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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8 Jüdisches Volksblatt das v v n a it t s ch c R ca l e m e tt t (Zkvilgesetzaobung, die den rmnänischen Fürstentümern seitens der russischen Negierung in den dreißiger Jahren aufcrfcnt wurde) zu ge lassen wurden. Die Zahl der mv'derncn Schulen rnehrte sich, aber deren Existenz mar fortwährend bedroht. Reichere Familien schickten ihre Kinder ins Anslaud, die übrigen gewöhnten sich immer mehr daran, die Staatsfchulen in Anspruch zit nehmen, denn bis zum Jahre 1893 fanden die Juden u n - e n t g e l t l i ch e n U n t e r r i ch t und freie A n f n a h m c in den öffentlichen Schulen. Das sollte aber eine treue Aera für das Kulturleben der Jndcn werden. War es früher ein religiöses und sagen wir auch j ü dis ch e s, begann jetzt die Entfremdung vonr Jlldentnm Platz zu greifen. Diese Periode bezeichnet der wertvolle jüdische Schriftsteller Moses Schwarz selb folgendermaßen: „Drang nach Wissen kann man die Zeitdauer von 1866 nennen, aber ht diesem Drang nach Wissen vergaß mau häufig die jüdische Kulturdie Knaben wie die Mädchen wuchsen ohne die elementarsten Kenntnisse des Hebräischen ans und blieben ganz unter den: Einflüsse einer hassender: und feindlichen Umgebung. Die Kinder prägten sich oft die Vorurteile ihrer Kameraden und Lehrer ein ilnd sehr selten wurde diesem unglücklichen Einflüsse durch eine Erziehung in der Familie entgegengetreteu. Die Assimilation gibt sich nicht nur darin kund, daß man sein eigenes Leben und seine Traditionen verläßt, daß man seine Vergangenheit verleugnet, daß man gänzlich die jüdische Kultur und lErziehung aulfgi>bt — sogar in religiösen, fanatischen, ja cha'ssidischen Häusern — sondern auch darin, daß uralt sein eigenes Volk verachten und hassen lernt. Es entstand eine junge jüdische Generation, die fast j n d e n f e i n d l i ch war. Das Jahr 1879 (neue rumänische Verfassung) nrit der grausamen Kampagne gegen die Juden, mit den gehässigen Verleumdungen und gänzlicher Ignorierung der assimilierten Jugend, mußte erst kommen, um diese ails ihrem Traum zu rütteln. Gänzlich gelüftet wurde der Schleier erst 1893 gelegentlich des neuen Schulgesetzes, wodurch die Judeu aus den Staatsschulen säst allsgeschlossen und diejenigen, die Aufnahme fallden, mit Schulgebühren belastet wurden, ebenso am 25. November 1897, als man ill Bukarest gelegentlich einer NeservisteNkonferenz die jüdische»» Wohnungen plünderte. Bon null an vernichtete die antijüdisch erzogene jüdische Jugend ihre eigenen Vorrirteile und fühlte sich einig mit ihren Brüdern. Trotz aller Verlockungen, trotz aller einschränkelrden Gesetze, die ill erster Reihe auf die Intellektuellen abzieltcn, trotz der antijüdischell Erziehung lvarell es llnr ivenige — sehr ivellige — die dem Judentum untren wllrden. Wir sagen dies zur Ehre der rumänischell Juden." Diese Afsimilation im schlechten Sinne des Wortes, die ein Anfgehell der Juden „als solche" anstrebte, geriet infolge der feilldlichen Haltung der Regierung und der rllmänischell Gesellschast ins Stocken. Mau rvollte die Judel, nicht a»n öffelltlichen Leben tcifucijmcit faffcu, llnter deur Vorwände, daß sie keine Nnlnänen seien, daß sie sich ilicht assimilieren »volle»». Und als die affilnilierte Jugend entrüstet darauf hinnvies, daß llichts Jüdisches mcOr an ihr haste, zeigtell die byzantinischen Staatslnällller auf die schrvache»» Ueberbleibsel der Ehafsidiin vvlli ^Norden Numülliens Hill. Ulld weil die Juden »rach rn'lnäntscher Allffassnllg sich nicht assimiliereil wollten oder konltten, verhinderte »na»> sie durch das neue Schulgesetz (1893), die rumänische» Schulen zll besnchell. Antisenritische Logik! Seit z,völf Iah reu hat jede rumänische Stadt jüdisch-rltlnällische Schulen, rvo allster eill ivellig Deutsch ltlid Hebräisch fast allsschließlich Rumänisch gelehrt lvird, »veil die Negierung das Programm aucO für die aus privaten Mitteln lluterstützten Ullterrichtsanstalterl vorschreibt. Es gibt allch je ein j ü d i s ch e s G y ln ll a s iu ,n ill B ll k a r e st, I a s s y nrid lllehrere H a ll d e l ö - schnlell. Ill alle» diese»» Schnlen nilterrichten die jüdischell Jmtellektuelleli, die ihre all der Universität der am Gymnasium eroberte»! Diplome, »veil sie Jude»» sind, »licht anderiveitig