Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433086--2848-2436752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Auswanderung und Kolonisation. Beilage jcu Nr. 9 des „Jüdisches Volksblatt". Die Geschichte einer jüdischen Kolonie. (Woodbine.) Die Kolonie Woodbine wurde erst >or zirölf Jahren gegründet. Die Zeiten! waren daimals gena!U so schlecht wie heute. Die Judenverfolgungen in Rußland Mangen ganze Massen, ihren Geburtsort zu verlassen und im freien Alnerika eine neue Hemmt! 51t, gründen. Auch ÄamalÄ Hoden jüdische Wohlltäter über die Mittel beraten, wie diese' Juden Verfolgung zu ne Nutzen' der- Verfolgten se lbst zu wen den Ware. Es bildete sich ein Komitee, an dessen Spitze Baron Hirsche stand, und dieses machte im Jahre 1891 den Versuch, iw Woodbine die atls Rußland vertriebenen Juden anzusiedeln. Es wurden zunächst 6300 Acres Land angekanft und drei jüdische Familien probeweise angesiedülti. Diese drei Familien hatten! schon! in, Rußland Ackerbaiu betrieben' und erklärtere sich bereit, den für die Ansiedlung einer größeren Anzahl von Juden bestimmten Boden zu erprobm. Diese 5300 Acres Land bildeten den Anfang zu hier großen, blühenden Kolonie, die heute unter dem Namen Woodbine bekannt ist und erst jüngst ans der Ausstellung in St. Lduis den ersten Preis davongetragen! hat. Zur Zeit der Gründung bildete das Gebiet Woodbines eine Wüstenei. Es befanden sich dort im ganzen, direi Hütten!, welche von drei armen, bei der Eisenbahn beschäftigten Arbeitern bewohnt waren. Es war keine kleine Aufgabe, auf solch, wildem- Boden, der nody nie mit dem Pflug in Berührung gekommen! war, Menschen anzustedeln. Mit einem Riale wurden einige Häuschen errichtet, ein großes Terrain wurde ansgerodet und in Parzellen geteilt. Ein Jahr später ließen sich weitere dreißig Einwandererfamilien, lauter mittellose Menschen ohne Kenntnis der englischen Sprache, nieder. Das Lebendieser ersten Ansiedler war ein sehr schweres und bitteres. Sie mußten in Ställen oder auf freiem Feld übernach>t!en und> waren den größten Entbehrungen ansgesetzt. Sie hatten! aber auch mit ihrer großen Unkenntnis in den elementarsten Dingen des Ackerbaues m kärnpfen und lvußten nicht, was mit dem ihnen zur Bearbeitung überlassenen Boden an- Aufangen. Die irr der Umgegend> seßhaften Farmer blickten, auf diese ärmlichen, unwissenden und ungeschickten Ankömmlinge teils mit Bedauern, teils mit Verachtung herab und mieden jeden Verkehr mit ihnen. Langsam aber sicher arbeitete sich die erste Ansiedlergmppe in >das ungewohnte harte Leben irr dieser Wildnis hinein. Der nächste Trupp voir 60 Auswanderern, der ein Jahr später aus Rußland karn und sich ebenfalls hier niederließ, war Wohl ebensounerfahren in 'der Larrdlvirtschuft, als die erste Ansiedlung bei ihrer Ankrurft war, aber er fand in den ersten Anjstedlern gute, liebevolle Helfer itnib Ratgeber, die, oingcdmk der gemeirrsarrren Verfolgung, welche sie irr diesen öden, verlassenen Wellstrich vertrieb, -den Neuangekommenen gerne mit Rat und Tat beistanden. So ivuchs alljährlich die Zahl der jüdischen Ansiedler, urrd> wer hellte nach Woodbine komnll, will seinen Augen nicht trauen, wenn er erfährt, daß diese blühende Stadt noch vor 12—16 Jahren eine menschenleere Wildnis war. Mit jedem Jahre wurde das bebaute Termin größer, erstanden neue Häuser, kleine Geschäfte, Werkstätten, die sich zn Fabriken entwickelten. Schulen -evstanden>, Straßen wurden göbaultl und die anfänglich! kleine Ansiedlung wuchs zu einer großen, lustigen!, am'erikanischjüdischerr Stadt nrit 2000 EiiUvohnern, in der die schöllen Straßen, grünenden Gürten, ununterbrochen qualmende Fabriksschlote! Zeugnis Mögen von der gesunden Entwicklung, welche diese jüdische! Kolonie in> verhältnismäßig kurzer Zeit durchgemachi hat. Viel hat diese jüdische Kolonie denr Baron Hirsch-Fonds zu verdanken. Dieser Fonds ermöglichte es den Kolonisten, sich unter