Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433085--2836-2436739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Volksblatt Np. 8 bctu ursprünglichen Sinne des Staates, nichts inehr als organisierte Gesellschaft! zu sein, genähert. Und wenn er trotzdem zugrunde ging, so lag -dies nur an dem Zufrüh, au der s o - z i a l e n Rückständigkeit der anderen, an der Art Roms, das mit. seinem gewaltigen Maschinenstaat den inenschlichen Staat Juda zermalmte. Eine nicht zu ferne Zukunft biete: bessere Aussichten — die Vermenschlichung, die Reinigung des Staatsgedankens und des Staates schreitet vor. Die Zeit kommt, in der auch die Juden in der ihnen eigenen Staatsfähigkeit! sich ungestört werden ansleben können — wenn sie in die Lage kommen sollten, es zu versuchen. Aber auch die Frage, ob dies der Fall sein wird oder nicht, hat gar nichts mit der n o rm a l e n Staatssähigkeit oder Staatsfremdheit zu tun. Denn bei der einmal gegebenen Verstreutheit der Juden erfordert die Gründung eines jüdischen Staates — auch die langsame und organische, geschweige die rasche und mechanische — eine swatenbildende Tüchtigkeit von einen: Grade, wie er noch bei keinem Volke der Erde beobachtet worden ist. Dabei darf nicht übersehen werde:: -- was bei Staatsgötzendienst so leicht passiert — daß der Staat wohl eine gesellschaftliche Notwendigkeit darstellt, damit aber noch lange nicht bewiesen ist, daß ein Volk an nationalen: und Menschheitswerte verliert, wenn es irgendwie verhindert ist, sich eine eigene Form dieser Notwendigkeit zu bauen. Es mag dies — muß aber auch nicht — sein Schade und seine Tragik sein, seine kulturelle und zivilisatorische Leistungsfähigkeit brauchen darunter nicht notwendig zu leiden. Vielleicht werden äe sogar gehoben, weil ja viel Schöpferkraft, die sonst durch die Staatserhaltung gebunden ist, frei wird. Allerdings ist bei dieser Art nationalen Lebens nicht viel Gelegenheit gegeben, einen Adel zu entwickeln. Ob dies aber wirklich ein so absolutes Unglück ist, als welches es Wciuinger offenbar erscheint, bleibt nach den: Gefagteu billig zu bezweifeln. Und noch fraglicher m der ihm selbstverständliche Zusammenhang von den: Nichtbestehen eines jüdischen Adels und dem angeblichen Mangel der Jtiden an „innerer Vornehmheit". Von diescin Mangel und der sogenannten „jüdischen Arroganz" soll übrigens noch dort die Rede sein, wo auf die psychologischen Antriebe WeiningerS etngegangen werden wird. Mathias Achcr. (Wird fortgesetzt.) Äon Dr. Paul W e i s e n g x ü u. II. Bevor ich auf die e i u z e l n e it Aufsätze dieser glänzenden Essaysammlung näher eingehe, sei mir noch eine allgen:ei::e Vorbemerkung gestattet. Un: Achad-Haan: ganz zu verstehen und seine geistige Persönlichkeit richtig zu werten, um die einzelnen Essays voll und ganz würdigen zu tonnen, muß man wenigstens einen Blick werfen auf die Lage des Zionismus vor Achad-Haam. In: Westen verdankt der Zionismus seine Entstehung fast ausschließlich einen: einzigen Motive. Mau kam:, ohne sich einer Ueb.rtreibung schuldig zu machen, ruhig den ^atz wagen, ohne Antisemitismus kein Zionismus. Wäre die demsch-osterreichische antiliberale Bewegung der 70er und 80er Jahre nicht gewusen, dam: wären die dürftigen Mi’iitu' und Ansätze zu einer modernen Renaissancebewegvng in: Judentum weggeblasen und weggcwischt worden. Darüber dürften sich heute gar nuinche wundern, aber dies Erstaunen rührt nur von einem unhistorischei: Blicke her. Im Westei: war das Judentum ohne eigene Kultur, den, starken Daunn, den früher die religiöse,: Empfindungen und Wertungen gebildet hatten, den die Assimilationsfluten auch fchoi: zerstört. Wie hätte sich da ohne den starken Druck des Antisemitismus die Renaissaneebewegnug entwickeln können. Schon in der seichten Aufkläruugsluethode eines Mendelssohn setzte -die Auflockerung des Zusammenhanges mit dem Ostei: ein und wurde in der liberale:: Aera iiniuer stärker und stärker. Mußten da nicht alle Keime des Zionismus unentfaltet und unentwickelt bleibe::!? _ Ganz anders standen die Dinge im. Osten. Dort hatte die Kontinuität der