser Auswanderer ist stets im Wachselk begriffen. In öeit Jahren 1902—03 langten in Nordamerika allein 70 296 rilfsische, österreichische nlld rnllläitische Jlldell an. In der überseeischen Answallderungsstatistik spielell die galizischen Jllden eilte große Rolle. Alts 80 000 galizische Answanderer, ivelche in den Jahren 1902—03 lwch Kanada, Brasiliell itn.b Nordamerika fuhren, kommen 18 000 Juden. Es ist nun höchste Zeit, daß dein jüdischen Proletariate liene Ansic>dlungsrayons eröffnet lverden, öenli die klebelsüllnng der slartbevölterien lahetti voll London und New Avrk kanli zu einer Katastrophe führen, bet der in erster Liirie die osteuropäischen Inden zu leiden haben werden. Der osteuropäische Jude klammert sich all den , Auferlthalt in Zkeiv Port. Er glaubt hier Arbeitsgclegelkheit zu finden. Professor Philippvvich sagte unkällgst mit Recht, daß es vielleicht ans der ganzen Erde feinen Ort gibt, an den sich so sehr die Hoffnung vieler tansender klammert als all Ellis Jslalld. Vergegenlivärtigelr wir uns aiuch, ivelche Sn'llnne von Leiden der ssiuswauderer schon hinter sich hat, bevor er Ellis Island erreicht. Iirfolge der nllgellügenden Hilfe während ihrer Reise durch Europa haben sie jedoch ihr Vertrauen in die jüdischen Hilfskomitees verloreii. Sie wollen sogar voll einer so wichtigen Institution wie die Jolvish Agricultural and Industrial AidSociety" nichts wissen. Speziell die Sektion „Removal Office" dieses Unterrlehmells besaßt sich damit, die Stuswmudcrer in den Vereinigten Staaten an verschiedeneu güirstigen Orterl auzusiedeln. Auf diese Weise überfiodelterr auö dkew Ljork im Jahre 1902 3000 und im Jahre 1903 5500 Inden. Wenig gcung! Lille külifilichen Mittel, den Stronr der Auswanderung eiuzudämmell, waren vergebens. Die solgendelk Ziffern beweifeu, wie eng oerbllnden die LruSwarrderuug mit dem sozialen Leben ist: Nchnren wir Galizien als Beispiel. Bis zum Jahre 1800, als die Politik dieses Landes noch nicht öurchkrälikt mar voll autiseinikischeu Elementen, ist die Bevölkernugszahl fvrklvährend ilnd llllpruportionett gelvachseli. Ganz verändert ist das Bild von 1890—1000. Da hat die Zahl der Geburten die der Sterbefälle um 148 107 iibertroffell. Die Zahl der jüdischell Einwohner lontzde aber tatsächlich nur um 30 110 größer. Der Rest v o n 108 049 P e r s v n e ll n, ü ß t e s c i n G l ü ck i ll d e r F e r u e s u ch e ll. Wohl ist die Zahl der Juden in London und New Avrk ungemein groß, aber unweit von die feil Städten erstrecken sich weitausgedehnte Jndllstriebezir'ke, wo man sich voll seiner Hände Arbeit ernähren kann. Hier in u ß das W e r >k e i u s e tz e n. Alle größeren jüdischen Korporationen müssen sich znfammenschlieben, um den 'vielen tausenden Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Welur wir aber bestrebt sind, den Emigranten bessere Lebensbedillgllngen zu schaffen, so dürfen rvir auch unsere nationale Pflicht nicht außer acht lassen. Wir rnüssen die Gewähr habeu, daß die Ansiedlnng von Juden außerhalb Europas ans nationaler Basis erfolgt. Dazu ist es auch nötig, daß die Emigranten zur Ueberzengnng gelangen, daß die Zionisten wirklich bestrebt sind, die Answanderung zu regeln. Das einzige Mittel zu diesem Ziele ist eine starke Organisation. Die Akemoval Institution, welche bekanntlich deil Ziveck hat, eil, Airhänseil jüdischer Massen in einein Zentrum zu oerhinderll bezw. die Nachteile einer solchen Massellüberfüllnug durch Zerstrenllng der Juden in einzelllen bisher noch nicht stark bewohliten Gegeirden zn milderlt. scheint — lvie Berichte aits New Bork melden — nicht illliner das gewünschte Ziel zn erreichen. Die „Philanthropische Berschicknng" dieser New Avrker Gesellschost hat ihr Llllgenmerk in letzterer Zeit hauptsächlich nach dern Süden gerichtet und speziell Atlanta ailsersehell, mn einen Teil der überschüssigen Jn.den von New Avrk dahin zu übersiedelll. Wie null aus einem an die Redaktion des ,/Bvlksadvokat" gerichtetell Briefe des Präsidentell eines zivnistischelt Vereines in Atlarita hervorgeht, geschieht diese Uebersiedkullg so planlos, daß nicht mtr das vvrgesteckte Ziel nicht erreicht wird, fonbern viele Familien geradezu ins Unglück gestürzt.werden, lvelches noch dadurch gesteigert wird, daß diese Mellschell, welche die New Avrker Verhältnisse gewöhnt waren, llunmehr iri ihnen vollständig fremde Verhältnisse verpfsanzt, ohne Allssicht auf Arbeit, der Not preisgegebell silid nrid der öffentkichell Wohltätigkeit zllr Last fattell. So schreibt der oben erwähnte Korrespondent des „Bolksndvokat": Jll 9kow Avrk, Nevtngtvll-Street 104 besteht hekanntlich das Relnoval Office, von lvelchem die Juden über ganz Alnerika zerstreut werden. Biele Juden sind aus Verschlllden dieses Amtes bereits ins Nngkiick geratell. Es ivitzd ihnen eiugeredei, daß sie ltach dem Siidell geschickt werdell, ioo ihrer ein großes Glück harrt. Täglich kommen hier durchschllilklich vier bis sechs Pevsvllell im größten Elend an. Atlallta ist viel zu kleilt, utn alle diese AükölMlllinge zu vevsorgelt. Die hiesigetl Juden tun ihr Möglichstes zur Liltdernllg der Not, aber ihre Mittel reichen nicht ans, Ultt chen «ll sie ge-