den denkbar günstigsten Bedingungen' in den Besitz eines Häuschens und eines entsprechenden Stückes Ackerland zu scheu. Die Bedingungen waren ungefähr folgende: Dev Baron Hirsch-Fonds erbaute dm Kolonisten ihre Häuser, übergab ihnen je ein Stück Land. Der Kolonist erlegte als erste Anzahlung 100 Dollars, die er in der Regel entlieh und hypothekarisch sicherstellte. Die weitere Abzahlung erfolgte in monatlicherr Raten von! 6—8 Doll. Die Abzahlung ging anfangs nicht glatt von stiatten. Einige warennicht in der Lage, ihren Verpflichtungen nachzukommen!, andere wieder nahmen die Dinge zu leicht und warm faumselig im Zahlen. Aber auch diese Schwierigkeiten waren bald überwunden undheute fühlen sich die Kolonisten in Woodbine bereits wir zu Hause: sie kennen die Sprache des Landes, haben sich die Manieren, d!en! Charakter, den Handel und Wandel der Amerikaner vollständ i g ang e ei gnet. Die Verwaltung des Baron Hirsch-Fonds ging nun einen Schritt weiter; sie errichtete eine Schule für Bodenkultur, erbaute eine Anlage für elektrische Beleuchtung und veranlage einige Fabrikanten! zur Errichtung von Fabrikerl irt Woodbine. Die meisten dieser Fabrikantenstammlen ait£ Phila - d e lphia, wohin auch die in> Woodbine fabrizierte Ware geliefert wird. Die Inhaber der größten Geschäftshäuser von Woodbine sind jene ersten- Kolonisten-, die sich ans kleinen Allfängen zudieser Wohlhabenheit emporgearbeitet haben. Die Landwirtschaft wurde allmählich vom Handel nn!d> -der Industrie verdräilgt und spielt nicht mehr die erste Rolle irn Leben der Kolonisten. Unter den Kaufleuten finden sich schon einige, die über ein unbelastetes Vermögen von 20 000 Dollars verfügen. Die erwachsenen Söhne und Töchter der jüdischen Kolonisten sind als, Arbeitskräfte in den Fabriken beschäftigt und traigen zur Erhaltung der Familie bei. Die Eltern dieser Arbeiter besitzen fast jeder ein nettes Familienhalls mit Gemüserlnidi Weingarten. Von den 176 Wohnhäusern, welche sich in Woodbine befinden, worden nahezu alle von ihren Eigentümern bewohnt, während! 26 an Fabriksarbeiter verpachtet sind. Das Städtchen inacht im allgemeinen einen sehr sauberen, netten Eindruck, besonders gilt dies V0ln jenem Teile, wo die Häuser von ihren Besitzen bewohnt Word eil. Bemerkenswert ist, daß es solche, die ihr Bevlnögen! ausschließlich von Landwirtschaft erwarben, nur sehr wenige gibt. Die Schule für Bodenkultur wurde im Jahre 1894 ins Lebengerufen. Der Verwalter des Baron Hirsch-Fonds in Woodbine, Herr L. Schabsowitz, ist -gleichzeitig Direktor dieser Schule. Herr: Schabsowitz gilt als gediegener Agroiwm, der in Odessa die Universität absolvierte und nachher m der Schweiz agronomischen Studien! oblag. Gegenwärtig wird die Agrikultnrschnle in Woodbine von 100—120 Schülern im- Alter Von 16—20 Jahren besucht. Die Schüler erhalten! in! alleil Zweigen für Agrikultur theoretischen und praktischen Unterricht. Die mit allen! modernen pädagogischen Behelfen! versehene, vorzüglich eingerichtete Allstalt wird von denr als Pädagogen geschätzten! Direktor A. Bagin in musterhafter Weise geleitet!. Irn vorilgen Jahre wurde Woodbille auf Grund eines besonderen. Charters zur Stadt mit eigener politischer Vertvalluug erhoben. Unter großen! Festlichkeiteil! wurde die erste Wahl in die Monome Stadtvertvalliuilg vorgeuoulineu, Neminiszenzen tvurden gefeiert, und einige voll! den ersten Ansiedlern, die vor 12 Jahren, verfolgt, verhungert und erbittert, ihre Heimatsstadi verließen und mit Zweifeln in der Brust in Woodbille sich! niederließen, sitzen hellte im Verwaltnulgskürper dieser jüdischen Kolonie. Es sei erwähnt, daß sämtliche Vorsteher dieser Stadt sowohl als auch die Magistratsbeamten durchwegs Juden' sind. Warum werden so diel Auswanderer zurückgeschickt? Die „Hebrew Immigrant Aid Society" (Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Einwanderer) irr New Bork versendet soeben an die