Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 9 . uttib bei 'Den unteren Beamten, kaum jedoch ohtte vorailsgegangcne demagogische Hetzereien im Volke zutage. GesetzeAverlehungen und Ncchtsschlltzversaguirg den Juden gegenüber sind nicht selten. In Ostgalizien fände,r sogar einige Judenkwwalle statt und die Gerichtsverhandlung gegen «die Ruhestörer in Uhnow lieg deutlich erkennen, das; die dortigen Machthaber nicht gewillt sind, den Inden tatsächlich den Rechtsschutz zu gewähren, den sie dem Gesetze nach genießen. Die p o l n i f ch e n K ans u mg e n o s s e n s ch a f t c n breiten sich mehr und mehr in den flehten Städten, Dörfern und auf dem platten Lande aus und machen dem jüdischen Kaufmann und Meinhändler den Broterwerb vielfach unmöglich. Aber auch beut jüdischen Handwerker und Arbeiter bietet das industriearme Land keine Gelegenheit, feilten Lebensunterhalt zu verdienen. Die Leitung der vereinzelten Großbetriebe, der Naphthagruben usw. liegt bekanntlich in der Hand der polnischen Schlachtet und sucht die jüdischen Arbeiter, so weit irgend möglich, brotlos zu machen. . Schlimmer noch als die materielle Not ist die geistige Armut und ihre Folgen bei unseren dortigen Glaubensgenossen. Die Versuche und Anstrengungen der verschiedenen Bereinigungen und einzelner Personen, bie sich speziell für das H i l f s w e r t in Galizien interessieren, vergrößern sich von Jahr zu Jahr und auch im abgelaufeneu Jahre ist eme Anzahl neuer Versuche, die ökonomische und sittliche Lage der Juden in Gallzien. zu bessern, unternotmuen worden. Es läßt sich zwar mcht leugnen, daß in der verhältnismäßig kurzen Zeit, während welcher die großen jüdischen Organisationen! auch Galizien in_ den Bereich ihrer Wirksamkeit gezögert haben, manche schöne Erfolge erzielt worden sind, aber es darf andrerseits die Ueberzeugung nicht unterdrückt werden, daß diese außerordentlichen Anstrengungen der Hilfsgesellschaften für Galizien' viel günstigere Resultate zur Folge haben würden, wenn u n f c r e dortigen wohlh ab>endeit ttnd i ntelligenten G l au b en s g e n o s s en m t t g rößerer Energie sich Humanitären B e st r e 6 tt n g e n widmen und wenn sie aufklärenid auf die Massen wirken wollten und ihnen das nötige Verständnis für die humanen Absichten der westlichen Hilfsvereilte, denen jene vielfach mißtrauisch gegenüberstehen, Beibringen würden. Es kann einer Anzahl angesehener Personen daher der Vorwurf einer gewissen Lässigkeit und Gleichgültigkeit nicht erspart bleiben. Andere stellten sich hingegen in aufopfernder Weife zur Verfügung. Namentlich ist die Mitwirkung der Rabbiner nicht zu entbehren, und! sie insbesondere haben, so oft wir uns an sie wenden mußten, in anerganze Anzahl jüdischer Künstler lebt, die warme Förderung, kraft ihres künstlerischen Könnens ebensowohl, als weil sie jüdisch e Künstler sind, verdienen. Damit soll dem jüdischen Mäcenatentum Gelegenheit geboten sein, neben künstlerischer Entwicklung auch jüdisches kulturnationales Streben ztl fördern. —tt— Buntes Feuilleton. Theäler- und Kunftnachrichten. Wie wir erfahren, soll das vor kurzem hier kur Original aufgeführte Drama „Die Juden" von Tschirikow ins Tschechische Übersetzt werden und im Berlage von O. Dubsky in Prag erscheinen. Einer vor einigen Tagen durch die