Eu-Uvicklung zunächst sich viel geradliniger und einheitlicher geosseubart. Tie Zusalmncnhäuge :::it dem alten historischen Judentuu: wurden viel weniger gestört und ansgehalien. Weit mehr wie in: Weste:: bliebeir hier Bibel sowohl als Talmud lebendige Aenßerurigen des Volkstums. An sie knüpfte auch das zeitgenössische Judentum au. Teils aus dieser Ursache heraus, teils aber wegen der _ ganzen geistigen Natur des Ostjuden entwickelte sich hier schon lange Zeit vor dem ersten Aufslackeru des Zionismus eine „originelle" Natur. Diese ganze, wesensverschiedene Art des Ostjudeuiums mußte auch den: Ziouisums, insbesondere in1 Rußland, von vornherein eine andere, ursprünglichere und tiefere Natur geben. Hier war in: Gegensätze zuiu Westen der Antisemitismus der äußere Anlaß, und späterhin der Beförderer und Teyipobeschleuniger, nicht aber das fast aus' schließliche und innerste Entstehnngsmokiv. So war also der russische Zionismus im Anfänge der 80er Jahre sogleich nach dem Entstehen eine sehr ernst zu nehmende Erscheinung. Am Zvenigsten will tu diesen: Zusammenhänge die Tatsache beweisen, daß auch die Zahl der Anhänger keine so geringe lvar, rvie nachträglich voi: verschiedener Seite behauptet wurde. Aber ganz abgesehen davon, daß schon die „Zionsfreunde", wie sich die ersten russischen Zionisten nannte::, ziemlich zahlreich waren, zeichneten sie s'.ch vor allem durch drei Eigenschaften aus. Erstens tdurch eine ziemlich genaue Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur, zweitens durch eine geradezu fanatische Liebe zu ihrem Volkstun: und drittens durch einen übergroßen Optimismus. Die „Zionsfreunde"' waren schon, das kann nicht scharf genug betont werden, h a l b e tSl ultu r Z i ü u i st e n. Sie waren wer auch, in: Gegensätze zu ihren, späteren westlichen Genossen oder Nachahmern, init ihrem zionistischen Ideal wirklich innerlich verwachsen. Das .Nationalgefühl war ihnen eine heilige Sache. Da sie in ihren Entschlüssen von grenzenlosen: Optimismus durchdrungenwaren und fett davon überzeugt blieben, daß sich ihr Ideal schon in wenigen Jahren realisieren lasse, griffen sie zu einer einseitigen Methode, die ganze Judenfrage zu losen. Kleinkolonisation in Palästina ohne Zuhilfenahme geistiger und kultureller Vorbereitung, das war und blieb auch geraume Zeit ihr einziger Weg. Aber diesen Weg betraten sie rasch entschlossen mit alter Energie. Hunderte griffen zun: Wanderstabe und eilten nach Palästina. Ein wahrer Rausch entstand. Die ganze Jugend wurde wie von einen: Zauber ergriffen. Der Erfolg blieb aus. Er mußte ausbleiben. Unvorbereitet, ohne kolonisatorische Erziehung und Schulung, ohne große Geldmittel m-ußte die Kleinkolonisatio:: anfangs nur eine Reihe von Mißerfolgen hervorbringeu. Eine tiefe Ernüchterung stellte sich alsbald ein. Tie Scharen der „Zionsfreunde" begannen sich zu lichten. Die Skeptiker und Kritikaster, die Nergler und Besserwisser stellten sich mit ihren: ironischen Lächelt: und hämischen Gegeifer, mit ihrer wegwerfenden- Geberde uit. Die erste Krise im Ziouisums ,var da. Nnr eine ganz kleine Schar verlor den Mut nicht, aber auch sie begann kritisch zu prüfe:: und zu erwägen, ob mein nicht Fehler gemacht habe, ob die Dinge wirklich sa einfach liegen, ob man deii tiefsten Kern der Sache erfaßt habe. Man begann hin und her zu erwägen, ob das die einzig richtige Methode zur Losung der Judenfrage wäre. Mai: sieht aus dieser kurzen Schilderung, wie sehr der Boden für das Auftreten Achad-Haams vorbereitet lvar. Er brauchte das kritische Rach«,wüst,: nur zu vertiefen, er brauchte nur de,: halben Kulturziomsimis in einen ganzen zu Verlvandeln, um einen gewaltigen Schritt nach vorwärts zu machen. Das tat auch Achäd-Haan:. Gut welcher Einseitigkeit er hierbei verfuhr, wie sehr ihn: bei den: positiven Teile seiner Leistung seine glänzende Individualität, zustatten kam. und zu welcher Formel er de:: Kulturzionisurus verdichtete, darüber habe ich mich, wenn auch sehr kurz, im ersten. Artikel ja geäußert. Auf jede,: Fall bedurfte es aber einer kurze:: Darstellung der Lage des Zionismus vor ihm, um oll