Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches VolksHatt Nr. 9 Landeskomitees weiter zu führen. Die Landeskonferenz wird aus verschiedenen Gründen erst im Monate Mai abgehalten werden können. Inzwischen wird an der inneren Agitation und Reorganisation der in letzter Zeit arg vernachlässigten Vereine und Distrikte eifrigst gearbeitet. Anläßlich des Kongresses der ungarländischen Orthodoxere haben auch die zionistisch gesinnten Delegierten eine Konferenz abgehalten, in welcher sorvohl die Stellungrrahme der Zionisten zu derr Orgamsationsbestrebungeu der Orthodoxen rvie auch interne Parteiangelegenheite zur Besprechurrg gelangten. Großkolorrisatio» und Kleiukolonisatioir Während irr -Wie:: persönliche Differenzen die sachliche Debatte unliebsam verdrängen, sucht nran irr zionistischerr Kreisen Berlins über die Fragen Klarheit zu gewiirrrerr, bereu Lösung für die Zukunft der zionistischen Bewegurrg crrtscheidend werderr dürfte. So ist es namentlich die Kolorr isati orrs frage, die eirr heißurnstrittenes Gebiet bildet rrrrd irr einer arrr 16. d. M. stattgeflrndeiren Versammlirng den Gegenstand der Diskussiorr bildete. Das Referat hatte das Mitglied der Palästinakommissiorr, der Redakteur vorr „Altneuland", Herr Dr. Soskin, der seine Aufgabe irr bemerkenswerter Weise löste. Der Redner girrg vorr der Konstatierung der historischen Tatsache aus, daß bislarrg noch kein einziger Versuch einer Gr o ß kolonisation, die sich im landläufigen Sirrne mit dem Begriffe S ch rr e l l kolonisation decken mag, seitens europäischer Völker zu einem glücklicherr Gelingen gediehen ist. Nur rvenrr außerordentliche Naturreichtümer, rvie Goldurrd Diamarrtenfunde, den Strom der Einwanderer mit nragischer Kraft an sich zogen, konnte vorr der Bildung einer größeren Ärrsiedlung in verhältnismäßig kurzer Zeit die Rede sein. An der Hand von Zahlerr wurde der strikte Nachweis erbracht, daß dort, wo diese Umstände nicht vorlagerr, die Besiedlung neuer Länderstriche nur sehr langsam vor sich ging, trotz der günstigsten Naturverhältnisse und der kräftigster: Förderung des Kolonisatiorrswerkes durch den kolonisiererrderr Staat. Weiter wies Dr. Soskin darauf hirr, daß im Wesen der beiden Begriffe (Großrr n d K l e i rr kolonisatiorr) k e i n p r i n z i p i e l l e r Unterschied bestehe, und machte den Versuch, der atlgenrein herrschenden Unklarheit ein Ende zn macherr auf dem Wege der Ersetzung dieser Begriffe durch die das Wesen der Sache sicher treffenden Bezeichnungen: S y st e m a t i s che rr n d s y st e nr l o s e K ol o rr i s a t i o n. Auch hier brachte der Redrrer Nachweise aus der moderrren Kolonisation. Der zweite Teil der Ausführungerr beschäftigte sich mit derr Aufgaberr der zioir ist is ch e rr Tätigkeit i n P a l ä st i rr a. Aufs energischeste rvies er die vielfach laut gewordenen, bis zrr Verdächtigurrgerr sich steigernden Befürchtungen zurück, als ob die Palästirrakommission auf dem Wege sei, zrr der Tätigkeit des alten Chowerve-Zionismus zurückzulenken. Er betonte derr allgemeinen großzügig-nationalen Charakter der vorr der Kommission vorgeschlagerren, teilrveise der Ausführung nahen Unternehmungen, wie sie sorrst nur vorr eurem kolonisierenden Staate in Angriff genomrrren werden. Gleichzeitig verlarrgte er entschieden, wie es irr derselben unzrveideutigerr Weise neuerdings ein arrderes Mitglied unserer Kommission, Professor Marburg, öffentlich getarr hat, errergische Unterstützung der systematischen, zielbewußten, vorbereitenden Kolonisationstätigkert durch parallell a u f e rr d e, e b e rr s o z i e l b e w u ß t e u rr d s y st e nr a t i s ch e politische Arbeit. Als programmatische Forderrrrrg stellte Soskin auf: Politische u rr d rv i r ts ch a f t l i ch e E r rv e r b u n g P a l ä st i rr a s, beides irr gegerrseitiger fruchtbarer Weehselrvirkurrg. Korrespondenzen. Die Öesko^idovska jednota. (Der t s ch e ch : s ch-j ü d : s ch e Verba rr d.) Die derr Verbarrd