Blätter gegangenen Meldung zufolge wurde Tschirikow in Petersburg verhaftet, jedoch bald darauf wieder freigelaffen. „Moses", die jüngste Oper Giaeomo Oreftces, des in Italien hochgeschätzten Komponisten der Opern „Chopin" und „Cäcilia", hat bei derUraUfführung im Teatro Carlo Feltee zu Genua einen mtbestrittenen starken Erfolg davongetragen. Eugene Sue im Hebräischen. Anläßlich des 100. Geburtstages des berühmten französischen Romanschriftstellers Eugene Sue (am 10. Dezember v. I.) wurde in verschiedenen Zeitschriften daran erinnert, welche Berühmtheit der eigentümliche Roman „Die Gehetmniffe von Paris" setnerzeü erlangt hat. Er wurde rasch in alle europäischen Sprachen übersetzt und von allen Bevölkerungskreifen förmlich verschlungen. Die Wenigsten wissen aber, daß dieser Roman auch ins Hebräische übersetzt wurde, und zwar von dem bekannten Hebraisten K. Schulmann in Wilna. Die Uebersetzung erschien zuerst in kennenswerter Weise ihren Einfluß in den Dienst der Humanitär gestellt. Das Bestreben des Hilfsvereins der detttschen Inden ging von seiner Begründung cm dahin, durch Eins ü h t u n g von Hau si n b u st r t e n den galizischen Glaubensgenossen Arbeitsgelegenheit zu bieten. Sehr interessant ist der Bericht über die H a a r n e tz i n d u st r i e in Galizien, der utts ein kleines Bild vom Stande dieser Industrie gibt. Bon den 04 Ortschaften, in denen im Jahre 1902 die Haarnetzerei betrieben wurde, hatten 14 zu arbeiten ausgehört, während 60 auch gegenwärtig noch Haarnetzerei betreiben. Es gibt aber noch 28 Ortschaften, in denen derzeit Haarnetze erzeugt werden, ohne daß von unserer Seite dort Unterricht erteilt worden tvä re, da runter von 6 Ortschaften jenseits der Grenze Galiziens in Rußland. Die Haarnetzerei hatte demnach in einer Anzahl von Orten (14) nicht Wurzel gefaßt oder nach kurzem Bestand! aufgehört, sie hatte sich jedoch nach andereit Orten (28) verbreitet. Was die Zahl der Arbeiterinnen betrifft, so kamt ein Vergleich mit den Verhältnissen zu Ende des Jahres 1902, über welche Zeit wir Daten besitzen, nur hinsichtlich 44 von den oben erwähntett 64 Ortschaften gemacht werden!, da von den übrigen 20 Ortschaften entweder für 1902 oder für die Gegenwart die Zahl der Arbeiterinnen nicht bekannt ist. In diesen 44 Ortschaften gab es Ende 1902 2062, dagegen im Oktober 1904 nur 1646 Arbeiterinnen; ihre Zahl war daher tu der Zwischenzeit auf 80,2 Prozent gefunken. Wird berücksichtigt, daß ein Teil der ausgelernten Arbeiterinnen immer und überall aus verschiedenen Gründen bk Arbeit verläßt, so kann Dieser Prozentsatz noch immer als ein befrkdiigonder bezeichnet werden. Es darf jedoch. auch nicht verschwiegen werden, daß wir gehofft hatten, es werde sieh die Zahl der Arbeiterinnen twtz des in der Natur der Sache gelegenen Abfalles int Laufe der Zeit über die Zahl Iben angelernten Arbeiterinnen hinaus vermehren. Die Ursache, warum diese Hoffnung bisher nicht in Erfüllung ging, liegt darin, /daß während des Jahres 1908 durch den Unternehmer, der die Haarnetzerei in Galizien eingeführt hatte, die Arbeitslöhne mehrmals herabgesetzt wurden, undzwar so bedeutend, daß die Mädchen, insbesondere an solchen Orten, wo sie im Orte selbst oder in der Umgebung eine andere Arbeitsgelegenheit fanden, in großer Zahl die