Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Jüdisches Volksblatt Seite 3 Oesterreichs, in denen .Haarnetze erzeugt werden, festsehten- und sogar eine große elsässische Firma (auch im Elsaß wird die Haarnetzerei betrieben) zum Eintritt in dieses Kartell bewogen. Was die galizischen Unternehmer betrW, so sind sie, trotzdem sie nicht im Kartell stehen, zumeist nicht in der Lage, einen höheren Arbeitslohn! 51t bezahlen, weil die Mehrzahl von ihnen ihre Erzeugnisse an die anderen Merreichischen Unternehmer abznsetzen gezwungen ist. Tenn Mir die wenigsten galizischen Unternehmer können. mit nichtkartellierten Firmen des Auslandes in unmittelbare Verbindung treten, da! diese nur größere Warenmengen' abnehiMen und zwischen! Uebersendung der Ware und Zahlung dev Fakturen ein größerer Zeitraum verstreicht,, während der österreichische Unternehmer auch kleinere Mengen annimmt, Vorschüsse erteilt und in kürzerer Frist bezahlt. Wir haben daherauch schon den Gedanken erwogen undbeschäftigen uns noch weiter mit der Frage, ob es nicht zweckmäßig wäre, eine Zentralstelle zu errichten!, welche die Ausgabe batte, einerseits von! kleineren! Unternehmern Galiziens die Ware zu übernehmen!, si<e aus Vollständigkeit und Güte zu prüfen- und! triefen Unternehmern, raschestens die entfallonib>en Beträge zu übersenden, andrerseits sich! mit den englischen Exportfirma! in Verbindung zu setzen, denen die gesammelten Wäreirmengeu . geliefert werden könnten. Wir faßten den! Beschluß, künftighin neuerdings in einer Reihe von Orten Galiziens den Unterricht in der Haarnetzerei neu oder wieder erteilen zu lassen; wir haben, damit bereits den Anfang in Obertyir gemacht und es dürften bald andere Orte Nachfolgen. Ans denr Gesagten, ergibt sich, daß es mit der Haarnetzindmitie in Galizien durchaus nicht schlecht steht. Es kann g esagt wer dm, daß der Stand der Arbeiterinnen von Ende .1-002 bis Oktober 1904 um 20 Prozent zurückgegangen ist, ein Rückgang, der', wie es den Anschein hat, bald wiäd-er wettg-emach! sein .wirb. Die Krise nämlich, welche die Haarnetzindustrie im Jahre 1903 infolge der Lohnreduktion und der Kartellierung der Unternehmer durchgemacht hat, scheint nunmehr abgeschlossen zu seiu. Die Arbeiterinnen haben Aich, mit den herabgesetzten Arbeitslöhnen abgefmidenr. dafür spricht der Umstand,, daß sich ' eine-rseits einzelne Orte, in denen die Haarnetzindustrie bestand, .aber zurückgegangen ist, gn We Unternehmer mit der Bitte wenden, es moste neuerdings ein Unterricht für Arbeiterinnen! stattfinden, andrerseits daß Ortschaften, . wo die Haarnetzindnstrie bisher nicht bestand, sich an uns wenden, wir mögen dort im Haarnetzen Unterricht erteilen lassen,, oder daß gatizische Unternehmer' uns solche Orte namhaft machen und uns bestürmen, sie mit der Einführung dieser Industrie dortselbst zu betrauen,. Politische Wochenschau. Das Schächtverbot war auf die Tagesordnung der jüngsten- Gemieticheratssitzrmg gesetzt worden, doch, wurde die Verhandlung dieser Staidtratsvorlage bis zur Rückkehr des aus vier Wochen beurlaubten Bürgermeisters verschoben. Dr. Lueger wi'vd minvier Wochen Zeit haben, daniber nachzuidenken,, ob es sowohl vom. allgenreinen gewerblichen als auch vom Standpunkte der Gleichberechtigring, aller Konsessionen! geboten, erscheint, mit einem solchen, Gemeindemtsbeschlnsse hemuszurücken. Ueber die rituelle Seite dieser Frage wird ihnr vielleicht Herr Geineinderat Eltbogen,, der mit demselben Zuge nach Abbazia fuhr, manche Ansklärung geben, können. Dr. Lueger wird aber, auch daran! denken müssen!, daß zrmächst die uunmehr beschlossene Großschlächterei der Stadt Wieir durch das Schächtverbot einen namhaften materiellen! Schaden erleiden, würbe. Bekanntlich war es kontempliert, daß auch in der ^Roßschlächterei das Vieh geschlachtet werden sollte,, dämit auf diese Weise das im, Preise minderwertige Fleischvordere an die jüdischen Fleischhauer abgegeben werden könne. Durch das Schächtverbot würde nun die Großschtächterei die sichersten Abnehmer