betreffender: Ausführungen irr einer der letzten Nummern des „Jüd. Volksblattes" haben irr den Kreiserr der beskozidovska jednota eine gewisse Erregung hervorgerufen. Da aber 'die Herren finden, daß ihre Bestrebungen urrgerecht beurteilt wrrrderr, möge die Kennzeichnung des Verbarrdes als Rcnegatenfabrik durch eine Durstellung der Verbandsgeschichte eine rrähere Begründung erfahren, unr so rnehr als diese Geschichte für die Jrrden Böhmens besonders lehrreich ist. Mit den: neuen Schulgesetze das dem Religionsunterrichte in Städten zwei Stunden in der Woche, auf dem flachen Lande noch weniger einrämute, wuchs ein wenig religiöses Geschlecht heran, von dem schon in der Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Teil die IXniocrfität bezog. Etwa zur selben Zeit veröffentlichte die deutsch geschriebene, aber der: tschechischeil Standpunkt vertretende „Politik" eine Artikelserie gegen die Inden, die dainals den: deutschen Kasino angehörten, allerdings uut deshalb, weil die inbifferente Masse gedankenlos einzelnen verblendeten jüdischen Politikern Folge leistete. Diese Artikel urrd die eingeleitete Agitation einzelner mchtjüdischer Agitatorei: wie des Journalisten Barak bewirkten es, daß ein Häuflein jüdischer Studenten das tschechische Banner entfaltete und Anhänger zu gewinnen versuchte. Schon damals gewahrte rnan die Grundsätze. nach welchen hier eine Partei gebildet werden sollte, den:: es Stangen ein um das andere Mal die Worte von leitender Stelle, man sei erst Tscheche und dann Jude. In den achtziger Jahren, da die Studenten von damals ins praktische Leben traten, fanden sie insbesondere auf dem flachen Lande den Boden, den sie wahrend der Ferien wohl vorbereitetell, für ihre Pläne empfänglich. Wo ein Konzipient oder ein junger Arzt aus dieser Gemeinschaft von den: Schicksale hinverschlagen wurde,. dort entstand binnen kurzem eirr „Lrouzok" oder eine Ortsgruppe des inzwischen in Prag von eben diesen Elementen gegründeten Verbandes. Es wuchsen Vereine dieser Art wie Schwänune nach einen warmen Regen: die ,0eskozidc>vska Beseda“ die „Politicka Jednota Ceskozidovska“ u. s. rv.- Gar oft hatten alle diese Vereine dieselben Mitglieder und deshalb auch eine gleiche Tendenz: das Jüdische in den Hintergrund zn stellen. Selbst die Gründung eines Betvereines mit tschechischer Sprache hatte keinen anderen Zweck, als die einzelnen, die auch hier in erster Linie Jude:: sein wollten, über die eigentlichen Ziele hinwegzutäuschen. Wer nicht in dasselbe Horn blies wurde verketzert und womöglich an den Pranger gestellt. Man hatte damals die Naivität, auf politische Erfolge hinzuweisen; sogar in den Landtag wurden zwei Herren auZ dieser „Partei" entsendet; das; diese aus der Prager Jndenstadt entsendet wurden, das verschwieg man; aber damit brüstete man sich, daß die Judenstadt deutschen Juden entrissen wurde. Es gab dazumal ganz besonders begabte Männer unter ihnen, die von den Tschechen im eigenen Interesse geduldet wurden; waren sie doch für sie Mauerbrecher im strengsten Sinne des Wortes. Daß inzwischen eine ganze Reihe ihrer Angehörigen die Taufe nahm, das muß fast weniger wundernehmen als die Tatsache, daß die entschiedene Majorität noch immer Juden blieben. Auch ein Parteiorgan haben sie gegründet; es hatte jedoch zumeist die Aufgabe, unbotmäßige Elemente au ben Pranger zu stellen oder die Liebenswürdigkeiten der tschechischen Journale den Indem mundgerecht zu machen. Alles das aber ist so lange zu entschuldige:: gewesen, als sie vermeinten oder annehmen konnten, daß sie auf diese Art die jüdische Frage wenigstens hierzulande zu lösen vermögen werden. Daß matt jedoch, da alle Anbiederung unbemerkt blieb, als der Mißerfolg mit Händen zu greisen war, noch immer dem Phantom nachlief, das ist es, was sie für die Anklagebank vor einem jüdischen Gerichtshöfe reif macht. Irren ist menschlich. Allein bewußt irreführer: ist unverantwortlich. Hat ihre Politik Schiffbruch