Haarnetzerei aufgäben. Es muß aber bemerkt werden, daß uns in der Auswahl des Unternehmers, dem wir die Einführung der Haarncherei in Galizien cmvertraut hatten, keine Schuld beizumessen ist. Er ist der größte Exporteur Oesterreichs in Wilna in 4 Bänden (1857—60) und wurde seitdem öfters aufgelegt. Freilich kommen viele Kürzungen vor, teils aus Rücksichten auf die russischen — alles Sozialistifche in diesem Roman — teils aus Rücksicht auf die hebräischen Leser, die manches nicht gut goutieren konnten. Die Sprache des Uebersetzers, biblisch-juristisch, ist von einem eigentümlichen Retz. Eine jüdische Stadt. Aus Konstantinopel schreibt man dem „Temps": Kleinasien ist eine unerschöpfliche Fundgrübe. Bet jedem Karstschlag fast findet man im Boden dieses Landes einen Schatz aus grauer Vorzeit. Nach den vielen archäologischen Entdeckungen der letzten Jahre hat matt jetzt, im Laufe der Bauarbettett für die Hedjaz-Bahn, einen neuen Fund von unschätzbarer Wichtigkeit gemacht. Man hat vei Aina-4- Baidt-i-Musso oder Tal des Moses die Spuren einer allen Stadt, die einst von einem der Stämme Israels bewohnt gewesen sein soll, ans Licht gebracht. Zu den interessanten Dingen, die man dort sieht, gehört ein großes Gebäude, dessen Baustil die Bewunderung aller erregt. Daneben befindet sich ein großes, halbkreisförmiges Amphitheater, dessen dicke Mauern mit seltsamett Zeichnungen und Figuren geschmückt sind. Im Innern des Gebäudes, das wahrscheinlich ein Schloß war, befindet sich ein aus hartem Holz erbauter Pavillon,' seine Form ist sehr elegant, und er ist gut erhalten. Westlich von diesen Ruinen erhebt sich öitl Hügel, aus dem sich das Grab Aarons befindet. Dieser Hügel ist kegelförmig. In den Tälern, die er beherrscht, befinden sich im Süden Arba, im Norden Lvths See, im Westen EllKhalil und das Land der Gazzas und im Osten Maatt, der gegenwärtige Endpunkt der Hedjaz-Bahn. Diese ganze Gegend, deren Klima sehr gesund ist, hat Wafferguellen und ist bepflanzt mit Fruchtbäumen und mit Weinstöcken, die eine durch ihren Geschmack unld ihr Aroma berühmte Trauben liefern. Etwas weiter entfernt liegen Wälder, in tvelchen man wilde Tiere findet. Das Haarnetzen unitn bot dädurch die stärkste Getvähr, daß die Arbeiterinnen unbeschränkt mit Arbeit versehen werden. Schloß ja doch im Mai 1904 die ungarische Regierung mit demselben Unternehmer einen Vertrag zur Einführung der Haarncherei in Ungarn, worin sic ihm, lvie wir dent Wortlaute dieses Vertrages entnehmen, bedeutende Benefizien getnährte, viel bedeutendere, als ihm von unserer Seile zuteil werden konnten. Tie Folge des Lohndruckes Vieses Unternehmers war mm die, daß von seinen galizischon Faktoren der Verstich gemacht wurde, mit anderen Unternehmern in Oesterreich, Deutschland, ja sogar in England in Geschäftsverbindung zu treten, ein Verstech, der auch mehrfach gelang. Dazu kaut, daß in Galizien selbst jüdische Unternehmer entstanden, die für eigene Rechnung enweder am Ort ihres Wohnsitzes oder auch an anderen Orlen Haarttche Unfertigen ließen tmd die Ware im In- oder Attsland absctzten. Gegenwärtig ist der erste Unternehmer, der die Haarnetzerei in Galizien emgefi'chrt hatte, fast vollständig von dort verdräitgt; er bekommt nur mehr von einzelnen Faktoren oder selbstständigen Unternehmern Ware