verrverter» können. Unter de»« Eillflllsse des Ziouismns schenkte matt hie und da dein hebräischen Ullterrichte mehr Allflnerksalnkeit. Auch die j ü d i s ch e G e - schichte findet nur ivenig Beacht»» »lg. Wir können aber leider nicht behaupten, daß die Kinder ill den jüdisch-rlunüllischeli Schnlell eine jüdische Kultur genießen. Unter der Herrschaft des ministeriellen Unterrichtsprogrammes ist es auch viel zll schwer, eill solches Resultat zit erzielen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Ehassidismus immer mehr zUsamlnengeschmolzen. Er konnte nicht dem rolnanisierellden Streben der jüngeren Generationen entgegentreten. Er scheiterte noch mehr, weil die Juden Rulnältiens ein verln'inftiges Verstülldllis für die Wandlung der Zette»» an dell Tag legten, mtö wir müssen noch hirtznfügell, daß die verachtende und wellig tolerante Haltung der rumänischen Bevölkerung und Staatsbeamten die Juden zrvangen, immer mehr auf die voll dell Chassidinl vorgeschriebene Kleidung und Vorurteile zil verzichten. Der Ehassidismus scheiterte, aber nicht auch das religiöse Gefühl. Mall ist allch heute noch ill einem großen Teile der Moldau streng religiös. Auch irr der Walachei bringen die Juden kostspielige Opfer zur Erhaltung ihrer Bethäuser und jüdischer Einrichtungen, obwohl sie nicht orthodox sind. Der Att'fklärungsgeist hat sich aber überall Bahn gebrochen und der mosaische I n ö e hat auch die Tendenz, ein ll a t i o n a l e r Jude zu werdell. (Ein weiterer Artikel folgt.) Das rumänische Schulgesetz und die Juden. Bis zum Jahre 1893 fand jeder Jude Ausiiahme in die rrrmänischeu Staatsschnleik. Sie wurden sogar zum Schulbesuch erulntigt. Das Unterrichlsmittisterium hatte mehrere Male die jüdischen Chüdarim geschlossin, um die Inden zu zwingen, ihre Kinder den rnmämschen Schulen anzuvertraueu. Man wollte die Inden „romanisieren" und die Schule sollte diesem Zwecke dienen. Der Eifer der rumänischen Staatsmänner erlahmte aber als sie wahrnrhmsn mußten, daß die Juden der neueren Generationen zur rumänischen Schule zuflncht nahmen »mb dieselben mit verhältnismäßig besserem Erfolg, als die Rumänen alisnütztrn. Die Zahl der Jaden in den rumänischen Volksschulen, Gymnasien und den Universitäten nahm von Jahr zu Jahr zu. Die rumänischen Patrioten wurden stutzig und im rnmäuischen Parlamente, sowie in der antissmitrschen Presse wurde fortwährend darauf hingewiesen, daß die Juden in den Staatsschulen die Mehrzahl der Schüler bildeten. Wenn dies auch in mancher moldauischen Stadt oder einem Marktflecken der Fall lvar, so bewies dies blos, daß der Jude mehr Interesse für die Ausbildung seiner Kinder zeigte als der Rumäne. Während dieser Zeit gab es nur wenige jüdisch-rumänische Schulen, die ihre Existenz der Unterstützung verschiedener jüdischer Vereine verdankten. In solchen Schulen unterrichtete man außer der Landessprache auch hebräisch und deutsch. Diese Schulen standen vom pädagogischen Standpunkte viel höher als die damaligen Staatssrhulen. Nun kam daß unheilvoll« Jahr 1893 welches als der Ausgangspunkt der neueren miserablen Aera dcr rumänischer: Juden gelten darf. In diesem Jahre unterbreitete der damalige Unterrichtsminister Tucke I o n e s c u, heute Finanzminister. beut Parlament einen Entwurf zu einem Schulgesetze, welches den „mrentgeltlichen Schulzwang" anstrebte. Die Absicht Tacke Jonescus war, dieses Prinzip für alle schulpflichtigen Kinder gelten zu lassen. Im Parlament aber wurde die Gesetzvorlage ergänzt, in dem Sinne, daß der „unentgeltliche Unterricht mit Schulzwang" nur bei Kindern von Rumänen oder „Naturalisierter»" in Anwendung kommen soll. Damit waren alle Juden, die, wie wir wissen, weder „Rumänen" noch „ Naturalisierte" sind von dem S ch u l z w a u g aber auch von der U n e n tg e l t l i ch k e i t ausgeschlossen. Es ist wahr, die Juden fanden in jerren Tagen warme Fürsprecher irr der Persorr der Minister Take Jvnesen und P. P. Earp wie nie zuvor und nie nachher. Aber nichts half. Die Juden wurden mit den Fremden in eine Kategorie gestellt, und ein Paragraph des Schulgesetzes lautete: „Den Fremden wird der Einlaß in die Volksschulen nur dann gestattet, wenn Platz vorhanden ist, und auch in diesem Fall ist von ihnen eine Schultaxe einzuhebeu/ Wie leicht erklärlich, fanbett die Juden überhaupt keinen Platz in den