gelitten, dann ist es ihre Pflicht, fofcrit ihnen jüdische Interessen nicht fremd sind, freiwillig vom Schauplätze 311 verschwinden. Tut die „Jednota" das ilicht, so muß sie sich den Vorwurf gefallen lassen, daß ihr fremde Interessen näher stehen als jüdische, und das ist Renegatentum. Hat aber ein Jude hierzulande den Mut, aus dem Verhalten der beiden Volksstämme die Konsequenzen zu ziehen und sich auf den rein jüdischen oder sogar horribiie dictu auf zionistischen Standpunkt zu stellen — dann auf den Scheiterhaufen mit ihm! Nein, meine Herren! So wird es nicht gehen. Ihr wißt an: besten, daß die Armee, die ihr befehligt, nur aus Offizieren besteht. Nur das Beharrungsvermögen und der Mangel einer politisch geschulten Persönlichkeit bewirkt es, daß ihr noch vegetiert und daß bei euren Zusammenkünften bas Minjan vorhanden ist. Doch noch ein solcher Antrag, wie ihn euer Wortführer aus Beneschau gestellt hat, der der jüdischen Masse den Star sticht, und ihr seid tot, mausetot. B. J. Die serbischen Juden und der Halmvucher. B e l g r a d, 26. Februar. Vor einigen Tagen wurde in der serbischen Skupschtina ein Gesetz verhandelt, das sich gegen den soge::annten „Halmwucher" richtet, nämlich dagegen, daß mm: Feldfrüchte kaufen oder belehnen kann, solange sie noch in Halmen stehei:. Einige jüdische Kaufleute glaubten, daß dieses Gesetz ihren Interessen zuwiderlaufe und veröffentlichten einen entsprechenden Protest. Da der „Halmwucher" aber angesichts des vorwiegend agrirulturellen Charakters unseres Landes wirklich unsere wirtschaftlichen Verhältnisse ungemein schädlich beeinflußt, kam es infolge der Haltung dieser Kaufleute zu einer gewissen Mißstimmung gegen uns Juden. Es muß daher mit großer Genugtuung begrüßt werden, daß :n jüdischen Kreisen die Enunziation der jüdischen Kaufleute auf das schärfste verurteilt wird und daß sich rasch ein Ausschuß gebildet hat, der eine Protest-, Versammlung einberief, um zum Ausdruck zu bringen, daß die serbischen Juden in ihrer Gesamtheit sich ebenfalls auf einen den Halmwucher verurteilenden Standpunkt stellen und sich mit den den Halmwucher verteidigenden jüdischen Kauflenten nicht solidarisch erklären.. Diese Aktion der Juden Belgrads hat in der serbischen Presse ein sympathisches Echo gefunden. So schreibt das meistverbreitete Blatt Serbiens, die von den: wirklich auf europäischen Standpunkte stehenden serbischen Publizisten Sveta Jak§:6 herausgegebene „ßlampa": „Der Wunsch der Belgrader Inden, sich von jenen Elernenten zu trennen, die ihren Stammesnamen beschmutzen, ist ganz an: Platze und macht einen sehr guten Eindruck. Wir' hoffen, daß ai: der Versammlung auch viele Serben teilnehmen werden." *- * * Belg r a d, 26. Februar. Gasten: fand die bereits angekündigte Versammlung der Belgrader Juden statt, welcher der irr Zioiüstenkreisen wohlbekamste Dr. A l - k a l a y präsidierte. Der Saal der „Belgrader Tierhalle" war dicht besetzt und man bemerkte unter den Anwesenden auch einige angesehene Serben. Dev die Versammlung eröffnende Herr Salomon A z r i j e l betonte in seiner Begrüßungsansprache, daß für die Haltung einiger weniger Belgrader Juden nicht die gesäurte Judenschaft Serbiens verantwortlich gemacht werden dürfe, so wie man aus dev Tatsache, daß es nicht nur unter den Juden», sondern auch unter ben Serben Halrnwucheree gebe, doch nicht aus die allgemeine Maral der gesausten Bevölkerung Belgrads schließen dürfe. Vorsitzender Dr. A lkalay betonte hierauf, daß die Versammlung beit Zweck habe, zu protestieren gegen die Kampagne, die von einigen Blättern gegen die Belgrader Juden wegen der Handlungen zweier jüdischer Kaufleute inszeniert wurde. Nach ihm ergriff das Wort Herr Salomon A z r i j e l, der seinem Schmerze darüber Ausdruck gab, daß sich in Belgrad Blätter finden konnten, die wegen der Halmwncherei zweier jüdischer Kanflente die gesauste Judenschaft Belgrads angriffen. Unter allen Völkern gebe es Unwürdige und so :a-