geliefert. Dafür gibt es dort! bereits eine große Anzahl selbstständiger jüdischer Unternehmer (Galiziatter ), die mehr oder weniger Mädchen beschäftigen. Zo läßt einer hiervon cm 31 Orten von 780 Mädchen, ein anderer an 7 Orten von 6—600 Mädchen. Haarnetze verfertigen. Endlich werden auch noch an verschiedenen Orten für einzelne fremde Unternehmer Haarnetze gemacht. Mir betrachten diese Wendung der Dinge durchaus nicht für beklagenswert, sondertti vielmehr für vorteilhaft, weil dadurch die Arbeit tmd der Arbeitslohn nicht mehr von einem einzigen Unternehmer abhängen. Die Löhne haben sich zwar gegenüber dem Tiefstände, auf deu sie der erste Unternehmer zuletzt im Oktober 1903 herabgodrückt hatte, gehoben; sie sind aber wohl noch immer debeülienb niedriger als zu Anfang des Jahres 1903. Ein fleißiges Mädchen verdient derzeit 3—4 K. wöchentlich, ein Arbeitslohn,' der für ostgalizifche Verhältnisse nichts Erschreckendes hat. Wenn ein Fiakerkutscher in Kolomea eilten Wochenlohn von 7 K. bekommt, womit o: samt seiner Familie leben muß, so dürfen die bezeichneten Löhne in der Haarnetzerei durchaus nicht verachtet werden. Daß der Arbeitslohn sich trotz dev vielen Arbeitgeber im Laufe der Zeit noch nicht gehoben hat, rührt daher, daß die österreichischen Unternehmer sich im Jahre 1903 zu einem Lohnkartell vereinigten, wodurch fie einen gleichmäßigen Arbeitslohn für Böhmen, Mähren und Galizien, also' für alle Lander Ganze bildet eine entzückende, bis jetzt nur wenig bekannte Oase. Süßes Wasser fließt dort reichlich, in einer Entfernung von zwei Stunden von Maare befindet sich ein Gebirge, wo man mehr als 600 Quellen entdeckt hat. Dieses Gebirge, das die Eingeborenetl Djibeli-Chera nennen, hat eine große Höhe. Matt erzählt, daß die Beduinen 24, Stunden brauchen, um die Gipfel zu erreichen; diese Schätzung ist aber doch sicher übertrieben. „Geld gehört zum ISelde. Ein englische« Bettler der im vergangenen Sommer in Nizza gestorben ist, hinterließ — wte wir seinerzeit mitteilten — ein Testament, in welchem er den Partser Rothschild zum Erben einsetzte. Er tat dies mit der Motivierung: „denn v»eld gehört zum .Gelde". Rothschild hielt die Nachricht anfangs für einen schlechten Witz eines humoristisch veranlagten armen Teufels. Als es sich jedoch heranssteüte, daß der „Bettler" tatsächlich, eine Millionenerbschaft hinterließ, erkürte Baron Rothschild die Erbschaft nicht anznnehmen, und sprach den Wunsch aus, daß nach den legittmen Erben des Verstorbenen geforscht werde.Diemtt der Nachforschung betrauten Delektives, habe« nun tatsächlich in Odessa drei Cousinen des Bettlermillionärs ausfindig gemacht, welche auch schon glückliche Besttzermnen von je 200.000 Francs geworden sind. Der zjonisttsche Nachlaß Theodor Herzls wivd, tote uns mitgeteilt wird, homitsgegeben von Professor Leon Kellner, im Monat Äpr>ll d. I. erscheinen. Das Werk wird zwei Bände umfassen nrtd!ben Titel „Theodor Herzls sämtliche zionistische Schriften" führett. Es witzd alle hedeuteuden Aettßerungen des verstorbetten Führers, wie sie int handschristlichen Nachlaß und in Publikationen und Reden vorllegen, enthallen, idazu den (tm Buchhandel jetzt vergriffenen ,^üdeMtaat". Das Werk wird ttn „Jüdischen Verlag, Berlin" (Vharlottenhurg, Hevderstratze 9/4) erscheinen.