verlieren, tveil die Juden sich ztveifellos zusammentstn tvürden, tun geschlachtetes Fleisch von auswärts zu beschaffen. Aber, auch die kompetenten jüdischen Faktoren sind nicht von dem, Vorwürfe freizusprechen, daß sie es versäumt haben, in öffentlichen Versammlungen zn demonstrieren, daß die jüdische Bevölkerung Wiens zum größeren Teile Gewicht daraus legt, daß sie koscheres Fleisch erhalte, und andrerseits den Nachweis zu erbringen,, daß das Schächte,! auch vom Standpunkte des Tierschutzes die beste Tiertötunstsmethode ist. Nun haben mir noch vier volle Wochen Zeit, das Versäumte nachzuholen, es muß eine große öffentliche Versammlung abgehalten werden, zu welcher unseres Erachtens auch die Vertreter der gegnerischen Partei, sowohl wie auch die Vertreter der Tierschntzbeweg'ung geladen Werden müssen. Diese Versammlung hätte unseres Erachtens nurden einzigen Zweck, den Verfechtern' des Schächtverbotes Gelegenheit zu geben, den Standpunkt der jüdischen, Bevölkerung anzuhöven-, ohne auf die anderen die beiden Parteien von einander trennenden allgemein politischen und prinzipiellen! Fragen eiinzuigehen. . Es ist hierbei gleichstültig, von welcher jüdischen! Partei die Einladung zu einer solchen Versammlung ausgeht, nur eines ist notwendig, daß in der Versammmluu'g alle Parteien vertreten seien. v * * Anläßlich! der Debatte über das niederösterreichische Lehrerseminar im Gemeinde,rate bat WemeiNderat K l e b i n d e r sein jüdisches Gemüt mit einer Anfrage zuberuhigen gesucht. KI e b i n d e r war neugierig, zu erfahren, ob bei Aufnahme der Zöglinge in das Lehrerseminar den Juden' gegenüber die Gleichberechtigung gewahrt bleiben werde. Referent Dr. G e ß m a n, n beeilte sich sofort, zu erklären', daß bei der Anmeldung zum Eintritte nicht, ausschließlich der Taufschein maßgebend sein soll. Es soll demnach im Lehrerseminar der christlichsozialm, Pgrtei vollständige Gleichberechtigung herrschen'. Damit hielt K l e - bind e r seine Mission für beendet under kann nun, seine Leopoldstädter Wähler beruhigen-, ihre Söhne können sich, scharenweise im Lehrerseminar zum Eintritte melden. Wir halten Herrn Gemeinderat Klebinder trotz der Behandlung, der er sich im. Geineinderat erfreut, nicht für gar so naiv', um annehmen zu, können, daß er nicht weiß, welchen Wert die Zusicherungen des Herrn Geßmann ft'ir die Praxis besitzen!. Die Welchberechjtistung brauchen wir uns ja nicht erst von Dr. G eß in a nn dekreiieven zu lassen, diese besitzen wir ja bereits, auf dem Papiere, aber sie wird in bezug guf dgs Lehrerseminar ebensowenig 'eingehalten werden wie bei der Bestellung und Beförderung von Lehrern! und Beamten oder bei Beteilung von Jriden durch von Juden gestiftete interkonfessionelle Stipendien usw. Es hat fast den Anschein, als ob Klebinder seine Anfrage nur zu. dem Zwecke gestellt hätte, um Dr. Gießmann zu einer nichtssagenden und' die liberalen Wähler Kllebindors beruhigenden Phrase Gelegenheit zu> geben. * * * Der Kongreß der orthodoxen Juden in Budapest hat wieder einmal gezeigt, wohin Assimilation und blinid'er Chauvinismus zu führenvermögen-. Antisemiten treffen' sich sich, jetzt mit denassimilierten! Neologen in der Begeiferung des konservativen! Jndentums. Das Bestreben, die jüdische Religionin ihrer Reinheit zu erhalten, war den« Assimitanlen Grund genug, die Orthodoxen genau! so als Valerla 1 idsverräter zu- -denunzieren', wie sie es in bezug auf di-e Zionisten geta,n, haben!. Mau darf sich unter solchen Umständen! und in, Kenntnis der ungarischen, Zustände wahrlich nicht wundern, wenndie Orthodoxen! einen buchstäblichen Horror vor jeder Neuerung empfinden und in ihrer berechtigten, Angst vor assimilatorischen Einflüssen sogar vor einer vollständigen Lostrennung als besondere jüdisch e Konfession nicht zurückschrecken-. Von diesem, Gesichtspunkt aus halten wir es für einen Fehler, daß die zionistischen Blätter den Angreifern der Orthodoxie auch noch Sukkurs bieten. Viel wichtiger wäre es, wenn zwischen Zionisten und Orthodoxen