diese Zusammenhänge wirklich zu begreifen. Voll und ganz setzt nun der große Essayist mit seinen: Kulturzioiiismus gleich in: ersten Artikel ein und wir lvendcn uns nunmehr zur Beirachtiuig dieses ersten Einzelanfsatzes. < Fortsetzung folgt.! Kulturleben der Juden in Rumunie«. Von Dr. B. H. Lauvy, Brüssel. Rumänien gehört zu den jüngsten Kulturländern Europas. Es hat ratsche Fortschritte gemacht; seine Entwicklung ist kaum der natürliche Werdegang einer wesentlichen nationalen Kultur, sondern ein teilweise gelungenes Abbild französischer Kultur, getrübt allerdings durch byzantinische überlieferte soziale nnd geistige Nobel und Laster. Infolgedessen ist die Oberflächlichkoit in Rumänien zu Hanse und der Glanz westeuropäischer Zivilisation genügt nicht, um ein gesundes, ernstes Milien z:: schaffen. Dem byzantinischen Ursprünge vieler rumänischer Staatsmänner tvvn den jetziger: acht Ministern sind vier solchen Ursprunges) ist zun: Teile auch die mißliche gesetzliche Lage der Juden znznschreiben. Glücklicherweise hat der Jude N u matt ie ns seine kulturelle Entwicklung nicht ausschließlich dem rumänischen Milieu zn verdanken. Neben dem rumänischen Milieu lebt er in seinem eigenen, althergebrachten Milien, das übrigens durch den rumänischen EMrsivismns aufrecht erhalten wird. Gben »veil er von: öffentlichen Leben ansgeschältet ist, hat er sich fast nur die g esnnden Früchte der rumänischen Kultur angceignet, ohne auch deren Nebel in Kauf zu nehmen. Es sei bemerkt, daß der Jude erst seit 4—5 Dezennien am rumänisches Kulturleben teilnimmt. Bis zu dieser Zeit ist der rumänische Jude seine eigenen Wege gewandelt, was ihm durchaus nicht zum Vorteile gereichte. Seinen: damaligen Partiknlarismus ist es zuznschreiben, daß man ihn gewissermaßen in einen ex lex-Zustand gesetzt hat. Die Früchte ernten die heutige»: Generationen, obwohl sie der Nomanisierung (rumänische Assimilation) ein Opfer gebracht haben. Es ist gewiß nicht zn bedauern, daß der Jude ans seinem religivs-sanatischen Partikularisinns heransgetreten ist, um sich europäische Kultur, wenn auch unter rumänischem Gewände, anzneignen. Nnd zwar schon deshalb nicht, weil dieser Partikularisinns keinen nationalkultnrellen Eharakter an sich trug, sondern ein verschrobener, fanatischer Exklnsivismns lvar, der in einer gewissen Kleidung gipfelte und Gebräuchen und Sitten huldigte, die init dem Wesen des Jndentums nichts zn tun haben und bei den heutigen Forderungen des gesellschäftlirhen Leben zwecklos geworden sind. Seit den: 18. Jahrhundert wird das kulturelle Leben der moldauischen Inden von den galizischen, respektive jüdisch-polnischen stark beeinflußt. Wir finden hier wie dort ttnterrichtsanstalten, deren Zweck es ist, den Kindern und Jünglingen eine religiöse und hebräische Bildung beiznbringen. So gibt es: Ehedarim, Tallit u ib - T 0 v r n und seltener I e s ch i b v t h. Die Lehrer werden fast ausschließlich ans Polen rekrutiert, ebenso wie die Rabbiner. Wir begegnen zur Verbreitung hebräischen Wissens: Bethh a - Ai i d r a s ch i m und E h e w r a M i s ch - » a j v r h. Einige der Rabbiner waren berühmt durch ihre Werke. Die polnischen Inden hatten den Ehassid i s m n s nach der Moldau gebracht. Sie fanden hier Inden nnr dem Namen nach, die fern von der alten hebräischen Kultur standen, die sich fast ihren Mitbürgern assimiliert hatten. Der Ehassidisinns gestaltete das Leben der rumänischen Jude» gänzlich um und schuf jenen Partiknlarismns, den ivir oben beklagten. EL war deS Guten zn viel. D ie E m a n z i p a t i o >: v v »: E 0 a ssi - d i s m n s fing schon in den dreißiger Jahren an. Die junge Generation kleidete sich europäisch und versuchte, moderne Schicken zu gründen, iit welchen auch die Landessprache unterrichtet wurde. Der Kamps war heiß. Hier kämpfte die fanatische Reaktion gegen die jungen Bahnbrecher. Erst in den fünfziger Jahren gründete man in I a s s y nnd Bukarest jüdisch-rmnänische Schulen, bevor die Inden den Mut fanden, die öffentlichen Staatsschnlen zn betreten, zn welche:: sie durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.