jüdischen Blätter einerl Aufruf, in welchem auf die obige Frage die Antwort erteilt wird. Dieser auch uns zugekommone Aufruf lalltet in deutscher Uebertraguug folgen dermaßen: „Die verzweifelten Klagen der voll Ellis- Jslanid zurückgeschickten' jirdischen Einwanderer aus Nu bland erfüllen jetzt die ganze Welt. Die „Hebrow Immigrant Aid Society" läßt durch ihren Vertreter Mister Alexander Harkavy im Vereine nrit Herrn Abraham White alle Hebel in Bewegung setzen, um so viele als möglich vor diesem Schicksale zu retten. Dennoch wird noch immer im Verhältnisse zu früheren Jahren eins ansMeud große Anzahl von jüdischen Einwanderern zurückgeschickt. Dieser Vorgang ist um so schmerzlicher, als ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zurückgeschickten aus jungen arbeitskräftigen und arbeitslnstigerl Menschen besteht, welche aus diese Weise ins Unglück gestürzt werden. Diese Vorfälle werden wohl von jedermann bedauert, doch die wenigsten kennen auch die wirkliche Ursache derselben. Bekanntlich üben die Beamten von Ellis- Jsland in letzterer Zeit bei der Aüsmnsternng der Eingewanderten viel größere Strenge, als dies bis jetzt der Fall war. Hauptsächlich äußert sich dies darin, daß diejenigen Eingewand>erten, welche ohne hinreichende Barmittel cmkomnren, llicht mehr, wie bisher, in das sogenannte „New Bork Room" überführt, sondern direkt vor dir Jury gestellt werden, lieber die Bedeutung dieser Maßregel werden wir noch! weiter unten ausführlich sprechen. Es soll jedoch hier sofort zugegeben werden, daß an dem Unglücke der' Einwanderer in der jüngsten Zeit nicht nur das geänderte Verhalten des Beamtenikörpers aus EMs-Jsland Schuld trügt, daß es vielmehr noch andere Schuldige, ja vielleicht Hauptschuldige gibt, und zwar sind dies die „Uebernehmer" der mittellosen Einwanderer. Niemand ist so sehr in der Lage, diese Frage zu studieren und festzustellen, welchen Anteil die „Abholer" oder „Hebern ehm er" an dem Unglück der deportierten Einwanderer haben, als unsere Gesellschaft, welche mit Ellis-Jsland im steten Kontakte steht und selbst durchihren Vertreter, dett wirklichen Sekretär der Gesellschaft, täglich von 9 Uhr morgens bis 11 Uhr abellds all diejenigen Einwanderer verhört, deren Freunden, das heißt „Uebernehmern", der Zutritt zu den Bureaus der C'in-walidernn!gs!komnlifsiott untersagt ist. Bekanntlich werden die Einwanderer, welche iit Ellis-Jsland ankmnmen, zunächst in die Registrationsbnreaus gebracht. Von ben Inspektoren, welche die Negistrierung det Emigranten vornehlnen, hängt es mm ab, in welche Ilbteilnn>g der eine oder andere geschickt werden soll. Herr Alexander Harkavy hat bereits ill einer fMhereN Pltbli>katiorl den ganzen Vorgang geschildert. Aus dieser Schilderullg gcht hervor, daß es in Ellis- Jsland zwei verschiedene Abteilungen gibt: Die eine, welche den Namen „New Bork Noom" führt, ill welche die jungen llnd gesunden Ein!warlderer, lvelche glich iiber einiges Geld verfügen, überstellt werdet!. In dieser Abteil«llg werden den „Ueberllchmern" des Immigranten keine besondere Schwierigkeiten gemacht? Nach Erledigmig einiger Formalttäten wird der Einwanderer feinem Frelnide ausgeliefert. Die zweite Abteilllng wird kurzweg „S. I.", das heißt „Special Jnquiry" lvesouderes Verhör) germnrlt. Uln diese Abteilung handelt es sich nun in llllserern Aufrufe, denn aus dieser Abteilung stanlnlt das ganze Unglück für die jüdischen Einwanderer. Soll nun einen! Eintvauderer, der der Special Jnquiry unterzogellwurde, die Laudintg gestattet werden, so mutz der wirkliche nächste Verwandte persönlich erscheinen, und der: Beweis dafitr erbringen, daß er für feilten Eintmnderer so larige zu sorgen in der Lage fei, bis der betreffellds sich selbst tvird erhalten köntren. Als solche Beweise köttnen aber nur gelten: entweder ein Bankbuch oder eine Hypothek ans eigenen Besitz oder,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.