in sämtlichen Fragen eine Verständigung erzielt würde. * * * Die Unruhen tu Fevdosia wurden,, wie die russische Telegraphenagentur durch das reichsdeutsche Buremv Wolfs und die k. k. Telegraphenagentur verkünden läßt, durch den Ausstand jüdischer Arbeiter veranlaßt. Me Tendenz solcher Meldungen ist überaus durchsichtig. Während aber nach dev Darstellung der russischen Telegraphenagentur „jüdische" Arbeiter den Ausstand begannen, haben „israelitische" Redner gerufen: „Nieder mit dem Kaiser!" Diese feine Abstufung von „jüdisch" auf „israelitisch," ist vielsaigend für Kenner 'dies amtlichen russischen Depeschenstils. Es wurde denn cmcf) nicht ein Jude, sondern nur ein „Israelit" getötet. Die Unruhen waren, sagt die Petersburger Agentur, durchaus nicht ernster Natur und beschränkten sich darauf, daß „die Christen die Juden schlugen m,it den Worden: „Es gibt noch! Leute in- Rußland, die den. Kaiser verteidigen, würden!" Die gonvernemm,taten Faktoren, Rußlands, haben also bereits denrichtigen Blitzableiter für die empörte Volksleidenschaft gefunden. Ob von einem, Volke, das so leicht seine Sehnsucht! nach der Konstitution in das Bett von Judenexzessen leiten läßt, die große Heilsbotschaft, das große Befreiungs-Werk der Menschheit zu erwarten ist, bleibe dahingestellt. Aus derzionlstischenBewegung. Zu der von uns bereits gemeldeten Demission des Sekretärs vom zionistischen Kongreßvnrean erHa-lten wir vom z-iontsti-schen Aktionskomitee folgende offizielle B-ekanntmachnn-g: Das zionistische A.-C. hat die Demission des Sekretärs des Kongreßbureaus Herrn A. H. R e ich genehmigend zur Kenntnis genommen. In der Konferenz des ostgalizischen D.-K., die am 19. Februar in Lemberg stattfand, sprach der Vorsitzende der Konferenz A. Stand über die Lage des Zionismus im Distrikte. Der Redner führt aus, daß im Zionismus sich jetzt zwei Richtungen bemerkbar machen. Auf der rechten Seite sind die M i s r a ch i und auf der linken die P 0 a l e - Z i 0 n i st e n. Das Auftreten dieser beiden Parteien war aber notwendig, weil hierdurch eine vernünftige Arbeitsteilung möglich ist. Der „Poale Zion" bringt die zionistische Partei viel Interesse entgegen. Der Distrikt war bestrebt, im ganzen Lande Makkäbaerfeiern zu veranstalten. Redner kommt auf die Agitation der Zionisten bei den Le mb erg er Kultuswahlen zu sprechen. Die Zionisten haben auf ihre Kandidaten den dritten Teil der abgegebenen Stimmen vereinigt. Nach dem Tode Dr. H e r z l s wurdeir sowohl in Lemberg als auch in vielen anderen galizischen Städten Trauerfeiern abgehalten. Das D.-K. bereitet für Ende April einen K 0 n g r e ß d e r g a l i z i s ch e n Z i 0 n i st e n vor, um eine einheitliche Organisation der galizischen Zionisten zu erzielen. Die Auswanderung ist im letzten Jahre sehr gewachsen. Das D.-K. tat, was in seinen Kräften lag, um die Lage der Emigranten zu verbessern. Dr. Rosmarin referiert hierauf über die Bewegung im Distrikte im vergangenen Jahre. In der sich daraufhin entwickelnden Diskussion werfen die Delegierten Kcnne r und Herz dem D.-K. vor, es berücksichtige nicht genug die Arbeiterbewegung im Zionismus. Nach Kenntnisnahme des Berichtes gelangt die folgende Resolution zur Annahme : „Die ostgalizischen Zionisten stehen auf dem Standpunkte, daß nur bei’ hist0ris ch e Boden des j ü d i s ch e n V o l k e s die G r u nd l a g e z u einer rechtlich g e s i ch e r t e n H e i m st ä t t e sein kan n." In das neue D.-K. wurden gewählt: Hersch Zewi A sch k e n a z e, Dr. Henrik Gabel, Salomon Her z, Jakob Kenne r, Jakob Philipp, Dr. Pinkas P 0 r d e s, Leon Reich und Samuel Seelenf r e u n d. Als Mitglied in das A.-C. wurde Adolf Stand wiedergewählt. —f— Die Zionisten Ungarns beginnen nun ernstlich in Aktion zu treten. Der wichtigste Schritt hierzu war die Beilegung der Krise in der Parteileitung, über deren einzelne Phasen nur wiederholt berichteten. Herr Samuel B e t t e l h e i m hat nach eingehender Beratung mit dem Wiener A.-C. sich entschlossen, das Präsidium des ungarischen