Schulen, den durch den Schulzwang mehrten sich die Schulpflichtigen verhältnismäßig rascher, als die neugegrttndetenSchulen. Es gab Städte, wo kein einziges jüdisches Kind in den Schulen ausgenommen rvnrde. Was war nun die Folge eines solchen Verfahrens? Tausende von Kindern sollten zur völligen Ignoranz verurteilt werden. Das entspricht jedoch nicht der jüdischen Lebensauffassung. Es sollte dem Ucbel abgeholsen werden. Für die armen Schichten sollte das C h e d e r der Pflanzboden der Kultur werden . . . das Cheder, »vie es von den galizischen Mclaindim seit Jahrzehnten in Rumänien eingeführt wrrrde. Die besser situierten Kreise schickten ihre Kinder in christliche Privatschvlen, rvclche die Gelegenheit ausnützend, wie P'lzr nach dern Regen aufschvssen. Es bildeten sich auch Vereine zur Gründung jüdisch-rumänischer Schulen. Am Anfang hatten dieselben viel zu kämpfen. Die Schülerzahl ivar nicht genügend groß, um von dercu Schulgeldern Lehrer und Schnlnraterialien zu bestreiten, denn wie gesagt, die ärmeren Kinder wanderten in die Chedarim, die reicheren in die Privatschule». Dieser Zustand dielt jedoch nicht lange an. Das UnterrichtSininisterinm verbot den Chedarim, die rrunmehr offiziell ^Konfessionelle Asyle" getauft wurden, Kindern über dem schulpflichtigen Alter, respektive sieben Jahren, den Unterricht zu erteile»». Somit blieb den J»»den nichts übrig, als sich aufzuraffen, ihre Kräfte zu sammeln und jene große Zahl jüdischer Schulsu zu gründen, die heute in Rumänien bestehen und im großen und ganzen auf dernselben Niveau stehen, wie die Staatsschulen. Die jüdischen Schulen stehen unter der Aufsicht der Unterrichtsministeriums. Die Eröffnung einer Schule hängt von der Betvilligung des Ministeriums ab, »velches die Zahl der Schüler entsprechend dem Fassungsraume des Schulgebäudes bestimmt. Die Lehrer müssen vom Ministerium annerkant werden. Die Schulbehörden führen eine strenge Kontrolle darüber, ob die bestimmte Stundenzahl für den Unterricht der Landessprache (4 per Tag) verwendet werden und so weiter. Die Schulen haben aber kein Recht ihren Schülern rechtsgiltige Zeugnisse auszustellen. Ilm ein solches zu erlangen, muß jeder Schüler vor einer Staatsprüf»»ngskommission erscheinen, respektive arrch 30 Frcs. als Prüfungsgebühr zahlen. Nur auf solche Weise kann der Schüler sich später in eine Gerverbegenossenschaft einschreibe» lassen odcr das Gymuasium besuchen. Die Erhaltung der jüdischen Schulen forderte große Opfer seitens der jüdischen Gemeinden, Vereine mtb Eltern. Das größte Dpfer bringt sicherlich aber der jüdische Lehrer. Es sind größtenteils Maturanten oder arme Studente»», die ihre Studien unterbrechen müssen u»>d unterrichten voll Eifer, obwohl sie sehr spärlich bezahlt werden. Die jüdischen Schüler bestehen Staatsprüfungen in der Regel sehr gut. Einige Jahre nach Erlassung des Volksschulgssetzes kam auch das M i t t e l s ch u l g e s e tz an die Reihe. Auch von den Gymnasien wurden die Inden ansgeschloffev. Hier war es schon sch»verer, Abhilfe zu schaffen, denn solche Opfer waren die Gerneinden nicht mehr im Stande zu bringen. Die Zahl der jüdischen Gyrnnasiasten hat rasch abgenonnnen. Nur noch die besser Situierten konnten ihre Kinder in Privatgymnasien schicken, wo dio Unterrichtstaxe sehr hoch ist. Man gründete auch einige jüdische Ulitergyncnasien, von »velchen sich noch das Bnkarestsr erhält, daß ursprünglich eine Gründung einiger zionistischer Studenten war und heute von der „Bn ei Brith Loje" unterstützt wird. Es »väre noch das Mädchen G y »n n a s i n in in Jassy und die H andelschulen in Bukarest unb Galatz zn erwähnen. Auf den Universitäten finden die Juden anfnahrne. In den letzten Regier»mgstagen des liberalen Ministeriums sollte eine Gesetzvorlage zur Abstimmung gelange«, wodurch die Lage der Jüdischrumänischen stark gefährdet worden wäre. Glücklicherweise ist die Regierung gefallen und »vir haben neuerdings Take I o n e s c u arn Ruder, der Urheber des 1893er Gesetzes, der hoch und feierlich erklärt hat, das die N i ch t z»»l a s s u » g der Jude»» ii» die Staatsfchulen und das Fordern vor» S ch u l t a x e n ein Fehler tv a r, den man grttmachen müsse. Nun ertvarten »vir, das Take Jonescn und seiue Regierung diesen Fehler tvirklich g»»t»nachen! Dr. L.

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